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Full text of "Jahrbuch der Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer zu Emden (Volume 5)"

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Jahrbuch 



der 

Gesellschaft ffir bildende Kunst 

und 

vaterlandische Altertiimer 

zu 

Emden. 



Fiinfter Band. — Erstes Heft. 

Nebst ftinf Tafeln AbbildungerL in Lictitdruck. 



Emden. 

Verlag von W. Haynel. 

1882. 



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Eaivani 6©iteg& Ubiaiy 

AUG * 1 1914 

Hobenzoliern Collectteu 

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I 



Druck von H. W. H. Tapper 4 Sotan in Aurich. 




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Inhalt: 

Seite 

ttber die Echtheit des ersten kaiserlichen Lehenbriefs fiir Ostfriesland 
von 1454 und sein Verhaitnis zu den beiden anderen von 1463 und 
1464. Von Staatsarchivar Dr. Her,quet in Aurich 1 

Christoph Friedrich von Derschau, der erste preussische Regierungs- 
prasident von Ostfriesland. Von Oberlehrer Dr. Kohlmann in 
Emden 14 

Die Mennoniten in Ostfriesland. II. Die Mennoniten unter der graflichen 

Regierung 1562—1648. Von Pastor Dr. Mulle'r in Emden ... 46 

Die Entstehung der Emder Rustkammer. Von Senator Schnedermann 

in Emden 80 

Beschreibung mehrerer auserlesener Waffenstiicke der Emder RUst- 
kammer. Von Ingenieur Star eke in Emden (init 4 Tafaln Abbil- 
dungen) 95 

Tilemann Dothias Wiarda. Von General -Superintendent B artels in 

Aurich (hierzu das TitelportrSt Wiarda's in Lichtdruck) .... 98 

Kleinere Mitteilungen : 

1. Zur Geschichte der Weihnachtsflut. Mitgeteilt von General-Super- 
intendent Bartels in Aurich 129 

2. Rede bei der Feier des 25jahrigen Bestehens der Gesellschaft. 
Mitgeteilt von Dr. H. Deiter in Emden 135 

3. Urkunde vom Jahre 1570, das Kloster Barthe betreffend. Mit- 
geteilt von Dr. H. Deiter in Emden 140 

4. Grabschrift des ostfriesischen Grafen Franz Adolf im MUnster zu 
Strassburg. Mitgeteilt von Apotheker Schrage in Pewsum . . 143 

Bericht Uber die Gesellschaft vom 1. Dezember 1881 bis 1. Oktober 1882. 

Von Pastor Pleines, derz. Sekretar 144 

Verzeichnis der im Oktober 1882 vorhandenen Mitglieder 154 

Verzeichnis der auswartigen Vereine und gelehrten Gesellschaften, mit 

denen die Gesellschaft in Schriftenaustausch steht 158 



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Uber die Echtheit des ersten kaiserlichen 

Lehenbriefs fur Ostfriesland von 1454 und 

sein Verhaltnis zu den beiden anderen von 

1463 und 1464. 

Von Staatsarchivar Dr. Herquet in Aorich. 

Die einzelnen Landschaften Ostfrieslands zu einem politischen 
Ganzen mit monarchischera Charakter verbunden und die fremden 
Elemente aus dem Land geschafft zu haben, ist das Verdienst 
Ulrichs Cirksena. Um seinem Werke eine sichere Grundlage zu 
geben und seiner Familie die Herrschaft zu wahren, nahm er 
seine Schopfung als Lehen aus der Hand des Reichsoberhauptes, 
wodurch zugleich die staatsrechtliche Stellung Ostfrieslands zu 
Deutschland und die der Familie Cirksena zu den deutschen 
Fiirsten naher pracisiert wurde. Es war dies um so wesentlicher, 
als zwei derselben, namlich der Bischof von Munster und der 
Graf von Oldenburg, gerechte, wenn auch langst verdunkelte An- 
spruche auf die Landeshoheit von Ostfriesland aufzuweisen hatten. 

Die Urkunde, auf der dies neue Verhaltnis fusst, ist der 
Lehenbrief Kaiser Friedrichs III., ausgestellt unterm 30. Septem- 
ber 1454 auf den Ostfriesischen Hauptling Ulrich Cirksena. Sie 
erlitt in des in gewissem Sinn eine Beschrankung durch zwei 
weitere Lehenbriefe desselben Kaisers yon 1463 und 1464, fur 
welche Beschrankung verschiedene Griinde geltend gemacht wor- 
den sind. 

1 



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Zu diesen Griinden ist ganz neuerdings die Behauptung ge- 
treten, dass der Lehenbrief von 1454, das wichtigste Aktenstiick 
fiir Ostfriesland, eine Falschung sei. Wahrend Beninga, Emmius, 
Brenneysen, Wiarda, Friedlaender und Richthofen (Untersuchungen 
S. 363) diese Urkunde anstandslos als echt behandeln, hat der 
Hamburger Archivar Dr. von Bippen in einer Besprechung von 
Friedlaenders Ostfriesischem Urkundenbuch im 44. Band der 
„Historischen Zeitschrift (S. 301 ff.) u das betreffende Diplom eine 
„bewusste Falschung" genannt, „die sich aus einer Vergleichung 
der beiderseitigen Texte (1454 und 1464) mit unwiderleglicher 
Gewissheit" ergebe. Er glaubt auch, den Beweis dafiir vollst&ndig 
erbracht zu haben. 

Da von Bippen sich zunachst auf den Urastand stutzt, dass 
die Urkunde von 1454 nur in „spaten Abschriften" erhalten sei, 
so wollen wir zuerst die Vorfrage erledigen, ob die Existenz 
eines Originals nachweisbar ist, ehe wir der Frage wegen der 
Echtheit eines solchen naher treten. 

Die alteste authentische Abschrift, die wir besitzen, befindet 
sich in dem Original des Lehenbriefs Earls V. fiir Enno II. vom 
24. September 1528. Damals wurde kein Original mehr vor- 
gelegt, welches sehr leicht bei einer solchen Gelegenheit hatte 
verl^oren gehen k&nnen, sondern, wie es in den noch vorhandenen 
Instruktionen des zu diesem Zwecke nach Speier gesandten 
Dr. Johannes Hornemann aus Emden heisst, nur eine von zwei 
Notaren beglaubigte Kopie des letzten Lehenbriefs. Dieser war 
von Karl V. unterm 31. Mai 1521 zu Worms auf den Grafen 
Edzard 1. ausgestellt, leider ist aber das Original spater (nach 
1671) verloren gegangen. Wir besitzen von ihm nur eine Ab- 
schrift, die das Hofgericht zu Aurich unterm 30* Oktober 1671 
beglaubigte, damals war auch noch das kaiserliche Majestats- 
siegel an der Urkunde. Auch in dem am 5. Juni 1650 aufge- 
stellten Inventar der im Auricher Schlosse aufbewahrten kaiser- 
lichen Lehenbriefe wird des Originals von 1521 Erwahnung gethan. 
„K. Caroli V. Original Lehenbrief auf Graf Edzard den ersten 
de dato den letzten (Monat ausgelassen) 1521, worinnen Kaysser 
Friedrichs Lehen- und Verhohungs-Brief sub dato 1454 am Mon- 
tag nach Michaelis von worten zu worten erzehlet, darinnen 



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auch Relation von dess Kayssers Maximiliani Lehenbrief be- 
schiehet." 

Dass dies wirklieh der Fall ist, sehen wir aus der Abschrift 
(von 1671), worin es heisst: „und er (Graf Edzard) die (Graf- 
schaft und Herrlichkeiten) von sein selbst und weylannt Uko, 
seines bruders, von weylannt Kayser Maximilian, unsern lieben 
Herrn . . . zu Lehen empfangen." 

Damit ist das Diplom Maximilians vom 5. April 1495 gemeint 
(Friedlaender II. S. 464), in welchem sich eb en falls das 
von 1454 inseriert findet. Maximilian erklart, dass die 
Petenten, die Gebriider Edzard und Uko, Grafen von Ostfriesland, 
den Lehenbrief Kaiser Friedrichs III. von 1454 n haben furbringen 
lassen", was doch nur von einem Original gesagt werden kann, 
welches denn auch bei dieser Gelegenheit transsumiert wird. 

Fur die Existenz eines Originals spricht indes noch ein wei- 
terer Umstand. 

Bei Transsumpten der kaiserlichen Lehenbriefe wird niemals 
die Kanzlersubskription mitgegeben. Dieselbe ist uns aber er- 
halten und zwar durch Emmius, der in sein en Kollektaneen 
(Mspt. A 17b fol. 39v) unter eine niederdeutsche Abschrift der 
Urkunde von 1454 mit zierlicher, fast mikroskopischer Hand — 
augenscheinlich Dezennien spater — die Notiz nachgetragen : 
„Subscriptio. Ad mandatum dni imperatoris proprium Vdalricus 
Episcopus Patauiensis Cancellarius." 

Dieselbe Subskription tragt auch das noch vorhandene Original 
von 1464. Allein dies scheint niemals in den Handen von Emmius 
gewesen zu sein, da dieser in seinen Kollektaneen (ebenda fol. 41) 
nur eine, im Jahre 1597 notariell beglaubigte Abschrift als Vor- 
lage benutzt hat und unter seiner Abschrift sich keinerlei diplo- 
matische Vermerke vorfinden. 

Die obige, von Emmius erhaltene Notiz konnte nur dem 
Original entnommen sein. Nur er als Historiker und Diplomatiker 
konnte iiberhaupt ein Interesse an ihr nehmen. 

Fragen wir nun nach dem Verbleib des Originals, so wird 
dasselbe schon im 17. Jahrhundert vermisst. Man bedurfte seiner 
aufs dringendste in dem grossen Prozesse gegen das grafliche 
Haus Waldeck und der Ostfriesland vertretende Dr. Jodocus 

1* 



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Ammersbeck zu Speier verlarigte es im Herbst 1671, eventuell 
riet er, beim Rate der Stadt Emden nachzufragon. Dies geschah 
auch, aber im Ratsarchiv war nichts zu finden. 

Das Original kann schon bei der obenerwahnten, am 5. Juni 
1650 vorgenommenen Inventarisierung der graflichen Urkunden 
nicht mehr vorhanden gewesen sein. Seine Wichtigkeit war den 
inventarisierenden Beamten, den Eaten Arnold von Bopart und 
Gerhard Ligarius , sehr wohl bekannt, dies ergiebt sich schon 
aus ihren Aufzeichnungen. Ausserdem hatten sie noch ein (jetzt 
leider nicht mehr existierendes) „Verzeichnuss dessen so bey per- 
lustration dess archivi anno 1624 den 13 Februarii zu Embden 
sich darein befunden" vor sich und wurden sicher, wenn damals 
(1624) noch das Original vorhanden gewesen ware, eine dies- 
bezugliche Notiz ihrem eigenen Inventar eingefugt haben. 

Nach obiger Darlegung haben wir aber gewichtige Grtinde 
zur Annahme, dass Emmius das Original von 1454 in Handen 
gehabt hat. Vermutlich verhielt es sich damit, wie mit vielen 
anderen Stiicken, die durch Beraubung des graflichen Archivs 
im Jahre 1609 zuerst nach Emden und dann in den Besitz von 
Emmius kamen (vergl. meine Geschichte des Landesarchivs von 
Ostfriesland S. 10 und 11), auch trotz des Osterhusischen Accords 
(von 1611) niemals zuruckgeliefert worden sind. Emmius starb 
1625. Von seinem reichen Nachlass wurde mancherlei 1707 vom 
Fiirsten Christian Eberhard erworben und wieder dem Archive 
einverleibt, das Original von 1454 kann aber nicht darunter be- 
griffen gewesen sein, sonst wurde Friedrich der Grosse sich nicht 
1750 veranlasst gesehen haben, eine neue Abschrift aus der 
Reichsregistratur zu erwerben. 

Es kniipft sich mithin der Verlust des fur Ostfriesland wich- 
tigsten Dokuments an den Namen von Ubbo Emmius, doch diirfte 
nicht alle Hoffnung aufzugeben sein, dass das Original eines 
Tages (mutmasslich in Holland) wieder zum Vorschein kommt. 

Treten wir der Frage wegen der Echtheit naher, so konnten 
wir uns einfach darauf berufen, dass der Text der Urkunde sich 
noch heute in der (jetzt zu Wien aufbewahrten) Reichsregistratur 
vorfindet. Dagegen lasst sich mit Recht geltend machen, dass 
darin noch kein strikter Beweis fur die Ausfertigung der Urkunde 



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und ihre Ubergabe an den Adressaten liegt, zumal diescr ersicht- 
lich von ihr gar keinen Gebrauch gemacht hat, wie er derm trotz 
seiner Erhebung in den Grafenstand noch zehn Jahre fortf&hrt, 
sich Hauptling von Norden zu nennen. 

Da v. Bippen den Hauptgrund, weshalb er das Diplom von 
1454 eine bewusste F&lschung nennt, in seinem Inhalte findet, so 
mussen wir vorzugsweise diesen ins Auge fassen. 

Wenn Ulrich Cirksena in dem ihm erteilten kaiserlichen 
Privilegium als „Herr zu Ostfriesland" bezeichnet wird, so musste 
er seit 1453 mit vollem Reeht als solcher gelten, da er Emden, 
Norden, Greetsiel, Berum, Aurich, Esens, Friedeburg, Lengen 
(das dort gegen die Oldenburger Grafen erbaute Schloss auf der 
S telle des heutigen Kernels wurde bald zerstort), Leerort und 
Stickhausen besass. So sind denn auch die in dem Diplom an- 
gegebenen Grenzen gegen Holland, Minister und den siidlichen 
Teil von Oldenburg genau dieselben, wie sie heute noch be- 
stehen. Wenn Ulrich auch als Besitzer von Jever bezeichnet 
wird, so war dies allerdings nicht der Fall, denn das Jever'sche 
Schloss behauptete damals der dortige Hauptling Tanno Duren, 
dessen Vater Hajo Harles (f 1441) es ausgebaut hatte. Allein 
Tanno lebte sowol mit seinen eigenen Untertanen, als mit 
Ulrich in Fehde, der die Herrschaft Jever beanspruchte. 

Dasselbe Verhaltnis bestand zu Oldenburg, dessen Grafen 
die in dem Lehenbrief von 1454 Ostfriesland zugesicherte s. g. 
friesische Wede (Amt Varel samt den Kirchspielen Jade, Bock- 
horn und Zetel) ebenfalls pratendierten, deren Besitz aber erst 
1481 durch das Testament des* letzten Varelschen Hauptlings 
ihnen zufiel. Ebenso neigten die tapferen, freiheitsliebenden Stat- 
und Butjadingerlander, die in den Oldenburgischen Grafen ihre 
gefahrlichsten Feinde sahen, sich mehr zu Ulrich und Ostfriesland. 
Es ist den Oldenburgern erst nach verzweifelten Kampfen im 
Jahre 1514 gelungen, das reiche Land definitiv zu unterwerfen. 

Uberhaupt war bis dahin (1454) die Grenze (Ost-)Frieslands 
gegen Osten eine sehr unbestimmte. Das aus dem alten, an der 
Wesermiindung gelegenen Gau Riustri im 12. Jahrhundert ent- 
standene Rtistringerland, von welchem sich spater der westliche 
Teil als Stat- und Butjadingerland abzweigte, war ebenso wie 



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6 

Harlingerland und das Jeversche Astringen an dem Upstalsbomer 
Bund beteiligt gewesen und konnte sehr wohl in gewissem Sinne 
zu Ostfriesland gerechnet werden. 

Wenn sich daher Ulrich vom Kaiser, der in dem Diplom 
ubrigens ausdrucklich unterscheidet zwischen Landschaften, die 
Ulrich vereinigt hat, und solchen, die er „furbass zu vereinigen 
gedenkt", das ganze Land bis zur Weser zusprechen liess, 
so war dies keineswegs so ungeheuerlich, wie dies heutzutage 
erscheinen mochte. Am kaiserlichen Hof war man nicht sehr 
skrupulos, wenn es sich um zweifelhaften Besitz handelte und 
wenn dieser in einer so entlegenen Ecke lag, auf welche man im 
Grunde gar keine Einwirkung hatte. Diese Umstande sind aller- 
dings geeignet, den Wert des kaiserlichen Privilegiums herab- 
zudriicken. 

Dem schlaffen Reichsoberhaupte war es zunachst um Fullung 
seines Schatzes zu tun. Es konnte ihm deshalb gleichgultig sein, 
wenn durch seine Verleihung die Rechte Dritter verletzt und Pri- 
vilegien seiner Vorganger paralysiert wurden. Man half sich dar- 
uber hinweg mit der Phrase, dass durch die neue Verleihung 
den fruheren Rechten und Freiheiten in keiner Weise Abbruch 
geschehen solle. In Wahrheit geschah dies aber doch, der Ge- 
schadigte vermochte indes nicht immer seine Anspriiche geltend 
zu machen. 

Das Diplom vom 30. September 1454 wurde zwar ausgefer- 
tigt, aber es gelangte nicht in Ulrichs Hand und zwar 
deswegen, weil Derselbe nicht die Belehnung einholte. Ausdruck- 
lich steht in der Urkunde : r Der obgenant graff Ulrich hat auch 
uns und dem hailigen reich gewonlich gelubd und ayd gethan, 
als sich das von solcher lehen wegen zu thuen gebuert." 

Unter dieser Voraussetzung also war es ausgestellt, diese Vor- 
aussetzung bewahrheitete sich aber nicht, wenigstens damals nicht, ') 



*) Wiarda schreibt (II. 32), Ulrich habe im Dezember 1454 den Lehens- 
revers ausgestellt. Er hat hierbei aber nur in hdchst leichtsinniger Weise 
die Ueberschrift des von Brenneysen p. 77 veroffentlichten Reverses beriick- 
sichtigt, wo die Jahreszahl 1454 steht, wohl mit Absicht, wahrend es im 
Datum ganz richtig (und zwar auch mit Buchslaben ausgedruckt) 1464 heisst. 
Es ist natiirlich der Revers vom 23. Dezember 1464 (Friedlaender I. S. 708). 



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Die Belehnung bestand weniger in der Leistung des Lehena- 
eides, als in der Zahlung einer grossen Geldsumme. Dabei war 
auch wol das Eintreffen einer kaiserlichen Gesandtschaft zur 
Publikation des Patents in Ostfriesland ins Auge genommen. 
Zehn Jabre sp&ter soil dies 18000 fl. gekostet haben, was aller- 
dings sehr hoch erscheint. 

Hatte Ulricb, wie der kaiserliche Brief behauptet, bereits 
damals (1454) die Belebnung empfangen, dann wiirde er weder 
gehalten gewesen sein, fur das zweite (resp. dritte), zehn Jahre 
spater ausgefuhrte Diplom, in welchem seine ganze Stellung in 
gewissem Sinne eine Verminderung erleidet, wenn dieselbe auch 
mehr ausserer Natur ist, nochmals den Lehenseid zu leisten, 
noch weniger wiirde er sich dazu verstanden haben, fiir ein sol- 
ches Diplom 5000 fl. zu zahlen, da er fur das erste mindestens 
ebensoviel erlegt haben musste. Auch die grossen Gesandtschafts- 
kosten wiirde er sich dann erspart haben. 

Besass aber Ulrich den Lehenbrief von 1454 nicht, dann 
konnte er sich auch in den Urkunden nicht als Grafen bezeich- 
nen, er musste vielmehr in denselben nur als Hauptling von Nor- 
den, Greetsiel etc. auftreten. Dieser Umstand, den sich v. Bippen 
natiirlich fur seine Beweiefiihrung nicht hat entgehen lassen, hat 
bisher viel Kopfzerbrechens verursacht. Man hat ihn so zu er- 
klaren versucht, dass man sagte, Ulrich habe aus Staatsklugheit 
das Diplom von 1454 zuriickgehalten und verheimlicht. Soweit 
ich sehe, ist Emmius der Erste, der diese Hypothese aufgestellt 
hat „Sed erant in re quaedam non recta: populus imprimis apud 
imperatorem sugillatus, dignitas ignaro (?) eodem quaesita, sine 
eorum assensu, quorum intererat, impetratum feudum, familiae 
jura supra modum verbis aucta. Quas ob causas ne diploma 
quidem in lucem producere aut profiteri novum ho- 
norem statim audebat." 

Es darf im Gegenteil angenommen werden, dass die Haupt- 
linge Ostfrieslands und die benachbarten Fiirsten sehr wohl von 
der kaiserlichen Verleihung in Kenntnis gesetzt waren. 

Die politischen Verhaltnisse der Zeit von 1454—1462 waren 
zur Geltendmachung der neuen Wiirde nach aussen nicht beson- 
ders geeignet, wenn Ulrich auch in einigen Punkten, z. B. in den 



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Beziehungen zu Hamburg, Vorteile errang. Dafur regten aber 
die fruheren Landesherren Ostfrieslands sich gewaltig. Unterm 
21. Juni 1461 verbiindeten sich der Bischof von Miinster und der 
Graf von Oldenburg, um dem „gegen sie tftglich mehr und mehr 
frevelnden tf H&uptling Ulrich die „Grafschaft Emsgonien 
oder Emsigerland mit Stadt und Schloss Em den, ferner Reider- 
land und Oberledingerland mit Schloss Stickhausen a wieder ab- 
zunehmen. 

Sie erreichten freilich ihren Zweck nicht, indessen diirften 
sie doch mittelbar darauf eingewirkt haben, dass in dem neuen 
Diplom, welches auf Ulrich unterm 14. Juni 1463 vom Kaiser 
ausgestellt wurde, nichts weiter gesagt wird, als dass Friedrich III. 
des Hauptlings Ulrich Wohnung und Wesen, genannt Norden, 
zu einer Grafschaft erhoben habe, und dass sich deshalb Ulrich 
fortan Graf von Norden nennen diirfe. Weiter war bemerkt, 
dass der kaiserliche Rat, Hans Freier von Neuburg auf dem Inn, 
Herr von Rohrbach, ihm den Lehenseid abnehmen solle. 

Aber auch dieses Diplom trat nicht in Kraft 

Zunachst wird die Ursache in Ulrichs nie rastenden Praten- 
sionen zu suchen sein, dem der Titel eines blossen Grafen von 
Norden nicht geniigt haben mag. Dann wird auch der aussere 
Umstand von Einfluss gewesen sein, dass der kaiserliche Abge- 
sandte Hans von Neuburg zur Empfangnahme des Lehenseides 
nicht in Ostfriesland erschien. Er war namlich unterm selben 
Tage (14. Juni 1463) beauftragt worden, einem vom B6hmen- 
konig zur Beilegung der Streitigkeiten zwischen dem Markgrafen 
Albrecht von Brandenburg und dem Pfalzgrafen Ludwig bei 
Rhein, Herzog in Baiern, anberaumten Tage beizuwohnen (Chmel, 
Regesten Friedrichs III. Nr. 4005). Er hielt sich auch, wie aus 
diesen Regesten zu ersehen, in diesem und dem folgenden Jahr 
in Oestreich auf. 

Unterm 1. Oktober 1464 wurde fur Ulrich ein neues Diplom 
ausgestellt. Es ignoriert zun&chst die beiden fruheren von 1454 
und 1463 und lautet auf Ulrich, Hauptling zu Norden zu Ost- 
friesland, der dadurch zum „ Grafen von Norden, Emden, Ems- 
gonien in Ostfriesland" erhoben wird, wobei wir uns erinnern, 
dass schon 1461 Miinster und Oldenburg eine „ Graf sc haft Ems- 



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gonien" kennen. £s war dies mithin damals durchaus kein un- 
gewohnlicher BegrifF. 

Wegen dieser Grafschaft war zunachst Minister in Mitleiden- 
echaft gezogen. Der Bischof, der ein bairischer Prinz war, muss 
in irgend einer Weise beschwichtigt worden sein, da wir eine 
unterra 20. Juni 1463 zwischen ihm und Ulrich vorgenommene 
Qrenzregulierung besitzen. Auch hatte der kaiserlicbe Gesandte, 
Johann von Schaumburg, den Auftrag erhalten, gelegentlich seiner 
Reise nach Ostfriesland den Bischof von Miinster zu besuchen 
und ihm die Regalien zu uberbringen (Chmel 4114). 

Bei der Aufzahlung von Ulrichs Schlossern ist zunachst Esens 
weggeblieben, weil Ulrich seinen Neffen Sibo Attena von Dor- 
num damit beliehen hatte (noch im Oktober 1454 fuhrt er Esens 
in seinen Titeln, im August 1455 l&sst er es bereits weg und 
Sibo tritt damit auf). Weggeblieben ist ferner Lengen, welches 
Schloss 1464 bereits wieder zerstort war (weshalb ware dies in 
die Urkunde von 1454 aufgenommen, wenn diese eine spatere 
Falechung sein soil?). Weggeblieben ist ferner Jever mit Friede- 
burg, wol in Riicksicht auf den zwischen dem genannten Sibo 
von Esens- Wittmund und Tanno Duren von Jever 1461 geschlos- 
senen Vergleich. Ebenso ist Stat- und Butjadingerland nicht 
erwahnt, aber die allgemeinen Grenzen des Herr- 
schaftsgebiets, dasLand von derEms bis zur Weser > 
sindganzgenaudieselben, wie imPrivileg von 1454, 
wenn auch v. Bippen dies in Abrede zu stellen versucht. 

Das letzte kaiserliche Diplom datiert, wie bemerkt, vom 
1. Oktober 1464. Gleich darauf unterm 5. Oktober befiehlt der 
Kaiser dem Johann von Schaumburg in einer lateinisch abge- 
fassten Urkunde, dem neuernannten Grafen, den er hier als „U1- 
ricus heuptling (!), comes in Norden" bezeichnet, mit „Dowa 
Ziarda", baro in Franeka, ') und zwanzig anderen geeigneten 
Personlichkeiten den Ritterschlag zu erteilen. In der unterm 
18. Oktober 1464 wegen des Bierzolls ausgestellten Urkunde 
nennt der Kaiser ihn einfach „Ulrich Graf zu Norden in Ostfries- 



l ) Dies ist Dodo Siarda, Hauptling zu Franeker (bei Leuwarden), der 
wahrscheinlich eine wichtige Rolle in den Verhandlungen mit dem kaiserlichen 
Hof gespielt hat. 



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10 

land", geht also gewissermassen auf das Diplom vom 14. Juni 
1463 zuriick, welches iibrigens seltsaraerweise v. Bippen gar 
nicht erwahnt. 

Ausgangs Dezember kam Johann von Scbaumburg in Ost- 
friesland an, worauf zu Emden die feierliche Belehnung unter 
Ubergabe des kaiserlichen Briefes [erst damals kann Ulrich die 
beiden anderen Diplome von 1454 und 1463 empfangen haben], 
sowie die Erteilung der Ritterwiirde erfolgte. Jetzt auch erhielt 
Ulrich das Recht, sich „Graf" zu nennen, und er tut dies zu- 
nachst in dem unterm 23. Dezember 1464 ausgestellten Lehens- 
revers, worin er als „Graf zu Norden, Emden, Emsgonien in Ost- 
friesland" auftritt. 

Feierliche Belehnung, Ritterschlag, Zahlung einer grosseren 
Summe an den Kaiser — 5000 fl., was aber wahrscheinlich noch 
nicht die ganze Summe reprasentiert — geschah alles erst nach 
dem Eiutreffen des kaiserlichen Gesandten. Ware dies notig, ja 
nur moglich gewesen, wenn Ulrich bereits 1454 die Belehnung 
(im weiteren Sinne) empfangen hatte? 

Wahrend Ulrich fortan sich allein des nach dem Diplom 
vom 1. Oktober 1464 ihm zukommenden Titels bediente, nennen 
ihn die Ostfriesischen H&uptlinge, die ihm jetzt als ihrem Lehens- 
herrn huldigten, ') „Herrn zu Norden, Grafen in Ostfries- 
land", so in den Urkunden vom 6. April und 10. Mai 1465. 
Auch die Stadt Hamburg nennt ihn, was nicht unwichtig ist, in 
einem Schreiben an Lubeck vom 18. Marz 1466 einfach „Graf 
von Ostfriesland". Wenn er dann in anderen Urkunden jener 
Zeit „Graf zu Norden, Herr von Ostfriesland" genannt wird , so 
kommt dies schliesslich auf dasselbe hinaus. 

In zwei, kurz vor seinem Tode (27. September 1466) von 
ihm ausgestellten Urkunden bezeichnet er iibrigens sich selbst als 
„Herrn in Ostfriesland". 2 ) 



*) Eine am Chor derKirche zu Weener betindliche Inschrift aus dem Jahre 
1462 nennt ihn„01ricus de Gretha, capitaneus Ostfrisie". Tjadenll. 174. 

a ) In dem der Stadt Emden verliehenen Statut (Friedlaender I. Nr. 831) 
ist der Titel so zu fassen, dass die Worte „in Ostfriesland" zu den vorher 
genannten Schlftssern und nicht zu dem folgenden Wort „grave u in nachste 
Beziehung zu bringen sind. 



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11 

Seine Nachfolgerin Theda nannte sich ohne weiteres und 
schlechtweg „Grafin in Ostfriesland" , obschon die kaiserliche 
Kanzlei in dem Lehenbrief fur ihre Sdhne vom 27. Juli 1468 diese 
nur ah „Grafen von Norden, Emden und Emsgonien" bezeichnet. 

Wenn nun v. Bippen das Diplora von 1454 „in seiner Be- 
deutung fiir die Ostfriesiscbe Geschichte streichen und ihm einen 
Platz in mutmasslich erheblich s pater er Zeit anweisen" will, nach- 
dem er scbon vorher erkl&rt hat, dass er zwar nicht fiber das 
Faktum, sondern nur uber die Entstehungszeit dieser merkwtir- 
digen F&lschung im Unklaren sei, so konnte schon von der Grafin 
Theda ab nicht raehr von einer F&lschung die Rede sein, denn 
diese stellt sich ganz und voll auf den Boden des Diploms 
von 1454. 

Al8 sie sich mit dem Bischof Heinrich von Minister, der zu- 
gleich Administrator des Bistums Bremen war, unterm 23. April 
1474 gegen den Grafen Gerhard von Oldenburg verbiindete, wurde 
bestimmt, dass im Falle der Gewinnung der Herrschaften Olden- 
burg und Delmenhorst dasjenige bei Ostfriesland fortan bleiben 
solle, „wes den Vreeschen palen van oldes tobeboert hevet", 
das andere sollte Munster und Bremen zufallen. Als sich nun 
dagegen der Graf von Oldenburg mit Karl dem Kuhnen unterm 
29. November 1474 zur Eroberung von Ostfriesland verband, 
wurde ausgemacht, dass im Falle des Gelingens „Moremerlant, 
Auweyrkerlant et Jheiverlant cum suis pertinenciis" dem Grafen 
als Lehen zufallen sollten, da seine Vorfahren diese Distrikte 
fruher (was in einem gewissen Sinne ganz richtig ist) besessen, 
aber in den Kampfen gegen die Ostfriesen verloren h&tten. 

Diese Eroberungsgeliiste des Herzogs von Burgund und des 
Grafen von Oldenburg bewogen die Grafin Theda, sich an Fried- 
rich III. zu wenden, damit dieser auf Grund der ihrem Gatten 
erteilten Privilegien die zwischen Ems und Weser wohnenden 
Stamme zur Heeresfolge ermahne. Der Kaiser wandte sich auch 
unterm 17. Marz 1475 an die Hauptlinge von Ostringen und die 
Ratgeber von Rustringen und Butjadingerland und befahl ihnen, 
Hulfe zu leisten Theda, Grafin zu Ostfriesland, ihrer Frau, 
wobei auch Ulrichs nur als eines Grafen von Ostfriesland ge- 
dacht wird. Der Kaiser erklart ausdnicklich, dass nach der Be- 



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12 

lehnung desselben mit dem Lande bis zur Weser die dortigen 
Volksschaften von ihm aufgefordert worden seien, von diesem 
Grafen „Gericht und Gerechtigkeit" zu Lehen zu nehmen, was 
sie aber nicht getan. Sie gebraucbten sich deshalb ibrer Ge- 
ricbte „unempfangen mit Gewalt". 

Neue Mahnungen, Heeresfolge zu leisten, ergingen vom Kaiser 
unterm 22. Juli 1475 an Butjadinger- und Statland, Wangerland 
und Rustringen, kurz an alle Volksschaften zwiscben Ems und 
Weser. Diesen ganzen Strich wollte also der Kaiser als das 
Herrscbaftsgebiet des Hauses Cirksena angesehen wissen. 

Wenn v. Bippen sagt, dass schon die Datierung der beiden 
Urkunden batte Verdacht erregen mussen (wobei er, wie bemerkt, 
die dazwischen liegende von 1463 ganzlich ignoriert), so ist aller- 
dings die Ahnlichkeit eine sehr grosse, da die von 1464 gegeben 
ist zu Neustadt am Montag nach St. Michelstag, und die von 1454 
zu Neustadt am Montag nach Michaeli. Es liesse sich dies un- 
scbwer dadurch erklaren, dass die von 1454 erst mit einem Datum 
verseben wurde, als sie dem Adressaten ausgehandigt werden 
sollte (was erst 1464 geschah), ein KanzLeiverfahren, das durch- 
aus nichts auffallendes hat. Wir mussen aber bier lediglich ein 
Spiel des Zufalls annehmen, denn der in der Subskription genannte 
Kanzler, der Bischof Ulrich von Passau, befand sich wirklich 
am 30. September 1454 zu Neustadt, wo er am 1. Oktober d. J. 
dem Kaiser einen Schuldschein ausstellte (Chmel Regesten 3259). 

Uberdies ware es doch ein zu plumpes Verfahren, wenn 
der Falscher einfach das Datum der Urkunde von 1464 repetiert 
batte, deren Authenticity uber alien Zweifel feststand. 

Wenn der Kaiser das Privileg von 1454 „durch unser aigen 
bewegnus" verliehen haben will, so ist es sehr merkwurdig, dass 
v. Bippen dies fur ernst nimmt und daraus Kapital zu schlagen 
sucht. In den Diplomen von 1463 und 1464 fehlt nun allerdings 
diese Phrase, sowie die weitere „ohn ainig bete uns derwegen 
von ihme gethan", ') welche bier noch viel iiberfliissiger gewesen 



*) v. Bippen lSsst sich hier noch die Verwechslung zu Schulden koramen, 
dass er behauptet, diese Phrase „ohn ainig bete etc. tt stande in dem Diplora 
von 1464 und darauf seine Beweisfuhrung basiert. 



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13 

wfire, weil man in Ostfriesland den Sachverhalt langst kannte; 
aber es stent doch auch kein Wort darin, dass das Privileg mit 
einer schweren Summe erkauft werden rausste. 

Das Diplom von 1454 und nicht das von 1464 ist daher mit 
Recht in alien kaiserlichen Lebenbriefen bis auf den letzten 
Cirksena als die Haupturkunde angesehen worden, auf welcher 
die politische Existenz Ostfrieslands beruht, wenn auch beziiglich 
der ostlichen Grenzlande die dem Begriinder des Furstenhauses 
eingeraumten Machtbefugnisse sich nicht ganz als durchfiihrbar 
erwiesen. 



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Christoph Friedrich von Derschau, 

der erste preussische Regierungsprasident 
von Ostfriesland. *) 

Von Oberlehrer Dr. Kohlmann in Emden. 

Die Familie derer von Derschau gehort, wenn die Tradition 
recht hat, zu den altesten des preussischen Staates. Der Familien- 
name ist von der Stadt Dirschau oder Derschau, polnisch Tzozewo 
oder Tzozow, in Westpreussen hergenomraen, welche heutzutage 
durch ihre macbtige Eisenbahnbriicke uber die Weichsel beruhmt 
ist. Hier sollen nun schon um 1255 die heidnischen Dirschowen 
das Christentum angenommen und unter den Komturen des deut- 
schen Ritterordens tapfer an der Unterwerfung der Preussen sich 
beteiligt haben. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts erscheinen 
die Derschaus als Ratsherren in Danzig, seit dem Ende des 
16. Jahrhunderts im Kneiphof in Konigsberg. a ) Um das Jahr 
1602 spaltete sich die Familie in drei Linien (vergl. Beilage 1) 
nach den drei Brudern J oh an n, welcher nach Kurland uber- 
siedelte, Rein hold und Bern hard v. D., der als preussischer 
Hofgerichtsrat in Konigsberg zuriickblieb. Alle drei Briider waren 
am 15. Dezember 1602 von Kaiser Rudolf II. in den deutschen 
Adelstand erhoben worden, und am 20. Marz 1663 bestatigte der 
grosse Kurfurst einem Nachkommen Bernhards, Re in hold v. D. 
den vaterlichen Adel. •) 

Schon dieser Reinhold scheint ein bedeutender Mann gewesen 
zu sein, besonders tritt an ihm schon die Neigung hervor, sich 



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15 _ 

• 

durch weite und lange Reisen zu bilden ; wir finden ihn in Hol- 
land, England, Frankreich, Spanien und Italien. Zuruckgekehrt, 
ward er zun achst Professor der Jurisprudenz in K5nigsberg, trat 
dann ins Hofgericht liber und brachte es 1657 zu der bedeu- 
tenden Stellung eines Tribunalsrats. Er starb am 5. April 1667. 4 ) 
Sein Sohn Fried rich (1644—1713), ebenfalls Jurist, zuletzt 
Burgermeister der Altstadt Konigsberg, machte sich als geist- 
licher Liederdichter bekannt. 5 ) Schon friiher erscheint ein 
anderes Glied der Familie, Bernhard v. D., Dr. der Theo- 
logie und Prediger zu Konigsberg ( geboren 17. Juli 1591, 
t 13. Marz 1639), gleicbfalls als Liederdichter. 6 ) Ich erwahne 
dies hauptsachlich aus dem Grunde, weil wir die Gabe des 
Dichtens und vor allem die Neigung zurn geistlichen, beschau- 
lichen Liede wiederholt bei unserm Regierungsprasidenten an- 
trefFen werden. 

So waren ihm durch seine Vorfahren nach mehr als einer 
Seite bin bestimmte Richtungen seines Wesens gegeben: auch er 
wurde Jurist und Beamter, wie sie fast alle es gewesen ; auch er 
suchte sich durch ausgedehnte Reisen zu bilden und seinen Gesiehts- 
kreis zu erweitern; auch er liebte es, sich gelegentlich zur Er- 
holung von der Arbeit des Tages in das Gebiet der Dichtkunst 
und zwar am liebsten in das der religiosen Dichtkunst zuriick- 
zuziehen, um hier Ruhe und Saramlung zu suchen ; wie er es 
selbst in einer Ode „Zanksucht" (Andenken fur meine Freunde 
p. 207) ausgesprochen hat: 

Wenn ich im Amte, wo man Sorgen schmelzet, 
Sisyphus' Lasten lange gnug gewalzet, 
So gebt dem Miiden Trost an eurem Busen, 
Huldreiche Musen! 

Aber wir wurden uns ein unvollstandiges Bild von einer alt- 
preussischen Adelsfamilie machen, wenn wir nicht auch ihrer 
Beteiligung am militarischen Leben ihres Vaterlandes ge- 
denken wollten, urn so mehr weil Derschau selbst eine langere 
Zeit, freilich nicht aus eigner Wahl, dem Offizierstande angehort 
hat. In der That linden wir, dass ein Oheim, ein Vetter und zwei 
Bnider Derschaus Militars gewesen sind. 



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16 

Zunachst sein Oheim Reinhold Christian v. D. (geboren 
30. Juni 1679, f 4. November 1742), zuletzt Generalmajor und Chef 
eines Infanterieregiments. Er war ein grosser und schoner Mann, 
daher ein Liebling des Konigs Friedrich Wilhelm I., der ihn zum 
Generaladjutanten ernannte und ihn oft auf seinen Ritten in der 
Umgegend von Potsdam zum Begleiter wahlte; auch war er ein 
gem gesehenes Mitglied des Tabakskollegiums. 

Der Vetter war Karl Friedrich v. D. (geboren Marz 
1699, f 6. August 1753), gleichfalls Generalmajor und Chef eines 
Infanterieregiments seit 1747. ') 

Derschaus Vater dagegen, Albrecht Friedrich v. D. 
(geboren 1674, f 19. September 1743), Erbherr auf Sausgarten, 
Tolkeim und Suplitten, blieb der juristischen Karriere treu und 
war spater Vizeprasident des Hofgerichts zu Konigsberg, an dem 
schon seine Ahnen thatig gewesen waren. Mit seiner zweiten 
Gemahlin, einer Tochter des Geheimrats von Nagelein, hatte er 
7 Kinder, 4 Sohne und 3 Tochter; der zweite und dritte Sohn 
widmeten sich wieder der militarischen Karriere, wahrend der 
alteste bei der juristischen Beamtenlaufbabn zu bleiben beab- 
sichtigte. 

Jene beiden sind Opfer ihres Berufs geworden: Bernhard 
Ludwig (geboren 1718) fiel als Rittmeister im Regiment Waldau 
am 12. August 1759 in der morderischen Schlacht bei Kuners- 
dorf, und Albrecht Wilhelm (geboren 1722/3) als Premier- 
lieutenant im Regiment Dohna am 25. August 1758 bei Zorndorf. 8 ) 
In einem „das Vaterland" uberschriebenen Gedichte (Andenken 
p. 201) hat Derschau viel spater seinen gefallenen Brudern ein 
tief empfundenes Denkmal gesetzt; es fangt an: 

Zwey fur das Vaterland mit Ruhm entseelte Briider, 

Auf unsers harten Gliicks durchkampfter Heldenbahn, 

Belebt im Sterben raeine Lieder 

Und facht mich zur Begeistrung an. 

GestUrzt zu unserm Schutz in Feindes Degenspitzen, 

Fuhrt, theure Schatten! mir die Hand: 

Seyd mir ein Muster, zu erhitzen 

Den Trieb furs Vaterland. 

Christoph Friedrich von Derschau selbst nun ist 
geboren am 12* Januar 1714 zu Konigsberg. Seine erste Er- 



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ziehung genoss er von einem Hofmeister, dann besuchte er die 
offentliche Schule und darauf die Universitat zu Konigsberg, wo 
er Philosophic und Mathematik, in Gesellschaft seines Freun- 
des, des nachmaligen Professors Martin Knutzen, eines eifrigen 
Wolfianers, und Rechtswissenschaft, besonders auch franzosische 
und englische Sprache studierte, letztere ohne Lehrer, weshalb er 
sie zwar vollkommen verstand, aber nur so, wie sie geschrieben 
wird, sprechen konnte. Nach Beendigung seiner akademischen 
Laufbahn, nach d em er unter Knutzens Vorsitz cine philosophische 
Dissertation: „de aeternitate mundi impossibili" verteidigt hatte, 
begab er sich von 1735 — 1739 auf Reisen. 

Nachdem er sich in Berlin eine Zeitlang aufgehalten hatte, 
setzte er seine Reise, deren eigentliches Ziel Paris war, in der 
Art fort, dass er besonders die Universitatsstadte aufsuchte und 
hier den Umgang gelehrter und bedeutender Manner unter den 
Theologen, Philosophen und Philologen, Historikern und Mathe- 
matikem frequentierte. Sein noch erhaltenes Stammbuch giebt 
uns hieruber sicheren Aufschluss. In demselben haben sich nicht 
wenige der hervorragendsten Gelehrten und Schriftsteller jener 
Zeit eingeschrieben. lm November des Jahres 1735 reiste er von 
Berlin fiber Wittenberg nach Dresden und von dort nach Leipzig, 
wo er einen langeren Aufenthalt bis gegen Ende des Jahres 
machte; war doch Leipzig gerade damals unter Grottscheds Lei- 
tung der vermeintliche Mittelpunkt des guten Geschmacks und 
tonangebend in alien litterarischen Fragen. Dass D. mit Gott- 
sched und seiner beruhmten Frau in unmittelbare Beruhrung ge- 
treten, beweisen ihre beiden eigenhandigen Denkspriiche ; er ist 
mit lateinischen Versen des Aug. Buchnerus, sie mit einem Citat 
aus dem Englander Addison vertreten. 9 ) 

Anfang Januar 1736 setzte D. darauf seine Reise tiber Halle, 
Jena, Gotha nach Marburg fort, von wo aus er einen Abstecher nach 
Gottingen machte, um dann wieder nach Marburg zuriickzukehren 
und nun uber Giessen und Duisburg seinen Weg nach Holland zu 
richten. Was D. gerade in Marburg gefesselt hat, wo er mehrerc 
Wochen zugebracht haben muss, ist unschwer einzusehen, wenn man 
bedenkt, dass seit 1723 der durch Friedrich Wilhelm I. aus Halle 
vertriebene beruhmte Philosoph und Mathematiker Christian Wolf 

2 



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sich daselbst als Docent befand. Ihn fin den wir denn auch rait 
dem kurzen Spruche: „Tentanti nihil arduum" im Album vertreten. 

Unter den zahlreichen deutschen Gelehrten und Mannern 
der Wissenscbaft und Kunst, welche sich sonst noch einge- 
zeichnet, hebe ich folgende hervor: in Dresden der Hofrat 
und Ceremonienmeister Joh. Ulrich Koenig, bekannt als Hof- 
dichter Augusts des Starken von Sachsen und Polen, in Leipzig 
ausser Gottsched und seiner Frau noch Christian Gottlieb Joecher, 
der Verfasser des bekannten Gelehrtenlexikons, Joh. Jac. Mascov, 
beruhmter Historiker, und Joh. Friedr. Christ, ein bekannter 
Arehaolog, der auf Winckelmann u. A. nicht unbedeutend ein- 
gewirkt hat ; in Jena der bekannte Theologe Joh. Georg Walch, 
der hochverdiente Herausgeber der Werke Luthers, der sich mit 
dem Denkspruche eingeschrieben hat: „Christianorum est, prae- 
sentia superare, futura sperare" ; in Gottingen endlich besonders 
der beruhmte Philologe Joh. Matthias Gesner. 

In Holland besuchte Derscbau die Universitaten Utrecht, 
wo er mit dem Philologen Peter Wesseling, und Leiden, wo er 
mit Siegbert Havercamp in Beruhrung trat. Dann ging die Reise 
uber Bnissel weiter nach Paris, wo er im Sommer des Jahres 
1736 ankam und bis Anfang 1739 blieb. Einen wichtigen und 
schwierigen Prozess in Familienangelegenheiten, welchen er da- 
selbst zu betreiben hatte, beendigte er nach Wunsch, kain ausser- 
dera mit den beruhmtesten Mitgliedern der Akademie und der 
Sorbonne in Beruhrung und lernte viele sonstige Gelehrte per- 
sonlich kennen; auch dem Beichtvater des Konigs Ludwig XV. 
trat er personlich nahe. Leider horen in Paris die Einzeich- 
nungen im Album fast ganz auf. 

Vor allem besuchte er das Theatre frangais fleissig, sowohl urn 
sich einen guten Geschmack anzueignen (welcher ja damals noch 
von Frankreich allein ausging), als auch urn in der franzosischen 
Sprache sich zu vervollkommnen. Die hier gewonnenen Ein- 
driicke, das Anschauen der Tragodien des Corneille und Racine 
erfullten ihn so, dass er spater, im Jahre 1767, selbst ein Trauer- 
spiel „Pylades und Orestes" verfasste, welehes zuerst zu Liegnitz 
erschien, darauf in Wien nachgedruckt und endlich in dem „An- 
denken u wieder abgedruckt wurde. I0 J 



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19 

Er selbst sagt in der Vorrede: „Der Besuch der Pariser 
Schaubiihne hatte bei dem Verfasser die Lust erwecket, zur Vor- 
stellung in Privatgesellschaften diesen Vcrsuch in seiner Mutter- 
sprache zu unternehmen." Dieses Stuck wurde in Wien sogar 
vor der Kaiserin Maria Theresia an deren Geburtstage gespielt 
und soil auch sonst auf dem Theater Beifall gefunden haben. 
„Die damalige giinstige Aufnahme ermunterte den Verfasser, 
einige Nebenstunden auf das Trauerspiel Papinianus, wiewohl 
auch dieses ohne Beziehung auf die offentliche Schaubiihne, zu 
verwenden." Auch dies Trauerspiel wurde auf einigen Privat- 
theatern aufgefiihrt; es ist gedruckt im „Andenken a p. 93 flf. und 
behandelt die Geschichte des beruhmten romischen Juristen unter 
dem berlichtigten Kaiser Caracalla. 

Beide Dramen haben nur historischen Wert. 

Von Paris nach Berlin zuruckgekehrt, suchte Derschau im 
Civilbeamtenstande eine Anstellung zu erlangen, als das Schicksal 
ihm fur ein paar Jahre einen eigentumlichen Strich durch die 
Rechnung machte. Eines Tages musste sein Oheim, der General- 
major Reinhold Christian v. D. , sein Regiment vor Konig 
Friedrich Wilhelm I. manovrieren lassen. Unter den Zuschauern 
war auch der junge Derschau. Das scharfe Auge des Konigs 
fiel auf denselben, er fragte den General, wer der dort stehende 
junge Mann ware? Dieser antwortete: „Es ist mein Vetter, 
der aus Paris zuriickgekommen ist und eine Civilbedienung 
sucht." „Das ware schade," antwortete der Konig, „dass ein 
solcher junger wohlgebildeter Edelmann eine Civilbedienung 
bekame; er muss Kriegsdienste nehmen und Offizier werden." 
Sogleich Hess er ihn naher zu sich kommen und ernannte 
ihn auf der Stelle zum Fahnrich in dem Regimente seines 
Oheims. 

Als Lieutenant machte er den ersten schlesischen Krieg mit, 
beteiligte sich bei den Belagerungen von Brieg und Neisse und 
nahm auch an der „Sporenschlacht a des grossen Friedrich bei 
Mollwitz am 10. April 1741 ernstlichen Anteil. In einem spateren 
Gefecht wurde er verwundet, sodass er sich veranlasst sah, seinen 
Abschied zu nehmen. So ernstlich diese Wunde gewesen sein 
mag, da sie ihm noch im hoheren Alter Beschwerden machte, so 

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20 

war es doch wohl vor all em das Gefuhl, dass sein innerer Beruf 
ihn zu einer friedlicheren Beschaftigung bestimmt babe, als zum 
rauhen Waffenhandwerk. Dass er jedoch auch als Soldat seine 
Schuldigkeit gethan hat, davon spricht er selbst mit Bescheiden- 
heit in dem bereits friiher erwahnten, erst viel spater gedichteten 
Liede auf den Tod seiner beiden Bruder „Das Vaterland", wo 
es heisst: 

Ich weihe noch den Rest im Dienst erschopfter Kr&fte, 

Mit andern Waffen zwar (auch diesen fehlt nicht Ruhin), 

Des Staates stillerem Geschafte 

In Themis treuem Heiligthum. 

Ich, friihes Opfer auch der kriegrischen Gefahren, 

Es sey ohn Stolz alhier gedacht; 

Ich habe auch bei jiingern Jahren 

Fiir Ruhm den Tod veracht. 

Dass er auch in den folgenden Kriegslauften den Grossthaten 
Friedrichs mit innerer Begeisterung gefolgt ist, beweist sein 
Preisgesang auf den glanzenden Sieg bei Hohenfriedberg (4. Juni 
1745), den er noch in Glogau, unmittelbar unter dem Eindrack 
der Nachricht von dieser herrlichen Waffenthat, dichtete und 
welcher im „Andenken" p. 185 ff. abgedruckt ist. 

Das scharfe Auge seines grossen Konigs Friedrich erkannte 
in ihm, wie es scheint, noch wahrend des ersten schlesischen 
Krieges seine hohe juristische und administrative Begabung, und 
ebenso charakteristisch wie es fiir seinen soldatenliebenden Vater 
Friedrich Wilhelm I. ist, dass er Derschau ohne weiteres zum 
Fahnrich ernannte, ist es die Thatsache fiir Friedrich selbst, 
dass er ihn kurzerhand zum Konsistorialrat und Assessor 
bei der Oberamtsregierung in Glogau ernannte. Wahrend er 
hier thatig war, entstand ausser dem Hymnus auf Hohen- 
friedberg auch das oben p. 18 erwahnte Trauerspiel „Orest 
und Pylades, oder Denkmal der Freundschaft" in gereimten 
Alexandrinern. 

Als nachher der Grosskanzler von Cocceji die Justizreform 
im preussischen Staate bewerkstelligte, wurde Derschau 1749 als 
Geh. Regierungsrat nach Cleve versetzt. Auch hier blieb er 
litterarisch thatig; so begriindete er z. B. den „Westphalischen 
Beobachter", eine der ersten Wochenschriften dieser Gegendeu, 



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21 

welcher von Mai 1755 bis Mai 1756 erschien. n ) Von Cleve 
wurde er schon nach zwei Jahren auf Grund der Regierungs- 
und Untergerichts-Instruktion vom 18. November 1751 (Wiarda VIII 
p. 331) zum Regierungs- und Konsistorial-Prasidenten in Aurich 
befordert, nachdem am 23. August d. J. durch die beiden konig- 
lichen Kommissarien , den Cleveschen Regierungs -Prasidenten 
von Kornen und den ostfriesischen Kammer- Prasidenten Lenz die 
l&ngst gewiinschte Kombination der Regierung und des bisherigen 
Hofgerichts durchgesetzt worden war. 

Unter den geistig bedeutenden Mannern, mit denen er teils 
von Anfang an, teils erst spater vermoge seiner Stellung in 
Aurich in Beruhrung getreten sein wird, sind hervorzuheben der 
Kammerprasident Lenz, der Konsistorialrat S m i d , der General- 
superintendent C oners, die Regierungsr&te Coldewey und 
Russel. Zu den beiden erstgenannten, Lenz und Smid, rausste 
ihn noch besonders die ihnen gemeinsam innewohnende Neigung 
zur Poesie hinziehen. 

Daniel Lenz, 1695 in Stendal geboren, kam, nachdem er 
verschiedene hohere Stellungen im militarischen und Verwaltungs- 
fache bekleidet hatte, 1748 als Geheimrat und Kammerdirektor 
nach Ostfriesland und wurde 1751 bei der neuen Organisation 
zum Prasidenten der Kammer ernannt. Als solcher blieb er noch 
bis 1767 im Dienst, dann nahm er seinen Abschied, starb aber 
schon 1768 auf seinem Gute Riede in Sachsen am Scblage, 
Zwar sind von ihm keine gedruckten Gedichte vorhanden, doch 
kursierten nach dem Zeugnisse Wiardas (VIII p. 271 Anm.) 
und eines Ungenannten in der „Pallas" (1802 p. 68) handschrift- 
liche Gedichte, welche von Witz und Laune zeugten. Dass ihm 
die letzteren Eigenschaften inne gewohnt haben, beweist ja auch 
die ihm ubereinstimmend zugeschriebene Abhandlung „West- 
falische Altertumer, oder Beweis, dass diejenigen, so Christum 
gekreuziget und Johannem den Taufer enthauptet, Westfalinger 
gewesen, a Solingen 1775. ") 

Viel bedeutender als Dichter war jedenfalls J oh. Henri ch 
Smid, der nach allem, was mir uber die litterarischen Bestrebungen 
in unserm Lande bis jetzt bekannt geworden ist, uberhaupt wohl als der 
bedeutendste ostfriesische Dichter bezeichnet werden darf. 



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22 

Er war geboren 1732 6. August zu Hage, besuchte die Schule 
in Norden und studierte in Halle, wo er sich den Magistertitel 
erwarb. In seine Heimat zurxickgekehrt wurde er 1760 Konrektor, 
1761 Rektor der Schule zu Aurich, dann 1767 zweiter Prediger 
und 1771 erster Prediger und Konsistorialrat. Als solcher ist er 
am 15. September 1784 gestorben. 

Noch als Kandidat gab er anonym sein Hauptgedicht heraus : 
„Der Krieg, ein heiliger Gesang," 1758 o. O. 22 S. 4°, in 62 Strophen., 
im Wesentlichen eine Verherrlichung Priedricbs des Grossen. 
Herder, dem dieser Hymnus, ohne dass er den Verfasser kannte, 
in die Hande kam, war ganz begeistert davon und nahm 43 von den 
62 Strophen desselben in sein beriihmtes Werk „vom Geist der 
Ebraischen Poesie" (2. Teil. Dessau 1783. p. 418 ff.) auf, indem er 
ein freilich wohl stark uberschatzendes Urteil hinzufiigte. Er 
sagt: „Ich fuge ein Gedicht bei, das ich als eine wabre Antho- 
logie aus Propheten und Psalmen gebe, bei dem ich aber wunschte, 
dass niemand dabei an eine einzelne personliche Anwendung in 
unserer Zeit dachte (!). Es ware mir lieb, den Dichter desselben 
zu wissen: denn seine Sprache ist so rein, schon und edel 
als der lyrische Gang des Stucks gesetzt und erhaben fort- 
schreitet. Ich kenne nur wenige Stucke dieser Gattung in unserer 
Sprache." 

Einzeln erschien noch von Smid : „Jakob von Keith, eine Ode 
von dem Verfasser des heiligen Gesanges der Krieg." Aurich 1759. 
in 26 vierzeiligen Strophen. Einige wenige seiner anderweitigen 
Dichtungen sollen abgedruckt stehen in den ostfriesischen Mannig- 
faltigkeiten von 1784 p. 201. 208, 1795 p. 46 und im ostfriesischen 
Intelligcnzblatt 1781, Nr. 48; mir selbst sind sie bis jetzt nicht 
zuganglich gewesen. Ich schliesse mich durchaus den Worten 
des anonymen Verfassers eines interessanten Artikels in der 
„Pallas" vom Jahre 1802, betitelt: „einige fliichtige Blicke auf 
den Zustand der Poesie in Ostfriesland wahrend des achtzehnten 
Jahrhunderts", an, wenn er sagt: „Es ware zu wtinschen, dass 
eine Blumenlese aus seinem poetischen Nachlasse, so viel davon 
gedruckt und ungedruckt vorhanden ist, gesammelt und zur Ehre 
der ostfriesischen Poesie neu herausgegeben wurde. Leider hat 
wohl der Strom der Zeit schon die meisten von seinen dichteri- 



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23 

schen Arbeiten verschlungen ; es ware Zeit, und sein Name ver- 
diente es, die noch iibrigen zu retten * ,s ) 

Hier moge auch noch der Regierungsrat Ehrenreich 
Gerhard Coldewey, f * n Aurich 1773, genannt werden, der 
ah gelehrter Jurist, als Kenner der vaterlandi schen Geschichte 
und Verfassung, wie als Dichter sich bekannt gemacht hat. 
Seine Verse haben aber einerseits einen stark tendenziosen 
Inhalt, anderseits schraecken sie durchaus nach dem Schwulst 
der 2. schlesischen Schule. Er besang zunachst den Sieg der 
furstlichen Truppen im sogen. Appell-Kriege am 5. April 1727 
bei Hage unter dem Titel : „die durch die furstliche Victorie 
gedampfte Rebellion der Renitenten" in gereimten Alexandrinern, 
wovon Wiarda VII. p. 352 f. eine Probe giebt (abgedruckt in 
der „Pallas" 1802 p. 65 f.). Darauf folgte noch im Jahre 1741 
ein anderes Poem: „Das untadeliche Alter des ostfriesischen 
Regierhauses." (Pallas p. 42.) 

Endlich will ich nicht unterlassen, noch eines Mannes zu 
gedenken, welcher unzweifelhaft auf die beschauliche und theolo- 
gischen Studien zugewandte Thatigkeit Derschaus in seinem hohen 
Alter bestimmend eingewirkt haben wird, es ist der Generalsuper- 
intendent Gerhard Julius Coners. Derselbe war am 17.0kto- 
ber 1730 in Reepsholt geboren, besuchte die Schulen in Wittmund 
und Norden, studierte 1752—55 in Halle und wurde, nachdem er 
als Hauslehrer langere Jahre in London gelebt hatte, 1763Prediger 
in Esens und von dort, nachdem er 1784 zum wirklichen Konsi- 
storialrat ernannt war, 1792 als Generalsuperintendent nach Aurich 
berufen, wo er schon am 21. Januar 1797 starb. Die Wurde eines 
Generalsuperintendenten war vor ihm noch keinem gebornen Ost- 
friesen zuteil geworden. 14 ) Von dem durch ihn 1795 heraus- 
gegebenen Erbauungsbuche soil Derschau viele Exemplare, wie 
er es auch sonst mit derartigen Schriften zu thun pflegte, ver- 
schenkt haben. Coners verdanken wir auch eine fur die Litteratur- 
geschichte wichtige Mitteilung xiber das gleich zu erwahnende 
Gedicht des PrSsidenten Derschau auf die neu errichtete asiatische 
Handelsgesellschaft zu Em den. 

Etwas spater trat auch der beriihmte Verfasser der ostfriesischen 
Geschichte, Tileman Dothias Wiarda (geb. zu Emden 1746, 



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24 

f in Aurich 7. Marz 1826), in den Derschau'schen Kreis ein, wie 
mir durch die freundliche Mitteilung des Herrn Generalsuperinten- 
denten Bartels bekannt geworden ist. (Vgl. dessen ausfuhrliche 
Abhandlung uber Wiarda.) 

Nachdem ich so in kurzen Ziigen versucht habe, den Kreis 
von geistig bedeutenden Mannern zu charakterisieren, in den der 
neue Regierungsprasident eintrat , kehre ich zu diesem selbst 
zurxick. Im November des Jahres 1751 trat Derschau sein Amt 
in Aurich an. Bekanntlich hatte im Sommer d. J. vom 13. — 16. Juni 
Friedrich der Grosse zum ersten Male Ostfriesland einen Besuch 
abgestattet. Gleich am Abend seiner Ankunft in Emden hatte 
der Konig den Direktoren der am 24. Mai 1751 unter dem Vor- 
sitz des Kaufmanns Heinrich Thomas Stuart gestifteten asiatischen 
Kompagnie Audienz gegeben und ihnen sehr bedeutende Ver- 
gtinstigungen verliehen. Das erste Schiff der Gesellschaft , der 
„Konig von Preussen", von 36 Kanonen mit 180 Mann Besatzung 
ging am 21. Februar 1752 von Emden aus nach China unter 
Segel. Auf dies freudige und verheissungsvolle Ereignis dichtete 
damals Derschau anonym eine begeisterte Ode. Dieses Gedicht 
verdient in mehr als einer Beziehung unsere Aufmerksamkeit. 
Zunachst ist der Stoff ganz darnach angethan, einen so patriotisch 
denkenden Dichter wie Derschau zu begeistern; eine fair Preussens 
und Ostfrieslands Schiffahrt ganz neu erschlossene Aussicht auf 
einen eintraglichen und erfolgreichen Handel, die Hebung, welche 
dadurch der Schiffahrt speziell Emdens zuteil werden musste, vor 
allem auch dass der Ruhm des vom Dichter warm und aufrichtig 
geliebten und bewunderten Konigs Friedrich sich nun durch die 
preussische Flagge auch uber das Weltmeer verbreiten sollte, — 
alles dies sind Momente , welche uns in dem gedankenreichen 
Gedichte entgegentreten. Es ist uberschrieben: „Auf die zu 
Emden im Jahre 1751 errichtete Ostindische Handlungs - Com- 
pagnie" (Andenken p. 195 ff.) und umfasst 124 Verse, welche 
in der Art zu 31 Strophen gegliedert sind , dass auf je 3 Hexa- 
meter ein kurzer abschliessender Vers dieser Form: o -i- u u — 
folgt. Die Hexameter beginnen mit einer Vorschlagssilbe, einer 
Art von Auftakt, eine Versart, wie Ewald von Kleist sie in seinem 
„Fruhling" zuerst in die deutsche Litteratur eingefuhrt hatte. ,5 ) 



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25 

Ein ganz besonderes Interesse gewinnt nun aber das Gedicht 
noch dadurch, dass es eins der wenigen Erzeugnisse deutscher 
Poesie gewesen ist, welche dera grossen Friedrich, dem leiden- 
schaftlichen Verehrer altklassischer und franzosischer Litteratur, 
uberhaupt zu Gesichte gekommen und von ihm mit unbeschranktem 
Lobe ausgezeichnet ist. In seiner haufiger citierten als gelesenen 
Schrift „de la literature allemande", welche 1780 erschien, '•) spricht 
der Konig von denjenigen deutschen Dichtern, welche ihm allein 
gefallen, er nennt den Freiherrn von Canitz, Qellert und Sal. 
Gessner, und fehrt dann fort (p. 9 der deutschen Ubersetzung) : 
„Ich will zu den Herren, die ich genannt habe, noch einen Un- 
genannten hinzufugen, von dem ich reimlose Verse gesehen habe. 
Die Cadenz und Harmonie derselben entstand aus der Abwechs- 
lung der Dactylen und Spondeen ; sie waren voll Verstand; und 
mein (so!) Ohr wurde sehr angenehm durch einen Wohllaut 
der Tone geschmeichelt , dessen ich unsere Sprache kaum 
fahig geglaubt hatte. Ich mogte behaupten, dass diese Art 
von Versification sich am besten fur unsere Sprache schicke 
und sehr grosse Vorzuge vor dem Reim habe. Wolte man 
sich Muhe geben, sie dadurch vollkommen zu raachen, so 
wurde man es wahrscheinlich hierin weit bringen." Was den 
Konig also besonders bei dem anonymen Gedichte anzog, war 
einerseits der verstandige Inhalt und zweitens die fur das 
musikalisch gebildete Ohr Friedrichs wohlthuende rhythmische 
Form. 

Nun bezeugt uns der Generalsuperintendent Goners ,7 ) in den 
„ostfriesischen Mannigfaltigkeiten" vom Jahre 1785 p. 391 aus- 
drucklich, dass mit den Worten der koniglichen Schrift das anonym 
erschienene Gedicht Derschaus auf die asiatische Kompagnie 
gemeint sei ; — und in der That, hier trifft alles ein, der gedan- 
kenvolle Inhalt, die daktylisch-spondeische Form, und dazu noch 
der den grossen Konig so ausserordentlich interessierende Gegen- 
stand ! 

Dem gegentiber steht freilich bis in die neueste Zeit die 
in fast alien Handbuchern der Litteraturgeschichte sich fort- 
pflanzende Tradition, dass mit dem fraglichen Gedichte die ero- 
tisch gefarbte „Madcheninsel" von Joh. Nikol. Gotz, einem der 



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sog. Anakreontiker (1721 — 1781) 18 ) gemeint gewesen sei. Diese 
Tradition geht auf eine Erzahlung des bekannten Freundes von 
Goethe, v. Knebel, zuriick, welche derselbe ira Jahre 1803 in Her- 
ders „Adrastea" iiber einen Besuch, den er bei dem genannten 
Dichter Gotz bereits 1780, also 23 Jahre vorher gemacht hatte, 
veroffentlichte. In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts 
hatte der damals als Gardelieutenant in Potsdam lebende Knebel 
den Gedanken gehabt , von der eben anonym erschienenea 
Elegie „die Madcheninsel" einen besonderen Abdruck fur Freunde 
machen zu lassen, und er behauptet nun , naeh 30 Jahren, 
bestimmt zu wissen, dass dem grossen Konige ein Exemplar 
zu Gesichte gekommen sei. Daraus schliesst er nun weiter, 
dies sei eben das vom Konige gelobte Gedicht, ohne einen 
weiteren Beweis hierfur zu haben, als seine subjektive Uber- 
zeugung. 

Also Zeugnis gegen Zeugnis! 

Coners berichtet 5 Jahre nach dem Erscheinen der konig- 
lichen Schrift, vermutlich doch auf Grund von Mitteilungen Der- 
8chaus selbst, der hieriiber als Regierungsprasident aufs beste 
orientiert sein konnte; Gegenstand, Inhalt und Form des von 
ihm verfassten Gedichts sprechen ferner entschieden fiir die von 
Coners aufgestellte Behauptung. 

Dagegen erzahlt Knebel von einem Faktum, welches vor 
30 Jahren sich ereignet (ich meine den von ihm besorgten Son- 
derabdruck), er spricht auch nur seine eigene Vermutung aus 
(„ich bin nach alien Umstanden versichert"), ohne eine bestimmte 
Behauptung aufzustellen ; ferner passen der tandelnde und stark 
frivole Gegenstand und Inhalt der Elegie Gotzens sehr wenig zu 
den Worten des Konigs, — das Metrum dagegen — es ist das 
elegische in Distichen — ist sehr gewandt und wohlklingend. 

Erst seitdem Dr. J. Ch. H. Gittermann (lutherischer Prediger 
zu Emden, f 1849) in der allgemeinen Encyclopadie von Ersch 
und Gruber im Jahre 1833 ausfuhrlich auf die Bedeutung Der- 
schaus als Dichters hingewiesen, findet man in einzelnen der neuer- 
dings erschienenen litterarhistorischen Werke, besonders in Goe- 
dekes Grundriss (p. 552 f.) bei der Erwahnung Derschaus das 
Richtige dargestellt. ,9 ) Auch eine spater erschienene prosaische 



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27 

Schrift Derschaus „uber Verminderung der Kriege", Dessau 1782, 
soil der grosse Konig mit Vergniigen gelesen haben; sie ist rair 
bisjetzt nicht zu Gesichte gekommen.' ) 

Wenige Jahre nachdem Derschau seinen w ichtigen Posten ange- 
treten, brach der sieben j ahrige Krieg aus, und gerade diese 
gefahrvolle Zeit gewahrte dem Regierungsprasidenten Gelegenheit, 
alle diejenigen Eigenschaften an den Tag zu legen, durch die er 
sich unserm Lande unvergesslich gemacht hat. 2I ) 

Nachdem schon AnfangMai 1757 ein franzosisches Kommando 
die Qrenze uberschritten, erfolgte der eigentliche Einmarsch der 
Franzosen unter dem Marquis Dauvet am 28. Juni von Weener 
her, und zwar ergriffen die Franzosen Besitz von Ostfriesland 
zu Gunsten und im Namen der Kaiserin-Konigin Maria Theresia. 
Prasident der von ihr ernannten Administration der okkupierten 
Lander war der Graf von Pergen, Direktor der Freiherr von Kinkel, 
welcher sich am 4. Juli in Aurich einfand und den versammelten 
3 LandeskoUegien, Regierung, Kammer und Landschaft, die Besitz- 
ergreifung offiziell mitteilte. Am 15. September stellten die Kam- 
mer und die Regierung einen schriftlichen Revers an Eidesstatt 
aus, worin sie gelobten, sich den neuen Einrichtungen fugen zu 
wollen, nur der Prasident von Derschau stellte eine besondere 
Deklaration aus, deren Inhalt Wiarda leider nicht angiebt. Auch 
der Kammerprasident Lenz hatte den Revers nicht unterschrieben, 
er war kurz nach Beginn der Okkupation nach Berlin gegangen. 
Am 23. Oktober zog der von der Kaiserin zum Gouverneur von 
Ostfriesland bestellte Generalmajor Graf von Pisa mit 1200 Mann 
in Emden ein und errichtete hier sein Hauptquartier, wahrend 
der Marquis Dauvet und sein Nachfolger Courbisson mit den 
Franzosen in Aurich sein Standquartier aufschlug. Im ganzen 
lagen damals 78 Kompagnien Ostreicher und Franzosen, meistens 
Kavallerie, in Ostfriesland. 

Als nun aber am 5. November und 5. Dezember die glorreichen 
Siege bei Rossbach und Leuthen Konig Friedrich das entschiedene 
Ubergewicht liber seine Gegner verliehen und im Anfang des Jahres 
1758 Herzog Ferdinan^d von Braunschweig von Liineburg aus 
gegen Westfalen aufbrach, da fuhlten sich die Feinde nicht mehr 
sicher. Zuerst die Franzosen, dann auch die Ostreicher zogen 



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28 

so eilig ab, dass ihr Riickzug mehr und mehr einer Flucht glicli ; 
sie hatten zum teil nicht einraal jhre Bagage ordentlich gepackt 
und nahmen nicht das Mindeste von dem reichlich gesararaelten 
Vorrat aus den Magazinen mit. Am 22. Marz 1758 hatten die 
letzten Feinde die Grenze des Reiderlandes verlassen, nachdem 
ihnen noch zuguterletzt zwei englische KriegsschifFe, welche auf 
der Ems erschienen waren, gehorigen Schrecken eingejagt. Ubri- 
gens konstatiert Wiarda auf Grund der Akten, dass Franzosen 
und Ostreicher die beste Mannszucht gehalten, dass niemand von 
ihnen an seiner Ehre, seinen Rechten, seinem Gottesdienst und 
seinem Eigentura gekrankt word en, dass das einzige Beispiel einer 
gesetzwidrigen Handlung der Diebstahl eines silbernen Loffels ge- 
wesen sei, wofur die Thater schwer gestraft worden. Auch alle 
Schulden waren vor dem Abzuge von Offizieren und Gemeinen 
berichtigt worden. Die Griinde fur diese auffallende Massigung 
liegen einmal in dem menschenfreundlichen Charakter des Kom- 
mandanten Dauvet und des Grafen von Pisa, dann in der gegen- 
seitigen Kontrole der beiden feindlichen Kommandos und vor allem 
darin, weil Maria Theresia die Absicht hatte, nach Beendigung 
des Krieges Ostfriesland ihrem Minister, dem Grafen Kaunitz- 
Rittberg, der seinerzeit einer der Pratendenten um das erledigte 
Lehen gewesen war, 2a ) zu ubergeben. 

Von 1758 — 61 hatte nun das Land Ruhe vor feindlichen An- 
griffen. Man hatte aber, gewiss hauptsachlich auf Derschaus Ver- 
anlassung, im Juli 1759 eine Deputation eingesetzt, welche bei 
einer etwaigen feindlichen Invasion die offentlichen Angelegen- 
heiten und besonders die finanziellen Verhandlungen leiten sollte. 
Diese Deputation bestand ausje zweiMitgliedern derRegierungund 
der Kammer und drei landschaftlichen Deputierten, wozu aus jeder 
Kurie ein Mitglied genommen war. M ) Man sollte bald Gelegen- 
heit haben, die Leistungsfahigkeit dieser Deputation zu priifen. 

In demselben Jahre 1759 vermahlte Derschau sich mit der 
Grafin Juliane Sophie von Wedel, der altesten Tochter des Grafen 
Anton Franz von Wedel, Besitzer der Herrlichkeiten Neustadt- 
Godens und Evenburg. Diese sonst harmonische und gliickliche 
Ehe, welche leider kinderlos blieb, wahrte 15 Jahre, bis 1774 ihm 
seine Gattin durch den Tod entrissen wurde. 



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29 

In dieser Zeit der Ruhe vor ausseren Feinden und Wider- 
wartigkeiten entstanden auch zwei grossere Werke : „Der Tempel 
den Gerechtigkeit" 1758, wozu nachhcr 1777 noch ein zweiter Band 
kam ; und besonders „Die Luthcriade", ein religioses Lehrgedicht 
in 12 Gesangen, Aurich 1760/61 in 2 Bdn. Es ist in gereimten 
Alexandrinern abgefasst, war ubrigens schon in jungern Jahren 
angefangen und „erwuchs aus der aufrichtigen Verehrung, welche 
den Verfasser vor dem erhabenen Reformations werk beseelte". 
Es scheint viel Beifall gefunden zu haben, wenigstens sind 3 Auf- 
lagen erschienen, die zweite unter dem Titel : „Die Reformation" 
1781, die dritte unter dem alten Titel 1797. 

Im September des Jahres 1761 24 ) ruckte der franzosische 
Obergeneral Prinz v. Soubise nach Westfalen vor, und wahrend 
er selbst bei Coesfeld sein Hauptquartier nahm , schickte er 
mehrere fliegende Korps als Streifpartien aus , um die nachst- 
liegenden Landschaften zu besetzen. Eins dieser Korps unter 
dem beriichtigten Marquis de Conflans ruckte in Eilmarschen 
am 22. September von Lingen her in Ostfriealand ein und be- 
setzte Leer, wo sofort eine Kontribution von 150000 $ gefor- 
dert wurde. Auf diese Nachricht berief President Derscbau 
schleunigst die vorhin genannte Deputation am 23. September. 
Aber da sah es traurig aus ! Der Kammerprasident und die 
samtlichen Kriegsrate hatten sich eiligst entfernt und die Provinz 
verlassen, von den standischen Deputierten war die ritterschaft- 
liehe Stelle durch Tod erledigt und unbesetzt und der stadtische 
lag krank darnieder, sodass ausser dem Prasidenten Derscbau 
selbst und dem Regierungsrat Russel nur noch der Deputierte des 
3. Standes Warsing anwesend war. Da diese drei die ganze Ver- 
antwortung nicht allein tibernehmen wollten, so traf Derschau die 
Anordnung, dass alle auf die drohende Invasion bezuglichen An- 
gelegenheiten dem Pleno der Regierung mit Zuziehung des Ad- 
ministrators Warsing vorgelegt wu'rden. 

Schon am Mittage desselben Tages ruckte ein Husaren-Detache- 
ment unter dem Rittmeister Martin in Aurich ein, es wurde von 
Derschau auf dem Markte bewillkommt und um Schonung der 
Stadt gebeten. Jene forderten von Stadt und Amt Aurich bis 
zum folgenden Morgen 200000 $ bei Androhung der Pliinde- 



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30 

rung. Aueh 30 Paar Stiefel und 400 Paar neue Schuhe sollten 
in 24 Stunden geliefert werden. Unterdessen rxickte Conflans selbst 
am 24. September bis Wolthusen vor und forderte die Stadt Em- 
den, in der sich nur eine Besatzung von 2 Kompagnien englischer 
Invaliden befand, zur Ubergabe auf. Da an eine ernstliche Ver- 
teidigung nicht gedacht werden konnte, so erfolgte eine Kapitu- 
lation unter denselben Bedingungen wie bereits im Jahre 1757. 
Die englische Besatzung wurde kriegsgefangen, aber gegen alien 
Kriegsbrauch behandelt, man nahm den Offizieren sogar ihre EfFek- 
ten und baares Geld ab. Conflans verlangte auf dem Rathaus so- 
fort 30000 Dukaten bei Androhung der Plunderung, da aber trotz 
aller Mtihe nur 10524 zusammengebracht werden konnten, so be- 
gnugte er sich nachher mit einem Nachschuss von 12000 Dukaten 
in acceptierten Wechseln. 

Am 25. September kam Conflans mit 50 Husaren selbst nach 
Aurich, er drohte anfangs die Stadt in Brand zu stecken, wenn 
die geforderte Kontribution nieht am folgenden Tage bezahlt ware ; 
endlich aber liess er sich durch den eindringlichen Zuspruch 
Derschaus bewegen, die Summe auf die Halfte herabzusetzen und 
die andere Halfte vom Amte Wittmund einzufordern. Nach alien 
Seiten durchzogen nun Husarendetachements das ge&ngstigte Land, 
um unter barbarischen Misshandlungen jeglicher Art die geforder- 
ten Gelder einzutreiben Am argsten hausten sie in Norden, wo 
es zu Blutvergiessen kam, in Weener, Jemgum und Bingum. 
Dort im Reiderlande kommandierte der Oberst Cambfort, der es 
noch arger trieb als Conflans selbst. Die Exzesse des Raubge- 
sindels wurden zuletzt so unertraglich, dass die Bauern des Amtes 
Aurich zu den WafFen griffen und in der Weise, wie es spater 
die Tiroler und Spanier gethan, selbst zum Angriff iibergingen. 
Sie waren anfangs gliicklich, und, wie fruher die unbandige Roheit 
bei Conflans und seiner Horde hervorgetreten war, so jammerlich 
war jetzt ihre Furcht und Feigheit vor diesem improvisierten 
Landsturm, Conflans selbst kehrte am 26. in das sichere Emden 
zuriick, und am folgenden Tage morgens 8 Uhr zogen seine zuriick- 
gelassenen Truppen, vor den bewaffneten Bauern weichend, ab, 
nahmen aber Derschau und den Amtmann Stiirenburg als Geiseln 
in einer Kutsche mit. Der Zug ging iiber Haxtum, welches an- 



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31 

geziiudet wurde, Ochtelbur und Riepe, welche ausgepliindert wur- 
den, nach Wolthusen ; hier stiess Conflans mit der Emder Garnison 
zu ihnen, und es ging nun weiter tiber Oldersum nach Leer, wo 
man abends anlangte. Als Derschau in Wolthusen den Wagen 
verliess, sagte Conflans zu ihni 25 ) : „Fast hatte ich Lust, Sie er- 
schiessen zu lassen ! u 

Der folgende Tag, 28. September, war der'aufregendste von 
alien. Der General Conflans wollte zwei franzosischen Edelleuten, 
welche ihn besuchten, den Herzogen von Coigny und Fronsac, 
die Stadt Em den zeigen ; er erschien also mittags mit 70 Husaren 
vor den Wallen, ohne zu ahnen, dass dort mittlerweile auch be- 
reits die Bauern des Gretmer Amts eingeriickt waren, sich des 
Arsenals bemachtigt und die Walle besetzt hatten. Seine Forde- 
rung, die Thore zu offnen, wurde also mit Flinten- und Kanonen- 
schtissen beantwortet. Wutend eilte er nach Leer zuriick und 
eriiess von hier aus einen drohenden Brief an den Emder Magi- 
stral er werde die'Stadt mit Feuer und Schwert vertilgen, wenn 
nicht jemand aus ihrer Mitte demiitig um Verzeihung wegen des 
Schiessens bitte. Auch Derschau schrieb am folgenden Tage von 
Leer aus an den Magistrat, dass schleunig ein Deputierter an den 
aufgebrachten General, um Verzeihung zu erbitten, abgesandt 
werden mochte. Dies Geschaft wurde deniRatsherrnDetelef uber- 
tragen, der aber nicht weiter als nach Oldersum kam, da eine 
plotzliche Anderung der Verhaltnisse eingetreten war. Noch am 
28. namlich hatten die Bauern des Auricher, Friedeburger und 
Berumer Amts den Feinden bei Loga ein formliches Gefecht ge- 
liefert, wobei 40 Bauern und 30 Soldaten gefallen sein sollen. 
Jetzt wurde es Conflans ungemutlich, er beschloss sich mit dem 
gemachten Raube zu begntigen, und nachdem er sich einen Tag 
still in Leer gehalten, setzte er mit seinen Truppen morgens am 
30. fruh iiber die Ems. Derschau hatte man mitgenommen, doch 
entliess Conflans ihn jetzt auf sein Ehrenwort; Stiirenburg war 
bereits Tags zuvor entwischt. 

Die Kontributionen der Conflansischen hatten dem Lande fast 
J / 4 Mill. $ gekostet, ausserdem waren abgesehen von den 40 bei 
Loga gefallenen Bauern 33 Menschen mutwilligerweise getotet 
worden. Das Traurigste bleibt aber dabei, dass nach Wiardas 



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32 

Zeugnis (IX p. 58) die wenigsten Franzosen, sondern Offiziere 
und Gemeine grosstenteils Deutsche, sogar einige darunter Ost- 
friesen gewesen sind. 

Von feindlicher Einquartierung war man damit noch nicht 
frei. Schon am 1. Oktober kam Conflans zuruck, diesmal aber 
ah Untergebener des Oberkommandanten Generals Freiherrn 
v. Wurmser, der mit 2300 Mann regularer Truppen in Leer 
und Emden einriickte. Der General missbilligte aufs hochste 
flie Ubelthaten der Conflansischen, behandelte sowohl den Rats- 
herrn Detelef, der ihn in Leer aufsuchte, als auch nachher den 
Prasidenten Derschau und den Regierungsrat Russel, die ^r zum 
3. Oktober nach Emden beschieden hatte, auf das hoflichste und 
versprach alle mogliche Schonung und Milde. Nur in einem Punkte, 
die von Conflans ausgeschriebene Kontribution, im ganzen 1 Mill. $, 
wovon noch 700,000 $ restierten, betreffend, wollte er anfangs 
nicht nachgeben, aber „durch seine Beredtsamkeit, durch eine 
treffende Schilderung des elenden Zustandes cfieser so hart mitge- 
nommenen Provinz, durch ein anhaltendes Bitten wusste der Pre- 
sident v. Derschau das ohnehin sanfte Herz des Generals so zu 
ruhren, dass er, treu von seinem Mitdeputierten, dem Regierungs- 
rat Russel, unterstutzt, einen nach den vorwaltenden Umstanden 
guten Vergleich am 4. Oktober zu stande brachte." (Wiarda IX 
p. 54). Dadurch wurde der Rest der Kontributionssurame auf 
30000 Dukaten ermassigt, welche in giiltigen Wechseln nach Koln 
oder Frankfurt uberrnacht werden sollten ; wenn sie nicht zur 
richtigen Zeit gezahlt wiirden, so verpflichtete Derschau sich 
schriftlich, sich als Geisel zu stellen ! Ausserdem mussten weitere 
10 000 Dukaten von den Standen bewilligt werden, urn den Grafen 
v. Wedel u. A., welche durch die Plunderungen am meisten ge- 
litten, zu entschadigen. Darauf raumten schon am 7. Oktober 
die Franzosen das ostfriesische Gebiet. 

Noch einmal hatte Derschau Gelegenheit, das ihm anver- 
traute Land durch seine Klugheit und Umsicht vor weiterem 
Schaden zu schtitzen. a6 ) Am 9. Juli 1762 namlich ruckte der 
franzosische Brigadier Viomesnil mit 1500 Mann ins Reiderland 
ein und entbot eine Deputation zu sich nach Weener. Sofort 
brachen Derschau und der Kriegsrat Colomb aus Aurich dahin 



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33 

auf und langten abends am 10. dort cin. Viomesnil, ein Mann 
von leutseligem und mildem Charakter, der schon im vorigen 
Jahre mit Wurmser in Ostfriesland gewesen war und Derschau 
personlich liebgewonnen hatte, fordette ira Namen des Prinzen 
von Conde' 500000 Dukaten Kontribution, Hess sich aber durch 
die instandigen und lebendigen Vorstellungen Derschaus schliess- 
lich auf die Sumine von 5000 Dukaten herabstimmen. Schon am 
11. Juli raumten die Franzosen Ostfriesland, urn wenigstens in die- 
sem Kriege nicht wieder zu kommen, denn schon am 15. Februar 
1763 endete der Hubertsburger Friede diesen Tjahrigen Riescn- 
kampf, welcher fur Ostfriesland und Harlingerland im ganzen einen 
Schaden von 1,265,556 $ mit sich gebracht hatte (Wiarda IX p. 84). 
Schon nach dem 1774 erfolgten Tode seiner Gattin hatte Der- 
schau, dessen Gesundbeitszustand infolge seiner fruher erhaltenen 
Wunde immerfort ein schwankender gewesen war, den Kdnig urn 
seine Dimission gebeten; er wiederholte dieses Ansuchen mehr- 
mals, aber Fried rich der Grosse, der ihn als einen ausgezeichneten 
Beamten sogar wiederholt ins Ministerium zu ziehen gesucht hatte, 
schlug es ab. Erst nachdem er 34 Jahre sein Amt verwaltet hatte 
und sein 70j&hriges Alter sowie zunehmende Harthorigkeit seine 
Thatigkeit mehr und mehr erschwerten, erhielt er im Juli 1785 
die erbetene Entlassung mit einer Pension von 600 $. 

Ein ehrenvoller lateinischer Nachruf erschiert im 28. Sttick der 
„Mannigfaltigkeiten" vom Jahre 1785, in dem es zumSchlusse heisst: 
Huic successorem, di, date consimilem. 
Dieser Nachfolger war von Beneke, den Derschau selbst noch 
in feierlicher Versammlung des Regierungskollegiums einfuhrte, 
ohne wohl zu ahnen, dass er ihn noch uberleben und einen zwei- 
ten Nachfolger, von Schlechteudahl, sehen wiirde. 

Von nun an lebte er noch voile 14 Jahre in einer wiirde- 
vollen Musse auf seinem Landgute Wilhelminenholz bei Aurich 
in stiller Abgeschiedenheit und Ruhe, jedoch in bestiindiger litte- 
rarischer und religioser Beschaftigung. Hier sang er in dem Ge- 
dicht , } Sehnsucht nach Ruhe ri (Andenken p. 215): 
Da ich im Amt nun dreyszig Jahre zllhle, 
So sey zum Port mem Segel eingelenkt; 
Wilkommen mir, das ich zur Run erwahle, 
Du landlich Dach! bis mir der Tod sie schenkt. 

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34 

Vaterland! ich weihte deinem Gliicke 
Den treusten Wunsch, und sparte Sorgen nicht. 
Doch seh ich jezt auf ihre Frucht zuriicke, 
Frag ich betriibt: Was hab ich ausgericht? 

Jetzt gab er zunachst die „Betrachtung eines Greisen uber 
die Religion", Aurich 1785, heraus, in den oben erwahnten sogen. 
Kleistschen Hexametern, wovon im Jahre 1796 eine zweite Auf- 
lage erschien; ferner „neue Mutmaszung von den an der Kirche 
zu Marienhafe in Ostfriesland befindlichen steinemen Bildern", 
Aurich 1787; „Kleine theolog. Aufsatze eines Laien", Stendal 1792, 
und eine Fortsetzung derselben, Oldenb. 1796; „letzte Blicke eines 
Greises in die Welt und Ewigkeit", Oldenburg 1796, und „iiber 
Gleichheit, Freyheit und Demokratie", Aurich 1799. 

Auf Umgang musste er allmahlich ganz verzichten, da ihm 
das Gehor zuletzt ganz fehlte. Nach einer kurzen, nur 5tagigen 
Krankheit entschlummerte er sanft gegen Mittag des 19. Dezem- 
bers ai ) 1799 im nicht ganz vollendeten 86. Lebensjahre. Seinen 
Sarg hatte er sich schon vor mehr als 16 Jahren selbst anfertigen 
lassen. Doch verzog sich seine Beerdigung bis zum 27. Dezein- 
ber, da der starke Frost es absolut unnioglich raachte^ die von 
ihm selbst ausgewahlte Grabstelle, einen Hiigel in dem Geholze 
8 eines Gutes, entsprechend ausmauern zu lassen. Auf seinem 
Grabstein steht jetzt M ) folgende Inschrift: 

Hier ruhet 

der weil. Ostfriesische Regierungs- und Consistorialpraesident 

Christoph Friedrich von Derschau 

gebohren den 12. Januar 1714 
gestorben den 19. December 1799. 

Im Leben bestrebte er Sich 
Niemand unrecht zu thun 
Seinen Verstand zu erleuchten 

Seine Seele zu retten. 

• 

Dieses Denkmahl 

hat dem Verstorbenen errichtet Sein 

Vetter der Assistenz-Rath 

Carl Friedrich von Derschau. 



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35 

Bald nach seinem Tode erschien von dera Konrektor der la- 

' teinischen Schule in Aurich Franz Jacob Muller ein „Ehren- 

Denkraal", gedruckt zu Norden 1800, worin die ersten und zuver- 

lassigsten Nachrichten uber ihn in einer leider sehr gescbmack- 

losen Form enthalten sind. 

In seinem Testamente vermachte er seine wertvolle, aus 
14,000 Banden bestehende Bibliothek der Regierung zu Aurich, 
um damit den Grund zu einer offentlichen Bibliothek fur Ostfries- 
land zu legen. Dieselbe war besonders reich an seltenen Aus- 
gaben der Bibel, so befand sich eine vom Jahre 1480 in folio dar- 
unter, Als Kuriosura wird erwahnt ein prachtig eingebundenes 
arabisches Gebetbuch, welches ein Pascha von 3 Rossschweifen 
ira Feldzuge gegen Karl VI. gebraucht haben soil. *•) Leider 
existiert bis jetzt immer noch kein brauchbarer Katalog der 
Derschau'schen Bibliothek. Auch sein vorwiegend aus romischen 
Munzen bestehendes Miinzkabinet hat er der Regierung vermacht. 
Er stand dariiber rait der gelehrten Grafin von Bentink in lang- 
jahrigem Briefwechsel. Auch sonst korrespondierte er nach vielen 
Seiten mit hervorragenden Personlichkeiten ; und dass sein litte- 
rarisches Streben Anerkennung fand, geht daraus hervor, dass er 
Ehrenmitglied der gelehrten Gesellschaften zu Konigsberg, Duis- 
burg und Bremen war. Endlich gedachte er in seinem Testa- 
mente der Schule und der Armen in der Kolonie Moordorf, wie 
er schon fruher der Schule zu Plaggenburg eine grossere Geld- 
summe zur Anlegung einer Schule gesehenkt hatte. 

So scheint es denn ein ganz besonders glucklicher Griff ge- 
wesen zu sein, der den grossen Friedrich gerade Derschau als 
ersten Prasidenten nach Ostfriesland schicken Hess. Erscheint er 
uns als Mensch leutselig, herablassend und grossmiitig, daneben 
aber vor allem aufopferungsfahig und von grossem persorilichem 
Mute, anderseits von einer lebendigen und aufrichtigen Religio- 
sitat beseelt, so finden wir ihn als Beamten hochst erfahren in 
den Rechts- und Staatswissenschafte^n, von unablassigem Dienst- 
eifer, der zuweilen zu einer gewissen Strenge wurde, und von un- 
bestechlicher Gerechtigkeitsliebe. Ein besonderes Interesse nimmt 
aber gerade in unserm bis dahin von den Musen stiefmiitterlich 
behandelten Lande seine Beschaftigung rait den schonen Wissen- 

8* 



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36 

schaften und der Dichtkunst in Anspruch. Er ist dieser Neigung 
von seinen Jugendjahren bis in sein hochstes Alter treu geblieben. 
Ein Dichter im eigentlichen Sinne des Wortes ist er freilich nicht 
gewesen, das wusste er selbst am besten : bezeichnet er doch seine 
Dichtungen im Vorwort zum „Andenken fur meine Freunde^ als 
„Unterhaltungen eines von Geschaften ausruhenden Geistes" \ er 
betrachtete die Beschaftigung rait der Poesie als eine Erholung, 
eine edle Erquickung. So sagt er in dem „meine Poesie" iiber- 
schriebenen Gedichte (Andenken p. 208. 209): 

Dir Themis weihte ich der besten Stunden Eifer, 

Da ich mit ganzer Kraft bey deiner Fahne stritt, 

Zum Zelt der Musen nur aus Lust ein Ueberl&uffer, 

Wenn der volbragte Dienst den frohen Ausweg litt. 

Wenn ich von Sorgen matt aus zankenden Gerichten 

Zum liederreichen Hain und bunten Garten schlich, 

Vom richterlichen Ernst die Seele frey zu dichten, 

Dann gab die Muse Trost, Gedanken reimten sich. 

Oft, wenn des Landes Dienst verschwiegne Grillen weckte, 

Mein Amt oft dornenvoll und unpoetisch war, 

Wenn selbst das Kriegsgeschrey rnein Tusculanum schreckte: 

Dann tauschte mein Gesang Miih, Dornen und Gefahr. 

Sehr hiibsch ist das Nachwort zu seinen vermischten Ge- 
dichten „An meine Gedichte" (Andenken p. 234): 

Kinder fliichtger Poesie ! solte ich euch zu den Flammen, 
Oder als Zigeunervolk wild umher zu ziehn verdammen? 
Ich erzog euch. Es ist hart, euch zu todten, zu enterben; 
Gehtnurhin und seyd gedruckt; dann mogtihr natiirlich sterben. 

Am meisten zog es ihn, wie schon seine grosseren Dichtungen 
beweisen, zur religios-betrachtenden Poesie, und da mochte ich 
noch auf zwei geistliche Lieder aufmerksam machen, welche sich 
am Schlusse des „Andenkens" abgedruckt vorfinden ( n Dir opfert 
meine Seele Dank" p. 302, und „Seele, suche du dein Gliick da, 
wo es zu linden" p. 304) und nach Gittermanns Urteil einen Platz 
in den Gesangbuchern verdienten. 80 ) Mit Derschaus Dichtungen 
ging ein neuer frischer Geist durch Ostfrieslands Gauen. Er 
hatte in jeder Beziehung der Wahl seines Konigs Ehre gemacht. 
Moge sein Andenken gesegnet bleiben! 



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Bellage %. 



Verzeichnis der Schriften yon Derschaus. w ) 

1. Dissertatio de aetemitate mundi impossibili. 

2. Pylades und Orestes. Liegnitz 1747. 96 S. 4°. 

(Wiener deutsche Schaubuhne VII. Andenken fiir 
raeine Freunde p. 1 — 91.) 

3. Der adeliche Freyer, Lustspiel- v. D. Stettin 1751. 8°. M ) 

4. Lutheriade. Aurich 1760. 1761. 2 Teile (12 Gesftnge). 
IV 183 und 192 S. 8°. 

Neue Ausgabe unter dem Titel: Die Reformation. 

Halle, Curt, 1781. 8°. 
Dritte Ausgabe unter dem alten Titel. Aurich 1797. 

XVI 282 S. 

5. Der Tempel der Gerechtigkeit. I. Halle (Aurich und 
Leipzig) 1758. II. Berlin, Decker, 1777. 

6. Andenken fur meine Freunde. Aurich 1772. II 308 S. 8°. 

7. Uber die Verminderung der Kriege. Buchh. d. Gel. 
Dessau 1782. 18 Bogen. 8°. 

8. Betrachtung eines Greisen iiber die Religion. Aurich 1785. 
190 S. 4°. 2. Aufl. Aurich 1796. 184 S. 

9. Neue Muthmaszung von den an der Kirche zu Marienhafe 
in Ostfriesland befindlichen steinernen Bildern. Aurich 1787. 
39 S. 8°. 

10. Kleine theolog. Aufsatze eines Layen, mit einer Vorrede 
des Generalsuper. Jani. Stendal 1792. 8°. 

11. Fortsetzung derselben. Oldenburg 1796. 

12. Letzte Blicke eines Greises in die Welt und Ewigkeit. 
Oldenburg 1796. 

13. Ueber Gleichheit, Freyheit und Demokratie. Aurich 1799. 



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Bellage 3. 



Derschaus Wappen. 

(Die folgende Wappenbeschreibung riihrt von der sachkundigen Hand des 
Herrn J. Holtmanns in Cronenberg her.) 

S child: golden bordiert, in Rot zwischen zwei einander 
zugewendeten silbernen Widderkopfen mit kurzem Halse eine 
runde, auf einem viereckigen Sockel stehende blaue Saule, oben 
mit einem gninen (Lorbeer-) Eranze behangen. Helm: gekront, 
ein vorwarts sehender Widderkopf. Helmdecken: rot-silbern. 

Dieses Wappen wurde dem Urgrossvater des Genannten, 
dem Professor jur. prim, zu Konigsberg in der Adelsbestatigung 
d. d. Konigsberg 20. Marz 1663 durch den grossen Kurfursten 
„zum Unterschiede von den andern seines Namens und Geschlechts" 
verliehen, nachdem sein Vater (nebst seinen Brudern Bernhard 
und Johann) d. d. 15. Dezember 1602 bereits eine kaiserliche 
Renovation des s einem Altervater Bernhard v. D. d. d. 15. De- 
zember 1578 erteilten Reichs-Adelsstandes erhalten hatte. 

Das urspriingliche Familien wappen ist in den „Historischen etc. 
Beytragen (die konigl. Preuss. und benachbarten Staaten betr., 
Dessau in der Buchhandlung der Gelehrten , gedruckt zu Berlin 
bey Unger dem jiingern 1781, Abtheil. IV, pag 243)" wie folgt 
mitgeteilt : 

Schild: silbern bordiert, in Rot zwei einander zugewendete 
silberne („schwartz-braune u ?!) Widderkopfe mit Hals, der aus 
dem. Schildrande hervorwachst. Helm: gekront, ein vorwarts 
sehender Widderkopf. Helmdecken: rot-golden. 

(Vergl. Koehne III, 4; Gritzner, Matrikel, p. 5; Klingspor, 
Baltisches Wappenb. 1882, Taf. 26; bei Klingspor ist das Wappen 
der kurlandischen Linie gegeben, die den Baronstitel fuhrt 
und das Diplom d. d. 15. Dezember 1578 schon ein Renovations- 
diplom nennt.) 



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Beilage 1. 



Stammtafel der preussischen 1 



Bernhard f 1590, Ratsherr in Di 



1) Bernhard geb. 25. Marz 1560 t 23. August 1632, 
Hofger.-Rat, Adels-Renovation 15. Dez. 1602. 



2) Johann 1562-1616 Kurf 

Adels-Renovation 15. Da 

landisch 



Bernhard geb. 17. Juli 1591 f 13. MSrz 1639, 

Dr. theol, Assessor des Samland. Consist., Pfarrer 

der Altstadt. 



Beinhold geb. 1. April 1600 

Prof. Jur. in Konigsberg, Hoi 

Assessor, erhielt 1663 20. Ma 

vom grosser! Km! 



Reinhold 
geb. 24. Sept. 1632 
t 10. (5.) Apr. 1671, 
Theol. Lie., Erzprie- 
ster zu Rastenburg. 



Bernhard 

geb. 22. Sept. 1667 

t 28. Marz 1744. 

I 

Karl Friedrich 

geb. Marz 1699 

f 6. August 1753, 

Generalmajor. 



Bernhard 

geb. 16. Nov. 1634 

t 9. Mai 1676, 

Hofger.-Rat. 



Albrecht Friedrich. 
geb. 1674 f 19. Sept. 1743, 
Hofger.-Vicepras. u. Spitt- 
ler zuKonigSDerg, Erbherr 
auf Sausgarten, Tolkeim, 

Suplitten. 

Gem. 1) Maria Dorothea 

geb.Radewaldt 1687—1707, 

verheir. 16. Febr. 1706. 

Maria Charlotte 

geb. 12. Juli 1707 

t 25. Dez. 1753, 

zweimal verheiratet. 

2) 171,1 Louise Christina 

v. Negelein f 1736. 



Albrecht 
1636-1708. 



Louise Juliane 
geb. 12. Okt. 1712 

f 1. Nov. 1801, 

Gem. 1734 Fabian 

Albrecht v. Ostau 

1686-1742. 



Helena 
Gem. v. Derschau 
auf Waldhausen. 



Karl Friedrichj 
Assistenzrat 



Hans Albrecht, 
Hauptmann. 



Christoph Friedrich 
geb. 12. Jan. 1714 

t 19. Dez. 1799. 
Gem. 1759 Juliane 

Sophie vpn Wedel 
t 1774. 



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e der Familie von Derschau.") 



urn im Kneiphof zu Konigsberg. 



Rat und Hofger.-Rat, 
Stammvater der kur- 



3) Reinhold Ratsherr zu Tilsit, erhalt Adels-Renovation 
15. Dez. 1602. 



April 1667, 
ad Obertrib.- 



Friedrich 

geb. 1. Marz 1644 

f 5. April 1713, 

Dberappellationsger.-, 

Hof- und Tribunalsrat, 

Biirgerm. der Altstadt 



Christian WUhelm 

1652-1711, 

Trib.-Rat. 



Reinhold Christian 
1679-1742, 
Generalmajor, General- 
adjutant. 



Friedrich WUhelm 

1723-1779, 

Generalpostmeister, Drost 

zu Moers und bevollm. 

Minister beira Kan ton Bern. 



tiard Ludwiq 
geb. 1718 
2- Aug. 1759 
Kunersdorf, 
ttmeister im 
&im. Waldau. 



Albrecht WUhelm 
geb. 1722/23 

f 25. Aug. 1758 
bei Zorndorf, 

Prem.-Lieut. im 
Reg. Dohna. 



Christian Gottlieb 
geb. 1725. 



August Ernst 
geb. 1734. 



Albertine 
f 1797 
unver- 
mahlt. 



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43 
Anmerkungen. 

*) Als Quellen fiir diesen Aufsatz standen mir ausser den wichtigsten 
Schriften Derschaus und seinem Stamrabuche, dessen Kcnntnis ich der Libe- 
ralitat des Arehivars Herrn Dr. Herquet in Aurich verdanke, folgende Schrif- 
ten zu Gebote: Goldbeck, Litterar. Nachrichten von Preussen, Leipzig und 
Dessau 1781. 83. I p. 150, II p. 131 ff.; Ostfriesische Mannigfaltigkeiten 1785 
p. 217. 391 ; Wiarda, ostfries. Geschichte Vin p. 381 ff. IX p. 23 ff. 78 ff. be- 
sonders p. 81 Anm.; F. J. Mtiller, Ehrendenkraal, Norden 1800; Westfalischer 
Anzeiger *oder Vaterlandisches Archiv zur Beforderung und Verbreitung des 
Guten und NUtzlichen, 6. Bd. 1801 Nr. 39 p. 621 ff., Nr. 47 p. 750, 7. Bd. 
Nr. 103 p. 1641 (Mitteilnng des Herrn J. Holtmanns in Cronenberg); Pallas, 
eine ostfriesische Jahres-Schrift, Norden 1802 p. 68 ff; Rotermund, gelehrtes 
Hannover I (1823) p. 449 f.; J. Ch. H. Gittermann in der allgemeinen Ency- 
klopadie von Ersch und Gruber Sect. I Bd. XXIV (1833) p. 217 ff; Goedeke 
Grundriss zur Geschichte der deutschen Dichtung II (1862) p. 518, p. 552 f. ; 
Kelchner, v. Meerheimb und Steffenhagen in der Allgem. deutschen Biographie 
Bd. V (1877) p. 67 f.; Gallandi in der altprcuss. Monatsschrift 1882 1. u. 2. Heft 
p. 53 ff. 

*) Vgl. Gallandi, a. a. O. p. 53. 

8 ) Am 1. Febr. 1817 wurde flir die ganze Familie eine Anerkennung des 
Adelsstandes durch Attest ausgesprochen, vgl. Gritzner, Matrikel p. 5. 81 (Mit- 
teilung des Herrn J. Holtmanns in Cronenberg). 

4 ) Vgl. Steffenhagen a. a. 0. p. 67 f., Gallandi a. a. 0. p. 54. 

6 ) Vgl. Goedeke a. a. O. p. 518, Steffenhagen a. a. 0., Gallandi a. a. O. p. 57 . 
«) Vgl. Goedeke a. a. 0., Gallandi a. a. 0. p. 54. 

7 ) Muller a. a. 0. p. 13 f., v. Meerheimb a. a. 0. p. 67. 

8 ) Muller a. a. 0. p. 9, Gallandi a. a. 0. p. 56. 

9 ) Die beiden Spriiche lauten: 

Aug. Buchnerus. 
philosophari ! sanctus et sacer labor, 
Qui solus hominem absolvis et deo adseris, 
Cujus propago est. 

Addison. 
Tis not in Mortals to command Success; 
But, we'll do more; Well deserve it. 

10 ) Orest und Pylades, oder Denkmal der Freundschaft. Trauerspiel. 
Liegnitz 1747. 96 S. 4°. Die deutsche Schaubiihne zu Wien nach alten und 
neuen Mustern, VII. Wien 1758 8°. Andenken fur meine Freunde, Aurich 1772 
p. 1—91 u. d. T. Pylades u. Orestes. 

") „Der Westphalische Beobachter, eine Wochenschrift. Erster Theil. 
CI eve, gedruckt u. verlegt bey der Wittwen des Kbnigl. Pr. Hof-Buchdruckers 
J. R Sitzmann seel. a Dieser Teil enthalt 50 Stucke vora 24. Mai 1755 bis 



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44_ 

8. Mai 1756. Als Herausgeber werden bestimmt von Zeitgenossen genannt 

Derschau und der Landrichter Goecke in Altena, damals Reg.-Referendar in 

Cleve, vgl. Westphal. Anzeiger 1799 Nr. 85 p. 1367- (Mitteilung des Herrn 

J. Holtmanns in Cronenberg.) 

12 ) Vgl. J. Holtmanns im Ostfries. Monatsblatt 1882 Maiheft p. 208 ff 
18 ) Vgl. iiber ihn Herders Werke, herausg. von Suphan XII p. 278 ff. 

454 ff. Reershemius, ostfrieslandisches Prediger-Denkmahl p. 107. 450. Pallas 

vom J. 1802 p. 45. 75 ff. 

M ) Vgl. J. G. Gerdes, dem Andenken des verewigten Generalsuperinten- 

denten G. J. Coners, Auric h 1797. Reershemius a. a. 0. p. 84 ff. Pallas p. 36 ff 

15 ) AusfUhrlicher habe ich iiber dieses Gedicht gehandelt im „Archiv fur 
Litteraturgeschichte a , herausg. von Schnorr von Carolsfeld 1882 XI p. 353 ff. 

16 ) Vgl. Ostfries. Monatsblatt 1878 Maiheft p. 193 ff., wo ich eine genaue 
Analyse der beriihmten Schrift zu geben versucht habe. 

17 ) Dass Coners Verfasser jener Notiz sei, verdanke ich der Mitteilung 
des Herrn Generalsuperintendenten Bartels in Aurich. Vgl. Gerdes a. a. O. p. 56. 
Ganz ebenso wie Coners urteilt N. G. J. in S-n. im Westfal. Anzeiger 1801 
VI. Bd. Nr. 39 p. 621 ff. 

18 ) Gotz war 1742 eine Zeitlang Hauslehrer und Hausprediger bei dem 
damaligen preussischen Kommandanten von Emden Major von Kalkreuth, vgl. 
Kurz, Gesch. d. deutsch. Litter. II p. 526, Goedeke a, a. O. p. 582. 

19 ) Vgl. auch Kelchner in der Allgem. deutschen Biogr. V p. 67. 
*>) Vgl. Miiller a. a. O. p. 26. 

21 ) Hauptquelle fiir das Folgende ist natiirlich Wiarda VIII p. 387 ff. ge- 
wesen. 

") Vgl. die Stammtafel Nr. XIX bei Wiarda Bd. IX. 

») Vgl. Wiarda IX p. 22 f. 

2 *) Zum Folgenden vgl. Wiarda IX p. 20 ff 

2B ) So berichtet Miiller a. a. O. p. 25 nach Derschaus eigener Mitteilung. 

w ) tiber die dritte Invasion vgl. Wiarda IX p. 78 ff. 

«) Goedeke a. a. 0. giebt falschlich den 14. Dez. als Sterbetag an. 

28 ) Es scheint, als ob anfanglich die von Derschau selbst verfasste Grab- 
schrift anders gelautet habe ; wenigstens berichtet ein Anonymus (N.-G.-J. in 
S-n.) im Westfal. Anzeiger von 1801 Nr. 39 noch von einem Zusatze, der sich 
auf der Inschrift befunden haben sollte, und ihm ist Gittermann a. a. 0. p. 219 
gefolgt. Hinter den Worten namlich: „seine Seele zu retten u soil es weiter 
geheissen haben: „Lebender! Dies Grabmal verlangt von dir kein -Mitleid. 
Aber wer diesen Leichenstein, oder diese Toden-Asche wegnimmt, oder stort, 
oder wegzunehmen oder zu storen befiehlt, der verlebe seine Tage in steter 
Unruhe! Er werde von Schrecken und Reue gequalt. Er sei der Einzige, dem 
der Verstorbene jemals geflucht hat. a 

Unmoglich kann die Ahnlichkeit, welche dieser Ausspruch mit der auf 
Shakespeares Grab befindlichen und angeblich von ihm selbst herruhrenden 



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45 

Inschrift hat, eine zufallige sein, eine bewusste Anlehnung muss hier stattge- 
funden habeu. Dieselbe lautet (bei W. Irving, Sketch Book p. 248 Tauchnitz): 

Good friend, for Jesus' sake, forbeare 
To dig the dust enclosed here: 
Blessed be he that spares these stones, 
And curst be he that move my bones. 

Die einzig mogliche Losung der hier vorliegenden Differenz scheint die 
Annahme zu bieten, dass der urspriingliche Grabstein spater von dem Neffen 
Derschaus erneuert und dabei ein Teil der frtiheren Inschrift als ungeeignet 
weggelassen worden sei. 

») Vgl. Miiller a. a. 0. p. 31 f., darnach N.-G.-J. im Westfal. Anzeiger 
1801 Nr. 103 p. 1641 init einem argen Missverstandnisse in betreff der Poly- 
glotte des Kardinals Ximenes. 

M ) Auf Derschaus Wunsch erschienen zu Aurich 1794 „Betrachtungen 
und Gebete zur Beforderung der Hausandacht u , woran ausser ihm selbst der 
Generalsup. Coners, Konsistorialrat Gossel, Konsistorial- A ssessor Ihmels, Kon- 
rektor Miiller Mitarbeiter waren. Es wurden auf seine Kosten 800 Exemplare 
gedruckt, gebunden und an durftige Mitglieder der evang. luther. Gemeinden 
Ostfrieslands verschenkt. 

31 ) Im wesentlichen nach Gallandi a. a. O. mit einzelnen Erganzungen 
nach Mullers Ehrendenkmal. 

M ) Die Schriften v. Derschaus scheinen sehr selten, auch in Ostfriesland, 
geworden zu sein; ihre Auffindung wird erheblich erschwert durch den Urn- 
stand, dass Derschau alle seiue schriftstellerischen Arbeiten, soviel mir be- 
kannt, anonym erscheinen liess. Nicht einmal in der von Derschau hinterlassenen 
Bibliothek sind Exemplare aller seiner Schriften aufzufinden gewesen ; dagegeu 
konnte ich die Handexemplare der „Lutheriade a und des ^Andenkens" durch 
die Liberalitat des Archivars Herrn Dr. Herquet in Aurich benutzen. 

* 3 ) Dieses Drama habe ich bis jetzt nur bei Goedeke a. a. O. citiert 
gefunden. 



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Die Mennoniten in Ostfriesland, 

II. Die Mennoniten unter der graflichen 
Regierung 1562 — 1648.*) 

Von Pastor Dr. M tiller in Em den. 

In den letzten Jahren der langen vormundschaftlichen Re- 
gierung Grafin Anna's (1548—62) wird es von den Taufern in 
Ostfriesland stille. Wohl rief ihre Gegenwart zu wiederholten 
Malen die Geistlichkeit der Grafschaft in die Schranken; doch 
Hess die oberste landesherrliche Gewalt sie wesentlich unbehelligt. 
Ausser der bereits feststehenden Praxis mag zu solchera Verhalten 
auch dies namentlich beigetragen haben, dass der fruher ver- 
haltnismassig zahlreiche und dazu sich stetig wiederholende Zuzug 
von fremden Taufern, wie es scheint, wahrend jener Zeit iramer 
mehr auf ein unbedeutendes und geringes Mass herabsank. 
Welche Griinde diese Verrainderung veranlasst haben mogen, ist 
allerdings nicht bekannt, doch lassen sie sich leicht erraten. Ohne 
Zweifel narnlich wird man daftir ins Auge zu fassen haben so- 
wohl die lange Dauer der bereits vorhergegangenen Einwande- 
rung, wie auch die Uberhandnahme der mittlerweile auch in den 
Niederlanden aufgekommenen calvinistischen Lehre. So sind 
denn auch, was gleichfalls wohl zu beachten, die zu des Grafen 
Edzard's II. und seines Bruders Johann Zeiten in der Grafschaft 
ansassigen Taufer nicht auf Eine Linie zu stellen mit ihren fruher 



*) Vergl. Jahrbuch IV 2, p. 58 ff. 



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47 

mehr nur an- und abreisenden, heute koramenden und morgen 
gehenden Brudern. Erlaubt die Wahrheit nicht ihnen nachzu- 
ruhmen, dass sie sich unter einander grosser Friedensliebe und 
Eintracht befleissigten ; jedenfalls hatte die Zeit dies bei ihnen 
zuwege gebracht, dass das so stark wahrend ihres Aufkommens 
vertretene schwarmerische oder revolutionare Element jetzt be- 
seitigt und ganz und gar verschwunden war. Wie dies namlich 
auch sonst bestimmt und ohne Widerrede feststeht, so gewinnt 
man denselben Eindruck aus einer unterm 9. Januar 1577 an den 
Grafen Edzard erlassenen, freilich nur im Entwurf im hiesigen 
stadtischen Archiv vorhandenen Klageschrift des Magistrate von 
Emden. Zur Unterstutzung einer, wie es scheint, wiederholten 
Bitte der stadtischen Geistlichkeit, ausgesprochen in einem Dank- 
schreiben derselben wegen eines von der graflichen Regierung 
angeordneten Fasten- und Bettags, bringen Burgermeister und 
Rat darin unter vielem andern diese namentliche Beschwerde vor, 
„das die wider Teufer sich teglichs nitt allein mehern, nit alleine 
in die fiirnemeste heuser unnd nharigste orter E. G. Stadt sedzen, 
grosze handell Societet unnd Kaufmannschafft treiben, Sondern 
auch offentliche Conventicula Irer furfurische falscher Lehre in 
groszer ansehenlicher Anzall zu halten, Predigen unnd sehen zu 
laszen, sich unterstehen." Zwar wird fraglich sein, ob nicht einige 
Ubertreibung hier mit unterlauft, indem der Magistrat in seinem 
Eifer die soziale Stellung der Verklagten etwas zu sehr heraus- 
strich 5 jedenfalls aber schildert er sie so, dass kein Zweifel be- 
stehen kann an ihrem ruhigen, wenn auch immerhin noch etwas 
uberspannten Wesen. 

Doch fangen, trotzdem somit der eigentliche Hauptanstoss 
schwand, um diese namliche Zeit jene Plackereien an, worin man 
sich, hier wie anderwarts, dann weit uber ein Jahrhundert lang, 
fast bestandig gegen die wehr- und harmlosen Leute gefallen hat. 
Was Veranlassung dazu gegeben hat, mag wohl zum grossen Teil 
die allgemein gleichsam in der Luft liegende dogmatische Be- 
fangenheit der Zeit gewesen sein, und waren jene damit, wenn 
nicht zu rechtfertigen, so doch zu entschuldigen ; doch wird man, 
um gerecht zu sein, daneben nicht leicht urahin konnen sie zuriick- 
zufuhren auf andere weniger plausible Motive. So liegen Falle 



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48 

vor, wo unzweifelhaft nur die reine Borniertheit, namentlich aber, 
wo ofFenbar nichts Geringeres als Neid und Habsucht den Sinn 
der bandelnden Partei bestimmt und auf ihr Vorgehen ihren Ein- 
fluss geubt haben. Schon das eben erwahnte Schreiben des Em der 
Magistrats weist ganz unverkennbar auf solche Gesinnungen hin; 
wir werden sie aber, und zwar insonderheit die zuletzt genannte, 
namentlich in den Beziehungen zu Tage treten sehen, welche 
das landesherrliche, sowohl grafliche als furstliche, Regiment zu 
diesen seinen Unterthanen immer unterhielt. Gleich der ailer- 
erste Erlass Edzard's giebt dafur einen Beweis ab. Als nach 
dem unglucklichen Verlauf der Schlacht bei Jemgum der dadurch 
verursachte Schrecken viele der aus den Niederlanden fruher 
schon Eingewanderten veranlasste ihren Stab weiter zu setzen, 
hat ofFenbar die Regierung die Gelegenheit nicht unbenutzt lassen 
wollen , daraus Kapital fur sich , namentlich fur ihre Kasse , zu 
schlagen. Am 6. August 1568 also liess Graf Edzard von Aurich 
aus an Burgermeister und Rat von Emden ein Schreiben richten 
folgenden fur die BetrofFenen hochst unheilvollen Inhalts. Darin 
wurde naralich verordnet, den bereits fluchtig gewordenen Taufern 
ihre hinterlassene Habe einzuziehen, sowie auch sie selber nach- 
traglich ausdriicklich der Stadt und des Landes zu verweisen ; die 
noch sesshaft gebliebenen aber ebenfalls mitKonfiskation und ewiger 
Verbannung heimzusuchen. Die Halfte des eingezogenen Guts 
sollte dabei der Stadt, die Halfte dem graflichen Fiskus anheira- 
fallen. ') Ob dem Befehl die Ausfuhrung gefolgt ist, mussen wir 
nun wohl dahin gestellt sein lassen, indem irgendwelche darauf 
bezugliche, briefliche oder sonstige Andeutungen uberall nicht vor- 
liegen ; doch hat jedenfalls zur Beseitigung des Ubels weder der 
eine noch die andere viel gefruchtet. In einem Briefe vora 
14. Juli 1576, ebenfalls wie der vorige an den Emder Magistrat 
gerichtet, wird aufs neue diesem ans Herz gelegt, den Taufern 
scharf auf die Finger zu sehen und ihr Unwesen nicht zu dulden. 
Alle diejenigen, welche sich dessen schuldig machten, gleichviel 
ob sie sich offentlich daran beteiligten oder im Geheimen, seien 
unverzuglich vorzuladen, und sei ihnen bei Verlust des Lebens 
und ihrer G titer die sofortige ganzliche Einstellung ihres bis- 
herigen Thuns zu befehlen. a ) Und als darauf, wie ich oben 



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schoD anfuhrte, im nachsten, d. h. 77. Jahre, der genannte Magi- 
strat selbst sich diesmal veranlasst sah, bei dem Grafen vorstellig 
zu werden und sich uber das Auftreten der Taufer wie iiber ihre 
Lehren zu beklagen, da nahm Edzard gerne die Oelegenheit wahr, 
seinem Grimm gegen die verhasste Sekte vollen Lauf zu lassen. 
In einem Antwortschreiben auf die erwahnte Emder Klageschrift, 
gleich nach Em p fang derselben, namlich schon am 13. Januar 
d. J. erlassen, spricht er iiber die in jener angefuhrten Tbatsachen 
sich nicht nur hochst beileidig aus, sondern verspricht zugleich 
den Klagern schleunige und gewissenhafte Abhiilfe. Er sehe es 
als seine Pflicht an, so aussert er sich in seinem Schreiben, den 
gerugten Mangeln abzuhelfen, weil ja auch die Erf ah rung lehre, 
wie gar verderblich und schadlich dieselben auf die Dauer wirkten. 
Er sei darum willens gewesen, schon vor dem Empfang ihrer 
Klagen, auf jene Ubelstande einzugehen und die Meinung auch 
des Emder Magistrats daruber einzuholen, sei aber zu seinem 
Bedauern durch andere vorkommende Geschafte an seinem Vor- 
haben verhindert. Doch werde er darauf jedenfalls bei der 
nachsten Gelegenheit bedacht sein, und empfehle er mittlerweile 
dem Magistrat die grosste Vorsicht und Sorgfalt. Insonderheit 
solle dieser hierauf achten, den Taufern sowohl das offentliche 
als heimliche Predigen zu untersagen, sowie ihre Zusammenkunfte 
aufzuheben bezw. aufs strengste zu verbieten. 8 ) 

Auch hat Graf Johann, wie dies zwischen den graflichen 
Br iid em bekanntlich haufiger vorkam, sich seines Rechtes nicht 
begeben wollen ahnlich wie sein Bruder in dieser Angelegenheit 
zu handeln. Von seiner damaligen Residenz Leerort aus erliess 
er gleichfalls unterm 13. Januar 1577 auch seinerseits einen Brief 
an die gebietenden Herren in Eraden, worin er ihnen aufs 
dringlichste empfahl, ja die Sache nicht ruhen zu lassen. Sein 
Gemut — so lasst er jenen schreiben — sei wegen des Uber- 
handnehmens der Taufer aufs ausserste beschwert, und furchte 
er, wenn nicht eingeschritten werde, davon noch weiteres Unheil. 
Diesem vorzubeugen, moge demnach der Rat die Verdachtigen 
vor sich bescheiden, zugleich aber samtliche Prediger der Stadt zur 
Beiwohnung der Verhandlungen auffordern. Sollten dann die also 
vorgeladenen Taufer, trotz weltlichen und geistlichen Zuspruchs, 

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bei ihren Meinungen verbleiben, so solle man sie unverziiglicb, 
obne die geringste Nachsicht, aus der Stadt setzen : falls sie aber 
der an sie zu richtenden Belehrung sich zuganglich zeigten, so 
solle man Nachsicht u'ben und vorlaufig milder vorgehen. 4 ) Den- 
noch war es immer Graf Edzard, der sich der Sache am meisten 
annahm. Im Februar 1578, — freilich ohne dass inmittels erhellt, 
dass der Graf sein in dem zuletzt erwahnten Schreiben gegebenes 
Versprechen, so ernstlich er es gemeint haben mag, entweder ge- 
halten hat, oder nur hat halten konnen — , finden wir ihn bereits 
wieder in Thatigkeit. lhm sei berichtet, so schreibt er, es sei 
in Em den von der Kanzel gesagt worden, es wiirden wohl an 
die tausend Wiedertaufer nachster Tage aus den Niederlanden 
in Emden ankommen. Es sei aber sein ernster Wille, diese Ein- 
wanderung nicht zuzulassen, und habe demnach der Magistrat 
dafur zu sorgen, dass die Ankommlinge gleich beimgeschickt 
wiirden, oder wenigstens, dass ihnen nicht erlaubt wiirde, in 
Emden sich niederzulassen. 5 ) Seinen Hauptstreich aber hat er 
vier Jahre spater gefuhrt, wie derselbe zugleich, wenigstens nach 
den Akten zu schliessen, die letzte Verordnung gewesen ist, die 
uberhaupt gegen die Taufer von ihm ausging. Zur Zeit n&mlich 
seiner bekannten Bestrebungen, •) durch Einfuhrung einer Kon- 
kordienformel den damals in seinen Landen herrscbenden und 
ihm hochst unbequemen dogmatischen und Kirchenstreit zu 
schlichten, erschien am 13. August 1582, datiert von Schloss 
Friedeburg, ein graflicher Befehl folgenden Inhalts: Es sei zu 
grossem Leidwesen des Grafen an vielen Orten der Grafschaft 
in letzter Zeit dahin gekommen, dass ein grosser Teil der Bewobner 
derselben vom Gottesdienst und Gebrauch der Sakramente sich 
beharrlich fern halte. Nun sei es aber jeder christlichen Obrig- 
keit, als der von Gott verordneten Huterin des Gesetzes, 7 ) durch- 
aus nur gebotene Pflicht solch heillosem Unwesen zu steuern. 
Gegen die „einreiftenden Verachtungen Gottliches Wordts, des 
Predigerambts und Gebrauchs der Heiligen Sakramenten," wie 
zur Pflege der ^Gottseligkeit undt Gehor Gottliches Wordts, da- 
durcb der Glaube erleuchtet wirrdt," werde demnach befohlen 
und verordnet, jeglicher Unterthan, er sei Mann oder Weib, habe 
fortan die Kirche zu besuchen. „Ernstlich u , wie es heisst, „undt 



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bey Vermeidung einer Arbitrari Poen, auff den Fall ihres Unge- 
horsam8 unnachlassig zu bezahlen", wird ihnen anbefohlen, „dass 
sie, so offt das Wordt Gottes in unsern Eircben diefies unseres 
Ampts gepredigt, daB Heilige Nachtmahl auBgetheilet, darin sicb 
niederlassen, undt derselben (leibes schwachheit und Oottesgewalt 
allein auBgenommen) nicht euBeren, auch ibre Kinder undt Ge- 
sinde darzu fleissiglich anhalten undt weiBen sollen." Insonderbeit 
aber sei darauf ein Auge zu haben, wie „auch die beiwobnunge 
derjenigen, welche mit der verdampten Secten der Wiederteuffer, 
Mennoniten und dergleichen falschen Lehren behafftet, zum hoch- 
sten schadlicb undt Viel Einfeltige Burger undt Haufileuthe unser 
St&tten, Fleckhen undt Dorffern, von der gemeinen Christlichen 
Kirchen, dar Gottes reines Wordt gelehret und geprediget, dar- 
durch jammerlich verfuhret undt befleckt." Allen graflichen 
Untertbanen wird ernstlicb und aufs nachdriicklichste demnacb 
zur Pflicht gemacht, „keinen Wiedertauffern, Mennonitten undt 
anderen Ibrer angehorigen Secten einig HauB, Hertstatte undt 
Landereien nun fortbin — zu verheuern oder zu verkauffen, sondern 
sicb desselben ganztlicben zu enthalten, alles bei Verborung des- 
selben verbeuerten oder verkaufften HauBes, Hertstatte und Lan- 
dereien." Sollte sicb aber gar herausstellen, es sei irgend jemand, 
entweder Burger oder Hausmann, der Sekte beigetreten und babe 
die „Gemeine Cbristi" d. b. die Kirche, verlassen , so solle derselbe 
dem Grafen w mit HauB, Hof, Landt, Sandt und sonsten Verfallen 
seyn," somit bis auf das nackte Leben. Dabei soil es alien 
„pastoren, Kirchendienern , Vogden undt AuBkiindigern ," bei 
ibrer dem Grafen scbuldigen Pflicht, anempfoblen und „fein 
ernstlicb eingebunden" sein, jeden Ubertreter des Gebots unver- 
ziiglich zur Anzeige zu bringen, „alB lieb einem iedglicben ist 
unsere schwerer Ungenad zu vermeidten," Ob dennoch dieser 
Erlass, wie drobend auch abgefasst, uberhaupt etwas, geschweige 
denn viel gefruchtet, unterliegt, ziebt man insonderheit die fol- 
genden Zeiten in Betracht ; allerdings einem rechtmassigen Zweifel. 
Auch zu des Grafen Enno's III. Zeiten war den in der 
Grafschaft ansassigen Mennoniten nur wenig Buhe gestattet. 
Eine Anderung tritt nur insofern ein, — entsprechend der meister- 
zeit vorherrschenden politischen Lage — , dass von nun an die 

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graflich-fiirstlichen Mandate mehr nur die in Norden und im 
Norder Amt, uberhaupt die ausserhalb Emden's und seines Stadt- 
gebietes wohnhaften Taufer betreffen. Aus den ersten 10 — 12 
Jahren der sechsundzwanzigjahrigen Regierung des genannten 
Fiirsten liegen Akte oder Dokumente allerdings nicht vor, die 
auf irgend eine Gewaltmassregel hinzielen. Aucb in einem Briefe 
des lutherischen Predigers zu Norden, M. Johannes Snoilsky, an 
den Grafen Ulrich II., worin derselbe diesem seinem Landesherm 1 
um ihn zu gleichem Eifer anzuspornen, alle von dem verstorbenen 
Grafen verordneten Erlasse gegen die Mennoniten samtlich der 
Reihe nach vorfuhrt, wird der alteste darunter nicht weiter zuriick- 
datiert als auf den 23. November 1612. Unter diesem Datum 
namlich (oder eigentlich zwei Tage fruher, am 21. November) 
wurde von Esens aus ein grafliches Handschreiben erlassen an 
den „Hochgelahrten Rath, auch Ambtmann zu Norden, -— Hectori 
Friederichs, derer Rechten Doctori". Darin wurde demselben 
anbefohlen, weil „sich die Pastoren zu Norden beklaget, daB 
sich die Mennoniten undt Wiedertauffer daselbst nicht all ein fast 
hauffen undt vermehren, sondern auch unterstehen sollen, ihrer 
lehr undt secten offentlich exercitium undt zusammenkunfft eben 
auch zu solcher zeit zu halten undt fortzubreiten, wann sonsten 
zur Kirchen gelautet, undt christliche Predigten gehalten werden, 
undt also auch viel der Einfaltigen Christen an sich ziehen", 
genaue und scharfe Acht auf die Urheber dieser Klagen zu haben. 
Er solle deshalb die Pastoren als Klager zur Ausfertigung eines 
Verzeichnisses der also Verklagten veranlassen, „aller derselben, 
sonderlich welche Wohnung, Fewer undt Rauch halten", in der 
Stadt sowohl wie im Amte, „in waft heusern sie wohnen, in 
welchem sie ihre zusammenkunfft undt predigt halten, wer ihr 
Pastor sey undt wie der heifte"; alles in Gewartigung d em nach - 
stiger fernerer Verordnung. Doch muss bei diesem ersten Erlass 
wohl nicht viel, wie man sagt, herausgekommen sein, da schon 
im nachsten Jahre die Klage wieder anhebt. Durch ein Schroiben 
vom 20. November 1613 wird der vorher erwahnte grafliche Amt- 
mann Friederichs von neuem in Kenntnis gesetzt, dass die Prediger 
sich beim Grafen beschwert hatten , „ welch ergestalt die Wieder- 
tauffer sich kuhnlich unterstehen sollen, in einem von ihnen dazu 



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aptirten Haufte ein ofFentlich exercitiura ihrer Religion anzustellen, 
undt liber das — daB ihr lehrer zwo persohnen zu copuliren 
sich unternehmen werde". Damit dem einen abgeholfen wie dem 
andern vorgebeugt werde, soil der Amtmann unter Zuziehung 
etlicher verschwiegener Ratsmanner „ein fleissiges auffmercken 
mit bestellung gewisser vertrauter persohnen darauff haben, undt 
sobaldt solcbe zusammenkunfft undt copulation angehet undt zu 
werckke gestellet wird, den lebrer so die copulation verricbtet, 
angreiffen undt verwahren". Auch liegen diesmal die Beweise 
offen vor, dass die Ausfuhrung des Befehls erfolgt ist. Vier Tage 
nach der Ausfertigung desselben, am 24. November, gelangte ein 
weiteres grafliches Handschreiben nach Norden, worin der Amt- 
mann wegen seiner Verhinderung der „furgewessene Copulation 
wiederteufferiseher Persohnen durch apprehension undt Einlegung 
Ihres BischofFs", wenn auch allerdings nur fliichtig belobt wird. 
Zugleich wurde ihm aber aufgegeben, fur diesmal den Gefangenen 
wieder frei zu entlassen, freilich nicht ohne scharfen Verweis 
und ernetliche Verwarnung fur die Zukunft. Namentlich also 
behufs letztern Z weeks sollte dem Befreiten wie auch seinen 
Freunden, privatim sowohl wie ofFentlich, angedroht werden, dass 
falls sie den Mandaten zuwider sich des Predigens und Zusammen- 
kommens feraer unterstehen sollten, der Graf sie in eine solidarische 
Strafe von 5000 Rthlrn. nehmen, und die Wohnung, worin sie 
betrofFen wurden, dem Fiskus anheimfallen werde. Auch war 
ein grafliches Publikandum dem Briefe gleich beigelegt, zur Ver- 
ofFentlichung von der Kanzel herab und durch Anschlag an den 
sonst gewohnlichen Orten. Darin wurde also ausgeftihrt, es sei 
dem Grafen „zu unterscbiedlichen Mahlen grosse Klag furkommen 
undt glaublich vorgebracht worden, wie diejenigen der Stadt undt 
Ampter Norden und Behrum eingeseBene undt Unterthanen, welche 
den im H. Reich verbothenen irrigen wiederteufferischen Secten 
zugethan, sich eine geraume Zeit unternommen, heimliche undt 
offentliche Exercitia, Zusammenkiinfften Versamblung conventus 
Predigten undt Uebungen zur auBbreithung ihres Irrthumbs, Ver- 
leitung undt Verfuhrung vieler armen schlechten einfeltigen ubel- 
unterrichteten Leuthe undt Diensten, in besagter Stadt Norden 
ungeschewet anzustellen undt zu halten". Weil sie nun uberdies 



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eine seltene Hartnackigkeit darin zeigten, insofern als solches 
Treiben bereits zu wiederholten Malen ihnen ausdrficklich unter- 
sagt sei, so konne die grafliche Regierung langer eine so grosse 
Widersetzlichkeit nicht dulden. Sie gebiete somit durch dies ihr 
„offenes Edict nochraals zu allem Ueberfluss trewlich, ernstlich 
und endtlich, alien undt jeden obbesagten wiederteufferischer 
Secten undt Irrthumbs zugethanen undt anh&ngigen, daB sie sich 
all solcher freyer Exercitien conventuum Versamblungen Zu- 
sammenkunfften lehren Predigten undt ableitung des einfeltigen 
Volckhes gentzlich enthalten, So lieb ihnen insgesambt undt 
besonders sey, neben unsrer Ungnade, die Straff von funfftaussendt 
Reichsthalern , sobaldt sie hierwieder thuen, ohne begnadung zu 
bezahlen, undt das dartiber dasjenige HauB worinnen sie der- 
gleichen Zusammenkunfft Versamblung undt Predigten gehalten 
zu haben befundten undt betrethen werden, unserm fisco heim- 
gefallen seyn, auch alsobalden eingezogen werden soil, zu ver- 
meiden". Dem graflichen „Stadthalter undt Beanipten, auch 
Burgermeistern undt Rathofficianten undt Dienern", wurde auf- 
gegeben, iiber die Publikation dieses Dekrets und fiber dessen 
Handhabung zu wachen. 

Es scheint auch, nach den Akten zu schliessen, dass die 
Mennoniten, auf diese Drohung hin, sich l&ngere Zeit hindurch 
weniger hervorgethan haben. Uber voile acht Jahre lang bleibt 
es von ihnen namlich stille ; indem weder Klagen fiber sie geffihrt, 
noch Befehle wider sie oder sie nur betreffend ausgefertigt werden. 
Zuerst wieder am Sylvestertage des Jahres 1621 findet sich eine 
Spur, dass man ihrer dennoch nicht vergessen. An die „Hoch- 
gelahrten, auch Erbaren undt WeiBen, unsern lieben getrewen 
Drosten, BurgerMeistern undt Rath" in Norden erging unter jenem 
Datum die kurze und gemessene Verordnung, dass sie „alle Men- 
noniten, wie imgleichen auch die Irrigen, so nicht der wahren augs- 
purgischen lutherischen Confession alB auch Reformirten Religion 
zugethan, so in der Stadt undt Ambt Nordten wohnen, mit deren 
Nahmen undt zuNahmen auffzeichnen" und dem Grafen „anhero 
ffirhen" sollten. Doch hat mir nicht ersichtlich werden konnen, 
was die grafliche Regierung wohl mit dieser neuen Massregel be- 
zweckt hat. 8 ) Sollte sie aber, wie wohl vermutet wird, den ersten 



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Schritt damit haben thun wollen zu einer glimpflicheren Behand- 
lung der Verfolgten, so hat doch diese Anwandlung von Duldsam- 
keit oder was sonst noch jedenfalls nicht lange angehalten. Be- 
reits am 25. September 1622 unterschrieb Graf Enno auf seinem 
Schlosse Stickhausen ein neues und letztes Dekret, welches mit 
einem einzigen Schlage die Mennoniten als vogelfrei und als voll- 
standig rechtlos hinstellte. „Nachdem", so lautet die Praambel, 
„die Sect der Wiedertauffer an alien orthen des h. Komischen 
Reichs verbothen, wie auch deswegen von KeiB. Maj. weylandt 
Maximiliano Secundo hochloblichen andenckhens absonderliche 
brieffe haben, welche wier erstes tages fortsetzen (?) undt wiederumb 
ernewen (?) wollen", sollte es kiinftig in alien graflichen Landen 
sein Bewenden beim Folgenden haben. Namlich weil die grafliche 
Regierung, wie das Schreiben ausdrucklich hervorhebt, „gedachter 
Sect zugethane fiir ihre Unterthanen nunmehr nicht erkennen" 
wolle, wurde dem Norder Magistrat dringend aufgegeben, den 
Mennoniten „wieder undt gegen weme sie auch Forderungen 
haben, kein Recht mittheilen noch wiederfahren zu lassen, da 
aber hingegen iemand wieder sie oder einen der Ihrigen spruch 
undt forderung hatt, denselben zu schleuniger expedition Rechtens 
(zu) verhelffen". Daneben sollte der Magistrat ^mit FleiB achtung 
darauff geben, wann sie ihre heimbliche conventicula halten undt 
predigen, daft er zugleich dem Vermahner undt Zuehorer ergreiffen 
undt in gefangliche Hafft bringen mogte". Den Schluss dieses 
unseligen Schriftstiicks bildet eine Ermahnung an den Magistrat, 
„vermdgte der Eyden undt pflichten", welche er dem Grafen 
schulde, diesen Befehl n mit Ernste nachzusetzen, undt mit niemand 
darinnen zu conveniren oder durch die Finger zu sehen", bei 
Strafe des allerhochsten graflichen Zornes. 

Uber die Folgen dieses strengen Befehls fiir die durch denselben 
Betroffenen sind Nachrichten oder Notizen irgend welcher Art frei- 
lich uberall nicht vorhanden. Dass sie darunter gelitten haben, ist, 
bei der ihnen iiberhaupt nicht sonderlich geneigten Stimmung in 
der Grafschaft, dennoch wohl vorauszusetzen ; wenn auch ein 
erheblicher oder nachhaltiger Schade nicht eingetreten zu sein 
scheint. Hatte namlich durch die stattgefundene Achtung entweder 
ihr Besitzstand sich vermindert, oder ware gar ihre Zahl infolge 



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derselben wesentlich gesohmolzen, so wurde, wie zu vermuten 
steht, Enno's Nachfolger Rudolf Christian sich wohl nicht zu dem 
Schritt herbeigelassen haben, den er docb ausgefiihrt hat. Noch 
im ersten Jahre seiner Regierung, am 26. Mai 1626, nahm er in 
einem offenen, von Aurich aus datierten Schreiben die Mennoniten 
unter seinen Unterthanen in seinen besondern und personlichen 
Schutz. 

Dieser grafliche Schutzbrief, — nach dessen Muster, mit wenigen 
unerheblichen Anderungen, samtliche spatere verfasst sind, — 
lautet folgendermassen : „Thuen hiermit kundt undt zu wiften", 
mit diesen Worten wird er eingeleitet, n daO wyr diejenige, welche 
sich Mennoniten nennen, unndt in dieser unser Graff- unndt Herr- 
schafften wohnen, Solchergestaldt in unsern sonderbahren schutz, 
schirmb unndt geleidt auff unndt angenommen, daB sie sich (alB 
trewen Underthanen gegen ihre hohe Landes Obrigkeit unndt 
jedermenniglichen zue thun gebuhret) schiedlichen, friedlichen 
undt unstrafflichen vorhalten." Auf diese unerlassliche und mass- 
gebende Bedingung hin wird ihnen sodann erlaubt „(daB sie) Ihre 
exercitium religionis inBgeheimb treiben", jedoch unter speziellem 
Vorbehalt „niemand mit sueBen Worten darzuelocken (zu) sollen 
unndt (zu) wollen" : wie denn den graflichen „Cantzlern, Rathen, 
Drosten, Ambtleuten, Burgemeistern und Rathen in Stadthen, 
Vogten, auBkiindigern unndt inBgemein alien officiren, Dienern 
unndt Untherthanen", aus- und nachdriicklich befohlen wird, „da6 
sie gedachte Mennonitischer religion zuegethane Persohne, biB so 
lange wir keine anders verordnen werden, bey dieser unser 
begnadungh biB an UnB schutzen unndt handthaben." Da- 
gegen, so heisst es dann weiter, haben die Mennoniten 
„zue einem unterthenigen recompens belobet unndt versprochen, 
das von jedem gebrodeten hauBgesinde, so viel deren — jedem 
termin unndt Zeit in anzahl befunden und alBdan die Register 
auBweisen werden, jahrliches sechB reichsthaler in specie, die 
eine helffte auff Michaelis, die andere helffte auff Ostern zu be- 
zahlen unndt erlegen zue lassen": widrigenfalls aber, d. h. wenn 
„von Ihnen ein oder mehr hauBgesinde verschwiegen, nicht an- 
bracht unndt davor bezahlet worden, alBdann vor das oder dieselbe 
das recompens zweyfach zu bezahlen. tf Mit der Erhebung des 



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Schutzgelds sollte es in dieser Weise gehalten werden: nach An- 
fertigung der Register ), sollten s&mtliche in der Grafschaft uber- 
haupt ansassige Mennoniten „die gelder in eines ihres mittels 
hand en lieffern, welcher dann jedesmahl selbige unB einsenden 
undt gebiibrliche quittung daruber gewerttigen soil." Ausserdem 
habe die grafliche Regie rung „sie von denen schatzungen so sie 
vor dies em an den wachtm(eiste)r zu Norden, bauptmann zu Lier 
oder sonsten iemand unser Diener undt officiren jahrliches geben 
miiBen, hiermit befreyen wollen; werden derhalben dieselbe sich 
dieser unser Verordnung zu bequemen, unndt niemandt der dar- 
innen ernannter religion zug ethane, fiber gebuhr zu beschweren 
wiBen, bey vermeydung unserer ungnadt undt arbitraren straffe." 
Am Schluss steht: „Dafl meinen wir ernstlich. Zue uhrkundt 
diBes ist dieser brieff von unB mit eigner handt unterschrieben. a 
Es soil nun nicht verkannt, geschweige denn geleugnet wer- 
den, dass die Verh&ltnisse der ostfriesischen Mennoniten durch 
den Eriass dieses Schutzbriefs gegen friiher eine sehr wesentliche 
Verbesserung und anzuerkennende Abhulfe erfuhren. Zwar von 
einem rechtlichen Zustand, den jenes Schriftstiick ihnen einger&umt 
oder sonstwie bewilligt h&tte, war es zur Zeit noch feme. Nach 
wie vor, wie zu Enno's Zeiten, standen sie nicht unter dem ge- 
meinen und fur alle geltenden Recht, sie waren vielmehr ganz und 
gar nur auf die Gunst der Regierung angewiesen : die sie uberdies 
ebenfalls nicht von Rechtswegen, sondern aus reinem Belieben in 
Schutz nahm. Wie wenig aber auf solchen Zustand Verlass war, hat, 
wenn auch allerdings nicht Rudolf Christian's kurze Regierung, 
so doch die Folgezeit baufig bewiesen; wo wiederholte und doch 
bei geordneten Verh&ltnissen unmogliche Ubergriffe von den 
verschiedensten Seiten nur zu sehr diese Auffassung bestatigen. 
Aber es war doch, in Ermangelung des Rechtes, der Schutz, dessen 
die Bedrangten genossen, imtnerhin ein wertvolles Palliativmittel. 
Kam man ihnen zu nahe, — und wie Viele, ich wiederhole es, 
erlaubten sich dies nicht ! — so waren sie doch nicht vollig wehr- 
I08; indem, von dem gegebenen Worte nicht zu reden, schon das 
Jnteresse die Regierung zwang ihre Elagen wo moglich abzustellen 
und ihnen Genugthuung zu schaffen. Ich will auch nicht unter- 
lassen gleich anfangs hier zu betonen, dass wenigstens nach dieser 



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Seite bin die grafliche wie die spatere furstliche Verwaltung zum 
grossen Teil nur vorwurfsfrei dasteht, wenn gleich nicht immer 
erhellt, dass es ihr auch gelang ihren guten Willen ins Werk 
zu setzen. Nur raacht es immer den Eindruck, als h&tte sie sich 
der Treue gegen ihre Schutzbefohlenen aus keinem andern Grunde 
so sehr befleissigt, als weil sie den Gewinn, den sie von jenen 
zog, mit Nieraand zu teilen begehrte. Trotz aller dieser Zugestand- 
nisse aber kann ich doch nicht umhin, den neugeschaffenen Zu- 
stand nur als einen sehr mangelhaften und unvollkommenen zu be- 
zeichnen. Vor all era gilt dies von dem Umstand, dass er durch- 
aus sich nur zuruckfuhren lasst auf einen personlichen Willensakt 
des Regenten. Dadurch wurde er von vornherein zu einem jederzeit 
widerruflichen gemacht, zu dessen Instandhaltung es eben nur auf 
den Augenblick, d. h. auf das augenblickliche und zufallige In- 
teresse des daruber Verfiigenden ankam. Aber das Schwankende 
und Lose, welches ihm somit schon von dieser Seite her anhing, 
wurde iiberdies noch dadurch verstarkt, dass der Schutzbrief keine 
Verpflichtung auch fur die Nachfolger darstellte. Bei jedem Re- 
gierungswechsel wurde Alles dem personlichen Belieben aufs neue 
anheimgestellt , und war somit die Moglichkeit immer vorhanden, 
dass kiinftig ein anderes Verfahren als das fruher eingehaltene 
beliebt ward. Musste nun dies Gefuhl der Unsicherheit schon 
an und fur sich nur niederschlagend wirken , die Unbehaglichkeit 
wurde obendrein durch das freie Spiel erhoht, welches diese regel- 
losen Zustande der Willkiir und Erpressungssucht gewahrten. 
Ungef&hr jedesmal bei einem Regierungsantritt musste die Erneue- 
rung des Schutzbriefs mit schweren Opfern erst erkauft werden ; 
wahrend es fast nicht weniger vorkam, dass Versuche ins Werk 
gesetzt wurden, um aus dem eben erst erkauften und erneuten 
zur Fullung des furstlichen Beutels noch ein Ubriges heraus- 
zuschlagen. Doch sehen wir von alledem auch ab, nicht gunstiger 
kann das Urteil lauten, wenn man auf das positiv und wirklich 
Erworbene achtet. Dass also den Mennoniten gegen fruher erlaubt 
ward ihren Gottesdienst wenigstens zu halten, war ja wohl ein 
unleugbarer und ganz entschiedener Fortschritt. Aber die hinzu- 
gefugte Bedingung „Ihr exercitium infigeheimb (zu) treiben", 
machte die damit verliehene Gunst doch grossenteils gleich wie- 



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der zu nichte. Wie vielerlei Chicanen liessen sich nicht daran 
kniipfen, urn den Gebrauch des Privilegs zu erschweren; mehr 
noch , urn die Mennoniten des Privilegienbruchs anzuklagen und 
auf ihre Zuriickversetzung in den friiheren Stand zu dringen. 
Wie hatte ee sich doch einrichten lassen, einen Gottesdienst so 
heimlich zu halten, dass absolut nichts davon verlautete und an 
die Offentlichkeit oder zur Kenntnis gelangte; und doch, wurde 
das Geringste lautbar, so war nach dem Wortlaut des Edikts die 
eingegangene Bedingung gebrochen. An Beweisen fehlt es denn 
auch nicht, wie es um diesen Punkt bestellt war, d. h. wie iiber- 
aus schwer es die Mennoniten gehabt haben, gegen denselben in 
den Augen ihrer Gegner nicht zu verstossen. Auch war es ahn- 
lich mit der Verpflichtung beschaffen „niemandt mit sueBen Wor- 
ten u zu sich „dar zu locken". Ich will noch dahin gestellt sein 
lassen, — was jedenfalls doch auf der Hand liegt, — wie dieselbe 
offenbar nur darauf abgesehen war, die Mennoniten, indem man 
sie zum Aussterben zwang, herabzudrucken und zu beseitigen. 
Aber ohne -noch davon zu reden : welch eine fruchtbare Gelegen- 
heit bot doch auch diese Klausel zum Bereiten von allerlei Drang- 
sal! Eonnte nicht jede unverfangliche Unterredung mit einem 
Andersglaubigen, konnte nicht jedes einfache Gesprach fiber ihren 
Glauben schon zum Vorwand genommen werden, sie hatten 
das Edikt ubertreten? Und wie musste es erst werden, wenn 
einer von drtlben her ihrer Gemeinschaft einmal wirklich beitrat ? 
Wie strong in solchem Fall verfahren, und wie scharf gegen sie 
vorgegangen wurde, ist noch aus den Akten ersichtlich : und es 
war ihrerseits naturlich unmoglich alsdann den Beweis zu fuhren, 
sie selbst hatten durch ihre Reden jenen Ubertritt nicht veranlasst. 
Auch enthielt der Schutzbrief keinen Bescheid uber zwei doch 
sehr wichtige Punkte : fiber die Eidesleistung und die Erfullung 
der Wehrpflicht. War die Verweigerung beider ihnen demnach 
nicht gestattet, was lag da naher als der Schluss, sie seien zu 
beiden verpflichtet ; ein Anlass, wie sich zeigen wird, der ver- 
schiedensten und immer hochst verdriesslichen, dann und wann so- 
gar geradezu gewaltthatigen Belastigungen und Eingriffe in ihre 
Rechte. Kurzum und mit Einem Wort: dieser Schutzbrief und 
die meisten, die ihm gefolgt sind, haben im wesentlichen den 



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60 

Mennoniten immer nur sehr wenig geboten: und Viur ein bedenk- 
liches Licht wirft es auf die Zustande der Grafschaft, dass dies 
wenige noch angesehen werden konnte ale ein Gewinn, der jenen 
zu Teil ward. 

Wie dann nach Rudolf Christian's fruhzeitigem Absterben 
die Lage der Mennoniten unter seinem Bruder und Nacbfolger 
Ulrich II. sich gestaltete, liegt sogar klar zu Tage. Es ist nam- 
lichunbestreitbar, dass bis 1641, also wahrend der ersten 10 — 14 Jahre 
der Regierung Ulrich's, die Mennoniten fortgefahren sind in der 
Weise, welche der verliehene Schutzbrief ihnen ausdrucklich 
erlaubt hatte. Dafur sprechen folgende Thatsachen, direkte und 
indirekte Zeugen. Zuerst die ausdriickliche Erklarung eines 
Mennoniten, eines gewissen Enne Rippers aus Aurich, die dieser 
vor der graflichen Hofkanzlei daselbst am 12. Juni 1644 zu 
Protokoll gab. Als Zeuge vorgeladen in einem gleich zu erwah- 
nenden Prozess wegen einer Wiedertaufe, bei welcher Gelegenheit 
er zugleieh wegen einer von ihm selbst und einigen Freunden 
dem Grafen uberreichten Petition scharfer in's Verhor genommen 
wurde, wollte derselbe, wie die Akten besagen, „da6, daB sie die 
confirmation der von Graff Rudolph Christian hochsahl. ange- 
dencknuss ihnen verliehener concession nicht eher wieder in 
untterthanigkeitt gesuchtt, damitt endtschuldigen , daB, weill die 
recognition jahrlich zu zweyen mahlen von ihnen abgefordertt 
wurde, solcheB seiner meinung nach confirmation genug wehre". 
Ebenso hatte sich derselbe schon in jener Bittschrift ahnlich ver- 
nehmen lassen : n betzahlen auch jahrliches die unB beizubringen 
uferlegte freydoemsgeldere uf bestimbte zwo zeiten gantz richtich, 
wiewohl es viellen der unserigen in diesen betrubten Kriegeslaufften 
gahr sauwer ufzubringen fallt". Dass aber diese Behauptung wirklich 
auf Thatsachen beruhte, beweist ein ferneres Aktenstuck, ein Ver- 
zeichnis aus dem Jahre 1636. Dies Schriftstiick , datiert vom 
1. Juli d. J., sagt aus, dass um Georgii (also um den 23. April) 
das fallige halbjahrige Schutzgeld, 3 Rthlr. fur jede Familie, 
richtig eingezahlt sei von 30 in demselben namhaft gemachten 
Personen. Dieselben, welche ubrigens nur einen Bruchteil der 
damals in der Grafschaft ansassigen Taufgesinnten darstellen, ver- 
teilen sich mit noch einigen andern, die das Verzeichnis als pauperes 



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61 

anfuhrt, iiber die Ortschaften Heiselhasen, Upleward, Hams- 
werum, Groothusen, Manslagt, Pilsum, Wirdum, Eilsum, Dykhusen, 
Visquard, Greetsiel, Hauen und SielmSnken. Auch kommt hier ein 
Brief in betracht: der schon erwahnte Brief des Predigers Joh. 
Snoilsky. Darin wirft derselbe den Mennoniten vor, sie hatten in 
ihrem Ubermut nicht einmal soviel geleistet, dass sie bei Erneuerung 
der Regierung „sich sovil gedemutigt und einen unumbganglich not- 
wendigen Schuzbrieffin gebiirender Unterthanigkeit gesucht hetten, 
— Sondern meinen sich mit dem von Ihr Gnaden Graf Rudolph 
Christian Christmilden andenckhens ihnen ad tempus vitae ver- 
lihenen Geleit zu bedeckhen und zu behelffen". Auch beschwert 
er sich iiber ein Anderes, dass namlich „ihrer eine merckliche 
anzahl seye, welche das gewohnliche und stabilierte Schuzgellt 
vortheilhaffter und eigennuziger Weise unterschlagen". Es mag 
sein, dass dies hier und da vorkam, indem Einzelne damit durch- 
schliipften, dass sie sich nicht zum Gros der Gemeinschaft, sondern 
zu einer der kleineren und weniger bekannten Abteilungen 
hielten ; ,0 ) aber das Faktum des vereinzelten, wenn man es so 
nennen will, Unterschleifs ist dennoch wohl der vollgiiltigste 
Beweis der sonst allgemein ublichen Zahlung. 

Nach diesen vereinzelten Andeutungen haben wir uns die 
Lage, wahrend der fruheren Regierungszeit Ulrich's, demnach 
in dieser Weise zu denken. Dass der ausgefertigte Schutzbrief 
nur gelten sollte fur das Leben des gerade regierenden Grafen, 
dessen Nachfolger aber keineswegs zu gleicher Gnade verpflich- 
tete, war nirgends, obgleich es die Meinung war, wie auch 
Snoilsky's Worte beweisen, deutlich und unumwunden darin aus- 
gesprochen. Die Mennoniten haben somit leicht der ehrlichen 
Uberzeugung sein konnen, derselbe, wenn auch nicht unwider- 
ruflich, sei doch jedenfalls bis er aufgesagt werde gultig. Daher 
ist es denn wohl gekommen , dass sie beim Regierungsantritt 
Ulrich's um dessen Bestatigung der ihnen gewahrten Gunst sich 
nicht beworben haben. Konnte doch auch die Haltung der graf- 
lichen Regierung, die ruhig nach wie vor das ausbedungene jahr- 
liche Schutzgeld einzustreichen fortfuhr, zu jener Auffassung der 
Lage nur beitragen: wie sie auch wohl gefurchtet haben mogen, 
wo nicht durch eine neue Bitte um Scbutz diesen selbst in Frage 



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62 

zu stellen, so doch die Moglichkeit herauszufordern, dass man 
die Gelegenheit benutzte sie noch etwas mehr zu schrauben. 
Ihrerseits mag dann die grafliche Regierung entweder durch die 
politische Lage zu sehr in Anspruch genommen gewesen sein, 
als dass diese jedenfalls unwichtigere und kleinere Angelegenheit 
sie naher beriihrt h&tte; oder wir haben den Grund ihrer so 
lange gepflogenen Konnivenz in dem bekannten tragen und 
schlaffen Cbarakter des Grafen selber zu suchen. Dass aber eine 
blosse Vergesslichkeit hier nicht zu grunde gelegen hat, sondern 
dass man am Hofe den Mennoniten um diese Zeit entschieden 
freundlich gesinnt war, ist daneben wohl nicht zu bestreiten. Den 
Beweis dafur liefert ein nicht anzufechtendes noch iiberhaupt 
anzuzweifelndes Dokument, die neue Pachtordnung Ulrich's: 
d. h. seine unterm 30. August 1631 erlassenen neuen Verord- 
nungen wegen der Verpachtung der auf dem Emder Landtag 1606 
bewilligten und seitdem eingefiihrten Verbrauchssteuern. In der 
darin enthaltenen „Ordinantz vor die Collectores, edder, Pachters 
des Impostes up dat Gemahl" wird im 7. Paragraphen derselben 
den Miillern und ihren Knechten fur gewisse Falle ein Eid zur 
Pflicht gemacht, dessen Anfangsworte : „ick gelove unde schwere a , 
und Schlussworte : „so wahr help my Godt Allmachtich", lauten. 
Diesem Eide ist eine Klausel angehangt folgenden Inhalts : „Unde 
dar jemand Mennist gesinnet, den formlycken Eedt tho praestiren 
difficultiren mochte, sal desulve geholden wesen gelycke acte tho 
teykenen, und in platze van de worden schwere und dergelyken, 
andere aequipollente gestelt uud gesettet werden." Deutet dies 
schon auf eine Willfahrigkeit hin den Mennoniten Vorschub zu 
leisten, wie sie in der Grafschaft bis dahin vollig fremd war, die 
Regierung ist auf diesem Wege noch weiter gegangen. Bekannt- 
lich unterlagen sowohl die Hebung als die Verwaltung der Finanzen 
in Ostfriesland seit Enno's III. Zeiten dem sogenannten Collegium 
Administratorum. Diese nach der Sitte jener Zeit zugleich ad- 
ministrative und richterliche Behorde hatte als solche ihre feste 
Gerichts-, daneben auch fur vorkommende Falle eine Exekutions- 
ordnung. Sowohl bei Brenneysen (Ostfries. Historic und Landes- 
verfassung II p. 668 und 669) als in der Separatausgabe der 
neuen Pachtordnung, 1643 erschienen, sind dieser Exekutions* 



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63 

ordnung funf Eidesforineln angehangt, worunter nach dera Exeku- 
toren-, Prokuratoren-, Pedellen- und Boten-Eid als letzter in der 
Reihe auch ein „Mennisten aydt" vorkommt. „Ich N. N. a , so 
lautet derselbe, „verklare hiemit in goeder consciencie by Jae 
und Neen, ock by myn hogeste Warheit, dat ick van alle 't 
gene waerom Ick in deser Saecken gefraget worde, de unver- 
falschede Waerheit will betuegen und uthseggen, und niet urarae 
leef ofte leedt des einen oder anderen, wat tho vele noch tho 
weinich seggen, ofte verschwygen. Und wann ick hiertegens 
anders gedaen befunden werden mochte, dat ick deBwegen niet 
weiuiger als andere Meeneedige will geachtet unde gestraffet 
werden. Orkunde myn Hand." Jedenfalls also ist dieser Eid, 
wie denh auch andere Spuren darauf hindeuten, beim Admini- 
stratorengericht, so zu sagen, gang und g&be gewesen; und nur 
dies ware somit noch ungewiss, um welche Zeit derselbe eingefiihrt 
ist. Mit der Bekanntmachung der neuen Verordnung, August 
1631, ist meiner Meinung nach die fragliche Adoption nun keinen- 
falls zusammen gegangen. Der Ausdruck in der „Ordinantz" 
uber die Mahlsteuer, worauf ich friiher hinwies, deutet ganz ent* 
schieden nicht darauf hin , dass man sich damals uber eine be- 
stimmte Form el schon geeinigt, vielmehr dass es eine solche 
uberhaupt noch nicht gegeben habe. Es bleibt also nur diese 
Annahme ubrig, man habe regierungsseitig sich bald nach 1631 von 
den freilich unleugbaren Mangeln der neuen Ordnung tiberzeugt 
und diesen darauf Rechnung zu tragen gemeint durch nachtrag- 
liche genaue Fixierung der zu gebrauchenden Formel. In dieser 
Meinung bestarkt mich, dass ich nachweisen zu konnen glaube, 
der spater adoptierte Eid sei erst infolge einer Auswahl mit in die 
Verordnung aufgenommen. Neben ihm findet sich namlich in 
den dieser Zeit entstammenden Akten noch eine zweite Formel, 
die ganz nach einem Schema aussieht, wie solch ein menno- 
nitisches Gelubde sich vielleicht auch wohl einrichten Hesse. 
Unter der Aufschrift: „ Formula einer BekanteniBe in platz eines 
formelen Eidts", lautet dieselbe folgendermassen : 

„Ick belove und nehme an dat Ick die warheit reden will in 
dieser saeken, und nichtes verschwygen, so veel my darvan be- 
wust i6, noch umme gunst noch haet, noch einiger ander orsaeken 



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64 

willen wo de nahmen hebben mochte und solckes upriohtig in 
maten Ick dan datsulvige vor Godt betuige in myner conscientie, 
und derwegen fredich bin, im falle Idt anders befunden werden 
sollde, dat Ick alB dan na Inholt der Rechten alB ein meineidiger 
mach geachtet werden." 

Eb wird sich ubrigens Veranlassung bieten, spater auf diese 
Sache zuriickzukommen. 

Diese oben geschilderte, im ganzen also doch giinstige Lage 
anderte sich dann aber plotzlich im vierzehnten Regierungsjahre 
Ulrich's 1641. Am 10. Marz dieses Jahres erschien mit einem 
Male namlich ein Edikt, welches alles bis dahin Zugestandene 
oder stillschweigend Zugelassene, wenigstens soweit es die Reli- 
gionsiibung der Mennoniten betraf, ohne weiteres einfach abschaffte. 
n Der Hochgebohrne Graff undt Herr, Herr Ulrich, Graff undt 
Herr zu Ostfrieslandt, Herr zu Esens, Stedesdorff undt Wittmundt", 
so heisst es in der Praambel, „Ist nicht allein fur sich in Er- 
fahrung kommen, sondern es ist Ihr Hochgr. Gnaden auch klagendt 
an undt vorgebracht worden, waBmaBen sich einige derselben 
Stadt Norden EingeseBene sollen haben geliisten laBen undt er- 
kiihnen dorffen, jiingstverweileter Zeit einige privata conventicula 
daselbsten anzustellen, undt hin undt wieder in der Burger 
HauBern, durch von Uns nicht verordnete Prediger heimbliche 
Vermahnungen , predigten ; undt dergleichen zu verrichten undt 
dense lb en beyzuwohnen". Zuvorderst ist demnach dies offenbar: 
der graflichen Regierung wird man gerechterweise die ganze 
Schuld nicht beimessen diirfen, Der unvermittelte und plotzliche 
Ubergang in ihrer Haltung vom bereitesten Entgegenkommen 
zur schroffsten Intoleranz kann schwerlich von selbst entstanden, 
sondern nur herbeigefiihrt sein durch fremde Umtriebe. Am 
wahrscheinlichsten dtinkt es mir, in Anbetracht des mehr erwahn- 
ten Snoilsky'schen Briefes wie anderer aus dieser Zeit stammen- 
der Schriften, dass man die eigentlichen Hauptmotoren dieses Um- 
schlags unter der Geistlichkeit wird zu suchen haben. Heisst es 
dann weiter: „wann aber solches nit allein in alien gemeinen Geistl. 
und Weltlichen Rechten zu hochsten verbothen, undt dieBes Landes 
errichteten Accordene diametro zuwieder streittet, sondern auch zu 
Veracht unser hohen landes- Ob rigkeit, sodan bey diesen, leider! 



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J55^ 

ohne das gantz betriibten Zeiten, der ordentlichen christlichen 
Geraeine zu Norden zu grosser Unruhe, sonderbahrem Scandalo 
undt Srgernuss gereichen undt anrichten thut u : so erkennt man klar 
an diesen Worten, wie wenig — wie auch fruher schon bemerkt 
ward — der bis dahin geltende Schutzbrief etwas wirklich Positives 
geschaffen batte. Genau was ihnen dieser einraumte — die Gunst, 
ihren Gottesdienst heimlich und in aller Stille zu feiern — , wurde 
ja eben im Edikt nicht etwa zuriickgenommen, sondern zur An- 
klage gegen die Mennoniten erhoben ; ein Ratsel fiirstlicher Will- 
kiir, wie es freilich leider nicht vereinzelt in jenen traurigen 
Zeiten dasteht. Kraft dieser landesherrlichen Gewalt, die sich 
dem Recht einfach substituierte, wurde den Mennoniten angesagt: 
„alB haben Ihre Hochgr. Gnaden Ihres tragenden hohen Obrig- 
keitlichen Auibts halber solchener Unzulassigen und zu Commo- 
virung der christlichen Gemeinde anziehlenden thadttigkeit weiter 
nit zusehen mogen, sondern befehlen hiermit alien undt jeden des 
Orths insgemein, bey Vermeidung lhrer ernster undt unnachlassiger 
Arbitral-Straffe, undt wollen, daB sich hinfuro Keiner, weB Standes 
oder Wesens er auch sein mag, unterstehe, dergleichen hoch- 
verbothner clandestina conventicula anzustellon, seyn HauB oder 
einige Cammere darzu zu verleihen, noch auch cinigermassen 
dazu fiirschube thue, oder sich darbey findten lasse." Noch ein- 
mal werden sie dann davor gewarnt, „al6 lieb einem Jedglichen 
seyn wierdt vorangedeutete lhre Hochgr. Gnaden ernste Straffe, 
undt andere sch&rffrer (!) Rechtsmitteln zu vermeiden" : mit welcher 
unmissverstandlichen Drohung das traurige Schriftstiick abschliesst. 
Auch dass, wie man vielleicht vermuten konnte, die Regie- 
rung dies so beschaffene Edikt nicht bloss als Schreckschuss 
gemeint hat, beweisen die Akten zur Geniige. In den ersten 
Tagen des Februar 1644 wandten sich klagend an den Grafen 
der obenerwahnte Enne Rippers samt seinen Freunden Hendrick 
Straelman, Clas Janssen, Sicke Ayelts und Jacob Ferrychs (oder 
Frerichs). In einer am 5. d. M. iibergebenen Bittschrift beschwerten 
sich dieselben, ihnen „wiederfahre mit groB hertzens Leidtwesen, 
das (ihr) Predicant Johann SiewerB (Jan Siewerds), zu Embden 
wohnhafft, in (S.) Hochgr. Gnaden Statt Aurich in arrest gethan 
unndt gehalten" werde. Den Kommentar zu dieser Klage giebt 

5 



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66 

ein anderes Schriftstuck , welches die Uberschrift tragt: „in onse 

versaemlinge tho oldeborch, so geschien den 1. febrwary 1644, 

syn geweest, so vele my bewust ende bekent syn" ; worauf zwolf 

Personennamen (darunter auch Rippers und Straelman) folgen. 

Es hat also, — wie auch die Bittschrift bestatigt, indem Pete n ten 

bei ihrem Gewissen bezeugen, sie hatten in ihrer „zu Oldeborch 

beschehener versamblungh wieder den angeordneten Betteltagh", 

sowie gegen die ihnen von Rudolph Christian „gnedich mitge- 

teilten Confirmation, Schutz, Schirm undt Geleidtbrieff — nichtes 

gehandelt, sondern derselben zufolge in aller stille und gute 

andacht, wie es nach menschlicher schwachheit geschehen konnen, 

von Gottes heillige worth nach vermugen so vielle Godt allmach- 

tich dargereicht undt gegeben, gesprochen unndt tractiret", — an 

jenem Ort und Datum eine gottesdienstliche Feier stattgefunden, 

die aber als eine heimliche in den Bereich des damals vor fast 

drei Jahren ausgefertigten graflichen Edikts fiel. Ob dann die 

Zusammenkunft gesprengt und der dieselbe leitende Lehrer sorait 

in flagranti festgenommen, oder ob man seiner erst spater habhaft 

geworden sei, l&sst sich allerdings nicht ermitteln : dass man aber 

scharfe Wacht auf die Mennoniten und auf ihr Treiben hielt, 

beweist der ganze Vorfall zur Geniige. Ahnlich steht es um 

einen andern gleichzeitigen Vorgang; namlich um einen Prozess 

gegen einen gewissen Jacob Lilies (oder wie in den betreffenden 

Dokumenten der Name unabanderlich heisst: Loisz) in Norden. 

Nach der auf ausdriicklichen eignen Befehl der Regierung gegen 

ihn erhobenen Anklage hat dessen Schuld in folgendem bestanden. 

Als Witwer im Begriff zu einer zweiten Ehe zu schreiten, sollte 

er seine Braut, eine gewisse ebenfalls verwitwete Aeltien Peters, 

trotzdem sie in ihrer Jugend lutherisch getauft war, iiberredet 

haben sich der mennonitischen Gemeinschaft anzuschliessen 

und sich wiederum taufen zu lassen. Dieses Vergehens halber 

wurde er (auf den 23. Mai und sodann auf den 1. Juni 1644) 

vor Gericht geladen, und, ebenso wie seine Frau und die mit- 

berufenen Zeugen, (es waren dies die Mutter der Frau, Wobke 

Michels, Boje Edens Hausfrau; die Schwester derselben, Elisabeth 

Peters, die Frau eines gewissen Ufen Hayungs, und Hilcke, 

Berendt Pottgiessers Witwe) uber folgende Fragen vernommen: 



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67 

1) ob nicht seine Frau in ihrer Jugend erstmals in der Kirche 
zu Norden von dem damaligen dortigen Prediger getauft sei ; 

2) ob dieselbe, da sie sieh mit ihm verheiratete, nicht durch 
einen Lehrer oder Prediger der Emder Mennoniten, Namens Jo- 
hann Jacobs, wiederum getauft sei; 

3) welche Zeugen bei dieser zweiten Taufe zugegen gewesen 
seien ; 

4) in welchem Hause, oder wie sonst dieselbe stattgefunden 
habe. — Der Hauptpunkt, warum es sich dabei handelte, war die 
Festsetzung dieses Faktums : ob Luiesz seine Frau zu ihrem Uber- 
tritt veranlasst habe, oder ob derselbe ihrerseits aus eignen freien 
Stucken erfolgt sei. Dabei wurden irn Laufe des Prozesses auch 
noch Andere mit bineingezogen : Abraham Nannings von Wirdumer 
Neuland, Vorganger der Eilsumer Gemeinde; ein gewisser Johan 
Hoveman von Marienhafe, der mehr erwahnte Enne Rippers aus 
Aurich, der ebenfalls schon genannnte Emder Prediger Jan Sieu- 
werds, ein gewisser Sieuwerd Peters aus Norden. 

Gerade angesichts dieses aggressiven Verfahrens ist es nun 
aber fur die Verh&ltnisse in der Grafschaft im hochsten Grade 
bezeichnend, wie s<* plotzlich die feindliche Stromung wieder um- 
schlagt. Dafiir, d. h. fur einen solchen Umschwung, spricht u. A. 
schon die Stellung, welche in der eben erwahnten Prozesssache 
jener Johan Sieuwerds einnimmt. OfFenbar kann dieser derselbe 
nur gewesen sein, von dessen Verhaftung wegen Ubertretung des 
Konventikelverbots von 1641 wir friiher horten. Nach den Daten 
mu»s diese Anfangs Februar 1644 erfolgt sein, und darf man 
aus der Eile und dem Eifer, womit sich die Freunde fur den 
Gefangenen verwendeten, wohl auf einen nicht ungefahrlichen 
Stand der Sache desselben schltessen. Dennoch finden wir ihn 
in der Luies'schen Sache, d. h. im Juni d. J., nicht bloss auf 
freien Fussen, sondern als gerichtlichen Zeugen, der sich mit der 
grdseten Unbefangenheit uber die beziiglichen Angelegenheiten 
ausspricht. Eine ahnliche auflFallende Wendung tritt daneben in 
jenem Prozess selbst zu Tage. "Nach jenen Zeugenverhoren, 
worauf ich mich vorhin berief, hort man gar nicht mehr von ihm 
reden. Nur in einer Bittschrift taucht er noch einma) auf, welche 
der Rechtsanwalt Enno Berlage den 5. Juni 1645 an den Grafen 

5* 



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68 

gerichtet hat: um „Befreyungh, concession unnd immunitat" 
fur seine betreffenden Klienten, ohne dass doch nur eine Spur 
darauf hindeutete, es sei zu einer Verurteilung des Luiesz, ge- 
schweige zu seiner Bestrafung gekommen. Man bat regierungs- 
seitig die Sache offenbar fallen lassen, wenn gleich nicht die 
Rede sein diirfte von einer ausdrucklichen und formellen In- 
hibirung. Nur in dieser Weise, so scheint es mir, lasst sich die 
spat ere Unsicherheit der Beklagten tiber ihre Lage erklaren, die 
dann im nachsten Jahre zu jener Verwendung fur sie gefuhrt hat, 

Nach allem Vorhergegangenen aber ist nicht anzunehnien, 
die grafliche Regierung hatte ihren Sinn ohne weiteres ganz von 
selbst geandert. Auch liegen Dokumente vor, die auf ein ganz 
anderes nicht schliessen lassen, sondern es vielmehr offenkundig 
nachweisen. 

Zuerst namlich kommt hier eine Bittschrift in betracht vom 
Mai 1644, als deren Veranstalter und zugleich Unterzeichner sich 
samtliche Mennoniten in den ostfriesischen Graf- und Herrschaften 
auffuhren. An ihren „hochgebornen Grafen und wiirdigen Herrn" 
richten dieselben darin das demutige Gestandnis, da denn „(Sr.) 
Hoch Gr. Gnaden Herr Bruder, der auch Hochgeborner — gnediger 
Graff und Herr, Herr Rudolff Christian, Christmilder gedachtnuss", 
ihnen aus Gnaden freie Religionsiibung gewahrt habe: so batten 
sie sich zu Gemiite gefuhrt, wie „nach todtlichem abgangk vor — 
Hoch Wolgedachter (ihres) gnedigen Graffen und Herrn, (S.) Hoch 
gr. Gnaden umb fernere gnedige confirmation und vortsetzung 
angeregter gnediger befreyjung in underthenigkeit supplicando 
zu ersuchen, (ihnen) billig geptihret hette". Weil sie aber dies 
dennoch unterlassen hatten, so folgt dann die ausdriickliche Bitte, 
der Graf moge „solchen unverstand auB gnaden verzeihen, und 
denselben, nach (ihrem) verdienste, (ihnen) in ungnaden nicht 
vergelten laBen, sondern vielmehr (ihr) gnediger Herr sein, auch 
bey ermelter befreyjung (sie) vorthin gnediglich schiitzen wollen". 
Sodann berufen sie sich weiter darauf, dass „wegen dieser so lange 
getragener und noch continuirender heBischer burden und lasten 
den (S.) Hocbgr. Gnaden propter exercitium religionis — com- 
petirenden jahrlichen recompens vollenkommen abzustatten", ihnen 
^fast sauer und beschwerlich" falle ; zum Beweise, dass sie nichts 



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69 

Uberflussiges thun, wenn sie „umb einige gnedige remission und 
linderung (jedoch alles zu — gnedigem belieben gestellet) gantz 
underthenig zu bitten" wagen. — Aber man denke nicht, dass 
die hier angefuhrten resp. angerufenen einfach sittlichen Griinde 
schon den Durchschlag bewirkt h&tten. Ob hier eine planm&ssige 
Berechnung im Werke gewesen ist, lasst, obgleich es wohl den 
Anschein hat, sich gultig natiirlich nicht nachweisen. Aber wohl 
wird man dies zugeben mtissen: wenn unterm 23. August 1644 
der Graf durch eigenhandige Unterschrift sich zu einem von den 
Mennoniten insgemein empfangenen Darlehen von 6000 Rthlrn, 
bekennt, wogegen er ihnen einen Platz, das Grashaus auf Schoon- 
oort, verpfandet, so ist es kein gewagter Schluss, hier liege der 
allerdings wohlklingende Grund der so unerwartet auftauchenden 
graflichen Nachsicht und Milde. Dabei ist nur zu bedauern, dass 
nirgend eine Andeutung uber den Verlauf dieser Anleihe vor- 
kommt, woraus sich etwa erfahren Hesse, in welchem Rapport 
z. B. sie zu jener Bittschrift vom Mai d. J. steht, deren Inhalt 
friiher mitgeteilt ward. Auf nicht viel andere Gedanken und 
Vermutungen wird man gefuhrt, iiberlegt man sich den Inhalt 
zweier unter den vorliegenden Akten befindlichen Schreiben aus 
demselben Jahre 1644 an die Grafin Juliane. Darin hat Jan 
Jacobs Vliedt, der sich selbst bei der Grafin einfuhrt als „gottlob 
der Elteste Prediger (seines) Volcks in (der) Statt und Graff- 
schafft", und nach dem Datum in Emden daheim war, ihr folgendes 
angeboten. Indem er darauf hinweist, wie es ihm und seinem 
Freund, dem Rentmeister Johan Warners, 11 ) durch ihre Vermitt- 
lung gelungen sei jene schon vorgestreckten 6000 Rthlr. auf- und 
bei den Ihrigen zusammenzubringen, macht er sich ferner an- 
heischig zu einer neuen Beisteuer von 10000 fl. und zwar in 
Albertus-Reichsthalern. Dafur solle man ihm aber, „vor all solche", 
wie er sich ausdruckt, „gehabte und noch habende fleifiige miihe- 
waltung", 123 Grasen Landes, zu Wirdumer Neuland belegen, 
„sonder einige onera und beschwernuss davon zu ertragen", auf 
zehn Jahre zum Gebrauch „gantz frey und franc" tiberlassen, 
Sollte dann nach Ablauf dieser Frist eine Gelegenheit sich dar- 
bieten oder finden, die Pfandsumme zuriickzuerstatten , so sollte 
der Kontrakt darait erloschen und alles wieder in den vorigen 



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70 

Stand gesetzt sein. Er iet sogar noch weiter gegangen und hat 
fur das jahrliche Schutzgeld der Grafin ein Pauschquantum geboten. 
In anbetracht namlich, dass die 6 Rthlr, desselben „von dem 
meisten theil au6 jedem hauBgesiinde armuthshalber nicht auff- 
gebracht werden kftnnen, dannenhero uff die etwa mehrhaabige 
nur desto mehr lasten redundiret, welche vor die andere ein 
solches erlegen und alfio die vermogene vor die unvermogene 
bezahlen miiBen", bittet er, wie in den Niederlanden eine solche 
Last den Mennoniten nirgend aufgebtirdet werde, dieselben auch 
in Ostfriesland zum eignen Nutzen und Frommen der Grafsehaft 
davon zu befreien. Viele, die sich sonst gewiss gerne hier nieder- 
lassen wurden, blieben lieber an ihrem jetzigen Ort nur wegen 
jener Kopfsteuer ; woraus dem Lande, da namentlich unter jenen 
sich auch viele Wohlhabende befanden, nur grosser Verlust und 
Schaden erwachse. Dafur erbietet er sich, sollte man hohern 
Orts seine Bitte zu genehmigen geneigt sein, bei seinen Freunden 
„noch einige hundert Rthlr." zu sammeln und diese Summe der 
graflichen Regierung, allerdings w gegen ziemliche renten u , zur 
Verfiigung zu stellen. Dass die besagte Regierung auf eins dieser 
Anerbieten eingegangen ist, bestatigt sich nun freilich nirgends. 
Jedenfalls ist aber charakteristisch, dass man sie ihr hat machen 
konnen; und beweist dies wohl, wie man zu der Uberzeugung 
gelangt war, mit Geld, gegen baare klingende Munze, sei am 
Hofe zu Aurich so ziemlich alles durchzusetzen. 

Immerhin hat man es hier nicht eben eilig gehabt, den Menno- 
niten ihre Wiinsche, oder vielmehr ihre Bitten, zu gewahren. Als 
auf diese Weise nicht bloss das Jahr 1644, sondern ebenso der 
grosste Teil des Jahres 1645 verlief, ohne dass man in der Sache 
weiter kam, entschloss sich ein Teil der Interessierten zu einem 
fernern Schritt. Was die Veranlassung gewesen ist, dass diese 
sich von den Ubrigen getrennt haben, wahrend doch an dem 
vorhin erwahnten Darlehen (wie auch spater sich zeigen wird) 
sich noch alle Mennoniten zusaramen beteiligten, geht weder aus 
den Akten hervor noch lasst es sonst sich klar stellen. Die also 
vorgingen, waren die sogenannten Alt-Flaminger, wie sie selbst 
in ihrer Bittschrift sich nennen und wie sie auch sonst genannt 
werden. Am 20. November 1645 wurden dieselben beim Grafen 



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71 

Ulrich dahin vorstellig, wie sie bereits im vorigen Jahre sich 
bittend an ihn gewandt h&tten, um Best&tigung resp. Erneuerung 
oder Verlangerung des ihnen so wie den iibrigen durch Graf 
Rudolf Christian („hochloblicher christsaliger gedachtnuss") friiher 
bewilligten Schutzbriefs. Da. nun aber „solcheB wegen allerhandt 
eingefallenen Angelegenheidten nicht befodert worden", wahrend 
sie doch „gleichwoll gern dam it geholffen werden muchten", so 
erneuern sie ibre „unterthanige ganz fleheliche bitte" an den 
Grafen, ihnen das schon einmal „religionis exercitii halber er- 
theiltes indultum in gnaden ferner zu confirmiren." Diesem all- 
gemeinen folgt dann noch ein besonderes Bittgesuch : im Interesse 
einer Personlichkeit , uber welche Naheres mitzuteilen ich mir 
freilich bis spater vorbehalten muss, um den Gang nicht zu sehr 
zu unterbrechen, Es ist dies der unter den Mennoniten, wenn 
auch nur dem Namen nach, seitdem wohlbekannte Uken oder 
Uko Walles. Dieser, aus dem Dorfe Noordbroek in der nieder- 
landischen Provinz Groningen gebiirtig , war wegen gewisser Mei- 
nungen , die er namentlich in betreff der Verurteilung des Judas 
sowie der Menschwerdung Ohristi hegte, schon im Jahre 1637 aus 
seinem Heimatlande regierungsseitig verbannt. Er wandte sich 
darauf nach Ostfriesland, wo er sich in einem Dorfe zwischen Emden 
und Aurich niederliess, dessen Name jedoch nirgend genannt 
wird. Dann kehrte er (wahrscheinlich im Laufe des Jahre s 1640) 
nach Groningen zuriick, wurde aber, — nachdem er zuvor noch 
eine kurze Gefangnisstrafe verbiisst hatte — , 1644 zum zweiten 
Mai fluchtig, und zwar wiederum nach der Grafschaft. Wie er 
nun schon von Haus aus zur Fl&minger Richtung gehorte, so 
fand er auch hier in Ostfriesland gleich bei seinen Glaubens- 
genossen vielen Anklang: namentlich aber (wenn auch nicht in 
betreff seiner besondern Glaubensmeinung) bei den obengenannten 
Alt-Flamingern, als Vertretern einer strengern als die sonstige 
Richtung. Diese befurworteten seine Sache auch bei dem Grafen, 
indem sie bei obiger Gelegenheit zugleich darum ersuchten, 
ihm „iegen gewi6er verehrung freye gleidt und schutzung zu 
ertheilen". 

Dass auf diese so wiederholte Bitte von Seiten der graflichen 
Regierung eine Antwort, und zwar eine geneigte Antwort, erfolgt 



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72 

ist, ist auf direktem Wege nicht zu ermitteln. Doch weist, wenn 
auch nur indirekt, ein ausfuhrliches Verzeichnis darauf hin, das 
in den Akten mit der Aufschrift vorkommt: „Specificatio derer 
Mennoniten, welche man die alten Flamingen nennt, und an Ihr 
hochgr. Gnaden jahrliches theills sicker Jahrgeldt abstatten, theills 
aber wegen unvermugenheit nichts geben konnen. So auff be- 
fehll hh Cantzlarn und Rahten, Johan PylB, Gerdt Gerrits und 
Abraham Nannes iibergereicht haben (praesent. 27. Febr. 1646). a 
Aus den Amtern Greetsiel, Pewsum, Emden und Aurich, sowie 
aus der Stadt Norden und aus dem Ohrtmer Amt (Leerort) 
werden ihrer runde 72 namhaft gemacht (darunter 26 Unver- 
mogende und arme Witwen); neben welchen „in den heerlig- 
keitten alB Jenneldt, Rysum und Wolthausen" ihrer im ganzen 5, 
und als „Ihr hochgr. Gdn. heurleute auff Schonordt, auff New- 
landt, Tiucher grashauB und Sylmunnichen , welche Ihr hochgr. 
Gdn freyhaltet", noch 8 aufgefuhrt werden. Im ganzen waren 
es also runde 85 Personen, d. h. wohl Familienhaupter , unter 
denen aber ungefahr der dritte Teil als zahlungsunfUhig , oder 
doch als nur muhsam dazu imstande zu verzeichnen war. Daran 
kniipft sich ferner, was uber die Aufnahme des Uko Walles vor- 
liegt. Dieser wird namlich nicht bloss im Verzeichnis mit ge- 
nannt, und zwar als Pachter der Domane Sielmonken , sondern 
es wurde ihm auch, wie seine Freunde fur ihn gebeten und wie 
er selbst hochst wahrscheinlich noch vor jenen darum nachgesucht 
hatte, ein besonderer graflicher Schutzbrief ausgestellt. Derselbe 
ist vom 26. November 1645 datiert und beweist ebenfalls nur 
wieder, wie kauflich die grafliche Gunst war. Der Graf bezeugt 
also in diesem Schriftstiick , dass ihm „Uko Wallefi, ein Menno- 
nite, untterthanig zu erkennen gegeben WaBmalien er zwahr vor 
dieBem in Groeninger Landt gewohnett, aber doch wegen defien, 
dafi auch bey selbiger Mennonitischen religion ihme einige newe- 
rungen und sonderlicheitten haben beygem&fien werden wollen 
(worbey gleichwoll seinem fiirgeben nach seine meinung nicht 
recht, sondern etwafi ungleich soil verstanden und genommen 
sein) in ungelegenheitt daselbst gerahten, allfio dafi ihme deB 
ohrttB sich ferner uffzuhalten nun etzliche Jahre hero verbotten 
gewesen." Er habe desshalb darum nachgesucht, der Graf moge 



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73 

ihm in seinen „Graff- und Herrschafften ein frey sicher glaid in 
gnaden ertheillen, mit dem untterthanigen erbitten, sich nicht 
allein in seinem Leben handell und wandell friedlich und auff- 
richtig zu bezeigen, sondern auch in der religion Eeine andere 
Lehre zu fuhren, weiniger Jeipanden zu suchen uffzutringen oder 
einzupflantzen, alB welche die andere Mennoniten und in specie 
die altte Flamige genandt, haben und fuhren." Demnach wird 
er in des Grafen „sonderlichen Schutz Schirmb und sicher glaid 
diefier gestallt auff- und angenommen, daB er — frey und sicher 
soil miigen wohnen, leben, handelln und wandelln, bey den Menno- 
niten religion ohnbeschwarett gelaften werden, auch aller dero 
Begnadung und freyheitt zu geniefien haben," welche den andern 
Mennoniten je eingeraumt und bewilligt werden sollte. Dafur 
soil er aber gegen den Grafen „all6 hohe Landtfi Obrigkeitt 
treuw und gehorsamb, wie einem redlichen untterthanen gebiihrett 
und zustehet, sodan gegen Manniglichen schiedt — undt friedlich, 
auch in seinem Leben und wandell ehrbar und unstrafflich sich 
bezeigen, keine neuwerlicher Lehre fuhren, noch Jemanden ein- 
zubilden weiniger uffzutringen , oder auch Jemanden mitt suflen 
wortten, oder in andere wege zu der Mennonitischen religion 
unterstehen zu verlocken;" uberhaupt sich danach jederzeit richten, 
was auch seinen Glaubensgenossen in betreff dieses speziellen 
Punktes zur Vorschrift bereits gemacht sei oder noch werden 
sollte. Auch wird schliesslich ihm auferlegt, „ tiber dafi waB er 
alfibald von anfangfi zu einem untterthanigen dankbahrlichen er- 
kandtnuB zu enttrichten versprochen, zu jahrlicher recognition so 
viell alB die andere Mennoniten ohnfehlbahrlich ab(zu)statten und 
(zu) bezahlen." Ohne Zweifel ist demnach anzunehmen, dass 
gleiche Gunst wie ihm auch seinen Glaubensgenossen geschenkt 
ward; um so mehr weil dieselben auch spaterhin zwar immer 
getrennt aufgefuhrt werden, sonst aber mit den iibrigen Menno- 
niten jede Bewilligung, wie freilich auch jede Bedriickung, teilen. 
Klarer liegt die Sache in betreff der andern Mennoniten 
in der Grafschaft, wenigstens eines gewissen Teils derselben. 
Auch ron diesen vielraehr liegen zwei Verzeichnisse vor, die 
uns einen Uberblick tiber ihre Zahl , zum Teil auch tiber 
ihre Umstande gestatten. Das eine, welches ebenfalls wie 



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74 

das der Alt-Flaminger vom 27. Februar 1646 datiert ist, enth&lt 
aus Norden, sowie aus der Norder- und Ostermarsch, die Nam en 
von 63 Personen, darunter 6, welche als Arme, und 32, die 
als „Unvermugene welche unlangst bey der Gemeinte auch von 
andern Platzen alhie zu wohnen gekommen" bezeichnet werden; 
wie auch daneben noch 9 Personen, die als „Ihr hochgr. Gdn. 
heurleute (zu Fahne, Bargebur , Engerhafe, Schoonoort u. s. w.) 
aufgefuhrt werden. Das andere, welches kein Datum tragi, wegen 
der darin vorkommenden Namen aber zweifellos ebenfalls aus 
dieser Zeit stamnit, bringt nach seiner eignen Aussage die „Naeh- 
men der mennonyten die men die vlaemingen noempt So alhyr in 
aurich und andere quartieren." Diese sind 32 an der Zahl, die 
sich neben Aurich und dem Auricher Amt (Marienhafe, Venhusen, 
Oldeborg, Opende und Victorbur) uber Nesse und das Land Esens, 
wie iiber Leer und die Amter Greetsiel und Emden verteilen. 
Als unvermogend werden darunter 10 genannt, teils wegen ihrer 
finanziellen Lage, teils wegen ihrer bedrangten hauslichen Um- 
stande. Diese alle, wie es scheint, zusaramen also, als „(S.) hochgr. 
Gdn. getrewe und gehorsame unterthanen In (der) Graffschafft 
wohnende Mennoniten" veranstalteten 1646 gleichfalls eine Bitt- 
schrift, welche am 10. Ma,rz dem Grafen tiberreicht ward. Sie 
seien zwar, so fuhren sie darin an, schon friiher bei der graflichen 
Regierung „umb gnedige confirmirung des von — Graffen Rudolph 
Christian hochloblicher christsaliger gedachtnufi — gnedig mitge- 
theilten schutzbrieffes unterthanig anzusuchen zum offteren fur- 
habens und willens gewesen", jedoch „ wegen allerhandt furgefal- 
lenen schwierigkeiten und zustoBender unvermogenheit allewege 
uffgehalten und verhindert." Sodann fuhren sie weiter aus, durch 
die anhaltenden kriegerischen Unruhen, Einquartierungen und 
Lasten in der Grafschaft seien ihrer nicht wenige „in mercklichen 
nachtheill und abgangh ihrer guter gestxirzet, viele aber ganz her- 
unter kommen und sich kummer- und sauerlig ernahren" ; wess- 
halb sie „die gegenwertige hohe schutzgelder jahrliches auffzu- 
bringen nicht vermugen und gleichwoll unter (graflichen) schutz, 
alB getrewe Unterthanen, gern weiter auffgenommen und (den) 
vorigen schutzbrieff gnedig fortgefiihret haben muchten." Dringend 
bitten sie desshalb, die Regierung moge zwar einerseits geruhen 



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75 

wie zuvor sie in Schutz zu nehmen, sich aber andererseits dazu 
bereit finden lassen das Schutzgeld auf die H&lfte, also auf 3 Rthlr. 
herabzusetzen ; wogegen sie dann 1000 Rthlr. baar zu hinter- 
legen bereit seien. 

In Folge dieser Petition gelangte die scbon so lange schwe- 
bende Angelegenheit jetzt endlich zum Abschluss. Zu Gunsten 
von 60 (richtig nur 58) namentlich aufgefuhrten Familien — deren 
Namen bis auf 6 oder 7 genau mit dem betreffenden Verzeichnis 
stimmen — in den Amtern Norden und Berum, wie auch in der 
Stadt Norden, wurde im Laufe 1647 ein Creditiv erlassen folgen- 
den Inhalts: Die genannten hatten das jahriiche Schutzgeld „uff 
vier jahr langck so sich anfangen Michaelis anno 1647 inclusive 
undt Oster anno 1651 gleichfalB inclusive endigen, zusamraen in 
einer Summe achthundertt unndt achtzigk ReichBthaller vorauB 
versehoBen unndt bezahlet", wofur der Brief als Quittung diene. 
Fur diese Leistung verspricht der Graf nicht bloss die vier Jahre 
hindurch sie von der Zahlung des Schutzgelds zu befreien, son- 
dern er geht sogar weiter. Er gelobt ausdriicklich, wenn vor Ab- 
lauf der gesetzten Frist einer oder mehrere versterben oder aus 
dem Lande wegziehen sollten, „daB denjennigen, so zu viele be- 
zahlet unndt bestandig wirt beygebrachtt, daBelbe von dem Ambt- 
mann zu Norden unndt Behrurab nach advenandt der zeit wieder 
restituiret unndt bezahlet werden soil." Dafur wird aber eine 
Au8nahme gemacht, die man allerdings nur wird billigen konnen. 
Sollten namlich wahrend desselben Zeitraums, neben den schon 
Genannten, noch andere Mennoniten in einem der beiden Amter 
sich etwa hauslich niederlassen, so sollten „dieBelbigen daB sqhutz- 
geldt alle halbe jahr, alB drey reichBthaller, uffzubringen, unndt 
— zu bezahlen — schuldig unndt gehalten bleiben." Ausdriick- 
lich wird dann nochmals stipuliert, was jene bereits ansassigen 
und im Eingang genannten Familien betrifft, dass die von diesen 
zu leistende Kontribution zwar um Michaelis 1651 wieder anheben, 
jedoch an diesem Termin, entsprechend der um Ostern 1647 er- 
hobenen, nur zur Halfte fdllig sein solle. Auf diese Bedingungeu 
hin erkl&rt der Graf sich bereit „Ihnen, den Mennoniten — mit 
aller gnaden gewogen unndt zugethan verbleiben (zu) wollen": 
mit welcher Zusage der Handel ablauft. 



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76 

Auch mussen bei derselben Gelegenheit die fruher genanuten 
Auricher Mennoniten ahnlich in Gnaden aufgenommmen sein. 
Dass auch diese, wie schon fruher angedeutet, sich jener Petition 
vora Marz 1646 mit angeschlossen haben, scheint aus Folgendem 
hervorzugehen. Zuerst gehorten den Flamingem, wozu sich die 
Auricher rechneten, auch die Norder Mennoniten an, und ist das 
Zusammengehen beider schon aus diesem Grunde sehr wahr- 
scheinlich. Sodann aber: ware das in der Bittschrift gemachte 
Angebot von lOOORthlr. baar von den Nordern allein ausgegangen, 
so liegt nicht die geringste ersichtliche Veranlassung vor, die die 
Regierung hatte bewegen konnen denselben einen Teil jener 
Sumrae,, wie sie doch faktisch nach ihrem Schreiben gethan hatte, 
zu schenken. Es ist deshalb wohl anzunehmen, nicht bloss dass 
das erwahnte folgenreiche Anerbieten auch seitens der Auricher und 
Konsorten an die Regierung gelangt ist, sondern dass der schein- 
bare 12prozentige Nachlass daran in Wahrheit nur den auf diese 
entfallenden Pflichttei! desselben bildet. Zweifellos haben also 
auch sie die gleiche Gunst wie die Ubrigen erfahren ; natiirlich 
unter denselben Bedingungen und fur die gleiche Zeitdauer. 



Anmerkungen. 

*) „So vile denn Widertauffern belangen thut, nachdem dieselbe mehres- 
teiles fiirfliichtig gewordenn, wollenn unud befehlenn wir, daB sie alle nach 
Confiscierung Irer gueter ausserhalb unnser Stadt unnd grafschafft verwiset 
werdenn. So vile aber nicht gewichen, unnd dennoch was Unnderthanen ge- 
burt zur Zeit des friedes unnd unfriedes dasselbige unns nicht thun unnd 
leisten wollen, was andere unnsere Unnderthanen thun unnd leistenn, Sich 
auch zu solcher leistung mit einem leiblichen eidt verbinden wollen, Die- 
selbenn sollenn gleichsfal confiscatione omnium bonorum unnd exilio gestraffet 
werden. Die confiscierte gueter aber wollenn wir halb euch zu unnser Stadtt 
beste unnd nuez anzuleggen gestattenn, die annder helffte aber sol unnserm 
fisco appliciert unnd zueignet werdenn." 

2 ) „AlB wir auch in eigentliche erfarung kommen, das offentliche Wieder- 
TeufFers Schiilenn daselbst gehalten werden solten, Alles der Christlichen 
Kirchen zur ErgerniB unnfi aber zu einem sonderlichen verdriefi. tt 



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_7 7_ 

Wan unns nun solches keines Weegs zu gestatten noch zu gedulden 
sein will, 

So haben wir nit umbgehen kondten, euch Welche dessen pillig wissens 
tragen und verhindern solten. dasselbig zu errinnedern : Gnediglich befehlend, 
denselbigen so sich deBen gebrauchen, und sothanige Secten und Rottereien 
einzufueren, es sei heimlich oder offentlich sicb understehen, bei straffe leibs 
unnd gueter zu gepieten, das sie sich dessenn gennzlich enthalten und eussern 
sollen, Wo nitt Inen alBdann in obiger Straffe haben zu nehmen." Es mtfchte 
demnach allerdings fast scheinen, lagen nur sechs ganze Jahre nicht da- 
zwischen, als sei der Magistrat nicht sonderlich eifrig geweseu, der graflichen 
Verordnung zu gehorchen. 

8 ) ^AlB wir unns dann guter massen zubeschieden wiBen, das solche 
mangell zu erhaltung guter Ordnung so woll im Christlichen alB Weltlichen 
Regimente remedieret werdenn miissenn , bevorauB da unns die Vestigia 
gnugsamb terreren, Unnd Exempell mehr dan woll guet am Tage verhan- 
denn sein, 

Demnach wollenn wir euch hiemit gnediger meinung nit verhalten, das 
wir lange vor Ankunfft dieses euwer schreiben, bedacht unnd entschlossenn 
gewesen sein, Dieser unnd Anderer mehr nothdiirfftigen sachen halber, mit 
euch Underredung zu Pfiegenn, gestalt Allem besorgten unheill (vermittelst 
Gottlicher gnaden) fiirzukommen, den Dinggen ein gebuhrende masz zu gebenn. 
So seint wir gleichwoll ann unserm Vorsatz, vonn wegen Teglichs fiirfallen- 
den geschefften verhindert word en, Denselben wir (Guntz Gott) erster unnserer 
gelegenheit zu volleziehen nochmals bedacht sein. Inmittels Aber gebnret 
euch Allenthalben gute Auffachtung zu gehaben, Insonderheit das Inen den 
WiederTeuffer noch heimbliche noch offentliche Predige gestattet, Ire Con- 
venticula zerstoret, Inmassen dan im Reichs Abschiedt solches Austrucklich 
verbotten." 

4 ) „Wir habenn vast mitt beschwertem geinuett Ewernn berichtt vonn den 
einreissedenn aufrurischenn Sectenn der W T idderTeuffer vernommen. Damit 
aber weiterm Unheill vor diB mall ettwas vorkommen werde, So ist unnser 
ernnster gnediges beuelich, das Ir diejenige, wilche in der meinung seint, als 
das sie die Ehe scheidenn, Ires gefallenns Urteilen unnd verdammen, keiue 
Oberkeitt erkennen, furtter unnsere Prediger unnd dero Lehr schrecklich ver- 
werffen, Vor euch bescheidet, sie in beiwesen der sampttlichenn Prediger 
obgerttrte Articuln vorhaltet, unnd wilehe Ihr dabey verharren betinndet, die- 
selbe an stundt, ohne einiche Abschew unnser Statt verweiset, Anndere aber, 
so sich bey unnser Kirchen still halttenn unnd in aufgeriirtenn Puncten nitt 
zustimmen, Denselben mitt gedultt iibersehet, Ob villicht der liebe Gott 
gnad gebenn mochtt, das sie gewunnen unnd vonn Irem Vornhemen ein 
Abstandt theten. u 

5 ) „Wir werden berichtett alfl soil der Wiirdiger unnser lieber andechtiger 
Menso Allting Prediger unnser Kirchen Embden sich offentlichen vom Cantzell 



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78 

alda vernehmen haben lassenn, Das Er vor gewisse wiiste Wie in kurtzen 
Tagen an die Tausent Wieder Teuffern aufi Hollandt und der Orttenn ghenn 
Em b den kommen, In meinung Ir Mansion daselbst zu gehaben. Da nun deme 
also, So wollen wir Euch hiemit ernnstlich befohlen und ufferlegt habenn, deB- 
halber eine gute auffachtung beschehen zu lassenn, damit dieselbige wieder 
zuriick vonn dannen sie gekommen geweisett werden, und alda Inen mit der 
Wohnung niederzuthuen oder anderer gestalt nit zu gestatten, dan die 
Miinsterische und andere dergleichen Exempelnn uns ein Abscheuw deBwegen 
pillich machen. u Man wird ubrigens wohl thun, wie denn auch nichts von 
einer solchen Auswanderung, die urn diese Zeit etwa statt gefunden h&tte, 
bekannt ist, die erwahnte Meldung fur die Wiedergabe eines blossen und zwar 
htfchst wahrscheinlich noch dazu stark ubertriebenen Geriichts zu halten. 
«) Wiarda III p. 153-58, p. 165. 

7 ) Textuell : „als dem von Gott verordneten Beschiitzer und Handthaber 
der ersten und anderen Taffeln. a 

8 ) In dem frtiher erw&hnten Brief des Pastors Snoilsky wird allerdings 
ein Mandat aufgefuhrt, das mtfglicherweise mit dem eben genannten znsammen- 
hangt. Am 22. August 1622 soil eine „ernste a Verordnung erschienen sem, 
die Mennoniten, deren Zahl dabei in Stadten und Flecken auf mehr als 400 
geschatzt wird, hatten 12000 Reichsthaler aufzubringen und der graflichen 
Regierung zu erlegen. Daflir sollte ihnen alsdann, freilich nur auf 10 Jahre 
und unter Vorbehalt, das Recht freier obwohl nur heimlicher Religionsubung 
bewilligt werden. Dass Snoilsky sich hierin geirrt haben sollte, ist nun freilieh 
nicht glaublich; vielmehr spricht alles dafiir, dass er gut berichtet gewesen. 
In den mir zu Gebote stehenden Akten, die sonst genau mit So oil sky's 
Angaben iibereinstimmen, habe ich aber gerade dieses Aktenstuck lekier nicht 
gefunden. Inwiefern also die auf der Hand liegende Vermutung zutrifft, 
zwischen diesem und den vorher genannten habe ein naherer Zusammenhang 
bestanden, lasst sich einfach nicht nachweisen. Im ubrigen wird das nach 
obiger Mitteilung Snoilsky' a voraus zu setzende Faktum, dass Enno sich mit 
den Mennoniten, nachdem er sie frUher unterdriickt, dann spater in Verhand- 
lungen eingelassen habe, bestatigt durch den Inhalt zweier anderer Briefe 
aus der Zeit Ulrich's II. An dessen Gemahlin Grafin Juliane namlich wandte 
Jan Jacobs Vliedt , Prediger bei den Mennoniten in Emden, sich im Jahre 
1644 am 28. Oktober und 5. November mit der Bitte, den Mennoniten unter 
gewissen Bedingungen die festgesetzte Zahlung des ublichen jahrlicben Schutz- 
geldes kiinftig zu erlassen. Urn die hohe Frau gnadig zu stimmen, beruft er 
sich in beiden Briefen daraufj dass er seinerzeit dem Grafen Enno ein „klein 
schrifftgen" habe zugehen lassen zur Abwehr der gegen die Mennoniten und 
ihren Glauben gerichteten gehassigen Angriffe. Auch habe er bei einer andern 
Gelegenheit dem Grafen seine Sache miindlich vorgetragen , und habe derselbe 
dies so wohl aufgenommen, dass er darin gewilligt habe, die Mennoniten „mit 
keinen dingen oder aufflagen u weiter zu beschweren. Es muss aber dahin- 



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79 

gestellt bleiben, in wiefern dies mit dem von Snoilsky erwahnten Indultum 
etwas zu thun gehabt hat. 

9 ) Wozu der erste Termin auf Michaelis d. J. festgesetzt wurde. 

10 ) Darauf deutet auch Snoilsky hin, wenn er als Grund fUr das erw&hnte 
Faktum angiebt, „weiln zumahl unter ihnen vielerley spalltungen, welche mit 
dem grosten Hauffen die Friesen genannt keine gemeinschafft hallten, gefunden 
werden a . 

n ) Der Name kommt gleichfalls vor unter den an jener Versammlung zu 
Oldeborg am 1. Februar 1644 Beteiligten. 



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Die Entstehung der Emder Rustkammer. 

Von Senator Schnedermann in Ewden. 

£js ist gewiss eine hochst auffallende Erscheinung, dass die 
Stadt Emden von Alters her eine so ausserordentlich reichhaltige 
Waffensammlung besitzt; denn in Deutschland ist kaum eine andere 
Stadt, die auch nur annahernd Ahnliches aufzuweisen verraag, 
obgleich viele derselben ja noch eine weit reichere Vergangenheit 
hinter sich haben. Aber fast inehr noch ist zu verwundern, dass 
man nicht weiss, wie und wann dieser Schatz entstanden ist; 
wenigstens geht das, was bisher daruber veroffentlicht worden, 
kaum uber allgemeine Vermutungen hinaus. 

Der Verfasser des Katalog^ Assessor Rolffs, vertritt die An- 
sicht, der Ursprung der Sammlung sei auf den ersten Grafen 
von Ostfriesland zuruckzufuhren. Er berichtet, dass ihrer zuerst 
Erwahnung geschehe bei der Nachricht uber die Besitznahme des 
Rathauses durch die Burger in der bekannten Emder Revolution 
von 1595, dass aber Ulrich I. unbedingt als der eigentliche Be- 
griinder anzusehen sei. Wortlich sagt er daruber folgendes : 
„Ulrich ordnete das Polizeiwesen und bestimmte, dass das Emder 
Burgerrecht drei Postulatgulden kosten, dass der neue Burger den 
Burgereid schworen und zur Verteidigung der Stadt Harnisch 
und Gewehr anschaffen solle. Das geschah 1465. . . . Der An- 
fang der stadtischen BiirgerbewaflFnung ist mithin vom Jahre 1465 
zu berechnen. Einer stadtischen Rustkammer als solcher wird 
zwar nicht gedacht. Kein Zweifel indes, dass sie bestand ; und 



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81 

zwar unter Beaufsichtigung des gr&flichen Drosten auf dem alten 
Rathause, als der herkommlichen Waffenniederlage. So haben 
wir in Ulrichs Person den prasurativen Begrtinder der Emder 
Rustkammer vor uns." 

Diese Hypothese ist jedoch absolut nicht haltbar. Rolffs geht 
einmal von der unricbtigen Ansicht aus, die Burgerbewaffnung 
sei erst mit der Stadtverfassung von 1465 eingefiihrt, wahrend es 
zweifellos ist, dass sie mindestens schon der Hauptlingszeit ent- 
stammt. In alien Bezirken, uber die wir Eunde haben, hatten 
die Eingesessenen die Verpflichtting, sich Waffen zu halten, und es 
liegt durohaus kein Grund vor, anzunehmen, dass es in Emden 
anders gewesen sein sollte. Ulrich hat lediglich eine alte Be- 
stimmung, den datnaligfen Verhaltnissen noch entsprechend, in das 
neue Statut wieder mitaufgenommen. Ferner aber ist die Rolffs'sche 
Schlussfolgerung auch nicht stichhaltig. Aus dem Umstande, dass 
jeder Einzelne ftir seine Bewaffnung sorgen musste, kann doch 
unmoglich das Vorhandensein einer RtLstkammer gefolgert werden. 
Die Wahrscheinlichkeit spricht entschieden eher dafiir, dass ein 
offentliches Waffenlager nicht existierte, sondern erst dann ent- 
standen ist, als die Selbstbewaffnung mehr und mehr ausser Ubung 
gekomraen war. Und in der That, wenn wir die Geschichte 
durchgehen, finden sich ftir die Entstehung eines solchen auch 
erst von diesem Zeitpunkte an bestimmte Anhaltspunkte. 

Unter den nachsten Nachfolgern Ulrichs, unter Edzard und 
unter Enno, hat nun der alte Brauch, die eigene Waffe zu fiihren, 
sich unbedingt vollstandig erhalten. Beide Grafen haben ofter 
tausende von Blirgern und Bauern in's Feld gefiihrt, doch nirgends 
ist eine Spur zu entdecken, dass sie mit deren Ausrustung, was 
Handwaffen betrifft, jetnals etwas zu schaffen gehabt. Und auch 
das Soldnerwesen, das zu jener Zeit in Ostfriesland sich einzu- 
btirgern begann, brachte in der Beziehung keine Neuerung mit 
sich, denn anfanglich pflegte auch der einzelne Sdldner seine 
eigene Waffe zu haben. Wer Kriegsdienste nehmen wollte, musste 
in der Regel das Handwerkzeug mitbringen. Dem Landsknechte 
war das Feuerrohr fast genau dasselbe, was heutzutage deni Erd- 
arbeiter der Spaten ist. Das Bediirfnis einer Rustkammer ist 
Bomit auch in dieser Periode noch nicht vorhanden gewesen, 

6 



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82 

Nach dem Ableben Enno's kam datm unter Grafin Anna's 
Regierung jene langere Friedenszeit, die fftr die Entwickelung 
Emdens von so grosser Bedeutung war. Die Stadt nahm jetzt 
einen gewaltigen Aufschwung; durch die Einwanderung zahl- 
reicher Fluchtlinge aus Holland und Brabant stieg die Einwohner- 
zahl vielleicht um mehr als das Doppelte and Dreifache, und die 
ganze Zusftmmensetzung der Btirgerschaft wurde daher im Laufe 
dieser Jahre allmahlich eine wesentlieh andere. Es liegt nahe, 
dass durch diese Umgestaltung manche althergebrachte Sitten 
und Einrichtungen alteriert wurden und dass auch das Kriegs- 
wesen nicht unbertihrt davon geblieben ist. Vielen der neuen 
Biirger, vielleicht vdllig unbekannt mit dem Waffenhandwerk, 
wird die alte Wehrverfassung hftchstwahrscheinlich sehr unbequem 
gewesen sein, und so ist es denn durchaus erklslrlich, wenn in 
dieser Zeit eine Neuerung eingefuhrt worden ist, die fiir die 
weitere Gestaltung der Wehrverhaltnisse die nachhaltigsten Folgen 
haben musste. Beninga berichtet namlich vom Jahre 1558, dass 
die Grafin Anna mit den Eingesessenen der Festungen Leerort, 
Stickhausen und Friedeburg das Ubereinkommen getroffen habe, 
sie gegen Zahlung einer jHhrlichen Abgabe der Verpflichtung, 
Wachtdienste zu leisten, zu entbinden und statt ihrer besoldete 
Knechte anzunehmen. Emden erwahnt er allerdings nicht, doch 
sprechen alle Umstande dafiir, dass man gerade dort zuerst mit 
der neuen Einrichtung vorgegangen sein wird. Mit dem alten 
Wehrsystem wurde in diesen Jahren also vollst&ndig gebrochen. 
Die allgemeine Wehrpflicht, die seit undenklichen Zeiten in Ost- 
friesland gegolten hatte, wurde nunmehr, wenn auch nicht. formell, 
aufgehoben, so doch thatsachlich ausser TJbung gesetzt und damit 
eine Massregel getroffen, die einer allmkhlichen Entwaffnung des 
Volkes fast gleich zu achten war. 

Etwa um dieselbe Zeit war die Stadt inzwischen gezwungen, 
hin und wieder einige Kriegsfahrzeuge auszuriisten, um den hau- 
figen Seer&ubereien, die auf der Ems vorkamen, Einhalt zu thun. 
Namentlich lassen sich solche Falle bestimmt konstatieren aus 
den Jahren 1562 und 1554, indem in den Stadtrechnungen die 
desfallsigen Kosten ausfuhrlich verzeichnet stehen. Unter diesen 
Ausgaben nun ist nicht ein einziger Posten, der auf Handwaffen 



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83 

Bezug hat, wohl aber findet sich bei einer Lohnzahlung an die 
Mannschaft eines Schiffes die Bemerkung „vor yder knecbt mytt 
syn roer u , und ist hieraus also mit Sicherheit zu entnehmen, dass 
selbst auch damals noch die Selbstbewaffnung ublich gewesen ist, 
und 8omit auch die Notwendigkeit eines oflfentlichen Waffenlagers 
noch nicht vorgelegen hat. 

Die Kriegsfahrt von 1554 wird auch von Beninga erwahnt. 
£r berichtet, dass in jenem Jahre ein franzosisches Schiff ungefahr 
13 Fahrzeuge auf der Ems weggenommen habe. Auf die dringende 
Vorstellung der Grafin Anna sei der Eapitan jedoch geneigt 
gewesen, dieselben wieder freizugeben, doch sei darauf unter der 
Mannschaft Meuterei ausgebrochen. Die an Bord befindlichen 
Englander und Franzosen hatten den Kapitan und die deutsche 
Mannschaft bis auf funf Personen, worunter auch der Steuermann 
Eilert, quade Dirks genannt, von Bord gejagt und Schiff und Gut 
ftir sich behalten u. s. w. 

Der hier genannte Eilert scheint nun von da ab das Frei- 
beutergewerbe mit grosser Ausdauer weitergefiihrt und die Waffen- 
macht der Stadt wiederholt in Bewegung gesetzt zu haben. Noch 
acht Jahre spater, 1562, schreibt die Grafin Anna, dass wieder 
mehrere Klagen uber den Seer&uber Eilert quade Dirks bei ihr 
eingegangen seien and der Magistrat daher sofort wieder einige 
Kriegsschiffe gegen denselben ausrtlsten solle. Uber diese wei- 
teren SchifFsexpeditionen ist jedoch in den Stadtrechnungen nichts 
enthalten; nor kommen folgende Posten vor, die ohne Zweifel 
damit in Zusammenhang stehen: 

1562. — 6 Gl. Grote Gerth mesmaker vor 25 Isern 
lantzen, daruan der moisten speren ein elle lank sein. 

1565. — 42 Daler vor 12 duppeldo Hacken, de de Drost 
Unico Manninga gekofft vnd der stadt wedder auerdragen. 
1565. — 17 Daler 4Vj Bch. vor 6 Hacken mit Laden 
vnd Slote tho Bremen gekofft. 

. — 74 Daler vor 25 metallen Hacken mith de Laden 
vnd de Fracht den Bremer Bussenschiitte, de se gemacket, 
bethaelet. — 1567 den 27. Mai gekoft vnd bethaelt van jurgen 
poppen tho Oldenborg 120 spesen myt de ysers, dat stuck 
12 sch. vnde is hem 10 Gl. ofer hoep gefen. 

6* 



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84 

Zweifelsohne hatten die Verh&ltnisse sich jetzt schon so weit 
geandert, dass bei Bemannung der Schiffe auch zu Soldnern ge- 
griffen werden musste, denen es an geeigneten Waffen fehlte, bo 
dass nichts anderes iibrig blieb, als das Erforderliche fur st&dtische 
Rechnung anzuschaffen. Durch diese Anschaffungen durfte dann 
aber der erste kleine Vorrat von Hand waffen entstanden sein, der 
ab und an vielleicht einigen Zuwachs erhalten hat durch Stiicke, 
die von den Seer&ubern erbeutet wurden. 

Den vereinzelten Kampfen mit den Freibentern folgten bald 
ernste Kriegsgefahren durch die Vorgange im Nachbarlande. Alba's 
Sieg uber Ludwig yon Nassau in der Schlacht bei Jemgum 1568 liess 
fur Emden das Schlimmste befurchten, wenigstens hat die Ein- 
wohnerschaft der Zeit entschieden unter diesem Eindrucke gelebt. 
Bezeichnend fur die Stimraung, welche in Emden geherrscht hat, sind 
zunSchst folgende Ausgaben, die in der Stadtrechnung vorkommen : 
1568. Vor de Schanze tho graven by de Bors. Dyck 
In tydt des vplops. 

— Vor ein perde mole, de man van den landrichter 
gehaelt In tydt des vplops. 

— Vor pick tho de Teerkranssen vnd vor ein Ketel, 
dar de Teerkranssen in gedoget sint. 

— Vor dardehalf hundert korfen tho maken, dar man 
Hagelschott In legt vnd steckt man In dat geschutt. 

— An Salomon Lichtenow Bussenschutt tho Bremen 
bethaelt 111 Daler vor 25 roetallen stormhacken vnd vor 
13 stormhacken tho geten van der Stadt Klockspyse. 

— Gereckent mitt Christoffer Hesser Ww. tho Olden- 
borg vor 19 Roere, dat stfick V/ % Daler. 

— Vor 108 Roeren, verdich gemacket ant slotvarck, 
an Ider Roer 2 sch. verdeent, de man de Walen gefen heft 
als Duca de Alba de schlach tho Jemgum gedaen. 

— Vor de Stadt liichten geuen 12 01. und 2 sch.' In 
der tydt als de lantzknechten wakeden, de sonder liichten 
nicht wolden waken vor de gemene borgere. 

Einen weiteren Einblick in die Zustande gew&hrt dann aber 
noch folgendes Schreiben, das der Magistrat am dritten Tage nach 
der Schlacht an Graf Edzard richtete ; 



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85 

Gnedige Herr, Wy konnen vth vnderdenigen gemote 
I. G. vnuermeldet nicht lath en, wath maten wy van Borgern 
vnd Buren nicht anders vermerken, den dat ein Jeder fast 
vngeduldich is, dat I. G. nhe by densuluen sich sehen 
gelathen noch desiiluen in diissen vaerlichen tyden einige 
frost mith ohre Jegenwarde gegeuen. Ock dat de vntsicht 
by den Drosten vnd vns ock anderen amptlilden vnd borgern 
vnd buren in gebott vnd verbott nicht is, wo aller maten 
woll sein soldo. Achten es derwegen nicht wy den ock 
alle goden lUden, so woll borgern vnd inlendische alse 
vthlendische bestelleden, so hyr itziger tydt vorhanden, vor 
hoch nodich, dat I. G. huet dissen dach (so es immer 
mogelich) oder thorn geringsten morgen, beide oder thorn 
geringsten einer alhir sich sehen vnd vinden lathen wollen, 
darmede de gode liiden gehartziget vnd alle nodtruft desto 
beter verordenet moge vorden. Gnedige Herr, dat idt also 
nodich, werden I. G. mith der dath sporen, darumme bidden 
wy ganz vnderdeniglich I. G. wollen dath also tho harten 
nemen, vnd doch geen ailment darinne wollen lathen. Den 
G. H. Juv G. sich suluest vnd der gantze Stadt vnd Land- 
schaft dardurch eine groet fromment schaffen werden. Es ist 
fast ein geschrey, als sol den I. G. vmb de grote geferlichkeit 
sich alhir nicht vinden lathen diiruen. Mit beuelunge tho 
dem Almechtigen. Datum In I. G. Stadt Embden am vehr 
vnd twintigsten Juli Anno 68 

Borgermester vnd Rath 
der Stadt Embden. 
Eine grenzenlose Aufregung hatte sich hiernach der Biirger- 
schaft bemachtigt. Nach den langen Friedensjahren war man es 
eben nicht mehr gewohnt, ernstlich an die Verteidigung der Walle 
zu denken, und nun urplotzlich sah man sich einem so machtigen 
Feinde gegeniiber, wie niemals zuvor einer die Stadt bedroht 
hatte. Dazu kam, dass gerade in den jtingst vorhergehenden 
Wochen, als unter vielen Anderen auch die Grafen Egmont und 
Hoorn das Blutgerust hatten besteigen mussen, vermutlich zahlreiche 
Fliichtlinge aus den Niederlanden eingetroffen waren, deren miind- 
liche Schilderungen der erlebten Greuelscenen nun nicht wenig 



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86 

zur Erregung der Gemtiter beitrugen. Dass unter solchen Um- 
standen die Bande der Ordnung sich losten, dass formlich Aufruhr 
entstand, ist sehr erklarlich, und zwar um so mehr noch, als eine 
eigentliche Biirgervertretung nicht existierte, sondera die ganze 
Verwaltung noch aaf den Schultern weniger M&nner ruhte. Un- 
moglich konnte man sich ohne weiteres bei den Anordnungen 
der Behorde beruhigt fuhlen; von Angst und Verzweiflung ge- 
trieben wird man versucht haben, selbst bestimmend miteinzu- 
greifen; in stiirmischen Versammlungen werden die verschieden- 
artigsten Plane und Projekte aufgetaucht und erortert sdn, denen 
alien jedoch das eine Ziel wird zu Grande gelegen haben: so 
schleunig wie moglich durchgreifende Verteidigungsahstalten zu 
treffen. 

Die Jemgumer Eatastrophe hatte also zun&chst wieder einige 
Waffenankaufe zur Folge, hauptsachlich wohl der fliichtigen Wal- 
lonen wegen, die von der Stadt in Dienst genommen waren ; weiter 
gab dieselbe dann aber zu umfassenden K&stungen Veranlassung, 
die zum Teil erst im folgenden Jahre zur Ausfiihrung kamen. Der 
Stadtgraben wurde erheblich erweitert und das Boltenthor mit 
grossem Kostenaufwande von Grund aus neugebaut. Besonders 
war jedoch das Augenmerk darauf gerichtet, schweres Geschutz und 
Munition herbeizuschaffen, eine Aufgabe, deren Losung wegen des 
herrschenden Kriegszustandes ihre grosse Schwierigkeit haben 
musste. Freilich war man mit der Herstellung von Schiesspulver 
jedenfalls schon vertraut, denn bereits 1557 kommt eine Ausgabe 
vor fur Fuhrlohn : „de kruetmoelen vth den kloster vp den bauhof 
tho vaeren." Es kam hierbei also nur das Rohmaterial in 
Frage, das anscheinend geniigend zu erhalten- war. Anders 
verhielt es sich dagegen mit der Beschaffung von schwerem 
Geschutz. Seewarts sowohl wie landwarts wurde der Verkehr 
durch die Spanier unsicher gemacht. und eine Gelegenheit, den 
Bedarf in unmittelbarer Nahe zu decken, wird schwerlich vor- 
handen gewesen sein. Die Folge war denn schliesslich aucb, 
dass man dazu tiberging, eine eigene Geschiitzgiesserei zu er- 
richten, eine Begebenheit, die zu interessant ist, als dass wir 
sie nicht an einigen urkundlichen Ausgabeposten etwas naher ver- 
folgen sollten. 



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87 

1569 pawel biissenschtitt tho tehrgeld gedahn 2 Daler 
tho 16 sob. als Laurens vnd he sint getogen nha Gronin- 
gen, vmb den Getofen tho beseben. 

1569. Bethaelt de Klocken tho haelen, een van Enger- 
houe de ander van Be Caspel. 

— Jiirgen Nyenborch bethaelt 20 sch., dat he VI dhagen 
int BtUsenhues heft gearbeidet vnd 2 dhagen de potten vnd 
ketelen In stiicken tho schlaen, de van den Borger ge- 
sammelt sindt tho dat geschtttt. 

— An pawel bethaelt 23 sch. vor Eier tho de Formen 
gebrucket, 

— Sine Groninger Frouw bethaelt vor 16 stige Eier, 
de pawel van er gekofft hadde, de stige 24 witte. 

— Joh. pawels bethaelt 6 Gl. vor de wapens tho schniden 
tho datt geschiitt. 

— Vth befell B. vnd R. pawel geuen ein halven Daler 
als B. vnd R, de Formen besegen. 

— Bethaelt vor arbeidsloen In dat Gethueft vp den 
Syll. 

— Bethaelt vor arbeidsloen In dat Bfissenhu8 by de 
Valderpporte. 

— Bethaelt vor arbeidsloen In dat Bussen oder ghethues. 
In der Nahe des Faldernthors , der jetzigen Kettenbriicke, 

war urn's Jahr 1569 noch eine ziemlieh grosse, unbebaute Flache ; 
denn die Hofstrasse 1st nachweislich erst 1570 angelegt, und die 
Strohstrasse wird jedenfalls nicht friiher entstanden sein. Auf 
diesem Terrain nun, das also im Osten begrenzt war durch den 
Stadtwall und im Westen durch die Mauer des alten Kloster- 
kirchhofes, und das schon viele Jahrzebnte hindurch als stadtischer 
Bauhof gedient hatte, ist unter Leitung des Buchsensohiitzen Paul 
und des Stadtbaumeisters Laurens die (jreschtltzgiesserei vor sich 
gegapgen. Das Bohmaterial wurde aus alien Ecken und Enden 
hervorgeholt; die Dflrfer wurdeu abgesucht naqh gesprungenen 
KirohenglQcken und die Btirgerhauser nach zerbrochenen Topfen 
und Kesselo* Die H^rstellung der Formen, wozu man merk- 
wlirdigerweue auch aneehnliche Quantitaten Eier verwandte, nahm 
etwa drei Monate in Ansprueh ! im Marz wurde mit der Arbeit 



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88 

begonnen, und im Juni konnten BtLrgermeister und Rat eine 
Besichtigung vornehmen. Bald nachher wird dann auch der Guss 
erfolgt sein, denn am 6. August wurden gechs fertig gestellte 
Geschiitze auf der Wage gewogen, die ein Gewicht ergaben von 
13428 Pfund. 

Uber die kriegerischen Massnahmen wahrand der nachst- 
folgenden Jahre geben die Stadtrechnungen leider wenig oder 
gar keine Auskunft. Unbedeutend sind dieselben jedenfalls nicht 
gewesen, denn es lasst sich konstatieren , dass 1571 die Stadt 
vier Kriegsschiffe , drei grossere und ein kleineres, mit einer 
Besatzung von 300 Mann in Dienst gebabt hat. Hauptsachlicb 
erst vom Jahre 1573 an kommen wieder Ausgaben vor, welche 
auf Waffen Bezug haben, die aber gerade in betreff der Riist- 
kammer von grosstem Interesse sind: 

1570. An Jasper vhan Deuenther bethaelt 15 Riisteleyen 
dat Rust 3 1 /, Gl. 3 1 /, sch. 

— Den 4. Marty gereckent mitt Gerrit Klinkhamer vor 
34 diibbelde Hacken, dat stdck vor drei Daler. 

1573, Am 15. Augusti hebben B. vnd R. gekofft tho 
der stadt best 30 Mannen Harnisch, darunder 22 gemene 
Riistungen mit Stotmhoeden vnd Beinscheeren vnd 8 drafen 
Harnisch vnder welck twee schoet frei sein, dat stuck 
durch die Bank vor Veerdehalf Daler, 

Noch twee hondert vnd sestig Stormhoeden, dat stiick 
twalff schaep. 

Noch drei Rohre, dat stiick vor anderthalf Daler. 

Alles van Johanna van der Mher, eine Frouwe van Wesel. 

Noch gekofft van oir 6 Par Isern hanschen vnd twe 
Stormhoeden vnd negen Roere tho samen vor twe vnd 
twintig Daler. 

— Am 26. Augusti van Peter Brusens van Wesel ge- 
kofft 36 riistungen vnd 25 stormhoeden dartho horende, 
dat stiick vor drei Daler weiniger ein Oert. 

— Am lesten Augusti bethaelt Jules van Amsterdam 
sampt soeven gesellen Arbeides Veer weken lank an de 
Riistkamer vpt grothe HuB by de Valder Porthe vnd an de 
Biissenkrutzmoele. 



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89 

1574. Am 10. Febr. bethaelt, an Joest Schwerdtfeger 
yor sestein schlachtschwerde tho der stadt best gekofft, dat 
stiick drei Daler. 

— Bethaelt an Jacob van Spenckhusen 122 lange Boeren 
mit souoele Flaschen vnd Flaschinen. Jeder Roer mit syn 
Flasche tho drei Gl. 

— Van Herman Poell gekofft 34 Puluerflaschen, dat 
par vor 8Vi sch. Noch van den sttluen seB Stormhacken 
dat stiick Veer Daler. 

♦ — Am 29. Marty an Ailt Campen geuen vnd bethaelt 
vor twyntich Rtistungen 3 l / t Daler vnd ein halfen orth. 

1575. An Jacob Eremer van Essen vor 60 diibbelde 
Hacken vnd twe Museketen f. 315. — 

Besonders wichtig ist zun&chst die Ausgabe vom 31. August 
1573 an Jules von Amsterdam, indem dadurch bekundet wird, 
dass um die Zeit eine Riistkammer auf einem grossen Hause beim 
Faldernthor vorhanden gewesen ist. Ohne alle Frage ist nun dies 
Haus identiscb rait dem, welches die Stadt vier Jahre vorher, 
1569, an der Stelle hatte errichten lassen, namlich mit dem jetzigen 
Packhaus „Halle" bei der Kettenbrucke. Denn and ere grossere 
Baulichkeiten gab es dort nicht; auf einem im Trifolium aureum 
befindlichen Stadtplan, der zwischen 1574 und 1577 gemacht sein 
muss, ragt es weit fiber die Umgebung empor. War aber im 
Jahre 1573 in diesem Gebaude eine Riistkammer untergebracht, 
so kann es keinem Zweifel unterliegen, dass dasselbe von vorn- 
herein auch dazu bestimmt gewesen ist. Die Entstehung des 
Geb&udes findet damit auch erst eine geniigende Erkl&rung. Der 
Bau fallt ja in eine Zeit, als das ganze Sinnen und Trachten der 
Einwohnerschaft lediglich auf Verteidigung gerichtet war, so dass 
es geradezu undenkbar ist, derselbe kflnnte fur friedliche Zwecke 
unternommen worden sein. Im Jahre 1569 ist somit neben den 
sonstigen Verteidigungsanstalten auch ein grosses Lagerhaus fur 
Schutz- und Handwaffen errichtet. 

Was sodann aber die weiteren Posten anbelangt, so geht aus 
allem hervor, dass die Waffeneinkaufe nach 1569 wesentlich 
anderer Art waren als vor der Zeit. Bis dahin hatte man haupt- 
sachlich nur Speere und Hakenbuchsen angeschafft } jetzt hingegen 



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90 

wurden auch Schlacbtschwerter, Musketen, Harnische u. s. w. 
gekauft: Gegenstande, wofiir man schwerlich direkt Verwendung 
hatte , denn ein Bedarf an Waffen konnte nur yorhanden sein, 
una Schiffe auszuriisten, und dazu waren dieselben zum Teil jeden- 
falls nicht geeignet. Offenbar hatten die AnschaflFungen also die 
Bestimmung, in den neu errichteten Lagerraumen ftlr etwa kom- 
mende Eventualit&ten aufgespeicbert zu werden. 

Die Entstehung der Emder Riistkammer durfte somit hiernach 
haupts£chlich auf die Vorgange des Jahres 1568 zuriickzufiihren 
sein. Nacb der Jemgumer Scblacht machte man zweifelsohne 
die Wahrnehmung, dass die Waffenbestande im Besitz der Burger- 
scbaft bei weitem nicht mehr geniigten, die Stadt wirksam zu 
verteidigen, und es wurde infolge dessen dann der Beschluss gefasst, 
st&dtischerseits grossere Vorrate anzulegen und zu dem Behuf 
zunachst ein entspreehendes Zeugbaus auf dem stadtischen Bau- 
hofe zu erricbten. Der Ankauf von Waffen erfolgte dann erst 
allmablich im Laufe der folgenden Jahre, und zwar scheint man 
in der Kegel nur Gelegenheitsk&ufe gemacht zu baben. Die 
Hauptlieferanten, besonders diejenigen aus Wesel, waren augen- 
scheinlich Handler, welche die Sachen zusajnmengekauft batten. 
Die acquirierten Gegenst&nde werden daber auch keineswegs alle 
neu gewesen sein , sondern es ist zu vermuten , dass die moisten 
Stiicke bereits durcb TrSdlerhfinde gegangen waren, fur die 
gerade in Wesel wegen der Nahe der hollandischen Schlacbtfelder 
ein geeignetes Feld gewesen sein wird. So auch nur lasst es 
sich erklaren, dass die Stadt damals schon in den Besitz von 
Luxus waffen gekommen ist; und dass dies der Fall war, durfte 
kaum anzuzweifeln sein, denn als etliche Jahre sp&ter, 1592, der 
Herzog Friedrich von Wurttemberg auf einer Reise nach England 
auch Emden beriihrte, wurde er trotz seiner kurzen Anwesenheit 
auch veranlasst , die Riistkammer zu besuchen l ) , was schwerlich 
geschehen wfire, wenn * dieselbe bloss gewohnliohe Waffen aufzu- 
weisen gebabt hatte. 

Rechnen wir nun samtliche Einkaufe zusammen, so ergiebt 
sich, dass in der Zeit von 1554 bis 1575 angescbafft sind : 



i) Vgl JAhrbuch IV 2 p. 115. 



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91 

101 Harnische und Riistungen, 
319 Feuerwaffen, 
16 Schlachtschwerter, 
145 Spiesse. 
Bei einer im Jahre 1606 vorgenommenen Inveutaridation wurde 
dagegen folgender Bestand vorgefunden: 

181 Harnische und Rilstungen, n&mlieh : 

50 bundte Harnisch mit beenscheren, 
3 blanke Riistungen mit ein Curselet, 
33 Schwartte Riistungen mit Ronde Cragen, 
48 voile schwartte Riistungen mit armen Vnd been- 
scheren, Stormhoeden vnd sons ten, 
45 geritzede Riistungen mit ronde Cragen vnd Storm- 
hoeden, 
1 Iserfaruede vnd 1 blawe Rftstunge, de een hort 
R. Hanss Revere aruen, de ander R. Bo- 
lardus. 
592 Feuerwaffen, n&mlich: 

64 Metallen Stormhacken, 
11 diibbelde lange Isern Stormhacken, 
59 dubbelde Isern Hacken, 
29 Musketen mit Verketten, 
429 Roers. 
8 Calibern, 
31 Schlachtschwerdter, 
312 Spiesse, 
53 neue Hellebarden, 
20 alte desgl., 
11 Knevelspeten, 
13 Morgensterne, 
13 Flegel. 
Es ergab sioJi also ein Mehrbestand von 80 Riistungen, 
273 Feuerwaffen, 15 Schlacbtschwertern u. s. w., der mit Ruck- 
sicht daralif, dass in den Jahren von 1575 bis 1606 nachweislich 
noch ofter Anschaffungen gemaoht sind, sehr gering zu nennen 
ist und auch wiederum beweist, dass vor 1554 nennenswerte Vor- 
rate nicht vorhanden gewesen sein kdnnen. 



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92 

Eine zweite Inventarisation der auf der Rustkammer befind- 
lichen Sachen wurde dann 1617 vorgenomnien, die nachstehendes 
Resultat ergab: 

286 voile Rustungen nut stormhoeden, 

160 Stormhoeden, so by de overige spiesen in notfall ktinnen 

gebracket warden, 
64 Metallen Hacken, 

11 diibbelde Isern Hacken, 
80 enkelde Isern Hacken, 

464 stuck Musqueten, 
572 „ Roers, 
2 Rundtassen, 

36 Schlachtschwerde, 

79 Hellebarden, 

12 Kneuelspeten, 
14 Morgen Sterns, 
14 Flegels, 

52 bunt speisen, yeder 7 int getal, 

7 olde Fendels, 

2 Flaggen, 
35 busch erdsacken, 

1 Topfstender, 

6 lanterns, 

1 kleine Klocke, 

4 olde vnd twe neuwe Formen, 

7 trommen, 

1 grot tafrel, de Schanz van Logen *), 
Eyn party bandoliers gutt vnd quad. 
In der Zeit von 1606—1617 wurde das Kriegsmaterial somit 
bedeutend vermehrt. Die Zahl der Rustungen stieg von 181 auf 
286 und die der Feuerwaffen von 592 auf 1191. Vermutlich wird 
damit dann aber auch, was den Umfang anbetrifft, der Hohepunkt 
so ziemlich erreicht worden sein, und es ist vielleicht nur noch aus 
dem Jahre 1623 ein grosserer Zuwachs zu verzeichnen, herruhrend 
aus einer dem Grafen Mansfeld abgejagten Beute. Zwei dem- 



>) Vgl. Jahrbuch IV 1 p. 60 f. 



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93 

selben genommene Schiffe enthielten namlich laut einem bei den 
Akten befindlichen Verzeichnis ausser schwerem Geschiitz, Mu- 
nition u. s. w. auch folgende Schutz- und Handwaffen: 
119 Reiterwaffen, 

283 Corselets oder Fussvolkwaffen, 
4 Bandelier Rohre, 

70 Paar Pistolen mit Halftern, 

90 halbe Piken, 

41 Degen, 

15 Hellebarden, ganz neu, 
1 Curasse, complet, 
die wahrscheinlich der Riistkammer werden einverleibt sein bis 
auf die Pistolen, welcbe spater wieder veraussert wurden. Es 
geht dies aus einer Riistkammer-Rechnung vom Jahre 1628 her- 
vor, indem dort bei einer Einnahmeposition beraerkt stebt : „Dese 
ontfang kumpt ber von verkaufton Manssfeldischen pistolen, 
Denten (Zelten?), kleren vnd hoeden". Der Bestand an eigent- 
licben Luxuswaffen hat sich indes auch in den spateren Jahren 
noch fortwahrend vergrossert, wie verschiedene mit einer Jahres- 
zahl versehene StiLcke bekunden. Die bisherige Annahme (ibri- 
gens, dass die Riistkammer besonders durch die Mansfelder Beute 
an solchen Exemplaren bereichert worden sei, ist nach obigem Ver- 
zeichnis durchaus nicht gerechtfertigt; allenfalls nur die 4Bandelier- 
Rohre diirften sogenannte Kabinetsstucke gewesen sein. Uberhaupt 
ist es an sich auch nicht gerade sehr wahrscheinlich, dass ein 
Mann wie Mansfeld, der ein so unstates Leben fuhrte, der heute 
hier raorgen dort war, sich bemiiht haben wird, viele derartige 
Eunstschatze mitzuschleppen. Geld und Geldeswert war ja im 
ganzen nur die Losung; kostbare Kirchengerate , Geschmeide, 
goldene und silberne Becher u. s. w, waren die Objekte, welche 
als Beute mitgenommen wurden. 

Wie bereits oben erwahnt, muss die Riistkammer schon urn's 
Jahr 1592 aussergewohnliche Luxuswaffen enthalten haben, die 
sich vermutlich, ohne dass man gerade darauf ausgegangen war, 
bei den verschiedentlichen Einkaufen in den siebziger Jahren 
angesammelt hatten. Der anfanglich so vielleicht gebildete Be- 
stand diirfte denn aber im weiteren Verlaufe der Zeit haupt- 



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94 

s&chlich durch Schenkungen seitens der Burger vermehrt worden 
8ein, was freilich die Voraussetzung bedingt, dass in jenen Kreisen 
auch solche Saohen vorhanden gewesen sind. In der Beziehung 
konnen jedoch Zweifel kaum obwalten. Es ist absolut undenkbar, 
dass Leute, welche sich Rtistungen hielten, wie die noch vor- 
handene des Gerhard Bolardus, des einstigen Holzhandlers und 
spateren Ratsherrn, nicht auch reich verzierte Schusswaffen sollten 
gehabt haben, und vollends, wenn in Betracht gezogen wird, dass 
ein Moment vorhanden war, welches sich in hohem Masse dazu 
eignete, solchem Luxus Vorschub zu leisten. Das Schutzenwesen, 
welches in der ersten Halfte des sechzehnten Jahrhunderts aufge- 
komraen zu sein scheint, gelangte in der zweiten Halfte desselben 
zu grosser Bliite ; das jahrliche Vogelschiessen gestaltete sich zu 
einem Hauptvolksfest, woran auch der Graf haufig Teil zu nehmen 
pflegte, wie aus einigen Posten in der Stadtrechnung vom Jahre 
1562 zu entnehmen ist. Dieselben lauten namlich: 

— betaleth als de borger vnd Houetlinge der Schtitten 
tho Aurich gewesen vnd den Herrn gebeden de papagoye 
mit den borgern nach older gewoente tho scheten. 

— 45 Gl. voer twe Aem besten Wyns als m. g. H. mit 
de borgere de papagoye geschoten vnd hier vp dem Huese 
frolich gewest. 

Dass bei solchen Gelegenheiten ein gewisser Prunk mit Waffen 
getrieben sein wird, liegt sehr nahe. 

Eine erschdpfende Erklarung far das Vorhandensein all der 
vielen Prachtstiicke ist damit nun allerdings noch keineswegs 
gefunden ; es bleibt fur Konjekturen immer noch ein offenes Fold. 
Hinsichtlich der Rtistkammer an sich durfte jedoch nach obigen 
Ausflihrungen das Rfitsel gelost sein: Sie verdankt in der 
Haupt8ache ihre Entstehungder Jemgumer Schlacht 
von 1568. 



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Beschreibung mehrerer auserlesener WafFen- 
stucke der Emder Rustkammer. 

Von Ingenieur Starcke in Em den. 

Die als Waffensammlung eines stadtischen Gemeinwesens in 
ihrer Reichhaltigkeit wohl einzig in ihrer Art dastehende „Riist- 
kammer a des Emder Rathauses enthalt auch an Arbeiten des 
Kunstgewerbes eine grosse Anzahl von Stiicken, die teils von 
kttnstlerischer Bedeutung, teils von grossem kunsthistorischem 
Intereese sind. Ganz besonders ist es die Sammlung von Feuer- 
waffen, 990 an der Zahl, die in dieser Beziehung reiche Ausbeute 
liefert. Unter den altesten Waffen dieser Art, den aus dera 
Anfang des 15. Jahrhunderts stammenden zahlreichen Luntenflinten 
der Emder Bttrger-Schiitzen , findet sich nichts Bemerkenswertes 
vor, da sie nur dem praktischen Zwecke der Biirgerbewaflnnng 
dienen sollten und auch naturgem&ss bei den ersten Schiesswaflfen, 
die nach Erfindung des Schiesspulvere verfertigt wnrden, weniger 
an die Entfaltung kunstlerischen Schmuckes gedacht wurde. 

Erst die Luntenflinten aus der Mitte des 16. Jahrhunderts 
erregen unser Interesse durch bildiichen Schmuck, sei es in 
Holzschnitzerei, Metallarbeit oder eingelegter Arbeit. Auf der 
Hohe der Vollendung stehen die Arbeiten aus der zweiten Halfte 
des 16. Jahrhunderts bis Mitte des 17. Jahrhunderts, und giebt 
uns so die Emder Waffensammlung tiberhaupt ein Bild der Ent- 
wickelung, dee Hohepunktes und des allmahlichen Niedergehens 
der Kleinktinste, zusammenfallend mit der Entwickelung der 



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96 

Malerei, Architektur und Skulptur der Renaissance in den nor- 
dischen Land era. 

In stattlichen Reifaen treten uns da all die verschiedenen 
Formen und Konstruktionen der damaligen Feuergewehre ent- 
gegen, aufs reichste ausgestattet, ja sogar zum Teil uberladen 
mit kunstvollen Arbeiten in Elfenbein, Darstellungen aus der 
Mythologie, wie die Friihrenaissance sie liebte, — Kartouchenwerk 
mit Masken, Fruchtguirlanden und nachgeahmtem Metallbeschlag, 
wie die Barockzeit sie mit sich brachte. Sehr bemerkenswerte 
Leistungen weist auch die Scbmiedekunst auf, verbunden mit den 
Arbeilen des Graveurs, Ciseleurs und des Vergolders. 

Im Anschluss an die in dem vorliegendem Bande des Jabrbuches 
gegebenen Daten iiber die Entstehung der Emder Riistkammer 
und als erste Anregung zu einer Publikation der wertvollsten 
Stiicke dieser bedeutenden, 2267 Nummern umfassenden Sammlung 
seien hier die folgenden vier Feuerwaffen aus dem 16. und Anfang 
des 17. Jahrhunderts wiedergegeben, gezeichnet durch den Maler 
Kallmorgen in Karlsruhe und in Lichtdruck vervielfaltigt. 

Taf. 1. Muskete ohne Jahreszahl (zweite H&lfte des 16. Jahr- 
hunderts), mit der Marke T. S. bezeichnet, 16fach gezogen. 
Kolben nnd Schaft sind iibersaet mit eingelegter Arbeit in Elfen- 
bein: Blattwerk, Ranken, Friichte, Vogel aller Art, dann wieder 
Hirsch- und Eberjagden mit Jagern zu Pferde und zu Fuss, 
romische Erieger und mythologische Gestalten. Die Arbeit ist 
durchweg eine vorziigliche und bekundet einen tiichtigen Kunstler. 
Reich er in der Anordnung und edler in der Ausfuhrung ist wohl 
kein zweites Stiick der Sammlung. (Nr. 552 des Katalogs von Rolffs.) 

Taf. 2. Damen-Kammerbiichse mit der Jahreszahl 1558 bc>- 
zeichnet, der Tradition nach aus dem Besitz einer Gr&fin von 
Ostfriesland. Ein iiberaus zierliches und fein geformtes Gewehr 
mit eingelegter Arbeit in Perlmutter und Elfenbein. Phantastische 
Tiere und springende Hirsche wechseln in den Darstellungen mit 
zartem Ranken- und Arabeskenwerk , Jagdscenen und mytho- 
logischen Figuren. Selbst der Hahn wird durch den Kopf eines 
Ungeheuers gebildet. Dem Kunstler sind im ganzen die raensch- 
lichen Figuren besser gelungen, als die tierischen. So ist der 
die Tiere des Waldes bezahmende Orpheus eine fein durchgebildete 



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Figur, wahrend der Hirsch und der Lowe vor ihm steif in der 
Haltung 8ind, der Lowe sogar fratzenhaft. Auch der Orientale 
im Kaftan mit Reiherbusch auf der Kopfbedeckung ist von tiich- 
tiger Zeichnung. Trotz einzelner Mangel in der Ausfuhrung ist 
das Ganze von hoher Schonheit und grosser Gesamtwirkung. 
(Nr. 572 des Katalogs.) 

Taf. 3. Reiterpistole (Armpistole) mit der Jahreszahl 1589 
und der Marke I. I. bezeichnet. Die Sammlung von Pistolen, 
aus 97 Nummern bestehend, hat viele sehr interessante Stuck e 
aufzuweisen, von denen eins hier dargestellt ist. Schaft von 
Cedernholz mit eingelegten Elfenbeinstreifen und feinen Blatt- 
ornamenten. Auch der stark geschwungene Kolben tragt sowohl 
an den Seiten wie an der Kappe Blattornamente in einfachen, 
edlen Formen. (Nr. 1441 des Katalogs.) 

Taf. 4. Gazogene Kammerbiichse mit der Jahreszahl 1616 
und der Marke 6. bezeichnet. Ein pr&chtiges Stuck in den Formen 
der SpEt- Renaissance mit reicher Ornamentik und Vergoldung. 
Schaft und Kolben von Cedernholz mit massvoll verteilten Orna- 
menten und figiirlichem Schmuck in eingelegter Arbeit (Elfenbein). 
Die barocken Elemente sind in den Ornamenten vorherrschend, 
die Zeichnung des Figiirlichen ist zum- Teil von der grossten 
Feinheit und Naturwahrheit. Der Hahn ist in zierlicher Arbeit 
als Kopf eines Krokodils geformt, an der Saule desselben Diana 
mit Speer und Bogen, dariiber ein Medusenhaupt, auf dem Driicker 
und Kloben Engelskopfe, — alles in edelster Ausfuhrung mit 
durchbrochener Arbeit und reicher Vergoldung. Unter den Elfen- 
bein- Arbeiten spielen auch hier wieder Hunde, Hirsche, Hasen 
und Vogel eine Hauptrolle, und zu diesen gesellt sich noch ein 
wohl seiten in solchen Darstellungen zu findendes jagdbares Tier, 
der Gemsbock, in charakteristischer und naturwahrer Weise, auf 
einem Felsgrate stehend, dargestellt. Von gewandter Zeichnung 
ist auch der springende Wappenlowe und das Kartouchenwerk 
am Kolben. (Nr. 587 des Katalogs.) 



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Tilemann Dothias Wiarda. 

Von General-Superintendent B artels in Anriefa. 

Anno 1739 ward in Aurich die allgemeine Aufmerksamkeit 
rege gemacht durch einen Rettig, der in der Nahe der Stadt ge- 
wachsen war ; er war nicht bloss ungewohnlich schwer und gross, 
sondern auch eigentumlich geformt, er hatte die Gestalt einer 
Hand. Das gab zu denken; manche betrachteten diese Rettig- 
hand nicht ohne Besorgnis als ein bedeutungsvolles Zeichen be- 
vorstehender Ereignisse: „war sie nicht schwer, dick, schwarz, 
wie ausgestreckt zum schlagen" — so gab im Vertrauen der 
Hofprediger Bertram in einem Epigramm seine verborgenen Ge- 
danken kund — 

„Gott wolle uns bewahren, 

Dass uber unser Haupt nicht frerade Hande fahren!" 
Fremde Hande! ja es lag so etwas wie Gedanken an solche 
in der Luft, nnd Bertram war nicht der einzige, dessen Gedanken 
sich sorgenvoll gestalteten; nicht lange hernach sollte der Pastor 
Gross in der benachbarten Landgemeinde Ochtelbur zur Fiirbitte 
urn einen mannlichen Erben fur den Ftirsten Karl Edzard auf- 
gefordert haben, „damit wir nicht dem Blutkonig in die Krallen 
gerathen, der nun in Schlesien wiithet". ') Und die fremden 
Hande kamen; noch ganz anders, als damals jemand ahnen konnte, 
fuhren sie uber Ostfriesland dahin: deutsche, hollandische, fran- 
zosische, reformierend und revolutionierend, bis auch selbst der 
ostfriesische Name von der Landkarte hinweggefegt ward, und 



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99 

nur ein Sturm noch starker als der erste ihn wieder an seine 
Stelle brachte. Dies bewegte Zeitalter vom Erloschen des ost- 
friesischen Fiirstenhauses bis nach den Freiheitskriegen hat kaum 
einer unserer Landsleute so eingehend mit durchlebt wie Tile- 
mann Dothias Wiarda, welcher zugleich der Geschichtschreiber 
der Periode werden sollte und vom Standpunkt ihrer Interessen 
und Anschauungen ans das Gebiet der gesamten ostfrieeischen 
Geschichte nebst dem der Sprache, Rechtsquellen and Altertumer 
amfassender als einer seiner Vorganger ans Licht zu stellen ver- 
sucht hat 

Dureh eine solche Reihe von Generationen und so mannig- 
faltige Familientradition war kaum einer unserer Geschicht- 
schreiber mit Land und Leuten verwachsen wie er. Bereits im 
Zeitalter der Vetkoper und Schiringer wird u. a. ein Siurt Wiarda 
zu Goutum bei Leeuwarden genannt, der als hervorragender 
Vertreter der Landesinteresseri zu Anfang des 15. Jahrhunderts 
hohes Ansehen genoss. Ein Zweig seines Geschlechts wurde im 
Zeitalter Alba's nach Ostfriesland verpflanzt und blieb von da 
an mit demselben, sowohl des Fiirsten als der Stande Wege und 
Schicksale teilend, aufs engste und mannigfaltigste verflochten. 
Bei unserm Wiarda aber wirkten alio Wendungen seines Lebens- 
laufs dahin zusammen, dass er wohl mit dem Neuen und Fremden, 
welches die Zeit uber Ostfriesland brachte, in mannigfaltige Ver- 
bindung kam, aber doch mit seinem aussern Leben und seiner 
innern Neigung in der alten Heimat festgewurzelt blieb. Zwei 
Jahre nach dem Erloschen des ostfriesischen Fiirstenhauses zu 
Emden geboren (18. Oktober 1746), aber schon in friihster 
Jugend nach Aurich ubergesiedelt, verlebte er seine Jugendjahre 
unter den anregenden Eindriicken des siebenjahrigen Krieges und 
wurde sowohl in seinen reiferen Jahren als im Alter personlich 
und im ftffentlichen Dienst in die wechselnden Stromungen der 
Politik und Litteratur hineingezogen. Aber nach seiner Univer- 
sitatszeit hat er Ostfriesland immer nur auf kurze Zeit verlassen 
Und in verschiedenen Stellungen reichlich ein halbes Jahrhundert 
lang dem Lande seine Dienste gewidraet, die Wirren und Ge- 
fahren der Fremdherrschaft mit demselben iiberstanden, um nach 
den Freiheitskriegen in seiner wiedergewonnenen , schon von 

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seinem Vater bekleideten alten Stellung als Landsyndikus seinen 
Lebensabend friedlich zu beschliessen. 2 ) So beruhte es auf einem 
innern Lebenszusammenhang und entsprach einem personlichen 
Lebensbediirfnis, wenn Wiarda sich berufen fand, daran zu ar- 
beiten, dass iiber dem Neuen und Fremden mit dem verwitterten 
und schlechten Alten nicht auch unbesehens das Gute zugleich 
ausgefegt, sondern das altuberlieferte Eigene und Bewahrte da- 
heim in Ehren gehalten und draussen zu Ehren gebracht werde. 
Neben vielem Uberjahrten und einem starken Ballast von 
Pusillanimitat nahm Ostfriesland aus den letzten Jahrzehnten der 
Fiirstenzeit doch auch manehes in das- Zeitalter Friedrichs des 
Grossen hinuber, dessen die spatere Zeit mit Pietat zu gedenken 
Ursache hatte, wo nicht mit dem stillen Vorwurf, dass es leichter 
wegzuwerfen als zu ersetzen gewesen sei. J a, es war steif, klein und 
kleinlich im ostfriesischen, zumal im auricher Leben in Wiarda s 
Jugendjahren von den Hausern und Strassen der Stadt bis zu den 
Menschen gross und klein; wie beschrankt diese mit seltenen 
Ausnahmen einstockigen , durch kleine in Blei gefasste Fenster 
dammerig erleuchteten Hauser, und doch jedes Winkelchen im 
Sinne der Zweckmassigkeit und Bequemlichkeit ausgenutzt und 
bis auf den kunstgerecht gestreuten Sand auf dem Fussboden 
darauf eingerichtet, dass man in seinen vier Wanden sein Be- 
hagen finden moge ! Es war ein steifes, in einen engen Gesichts- 
kreis gebanntes, an der Hand eines steifen Ceremoniells gegan- 
geltes Geschlecht, das darin wohnte. Selbst die Wanderjahre 
fiihrten den ehrsamen BtLrgersohn ausserst selten iiber Ostfries- 
land hinaus und auch dann kaum weiter als bis Jever oder 
Oldenburg , und hatte er sein eignes Hauswesen gegriindet, so 
gehorte er seinem Hause und seiner Familie mit einer Ausschliess- 
lichkeit an, dass nur etwa ein sonntaglicher Spaziergang oder 
ein Besuch bei Verwandten ihn zum Vergnxigen hinausfuhrte ; 
ein Wirtshaus betrat er nicht, wenn nicht irgend ein Geschaft 
ihn dahinrief. Aber was war diesem Manne sein Haus , und 
welch eine Ehrensache, auch dem entferntesten Vetter gegeniiber 
Pietat und Treue hochzuhalten ! Was konnte steifer sein als der 
Verkehr der Menschen untereinander ! Es ware fur krankenden 
Spott angesehen, hatte man dem gemeinen Mann mit einer 



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ho hern Anrede als „Ji a begegnen wollen, war es ein wohlhabender 
Handwerksmeister oder Schullehrer, so musste man „He" oder 
„Er a sagen, dem Studierten, dem Beam ten bis zum Kanzlisten 
herab, dem unabhangigen Privatmann gebiihrte dagegen die An- 
rede „Sie a . Welch ein Verstoss, wenn man die Neujahrs- 
gratulation versaumte oder dem alteren und vornehmeren Herrn 
zur Rechten ging, ging doch selbst der Bediente des vornehmen 
Herrn auf der Strasse sorgfaltig dem des weniger vornehmen 
zur Rechten, und sogar die Hute im Vorzimmer der Kollegien 
und in den Fensternischen der Gesellschaftsraume reihten sich 
sorgfaltig nebeneinander nach Rang und Wurden der Haupter, 
auf deren Periicke sie gehorten. Bei einem vornehmen Leichen- 
begangnis ereignete es sich, dass die beiden Marschalle wegen 
des Ranges in Streit gerieten, welchem von ihnen sein Platz vor, 
welchem hinter der Leiche gebuhre, und mit ihren brennenden 
Fackeln — vornehme Leichenbegangnisse fanden des Abends 
statt — handgemein wurden, denn der eine war Magistrats- 
sekret&r, der andere Regierungsadvokat. Der streitige Rang ist 
hernach im Prozesswege festgesetzt, und die Frage in aller Form 
zum Nachteil des Magistratssekretars entschieden. Solchen Dingen 
stand aber gegenuber, dass es eine Ehre und eine Genugthuung 
war, in seinem Stande, und w&re es der eines Dienenden, ein 
brauchbarer und geachteter Mensch zu sein, dem seines Standes 
Last und Frieden von einer hohern Hand zukomme. Denn, 
und das war in Ostfriesland eine bis iiber did Zeit des sieben- 
jahrigen Krieges hinaus dauernde Frucht des Pietismus, eine 
Stadt und Landgemeinde, wie kleinlich auch oft unter sich ab- 
gestuft, war eben vor allem noch eine Gemeinde, die in gemein- 
samem Gottesdienst und gemeinsamer religioser Grundanschauung 
vor einem Herrn als dem gemeinsamen Hort und Haupt sich 
beugte, mochten auch bornierte Steifheit, Schlendrian, Aberglaube 
in mancherlei Weise sich daran h&ngen. War es Sonn- und 
Festtag, so sah man Vornehme, Burger, Handwerks* und Arbeits- 
leute regelmassig mit ihren Familien zur Kirche ziehen, die vor- 
nehmen Herren gefolgt von einem Bedienten in Livree nach den 
Farben des Wappens ihrer Herrschaft, die Frauen mit einer Magd 
hinter sich, welche Gesangbuch und Bibel, in rotem oder schwarzem 



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102 

Sammt gebunden und mit goldenen und silbernen Klammern ver- 
ziert, zur Winterszeit auch die Stove, nachtrugen. Die Sonntags- 
feier war streng, jegliche Arbeit wie jegliche gerauschvolle Er- 
go tzung vollig ausschliessend, vor allem jeden Wirtshausbesuch. 
Von Konventikeln war nicht mehr die Rede, aber der Sonntag- 
abend pflegte die Familie urn den Hausvater zur Vorlesung aus 
einem Andachtsbuch zu versammeln. Die namliche Strenge 
beherrschte in den ehrbaren Hausern die Kindererziehung und 
die Schule; Wiarda's Mutter nicht zttm wenigsten reprasentierte 
die ernste, sittenstrenge Tradition des reformierten Emdens und 
des Reiderlandes. Als einer von Wiarda's Zuchtmeisiern , der 
lateinische Eantor Balduin Fastenau, 1798 sein funfzigjahriges 
Dienstjubilaum feierte, riihmte er sich bei dem von seinen vor- 
maligen Schulern veranstalteten Festmahl, er habe manche seiner 
Schuler zu Raten und andere zu wackern Mannern geprugelt, 
ein Diktum, auf welches Wiarda ofter zuruckzukommen pflegte, 
nicht ohne ein skeptisches Lacheln uber die neuen Theorieen, 
die den Stock durch das EhrgefiihJ verdrangen wollten. Wo aber 
die hausliche Zucht und Fastenau's Stock die Arbeit des Pfluges 
verrichtet hatten, folgte bei der in Bescheidenheit gereiften Jugend 
Mag. Smid, um in Herder'scher Art meist nicht ohne Erfolg die 
Saat der Humanitat zu streuen. s ) 

Mochten manche die preussische Zeit furchterfullt und nicht 
ohne Grund haben herankommen sehen als eine Zeit voller Kriegs- 
unruhe und ohne 'Pie tat gegen das mit alien seinen Mangeln lieb- 
gewordene Alte, so hatte doch eben sie das in sich zerfallene 
Ostfriesland erst wieder zu einem Lande gemacht, demselben nicht 
bloss fur das politische, son dem fur das geistige Leben uberhaupt 
erst wieder einen Gesichtskreis erschlossen, und Wiarda's Jugend- 
zeit ist die des Sichumsehens und Besinnens in demselben* 
Generationen hindurch hatten der Zank und Streit des Kirchturms- 
patriotismus und die ewigen Reibungen zwischen Furst und Standen 
den patriotischen Gesichtskreis ausgefiillt, das geistige Interesse 
hatte sich auf religiose und kirchliche Fragen konzentriert, und 
was daniber hinausging, erfullte der Beruf. „Die erste und Haupt- 
lectiire der Juristen, Theologen, Mediciner", aussert Wiarda ein- 
mal, n bestand in den in ihr Fach einschlagenden alten und neuen 



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103 

Biichern ; daher hatten wir hier, besonders was die Rechtsgelehrtheit 
anlangt, in diesem ihrem Fach so vorzxiglich gelehrte R&the, 
Amtmanner und Advocaten a , wie denn auch der Grosskanzler von 
Cocceji dem ostfriesischen Hofgericht das Zengnis gab, dass er 
bisher kein Kollegium gefunden, welches im ganzen genommen 
mit so rechtskundigen M&nnern besetzt gewesen w&re. *) Hin 
und wieder hatte sich einer mit den alten Klassikern in vertrauter 
Bekanntschaft erhalten oder auch Geschmack gefunden an fran- 
zosischer Litteratur, w&hrend in den nach Holland zu gravi- 
tierenden Amtern Emden und Leer holl&ndische Litteratur und 
„Maatschappyen a im Vordergrunde standen. Seit 1750 fand nach 
und nach auch die deutsche Litteratur Eingang: erst Gellert, 
Hagedorn, Haller, spater Klopstock und Gleim. Mit dem 
Regierungs- und Konsistorial-Prasidenten von Derschau, welcher 
1751 nach Ostfriesland gekommen war und sich bald durch 
mancherlei Bande des Berufs, der Verwandtschaft und Freund- 
schaft mit demselben verbunden hatte, war fiir die Liebe und 
Pflege deutscher Litteratur und Eunst ein anregender Mittelpunkt 
gefunden. Es sammelte sich um ihn ein kleiner Ereis von 
Litteraturfreunden, dem auch Wiarda angehorte. Von Derschau 
bewegte sich gern auf dem Gebiet der Popularphilosophie und 
der an sie grenzenden didaktischen Poesie ; eins seiner kleineren 
Gedichte hat es sogar vermocht, wegen des in ihm angewandten 
Versmasses — Hexameter mit einer Vorschlagssilbe, wie in Kleist's 
Friihling — Friedrich d. Gr. das beifallige Zeugnis abzugewinnen, 
es sei ihm hier die deutsche Sprache in einem Bhythmus und 
Wohllaut entgegengetreten , deren er sie nicht fahig gehalten 
habe. 5 ) Eompetenter ist die Anerkennung, welche ein anderes 
Glied des v. Derschau'schen Kreises, der schon genannte Mag. 
Smid, damals Konsistorialrat in Aurich, bei Herder fand, der in 
seinem „Geiet der hebraischen Poesie", eines Gedichts von Smid 
iiber den Krieg, ohne den Verfasser zu kennen, mit Auszeich- 
nung gedenkt. 6 ) Unter den Anregungen dieses Kreises ent- 
stand auch Wiarda's erste Schrift n Gedanken iiber den Hochmuth" 
(1770), die er spater als eine Jugendsunde bezeichnet hat, ob- 
wohl ihr die Ehre einer Ubertragung ins Hollandische zu teil ge- 
worden war. 



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Allein es ist wohl nicht zufallig, dass sich seine Studien bald 
einem andern Gebiet zuwandten, dem der friesischen Rechts- 
geschichte und, im Zusammenhange damit, der friesischen Sprache. 
Ob Wiarda's Interesse w&hrend seiner Universitatszeit in Duisburg 
und Halle nach dieser ftichtung hin eine besondere Anregung 
erhalten hat, vermochte ich nicht anzugeben ; wahrscheinlich kam 
der entscheidende Impuls aus dem praktischen Leben. Es war das 
Zeitalter der Cocceji'schen Justizreform und der Entstehung des 
preussischen Landrechts; die ostfriesisehen Verhaltnisse wurden 
dadurch vielseitig affiziert und die Aufinerksamkeit der rechts- 
kundigen Jahrzehnte hindurch in Anspruch genommen. Die Absicht 
des Eonigs und .seiner Rate ging dahin, zuvorderst die Partikular- 
rechte der einzelnen Provinzen zu sammeln und diese dann durch 
ein allgemeines Gesetzbuch mit subsidi&rer Geltung zu erg&nzen. *) 
Das ostfriesische Landrecht aber war bis dahin nur handschriftlich 
verbreitet gewesen und eben im Zusammenhange mit diesen Vor- 
gangen durch Matth. v. Wicht d. Alt. (Aurich 1746) veroffentiicht 
worden. Von Wicht's in der Vorrede wie in den Anmerkungen 
zu seiner Ausgabe des Landrechts niedergelegte Studien waren 
ganz geeignet, das Interesse fur die Erforschung der friesischen 
Rechtsquellen und Rechtsgeschichte zu erwecken, und bei Wiarda 
wirkten, wie kaum bei einem andern, Beruf und Neigung zusammen, 
in die Arbeiten v # Wicht's einzutreten, mit welchem er noch bis 
1778 in Aurich zusammenlebte und genauer 8 ) bekannt und befreundet 
wurde. Zuerst veroffentlichte Wiarda eine Schrift „von den Land- 
tag en der Friesen bei Upstalsboom" (1777), welcher nach ein 
paar Jahren eine „von den Richtern Brokmerlandes" folgte (1782). 
Es gelang den beiden kleinen Schriften, die Aufinerksamkeit der 
Gelehrten fur ihren Gegenstand zu gewinnen, und sie brachten 
ihren Verfasser alsbald auch in Verkehr mit auswartigen Forschern. 
Die Gesellschaft „pro excolendo jure patrio" in Groningen er- 
nannte ihn an Stelle des eben verstorbenen von Wicht zu ihrem 
Mitgliede, besonders trat Petrus Wierdsma zu Leeuwarden, der 
eben mit einer Herausgabe der „Oude Friessche wetten" beschaftigt 
war, mit Wiarda in Briefwechsel iiber friesische Miinzen, Gesetze 
und Sprache. Um dieselbe Zeit waren auch der Syndikus Ger- 
hard Olrichs in Bremen und dessen Bruder Professor Johann 



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Olrichs mit Studien iiber die altfriesischen Rechtsquellen be- 
schaftigt und lagen Wiarda an, die Sprache derselben naher zu 
erl&utern, welche ihnen weniger bekannt war, wahrend umgekehrt 
Wierdsma in Vertrautheit mit derselben Wiarda iibertraf. Das 
veranlasste diesen, ehe er an die weitere Veroffentliehung von 
Rechtsquellen ging, die allerdings schon damals im Plane war, 
sich mit dem altfriesischen Idiom eingehender zu beschaftigen; 
so entstanden die Schriften iiber die Geschichte der alten frie- 
sischen Sprache (1784) und das Altfriesische Worterbuch (1786), 
welche gleichfalls mit Beifall aufgenommen wurden. •) 

Inzwischen verlor Wiarda jedoch die litterarischen und ge- 
meinnutzigen Interessen keineswegs aus den Augen, sondern 
nahm hervorragenden Anteil daran, als der Plan auftauchte, eine 
Anzahl gleichgesinnter Manner aus verschiedenen Berufskreisen 
zur Herausgabe der ersten litterarischen Zeitschrift fur Ostfries- 
land zu vereinigen, den „Ostfriesischen Mannigfaltigkeiten". Der 
Gedanke fand lebhaften Anklang; in Aurich beteiligten sich ausser 
Wiarda der Konsistorialrat Smid, Jhering, Matth. v. Wicht der 
Jiingere, Tannen, Freese, in Emden der Burgermeister Helias 
Losing, in Norden 'Dr. Reil; insonderheit lebhaftes Interesse be- 
tbatigte der Konsistorialrat Coners in Esens und eine Anzahl 
lutherischer Geistlicher des Harlingerlandes , Zimmermann in 
Esens, Vechtmann in Werdum, Cadovius in Burhave, Jani in 
Funnix; die reformierte Geistlichkeit , unter der sonst Wiarda 
mit vielen befreundet war, blieb ohne Zweifel schon deshalb dem 
Unternehmen fern, weil sie nur in hollandischer Sprache zu 
schreiben gewohnt war. Durch ein Vorwort von Wiarda einge- 
leitet erschien die Zeitschrift 1784. Die Herausgeber wollten in 
lauter selbstandigen Arbeiten „wo moglich dem ganzen lesenden 
Publikum niitzlich sein und fur jeden etwas bringen". Fur Auf- 
s&tze aus der vaterltodischen Geschichte sorgte Wiarda und neben 
ihm Losing und Vechtmann, die Interessen der heimatlichen 
Industrie und Landwirtschaft besprachen Jhering und Freese, 
Tannen brachte eingehende Mitteilungen zur Pflanzenkunde der 
Umgegend von Aurich; fur Gedichte, unter welchen ab und an 
auch ein lateinisches Carmen auftauchte, sorgten Reil, Smid, 
Zimmermann, Jani; Reil, der eben damals mit seinem „Di&te- 



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tischen Hausarzt fiir meine Landsleute" (Bd. I. 1785, Bd. II. 1787) 
beschaftigt war, lieferte mitunter auch Beitrage aus dem Gebiet 
der Gesundheitspflege, z. B. iiber Schniirbruste ; Coners brachte 
aus dem grossen Bereich seiner Belesenheit Mitteilungen aus 
der Sittengeschichte und moralische Betrachtungen. Wie ernst 
es dabei mit dem gemeinniitzigen Charakter der Zeitschrift gemeint 
war, bezeugte nicht bloss die Behandlung von obligaten Lieblings- 
kapiteln der Aufkl&rungszeit , den unverwilstlichen Stecken- 
pferden Aberglaube, Gespensterfurcht , Vorurteil, sondern auch 
eingehende meteorologische Beobachtungen von Cadovius, es 
fehlten sogar nieht Ratschlfige iiber Ealbermastung, deren Ver- 
fasser niemand anders als — Coners war. Hatte man doch von 
der „Nutzbarkeit des Predigtamts" so weitgebende Vorstellungen, 
dass Zimmermann unbedenklicb proponierte , der Landpfarrer 
mochte am Sonntagabend in der Schenke fur Unterhaltung seiner 
Gemeindeglieder iiber allerhand nutzliche Materien vom Sternen- 
himmel und dem politischen Himmel, wie aus dem Gebiet der 
Landwirtschaft, Stallfutterung, Gemeinheitsteilungen u. s, w. Sorge 
tragen. ,0 ) Durch Vermittlung des Eanzleirats und Hofmedikus 
Gramberg in Oldenburg wurden die „Mannigfaltigkeiten" auch in 
den Ereisen oldenburgischer Litteraturfreunde bekannt, und ihnen 
nicht bloss Leser, sondern auch Mitarbeiter gewonnen, deren 
Name iiber den engen Ereis der heimischen Leser hinaus in 
Ansehen stand. Der Jahrgang 1786 brachte ausser Beitragen von 
Gramberg auch einiges von v. Halem und sogar kleine Gedichte 
und prosaische Aufsfitze einer namhaften Grosse der deutschen 
Litteratur, des Grafen Friedr. v. Stolberg, welcher damals als 
oldenburgischer Landvogt zu Neuenburg wohnte. Trotz dem 
alien, vielleicht auch weil an dem alien so manches neu und 
ungewohnt war in Ostfriesland und einen Beigeschmack der 
„Aufklarung u an sich trug, kam aber der Zeitschrift so wenig 
Interesse lesender Ereise entgegen, dass sie eben mit dem Jahr- 
gang 1786 einging und auch ein spaterer Versuch im Jahre 1795, 
sie wieder aufzurichten, fehlschlug. An diesem erneuten Versuch 
beteiligte sich Wiarda nicht; es war auf seinen von Gramberg 
mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vorschlag an die Stelle 
der „Mannigfaltigkeiten" eine oldenburgische Zeitschrift wesentlich 



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gleichen Charakters getreten, die „01denburgischen Blatter ver- 
mischten Einhalts", fur welche Qramberg Wiarda's Mitwirkung 
umsomehr in Anspruch nahm, da dieser als der eigentliche Schopfer 
dieser Schrift auch verbunden sei, thatigen Anteil daran zu 
nehmen. u ) Das gescbah denn freilich durch die Einsendung 
verschiedener Artikel aus der Provinzialgeschichte , z. B. die 
quade Foelke, Grafin Anna, wurde aber zugleich ein Anlass, 
Wiarda von der weiteren Beteiligung an der Zeitschrift abzuziehen. 
Die „Mannigfaltigkeiten a und die „01denburgischen Blatter" sind 
namlicb der Ausgangspunkt geworden fur zwei umfassende Spezial- 
gescbichten, fur y. Halem's „ Geschichte des Herzogtbums Olden- 
burg" (3 Bde. 1794 ff.) und fur Wiarda's „Ostfriesische Geschichte", 
welche letzteren nun bis zum Schluss des Jahrhunderts fast aus- 
scbliesslich beschaftigte. Im Mai 1787 richteten die ostfriesischen 
Landstande an Wiarda das Ersucben, die Bearbeitung einer um- 
standlichen ostfriesischen Geschichte zu iibemehmen, undes er- 
schien ihm als Pflicht, sich dem von dieser Stelle geausserten 
Wunsch nicht zu entziehen. Der Antrag hing aufs engste zu- 
sammen mit allerhand standischen Lebensfragen. Ostfriesland 
war nicht bloss im geographischen Sinn eine abgelegene Insel 
des preussischen Staats, sondern die Verhaltnisse hatten eine von 
den alteren preussischen Provinzen so vollig verschiedene Ent- 
wickelung durchgeraacht, dass es schwer hielt, sie mit denselben 
in notdiirftigen Einklang zu bringen, wahrend man andererseits 
Ursache hatte, auf der Hut zu sein, mit unvorsichtigen Neuerungen 
in Verhaltnisse einzugreifen , die auf einem ganz andern Boden 
erwachsen waren. Zwischen den Landstanden und der Eammer 
wie der Regierung iiberbaupt bestanden von langer Zeit her 
erhebliche DiflFerenzen, und seit dem Regierungswechsel 1786 
wurde iiber Landesbeschwerden verhandelt, deren Tragweite fur 
die Landstande die allergrosste war, und fur deren zufrieden- 
stellende Losung ein historisches Verstandnis des Vorhandenen 
und dessen uberzeugende Vertretung viel ausmachte, — wer aber 
war so in vorderster Linie zur Vertretung der standischen In- 
teressen berufen und hatte sich zugleich so eingehend und mit 
Erfolg auf die Geschichte Ostfrieslands, insonderheit seiner Rechts- 
verhaltnisse , eingelassen, wie eben Wiarda! Es ist denn auch 



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zum hervorragenden Teil seinen Bemiihungen mit zu verdanken 
gewesen, dass die Erledigung der krausen und schwierigen Diffe- 
renzen durch direkt in Berlin gefuhrte Verhandlungen in die 
richtige Bahn geleitet wurde und dann in Aurich auf dem Land- 
tage 1790 zu einem erwiinschten Ziel gelangte. ia ) 

Noch wahrend dies alles im Gange war, erschien der erste 
Band der Ostfriesischen Geschichte, und der tiber Verhoffen giin- 
stige Verlauf der Verhandlungen in Berlin und Aurich hat ohne 
Zweifel wesentlich beigetragen, dem Werk eine ungeteilte bei- 
fallige Aufnahme nicht allein in Ostfriesland und den benach- 
barten Landschaften, sondern auch in Berlin zu verschaffen. Hier 
war es vdr andern der Minister Graf Herzberg, der von Wiarda's 
Studien mit grossem Interesse Kenntnis nahm , nachdem er den 
Verfasser personlich kennen gelernt hatte ; das Generaldirektorium 
liess in der ausgesprochenen Absicht, den Verfasser zur weiteren 
Bearbeitung zu ermuntern, sofort auf das ganze Werk subskri- 
bieren, und der Graf Herzberg machte Wiarda auf Studien auf- 
merksam, die er selbst einige Jahre vorher iiber die Branden- 
burgische Seemacht und die afrikanische Kompagnie in Em den 
gemacbt und teilweise veroffentlicht hatte. 1S ) Bereits mit dem 
Anfang des dritten Bandes erreichte Wiarda den Punkt, wo sein 
bedeutendster Vorarbeiter, Emmius, ihn verliess, die Zeit des 
niederlandischen Freiheitskrieges und der innern ostfriesischen 
Landesunruhen ; aber gerade von hier an flossen seine Quellen 
und Htilfsmittel um so reichlicher: er vereinigte Quellen, die noch 
nie in eine Hand gelegt gewesen waren. Ihm als dem allgemeinen 
Vertrauensmann erschlossen sich die Archive des Emder Rat- 
hauses und der Regierung nicht minder als die der Landstande, 
und von der gedruckten Litteratur hatte er seit langer Zeit eine 
reichhaltige Sammlung zur Hand. I4 ) So schwoll das Material 
von dem angegebenen Zeitpunkt ab derartig an, dass die histo- 
risch unbedeutenden Zeiten des 17. und 18. Jahrhunderts in un- 
gleich grosserer Ausfiihrlichkeit behandelt werden konnten, als 
die viel inhaltvolleren beiden vorangehenden Jahrhunderte, und 
wie gerade Wiarda zu der Sache stand, liess er sich durch die 
durre Weitschichtigkeit des Stoffs und der Quellen nicht ermiiden: 
jedes Jahr brachte einen weiteren Band, bis 1798 mit Band VIII 



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109 

und IX das Ganze mit dem Ende der Regierungszeit Friedrichs 
des Grossen zum Abschluss gelangte. Fur das Werk selbst 
brachte freilich diese Fiille von Stoff uber eine unerquickliche 
Zeit insofern keinen Gewinn, als die Diirre des Gegenstandes 
und die Ausfuhrlichkeit der Darsellung Ursache wurden, dass 
kaum jemand diese Bande durchliest , wenn er sich nicht die 
ostfriesische Geschichte zum pflichtmassigen Studium macht — 
wird man doch selbst noch bei der gedrangteren und ansprechen- 
deren Darstellung von Klopp ermiidet — fur den Forscher aber 
hat Wiarda um so hoheren Wert zu beanspruchen , als seine 
Bande Aktenmaterial aus Quellen extrahieren, uber welche seit- 
dera mehrfach zerstorende Hande gegangen sind, ,s ) so dass ein 
betrachtlicher Teil kaum mehr vorhanden sein durfte. 

Nahezu zwei Jahrhunderte lagen zwischen dem Abschluss 
von Wiarda's Arbeit und der von Emmius; inzwischen hatten 
die Zeiten des Kirchturmspatriotismus und der Parteistreitigkeiten 
manche Bereicherungen im Detail gebracht, aber den Blick auf 
das Ganze und den Gehalt der historischen Entwickelung aus 
den Augen verloren, und Brenneysen's Plan einer uber diesen 
Standpunkt hinausfuhrenden Geschichtsdarstellung war nicht zur 
Ausfuhrung gelangt. Erst Wiarda nahm Emmius' Arbeit wieder 
auf, indem er sie nach riickwarts wie nach vorwarts weiter fort- 
zufuhren suchte. Emmius hatte die Nachrichten der Klassiker 
als seinen Lesern bekannt und fur die Geschichte der Folgezeit 
so gut wie gar nicht massgebend beiseitgelassen , Wiarda zog 
auch sie herein und schenkte der Betrachtung der alten friesischen 
Rechtszustande ebenfalls eine grossere Aufmerksamkeit als seine 
Vorganger. Auch insofern schliesst sich Wiarda eng an Emmius 
an, als er mit ihm die Zeiten des mittelalterlichen Selfgovernment 
fur Zeiten einer goldenen Ffeiheit anzusehen gewohnt und dem 
Interesse der Stand e gegemiber dem Landesherrn in der Kegel 
zugethan ist. Doch nicht im Sinn des Parteigeistes ; eben um 
sich nach alien Seiten die Freiheit des Urteils zu wahren, war 
er nicht zu bewegen gewesen, eine Geldbewilligung zur Ent- 
schadigung fur die um seiner ostfriesischen Geschichte willen 
gemachten Aufwendungen von den Landstanden anzunehmen, ie ) 
und die Thatsachen erscheinen so wenig gefarbt, dass aus ihneu 



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110 

selbst deutlicher als aus den Urteilen des Geschichtschreibers 
entgegentritt, was Hegel als lehrreiche Hauptsumme der ostfrie- 
sischen Geschichte nach Wiarda's Darstellung entnimmt: sie sei 
„ein zusammenhangendes Gemalde der schmahlichsten, niedrigsten 
und zerstorendsten Zerriittung, die aus dem Verhaltniss vom 
Fiirsten und von Landstanden hervorging, in deren H&nden sich 
Rechte befanden, die der Souveranitat zustehen. In grossern 
Ziigen ist dergleichen z. B. in Frankreichs, Englands Geschichte 
vorhanden, ehe diese Lander ihre Bildung zu Staaten vollendet 
hatten, urn Polens nicht zu erwahnen, nur dass diese Geschichten 
auch von der ekelhaften Seite, namlich dem vollstandigen Rechts- 
und Papierformalismue des deutschen Landes, befreit sind". n ) 
Fur die Zeiten Friedrichs d. Gr. und manche Harten, die sie, 
zumal vom stand is ch en Standpunkt angesehen, herbeigefuhrt 
hatten, hatte sich fiir Wiarda vielleicht manches in ein weniger 
mildes Licht gestellt, wenn er nicht unter dem Eindruck der Er- 
ledigung der Landesbeschwerden geschrieben hatte. Hinsichtlich 
der Darstellung und des Geistes der gesamten Auffassung ist dagegen 
zwischen Emmius und Wiarda ein grosser Unterschied. Emmius' 
Darstellung, obwohl er im ganzen annalistisch verfahrt, gruppiert 
dennoch den Stoff ahnlich libersichtlich und gef&llig, wie die ihm 
zum Muster dienenden Klassiker, und seine Diktion nahert sich 
allenthalben der prunklosen Eleganz der Alten. Wiarda ist nicht 
Humanist, sondern Rechtsgelehrter, und zwar ziemlich ausschliess- 
lich; nichts hat weniger Reiz fiir ihn, als der Kunst der historischen 
Darstellung, durch welche grade in denselben Jahren Schiller 
zundend auf die Zeitgenossen wirkte, auch nur in dem Masse 
nachzueifern , wie etwa v. Halem in seiner Oldenburgischen Ge- 
schichte. Seine Darstellung und Ausdrucksweise entgeht deshalb 
auch dem Tadel seiner Recensenten nicht; 18 ) es ist als wollte 
er das Interesse seiner Leser an der Substanz der Geschichte 
gradezu auf die Probe stellen durch Vernachl&ssigung der Form; 
er ist nur ausnahmsweise nicht trocken sachlich, und auch wo 
er etwa eine launige Bemerkung einfliessen lasst ; konimt sie oft 
genug trocken heraus; damit hangt auch zusammen, dass die 
Geschichte von Litteratur und Kunst uberaus durfldg abgefunden 
wird. Noch durchgreifender tritt freilich der Unterschied zwischen 



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Ill 

dem zu Ende eilenden 16. und 18. Jahrhundert hervor in dem 
Geist, der die Thatsachen auffasst und beurteilt : Emmius gehort 
dem Zeitalter des Eampfes mit Pbilipp von Spanien an, Wiarda 
dem der Aufklarung und der franzosischen Revolution — welch' 
ein Unterschied zwischen dem Feuer, mit welchem der eine die 
Freiheit zur allerpersonlichsten Lebensfrage macht, und dem 
wissenschaftlich theoretischen Interesse, mit der sie den andern 
anzieht ! Die bisber in breiter Ausfiihrlichkeit bebandelte Kirchen- 
geschicbte erscheint bei Wiarda als blosse „Luckenbusserin", w ) 
und wo er auf ihr angehorige Fragen zu sprechen kommt, nehmen 
Sprache und Urteil unvermeidlicb jene skeptiscbe und spottelnde 
Farbung an, in welcher sich der Einfluss der „berlinischen Frei- 
heit zu reden und zu schreiben" in den weitesten Kreisen geltend 
machte, trotz dem was die Herren Gedike, Biester und Nicolai 
u. a. selbst von Leasing uber sie zu horen bekamen; nirgends 
ist Wiarda leichtglaubiger und voreingenommener als auf Kosten 
Brenneysen's und der Pietisten. Denpoch wiirde man irren, wollte 
man glauben, Wiarda habe sich in den seine Zeit bewegenden 
Fragen der Politik und Religion, Litteratur und Philosophie ein- 
fach auf dem breiten Strom der bequemen Berliner Aufklarung 
treiben lassen; wir befinden uns mit ihm an der Grenze von 
Deutschland und Holland mit seinem sedat behaglichen Eklekti- 
cismus, bei welchem weder der intelligente Absolutismus noch 
der philanthropische Enthusiasmus noch der philosophische oder 
asthetische Idealismus Gnade fand, der das damalige Deutsch- 
land erftillte. Weder Schiller noch Gothe noch Herder vermochte 
sich da Bahn zu brechen ; allenfalls Klopstock's Pathos vermochte 
voriibergehend zu imponieren, aber eigentlich trafen doch Gleim, 
die Popularphilosophen und Spalding am ersten eine wahlver- 
wandte Saite. Wiarda nimmt zu den geistigen Lebensfragen 
seiner Tage, zumal den kirchlichen, kaura einen wesentlich andern 
Standpunkt ein als seine Freunde Conors und noch mehr Meder: 
er ist ziemlich optimietisch dem „neuen Licht tf zugethan, in 
welchem sich nadh seiner Meinung die „apostolische Orthodoxie" 20 ) 
repristiniert, d. h. jener trocken ehrbaren aber dabei wirklich 
ehrenfesten Lebensanschauung , welcbe dem Wirken Rants in 
philosophischen und nichtphilosophischen Kreisen so grossen 



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112 

Beifall und Einfluss verschaffte, jener Sittlichkeit, wie sie Hundes- 
hagen fl ) treffend charakterisiert hat, die nicht auf einer tiefen, 
aber doch ernsten Anschauung der Dinge ruhte, nicht ideal aber 
doch im wirklichen Leben heilsara, nicht rein war, aber doch 
gelautert, den Einzelnen nur nach seiner aussern Legalitat bemass 
und das Innere mit mehr oder minder Gleichgiiltigkeit ihm selbst 
iiberliess. „ Allein nach den Werken fragte man doch noch e h r 1 i c h , 
und das Volk, wenn man es auch nicht gross achtete, misbrauchte 
und verderbte man doch nicht geflissentlich , suchte es nicht 
fanatisch zum Bruch mit den Heiligthiimern zu bringen, die es 
noch hatte bewahren kSnnen, und stachelte nicht die Geluste der 
Unmiindigen." 

Schon rollten die Wellen der Bewegung, welche die fran- 
zosische Revolution in Europa hervorrief, bis an die ostfriesischen 
Grenzen, als Wiarda am Schluss des Jahrhunderts die Feder nieder- 
legte. Mit vielen seiner Zeitgenossen scheint er damals die Hoff- 
nung geteilt zu haben, Ostfriesland werde nicht weiter denn als 
zuschauender Beobachter an den Sturmen beteiligt werden , die 
in Europa sich austobten, — er kehrte zu seinen rechts- und 
sprachgeschichtlichen Studien zuruck. Noch im ersten Jahr des 
neuen Jahrhunderts veroffentlichte er seine Schrift „iiber deutsche 
Vor- und Geschlechtsnamen" (Berlin 1800). Schon vierzig Jahre 
vorher hatten die seltsamen ostfriesischen Namen in Berlin Auf- 
merksamkeit erregt und den Propst Sussmilch zu Nachfragen 
veranlasst, welche Reershemius den Anstoss gaben zu seinem 
1786 erschienenen „Versuch zur Erklarung einiger in Ostfriesland 
iiblicher Tauf- und Eigennamen". Reershemius macht in der 
Vorrede Andeutungen, die auf ein Interesse Wiarda's an dieser 
Arbeit schliessen lassen, welches sich denn in seiner 14 Jahre 
jungeren Schrift dokumentiert. Adelung und Nicolai in Berlin 
nahmen von derselben mit Aufmerksamkeit Kenntnis und drangen 
in den Verfasser, auch die sprachlichen Eigentfimlichkeiten der 
gegenwartigen ostfriesischen Ausdrucksweise- zu sammeln , was 
denn wohl nicht ohne Einfluss geblieben sein wird auf die Ver- 
anstaltung der spater von ihm veroffentlichten Sammlung ost- 
friesischer Sprfichworter. * a ) Gleichfalls noch im Jahre 1800 nahm 
er auch den seit 1784 zurtiokgestellten Plan zur Herausgabe des 



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113 

„Asegabuchs" wieder auf. Damals hatte es sehr schwer gehalten, 
die im Archiv zu Oldenburg aufbewahrte Handschrift in die 
Hande zu bekommen. Gramberg, an den er sich deshalb wandte, 
benachrichtigte ihn: „man verlangt 1000 $ Caution und sichre 
Gelegenheit, mit der das Manuscript versandt werden kann. Denn 
der Post wollte man es ungern anvertrauen ; es konnte doch 
durch einen unglucklichen Zufall beim Herumtragen oder sonst 
verloren gehen. Herr Rath Oelrichs aus Bremen hat es auch 
gegen Caution erhalten und selbst abgeholt und wieder gebracfyt." 
Inzwischen hatte Wiarda's Name so viel Ansehen gewonnen, dass 
ihm die oldenburgische Regierung aufs entgegenkommendste die 
Benutzung verstattete. Auch dieser Arbeit fehlte es weder an 
teilnehmendem Interesse noch an anregendem Einfluss ; der 
Minister von der Reck ermunterte wiederholt Wiarda zur Wieder- 
aufnahme der rechtsgeschichtlichen Studien, und an Dr. Gilde- 
meister in Bremen, der eben zu derselben Zeit, als das Asegabuch 
(Berlin 1805) erschien, mit seinen „Beitragen zur Kenntniss des 
vaterlandischen Rechts", die er Wiarda widmete, hervortrat, er- 
hielt er den Beweis, dass unter den Zeitgenossen das Interesse 
an diesen Forschungen Raum gewann. as ) 

Wie wenig ahnte die damalige wissenschafts- und dichtungs- 
selige Zeit das Ungewitter, das uber ihr Haupt heraufzog, bereit, 
Altfriesland und Altdeutschland mit dem vulkanischen Aschenregen 
der franzosischen Revolution zu verschiitten. Man glaubte gegen 
sie gesichert zu sein durch den Schutz der preussischen Waffen 
und versah sich auch nicht einmal von ihr eines ernstlichen Un- 
heils. Zwar im Sinn der Philosophie des Jahrhunderts ihr 
zuzujubeln war man weit entfernt, aber man hatte zumal in 
Eraden und Aurich so manche, oft mit der eigenen Familien- 
geschichte eng verflochtene Erinnerungen an die Drangsalszeiten 
des franzosischen Protestantism us vor Augen und im Gedachtnis, 
dass man unwillkurlich diese zum Ausgangspunkt der Beurteilung 
nahm und die Revolution vor allem unter dem Gesichtspunkt 
des Gerichts und der Sturmesernte aus den in der Hugenotten- 
und Dragonadenzeit gestreuten Drachensaaten betrachtete. Aber 
als ob nun selbstverstandlich damit das vormals Unterdruckte 
zu Ehren komtnen werde! Selbst angesichts der blutigen Taga 

8 



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114 

Robespierre's horte Meder nicht auf, der Revolution zwar nicht 
das Wort zu reden, aber doch begtitigenden Ansichten iiber sie 
so eifrigen Ausdruck zu geben, dass er mit der Censur dariiber 
in Konflikt gerieth: urn wie vieles bosartiger und blutiger als 
die Revolution seien die Religionskriege gewesen, wie unvermeid- 
lich habe die Reaktion gegen die zum Bewusstsein gekommenen 
Greuel derselben den Charakter eines Wutausbruchs annehmen 
miissen, doch nur um bald der Besinnung zu weichen, und es 
werde nicht ausbleiben, da ja die Freiheitstyrannei voriiber sei, 
dass Frankreich in Balde die Friichte der Saaten pflucke, um 
die es in der Reformationszeit sei betrogen worden. i4 ) Mochte 
immerhin der aufgehende Nordlichtschein Napoleon's manches 
bedenkliche Streiflicht darauf geworfen haben, in welchem Sinn 
die Revolution sich der Reformation gelegentlich als 4hres Aus- 
hangeschildes bediene, immer war es noch eine ebenso unerwartete 
wie vernichtende T&uschung, als nun nach der Katastrophe von 
1806 und dem Tilsiter Frieden auch Ostfriesland an den walschen 
Siegeswagen gefesselt wurde. Wiarda war unter den ersten, denen 
durch den Mund des Konigs von Holland im Hoflager zu Utrecht 
unmissverstandlicher Aufschluss dariiber zu teil ward, was die 
neue Wendung der Dinge bedeute: Ostfriesland ein hollandisohes 
Departement, weder dem Namen noch der Einrichtung nach mehr 
das alte, denn weder von Accorden und Recessen, noch von Huldi- 
gungsreversalen und Garantieen diirfe mehr gesprochen werden; — 
was konnte das fur ihn anderes bedeuten als w das offene Grab der 
zweihundert Jahre hindurch erstrittenen und erhaltenen gliicklichen 
Landes-Constitution", 7S ) zumal die neue Regierung das Ungliick 
hatte, dem Volk am unmittelbarsten fiihlbar zu werden durch 
eine aus schlechten Elementen zusammengesetzte Kommisenschar, 
Abgaben, Plackereien und mannigfaltige Demoralisation. Schwer- 
lich kann dem Verfasser der Ostfriesischen Geschichte an dem 
Punkt, wo diese selbst zu enden schien, der Gedanke fern geblieben 
sein, hier auch seiner eignen vierzigjahrigen amtlichen Thatigkeit 
ein Ziel zu setzen; es kostete ihm Uberwindung, sich zur Uber- 
nahme eines Amts im Dienst der neuen Regierung zu entschliessen. 
Als er sich dennoch bereit dazu erklarte, scheute er sich nicht, 
in dem betreffenden Schriftstuck die neue Zeit als eine „3poque 



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115 

d^sastreuse" ftir Ostfriesland und besonders den dritten Stand 
zu bezeichnen; aber wo auf der einen Seite Krieeherei und 
Schleicherei sich breit machten , auf der andern Bitterkeit und 
Emporungslust verhangnisvoll sich regten, erachtete er im Interesse 
des Landes es fur geboten, dass so viel moglich angesehene ost- 
friesische Manner im Amt blieben, um mit den Tiichtigen und 
Achtungswiirdigen unter den Hollandern vereint, welche die 
obersten Stellen einnahmen, nach bestem Vermogen drohenden 
Ubeln entweder vorzubeugen oder sie wenigstens zu lindern. *•) 
Und in dieser Hoffiaung tauschte er sich nicht; wahrend der Zeit, 
wo er als Assessor des Landdrostenamts und als Prafekturrat 
thatig war, gelang es ihm , manchen bedenklichen Massnahmen 
der hollandischen und der franzosischen Regierung mit Erfolg 
entgegenzuwirken, so z. B. in betreff des Deichwesens ; bei noch 
manchen alteren Zeitgenossen steht in lebhafter Erinnerung, wie 
beim Aushebungsgeschaft der Prafekturrat Wiarda mit ebenso 
glucklichem Erfolg blutige Auftritte zu hintertreiben bemiiht war, 
desgleichen bei der verrufenen Erbtochterkonskription. 2T ) 

Wiarda stand eben auch bei den franzosischen Beamten als 
Mensch, als Gelehrter und als Beamter in der hochsten Achtang, 
und noch im Friihjahre 1813 sprach sich der Prafekt Jeannesson 
in vertraulichen Berichten aufs anerkennendste uber ihn aus. M ) 
Noch sympathischer war er naturlich den Hollandern, die in 
dienstlichem und ausserdienstlichem Verkehr mit ihm in Beriihrung 
kamen, *•) und so schienen die Zeiten der Fremdherrschaft auch 
fur seine litterarische Thatigkeit nicht ohne anregenden Einfluss 
bleiben zu sollen. Seine friiheren Verbindungen mit der hol- 
landischen Gelehrtenwelt belebten sich aufs neue und erweiterten 
sich urn so mehr, da er gleich 1808 bei Errichtung des „Koninglyk 
Nederlandsch Instituut voor Wetenschappen, Letteren en Schoone 
Kunsten" zum Mitgliede desselben ernannt wurde. Vor allem 
der Sekretar des Instituts, der Westfriese Jac. Scheltema, der 
mit Wiarda die Vorliebe fur Untersuchung der friesischen Ge- 
schichte und Altertiimer teilte, suchte diesen in die Arbeiten des 
Instituts hineinzuziehen. Er richtete an ihn 1810 eine Anfrage 
uber die „Dea Nehalennia", deren Kultus auf Walcheren van 
Lennep und Bilderdyk zum Gegenstand einer eingehenden Unter- 

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116 

suchung zu machen beabsichtigten. Sie kombinierten mit diesem 
Eultus Altertumsfunde auf einer der ostfriesiscben Inseln, und 
Wiarda erorterte den Gegenstand in einer noch in demselben 
Jabre geschriebenen Abhandlung, die indessen weder gedruckt 
noeh weiter benutzt zu sein scheint, 30 ) auch bier nicht mehr in 
Abschrift sicb vorfindet. Eine in 1812 gescbriebene und druck- 
fertig gestellte Untersuchung fiber die Lex Frisiorum antiqua kam 
damals ebensowenig heraus. Die Aufforderung, an der Bear- 
beitung einer Geschichte der Thatigkeit bollandischer Gelehrten 
auf dem Gebiet der neuern Geschichte, Geographie und Litte- 
ratur teilzunehmen , lehnte er ab; fiberhaupt eigentlich frucht- 
bringend wurde die Verbindung mit dem Institut nicht, an den 
Sitzungen hat Wiarda nur einmal teilgenommen, und das Institut 
fiihrte auch nur ein kuromerliches Dasein, bald yerglich man es 
in Holland selbst mit einem Kranken, der von den Arzten auf- 
gegeben, hinter den zugeschobenen Vorh&ngen seines Sterbebettes 
sich selber uberlassen sei. 8I ) Wiarda wiirde fiber das gesamte 
damalige wissenschaftliche Leben, soweit das Licht von Frankreich 
ihra leuchtete, kaum gelinder geurteilt haben; die bedeutendsten 
litterarisch thatigen Ostfriesen, Reil, Bruckner, Oltmanns, hatten 
sich dem Ausland zugewandt, in Ostfriesland selbst ging auch die 
unbedeutendste litterarische Thfitigkeit schon 1808 mit dem letzten 
Jahrgange der „Gemeinnutzigen Nachrichten" zuEnde; — noch 10 
bis 20 Jabre in derselben Ricbtung weiter, raeint er, und es w&re 
hier das Feld der Wissenschaften zu einer Wfiste, das Volk in der 
That zu „barbares du Nord" geworden; w aber Gott sprach aus den 
Flammen von Moskau „Es werde Licht" und es ward Licht. a M ) 
Schon vor den Tagen von Moskau hatte es in Ostfriesland 
wenigstens nicht an Einzelnen gefehlt, denen es bei allem Glanz 
des Namens Napoleons unerschutterlich feststand, er werde es in 
die Lange nicht treiben. Von dem alten Kammerrat Freese 
weiss man sich noch heute zu berichten, dass er mit mehr Frei- 
mut als Vorsicht dem Jubel uber die franzosischen Siege ein 
„Irret euch nicht, Gott lasst sich nicht spotten" entgegensetzte; der 
anfanglich verhfillte, in Robespierre unverhfillt ausgesprochene 
gottesverachterische Grund der Revolution sei in Napoleon bloss 
uberfirnisst. Jedermann wusste, wenn wieder einmal ein Tedeum 



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117 

uber seine Siege angeordnet war, dass der alte Freese allerdings 
mitsang, aber laute Worte der Segenbitte und der Hoffnung fur 
Deutschland und den Konig von Preussen — und es fand sich 
kein Angeber. Bedachtig tiberlegende Leute von Wiarda's Art 
machten sich wenigstens fur ihre Lebenszeit kaum Hoffnung auf 
einen Wechsel der Dinge; aber allmahlich brach eine andere 
Stimmung sich Bahn, wenn sie sich auch vorl&ufig erst unter 
hausbackenem Scherz und Arger iiber den Verfall von Kiiche 
und Keller unter den Segnungen der Eontinentalsperre Luft 
machte in einem unwillkurlich sich einflechtenden „Warte nur, 
balde". S3 ) Je naher die Moglichkeit rtickte, dass das Gericht 
schon eilends hereinbrechen kdnne, desto offener wagte man sich 
zu gestehen, in was fur eine Zeit der Verfinsterung man hinein- 
geraten sei. Offen feindselig wie in den deutsch gebliebenen 
Landern war der Druck der Fremdherrschaft da nicht, wo man 
zu Landsleuten der grossen Nation gestempelt werden sollte, aber 
desto zersetzender und zerfressender nagten die Heuchelei, der 
Fanatismus, die aussere auf Handel und Wandel driickende Not 
und ihr gegenuber die alles demoralisierende Schleicherei und 
Schmuggelei, — Wiarda wendet auf die sieben Jahre Fremdherr- 
schaft die Worte an, mit welchen die Alten den Einbruch des 
eisernen Zeitalters beschrieben, und atmet auf, dass Treue und 
Glaube und der verachtete Biedersinn der V&ter wieder wagen 
diirfen, ihr Haupt zu erheben. 34 ) Man glaubt kaum, die Stimme 
desselben Meder zu vernehmen, welcher kurz vor 1800 so opti- 
mistische Aussichten an die Revolution knupfte, wenn man ihn 
1819 eifern hort gegen diejenigen, die aus der verhangnisvollen 
Geschichte der letzten Decennien nichts gelernt haben, als mit 
schon klingenden Worten „de godsdienst van den fatsoenlyken 
man" unter die Leute zu bringen: „Is de verbazende onder- 
vinding der laatste dertig jaren nog niet leerzaam genoeg ge- 
weest — waarmede zal God dan de inwoners der christenwereld 
nog wel eens moeten bezoeken! Maar, wil hy ons naar syne 
hooge wysheid eens regt gevoelig tuchtigen, dan bezoeke hy ons 
liever met stormen en watervloeden , met pest en duren tyd en 
hongersnood dan met die zielverspestende antichristische theo- 
sophie — Deiemus, Rationalismus en Naturalismus!" **) 



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118 

Nach den Freiheitskriegen vorlaufig aller seiner Funktionen 
enthoben, bald darnach'aber seiner vormaligen Stellung als Syn- 
dikus der ostfriesischen Landschaft zuruckgegeben, erfreute sich 
Wiarda noch reichlich ein Jahrzehend hindurch eines Alters, 
welches ihm in Fiille beschied, was von Jugend auf seine Freude 
gewesen war, emsige litterarische Besch&ftigung mit der Gegen- 
wart und Vergangenheit seiner Heiraat. Ansebeinend war er den 
Ereignis8en nach dem Tode Friedrichs d. Gr., von Anfang an 
aufzeichnend , obgleich ohne sehriftstellerische Absicht, gefolgt, 
aber die Erlebnisse bis 1806 und seit dem Eintritt der Fremd- 
herrschaft hatten in der Abschuttelung derselben einen so epoche- 
machenden Abschluss gefanden, dass der Entschluss, seiner ost- 
friesischen Geschichte noch einen zehnten Band als „Neuste 
ostfriesische Geschichte" folgen zu lassen, bald gefasst war, und 
noch vor dem Ende des Jahres 1815 lag das Manuskript druck- 
fertig vor. Die letzten Worte fallen zusammen mit der Ldsung 
Ostfrieslands von Preussen und dem Ubergang an Hannover, in 
welchen sich zu finden ihm spiirbar vor andern schwer ward. 
Unverkennbar enthalt das Buch weder fliichtig hingeworfene 
Erinnerungen noch in der Eile zusammengetragene Materialien: 
es ist das Werk eines Berichterstatters, welcher dem Selbsterlebten 
genau beobachtend zur Seite gegangen war, um alles wobl zu 
bewahren. Und es war wohlgethan, dass er rasch zufasste, denn 
waren schon nach der Auflosung der Kriegs- und Domanenkammer 
und des Administratorenkollegiums viele Akten verloren gegangen, 
so waren sie in der hollandisch-franzosischen Zeit uberaus diirftig 
gehalten, und von dem Vorhandenen war noch manches absichtlich 
und unabsichtlich verloren gegangen , wo kaum jemand kundig 
war, den eigentlichen Hergang und Zusammenhang anzugeben, 
wie Wiarda, und er durfte mit Recht den Anspruch erheben, als 
aufrichtiger Zeuge geachtet zu werden: „Keinem Hollander, 
keinem Franzosen habe ich bei seiner hiesigen Anwesenheit ge- 
heuchelt, werde sie auch hinter ihrem Rucken nicht lastern, nicht 
verleumden, sondern wiirdigen Mannern, Hol&ndern oder auch 
Franzosen, Gerechtigkeit widerfahren lassen." 3e ) Inzwischen war 
er zum Studium der friesischen Altertiimer immer von neuem 
zuriickgekehrt und horte bis ins hohe Alter nicht auf, seine alten 



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119 

Studten teils zu revidieren, teils zu vervollstandigen : 1817 gab 
er seine „Landtage der Friesen bei Upstalsboom" in neuer Aus- 
arbeitung heraus, im folgenden Jahre beteiligte er sich an Ersch 
und Gruber's Encyklopadie durch Abfassung einiger Artikel 
(Brokmer, Friesen, Edzard), 1819 wurden die „Willkuren der 
Brokmer" zum Druck fertig, wahrend er die gemeinsamen und 
vereinbarten Kiiren der Brokmer und Emsiger noch in der Hand- 
schrift zuriickbehielt. Von seine n alten Mitarbeitern bei diesen 
Studien waren die Gebrttder Olrichs, Gerhard schon 1789, Johann 
1801 verstorben, 1811 war ihnen Wierdsma, 1812 auch Gildemeister 
gefolgt — aber weniger als je sah sich Wiarda vereinsamt auf 
dem Felde, das er anbaute. War doch das deutsche Altertum 
und die deutsche Geschichte vielen der Edelsten und Besten 
unsers Volkes in den Tagen der Triibsal zur Trosteinsamkeit 
geworden, und ihre durch bahnbrechende Geister belebte Er- 
forschung nahm seit dem Auftreten der beiden Grimm und Eich- 
horn's einen Aufschwung, den niemand hatte erwarten konnen, 
Wiarda fand von alien Seiten als langjahriger Vorarbeiter die 
ehrenvollste Anerkennung. Die Universitat Kiel verlieh ihm beim 
Reformationsjubilaum 1817 unter beifalligster Hervorhebung seiner 
sprachgeschichtlichen und rechtsgeschichtlichen Arbeiten die 
juristische Doktorwiirde, und in demselben Jahre ward er Mitglied 
der historisch-philologischen Klasse der Akademie der Wissen- 
schaften zu Gottingen. Fiir letztere schrieb er eine ungsdruckt 
gebliebene Abhandlung iiber die steinernen Hammer unter den 
Leichenhugeln der alten Germanen, 81 ) wie er durch sie auch in 
litterarischen Verkehr kam mit K. Fr. Eichhorn, welcher die 
Herausgabe der ^Brokmer Willkuren" vermittelte. Auch seine 
inzwischen in Holland veroffentlichte Abhandlung iiber die lex 
Frisiorum antiqua kam 1822 in der Zeitschrift fiir Gesetzgebung 
und Rechtswissenschaften in Hannover nochmals zum Abdruck, 
Denn seine litterarischen Verbindungen mit Holland wurden in 
Ehren gehalten, und hier war es ebenfalls nicht geblieben wie 
vordem, wo Wierdsma Ursache hatte zu klagen, dass er fur seine 
Studien wenig Verstandnis und Forderui^g finde;' 8 ) mit dem 
Niederlandischen Institut und der Gesellschaft pro excolendo jure 
patrio in Groningen blieb er in bestandigem Verkehr und stand 



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120 

noch in seinen letzten beiden Lebensjahren in Briefwechsel mit 
Driessen und rait Feith uber die Monuraenta Groningana und das- 
„Beklemregt u . 

Bis dabin waren die sprachlichen und rechtsgeschichtlichen 
Studien uber das friesische Altertum bei Einzeluntersuchungen 
stehen geblieben, weder v. Wicht noch Wierdsma hatten eine 
abgerundete Zusammenfassung derselben gegeben, wenigstens ist 
die des letzteren, wenn sie wirklich nicht bloss beabsichtigt, 
sondern auch niedergeschrieben war, verloren gegangen. Wiarda 
ist insofern gliicklicher gewesen als seine Vorg&nger, als es ihm 
gelang, seine Resultate wenigstens einigermassen zu einer Gesamt- 
auffassung abzurunden und zu ihrer Einfugung in das Ganze der 
deutschen Altertumswissenschaft, wenn auch nur vorbereitend, 
mitzuwirken. Waren es Resultate von bleibendem Wert, was er 
als Bausteine herbeischaffte ? Wie sehr bei ihm selbst das „dies 
diem docet u in Geltung stand, zeigt das strenge Urteil, welches 
er bei der Neubearbeitung seiner „Landtage bei dem Upstals- 
boom" fiber die erste Gestalt dieser Arbeit aussprach 5 anscheinend 
wiirde es bei einer zweiten Auflage des n Altfriesischen Wftrter- 
buchs", wenn dieselbe zustande gekommen ware, M ) ahnlich 
ergangen sein, und es liess sich erwarten, dass eine auf Grimm 
und Eichhorn gestutzte, mit umfassenderem Material und gefor- 
derterer Kritik an die Sache herantretende neue Behandlung des 
Gegenstandes manches zu berichligen, manche von Wiarda's Unter- 
suchungen vielleicht auf wesentlich litterargeschichtliche Bedeutung 
herabdriicken wiirde. Es hat lange gedauert, ehe in dieser Be- 
ziehung fiir weitere, mit der eigentlichen Quellenforschung nicht 
vertraute Kreise ein einigermassen sicheres Urteil zu gewinnen 
moglich wurde. Grimm und Eichhorn beide hatten augenscheinlich 
viel auf die in Aussicht stehenden Ausfuhrungen v. Richthofen's 
ankommen lassen, und diese treten bekanntlich erst jetzt voll- 
standiger hervor. Inzwischen und zum Teil dadurch hat sich 
der ungeteilte Beifall, den Wiarda von seinen Zeitgenossen erntete, 
in eine Neigung zu ebenso ungeteiltem Tadel verwandelt. 40 ) Es 
sollte mich doch nicht wundern, wenn dieser sich als eine ent- 
gegengesetzte Einseitigkeit herausstellte, Denn das scheint mir 
unbestreitbar, dass man im einzelnen Wiarda mancherlei mit 



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121 

Ungrund aufbiirdet und den Einfluss seiner litterarischen Th&tig- 
keit iiberhaupt zu unterschatzen geneigt geworden ist. So z. B. 
soil das eine Mai von ihm behauptet sein, das Altfriesische und 
das Angels&chsische seien einerlei; man kann sich aber kaura 
deutlicher ausdriicken als Wiarda mehr als einmal gethan: 41 ) 
das Angelsachsische und das Altfriesische seien die einzigen 
Mundarten des aitesten Niederdeutsch , von welchen noch etwas 
auf uns gekommen, und beide seien so nahe miteinander verwandt 
wie zwei leibliche Schwestern. Ein anderes Mai hat man sich 
ereifert, dass Wiarda die von ihm nicht etwa aufgebrachte, sondern 
vorgefundene Benennung Asegabuch = Richterbuch acceptiert 
hat — was ist aber doch daran zu tadeln, wenn die Friesen ein 
Buch mit Rechtssatzungen ebenso kurzweg ein „Richterbuch a 
nannten, wie sie ein medizinisches Buch ein „Doktorbuch" oder 
eins iiber Nautik ein „Schifferbuch a zu nennen pflegen? Gewiss 
wird v. Richthofen in dem Hauptpunkt Recht behalten, dass 
Wiarda im Irrtum war, wenn er die von Emmius vertretene Grund- 
anschauung sich aneignete, und dass die weitere Ausbildung der- 
selben durch ihn und v. Wicht eben keine gltickliche war: so 
wenig die Richter am Upstalsboom wie die Richter Brokmerlands 
waren eine feste Burg uralter Freiheit und Sicherheit, sondern 
zum Notdamm gegen das hereinbrechende Faustrecht sich zu- 
sammenraffende Trummer oder versuchter Ersatz fur eine voran- 
gegangene zerfallende Rechtsordnung, welche durch ein starkes 
landesherrliches Regiment gestiitzt war, und die spatere Landes- 
herrschaft erhob sich nicht auf Kosten einer land- und leute- 
begluckenden Freiheit, sondern des Land und Leute zerstorenden 
Faustrechts, welches mit dem Zauberwort Freiheit die Friesen 
an ihrer stark en und schwachen Seite zugleich zu fassen und zu 
fascinieren ver stand. Bleibt aber bei dem alien nicht bestehen, 
dass — abgesehen von einzelnen Freiheiten und der Individuality 
der Rechtsbildung iiberhaupt — aus dem Innern des friesischen 
Volks selbst ein hochst bemerkenswertes Ringen gegen raub- 
ritterliche und anarchische Faustrechtsfreiheit sich erhob, wie 
sp&ter in Emmius' Tagen gegen das monarchisch eingekleidete 
Faustrecht Philipp's von Spanien und seinen Einfluss auf Ost- 
friesland? Ob Emmius und Wiarda den Gehalt dieser Zeit des 



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122 

Ringens urn Freiheit in Qerechtigkeit richtig herausgehoben haben, 
ob nicht vielmehr u* a. die vorhin angefiihrten Worte Hegel's 
auf ein auch fur die altere Zeit von ihnen zu wenig gewiirdigtes 
Moment hinweisen, wo lien wir hier nicht untersuchen, J ) aber 
unter alien Umstanden werden wir es Wiarda zum Verdienst 
anrechnen miissen, dass uns uberhaupt noch so viel historisches 
Material gerettet und gesammelt ist in einem Zeitalter, das so 
vielfacb seine Starke im Uberbordwerfen suchte, und dass seine 
und seiner Freunde litterarische Thatigkeit mindestens vor- 
bereitend und vorarbeitend das Ihrige dazu beigetragen hat, 
wenn uns nun ein richtigerer und vollstandigerer Einblick in die 
Vergangenheit sioh erschliesst. 

Als im Mai 1821 funfeig Jahre, seit Wiarda als Sekretar der 
ostfriesischen Landschaft in Dienst trat, vollendet waren, ging 
der Tag ohne Jubilaumsfeier voriiber; es war ganz seinen 
Neigungen entsprechend, gerauschvolle Feste und Storungen in 
seiner gleichmassigen Beschaftigung zu vermeiden; desto lieber 
beschaftigte er sich in der Stille mit Riickblicken auf die erlebnis- 
reichen Jahre und die Wandlungen, welche in ihnen vorgegangen 
waren, wenn er auch das Ansuchen, sie in einem biographischen 
Abriss fur die von Cotta veranstaltete „Biographie jetzt lebender 
Personen" fiir die OflFentlichkeit zusammenzufassen, von der Hand 
wies. Weniger, als durchweg der Fall zu sein pflegt, war er bei 
Vergleichung der Zustande in seiner Umgebung mit denen seiner 
Jugendzeit geneigt, unbedingt in das Lob der guten alten Zeit 
einzustimmen, deren Steifheit, Kleinlichkeit, Engherzigkeit ihm von 
Herzen zuwider war. Aber im ganzen kamen seine gelegentlichen 
Betrachtungen zu dera Ergebnis, dass die Hussere Verfeinerung 
nur ausnahmsweise nicht auf Kosten des innern Ge halts gewonnen 
sei. Manner und Frauen seien aus der friiheren Abgeschlossenheit 
des hauslichen Lebens herausgetreten , ein geselliges Leben in 
gefalligen Formen und mit mancherlei asthetischer Wurze herr- 
schend geworden, aber nur mangelhaft uberdecke der Firnis die 
Einbusse an hauslicher Tiichtigkeit, an Soliditat und Innigkeit 
des Familienlebens. Es sei ein Gliick, dass man des steifen 



») Auf Emmius kommen wir hoffentlich im nacbsten Heft zurlick. 



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123 

Ceremoniells und der kastenm&ssigen Abstufungen der alten Zeit 
ledig geworden, wenn nur nicht statt ihrer eine angebliche Freiheit 
und eingebildete Gleichheit sich als diinkelhafte Selbstiiberhebung 
in den Gemutern eingewohnt h&tte, die sie untuchtig" machte, in 
Bescheidenheit etwas zu werden, anstatt mehr zu seheinen, aid 
man sei, oder was man etwa wirklich tauge, durch Aufgeblasen- 
heit zu vergiften. Es sei cin Gewinn, dass mehr gelernt werde, 
und mehr geistiges Interesse vorhanden sei als vordem; wenn 
nur die Vielleserei und das Mitsprechen uber alles zusamt dem 
asthetischen Firnis den Gewinn im grossen Ganzen nicht reduzierte 
eben auf einen Firnis. In dem Schwinden der Ehrerbietung 
vor dem Alter, dem Erschlaffen der Pietat in den Familien, der 
Abnahme von Schlichtheit , Treue und Glauben in Wort und 
Wandel erkannte er ein bedenkliches Symptom, aber es komme 
nicht von ungefdhr : seien doch die Manner, und grade diejenigen, 
auf welche der gemeine Mann sehe, mit dem Beispiel voran- 
gegangen , den Gottesdienst in blossen Ceremoniendienst zu ver- 
kehren, zu welchem man sich etwa einfinde, wenn man bei einem 
offiziellen Tedeum nicht fuglich fehlen konne, habe man doch so 
zufrieden mit den Einsichten der Vernunft alles Ubersinnliche 
angeblich wegphilosophiert, ohne von der heiligen Schrift auch 
nur noch das ausserliche Wissen der fruheren Zeit aufweisen zu 
konnen ; am Ende sei mit einer Vertauschung der alten Intoleranz 
gegen den Indifferentisnius, des gedankenlosen mussigen Glaubens 
mit seiner Nachschleppe von Aberglauben und Geschmacklosigkeit 
gegen ein ebenso gedankenloses und mussiges Nichtglauben, bei 
Licht besehen, nicht mehr gewonnen als eine andere Einkleidung. 
In seinem personlichen und hauslichen Leben war deshalb Wiarda 
beflissen, das bewahrte Alte in Ehren zu halten; sein Arbeitstag 
begann regelmassig des Morgens um 8 mit dem Lesen eines 
Kapitels aus der Bibel, vier Stunden des Morgens und drei des 
Nachmittags war er durchweg an seinem Arbeitstisch zu treffen, 
erst seit den bewegten neunziger Jahren war es ihm zur Gewohn- 
heit geworden, uberhaupt die letzte Stunde vor dem Essen abzu- 
brechen, um sich naoh den Tagesereignissen umzusehen. An den 
alten Klassikern scheint er lebenslanglich fester gehalten zu 
haben als an den neuen, und die „Unterhaltungslitteratur a hat 



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124 

ihm nur selten eine Stunde abgewonnen. Das kleine, engver- 
bundene Hauswesen — Wiarda war seit 1800 Witwer und ftihrte 
in den letzten Jahren einen gemeinsamen Haushalt mit seiner 
verwitweteri einzigen Tochter und deren Eindern — behielt ein 
ziemlich patriarchalisches Geprage; gem pflegte er ab und an 
auch ein Weilchen am Feuer in der Kuche mit dem Gesinde 
oder vom Lande hereinkommenden Leuten sich zu unterhalten, 
und ruanches bei solcher Gelegenheit aufgetauchte Spriichwort 
ward seiner Sammlung einverleibt; das Gesinde blieb durchweg 
lange im Hause, bis es etwa seinen eigenen Hausstand begriindete, 
und ward auch dann nicht fremd ; eine seiner Pfiegerinnen in seiner 
letzten Erankheit hatte 25 Jahre im Hause gedient. Bis an sein 
achtzigstes Jahr riihmte er sich, noch nie einen Arzt gebraucht 
zu haben, endlich trat im Winter 1825/26 mit einem bosartigen 
Husten eine rasche Entkraftung ein, welche am 7. Marz 1826 
seinem Leben ein Ende machte, nachdem er noch einige Tage 
vorher diktierend einige Berufsgeschafte erledigt hatte. 



Anmerkungen, 

*) Das Kurfosum wegen der Rettighand findet sich in einem Sammelband 
Fertram'scher Schriften auf der Bibliothek der ostfr. Landschaft (Katal. p. 27, 
Nr. 16) mit weiteren Bemerkungen des Reg.-Rats Coldewey; das SeitenstUck 
dazu von Gross habe ich irgendwo in einer Akte gelesen, aber den Fundort 
nicht notiert. 

2 ) Die biographischen Data schopfe ich aus den von weil. Obergericbts- 
Direktor Wiarda gesammelten, als Manuskript gedruckten Familien-Nach- 
richten, Aurich 1S72, woselbst auch ein Verzeichnis von Wiarda's Schriften 
und Aufs&tzen. 

8 ) Es sind geflissentlich diejenigen Zttge zusammengestellt , welche fiir 
Wiarda selbst das Charakterbild seiner Jugendzeit ausmachten; sie finden 
sich sowohl zerstreut in seinen Schriften (Bruchstiicke zur Geschichte und 
Topographie der Stadt Aurich — Emden 1835 — S. 20 ff. 56, Neueste ostfr. 
Geschichte — Leer 1817 — - S. 306) als besonders in handschriftlichen Auf- 
zeichnungen von ihm, deren Benutzung mir von seinen AngehOrigen freund- 
lichst verstattet worden ist, wie auch die der unten after angezogenen Briefe. 



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Cantor Fastenau betr. vgl. auchPommer, Nachricht vob der Ulrichs-Schule 
(Aurich 1821) S. 94. 

*) Ostfr. Geschichte VIII, 321. 

6 ) v. Derschau betr. vergl. oben p. 14 ff. die Mitteilungen von Dr. Kohl- 
mann, desgl. Wiarda's Ostfr. Geschichte VIII, 370; das betr. Gedicht befindet 
sich in v. Derschau's „Andenken fiir meine Freunde" S. 195 ff, womit zu ver- 
gleichen, was (von Coners) in den ostfr. Mannigfaltigkeiten 1785, S. 390 ff. 
berichtet wird, ausfiihrlicher Kohlmann in Schnorr v. Carolsfeld's Archiv 
furLitteraturgeschichte, Bd.XI, S. 353 ff. Manches fiihrt mien auf die Vermutung, 
dass der v. Derschau'sche Kreis ebenfalls von anregendem Einfluss gewesen 
sei auf die Entstehung von Tiadens Gelehrtem Ostfriesland und Reersheniius' 
Predigerdenkmal, doch muss ich den nahern Nachweis z. Z. anstehen lassen. 

«) Pommer a. a. 0. S. 99. 

7 ) Ranke, Neun Biicher Preuss. Geschichte III, 383 ff, Wiarda's Ostfr. 
Geschichte VIII, 320 ff, N. 0. G. 172 ff. 

*) 0. G. VIII, 186, Topogr. 55. 

9 ) Cber Petrus Wierdsma nahere Mitteilungen von E e k h o f f in de Vrye 
Fries VIII, 1 ff, vgl. IX, 301; X, 316; XII, 429 derselben Zeitschrift. — Briefe 
von ihm an Wiarda vom 27- Juli 1783 und 25. Nov. 1787. tJber Gerh. Olrichs 
und seinen Bruder Johann vgl. Rotermund, Bremisches Gelehrten-Lexikon 
s. voc. Briefe von Gerh. 0. an Wiarda vom 5. Mai 1787, von Joh. 0. 5. April 
1785. Anzeigen der genannten Schriften Wiarda's brachten u. a. Buschings 
wo'chentl. Nachrichten, der Altonaer Mercur, die Allgem. deutsche Bibliothek 
und die Allgem. Literaturzeitung. 

10 ) Ostfriesische Mannigfaltigkeiten 1784—86; in meinem Exemplar hat 
einer der Mitarbeiter sorgfaltig zu jedem Artikel den Verfasser notiert; auf 
diesen Angaben beruht das im Text Gesagte. Die von meinem Gewahrsmann 
Coners zugeschriebenen Artikel fiihrt ebenso Gerdes, dem Andenken des 
verew. General-Superintendenten Coners (Aurich 1797) p. 55 auf. 

») Gramberg an Wiarda 2. Nov. 1786 und 2. Nov. 1787, vergl. auch 
Jans en, Oldenburgs literarische und gesellschaftliche Zustande wahrend des 
Zeitraums von' 1773 bis 1811. (Oldenburg 1877), S. 109 ff, vergl. 166, 182. 

") Ostfr. Geschichte IX, 238. Neuste 0. G. S. 14, 44 ff, 80 ff, 100. 

«) Ostfr. Geschichte VI, 213 ff Anm. Der Minister, dessen Interesse noch 
durch seine Verwandtschaft mit der Knyphausen'schen Familie auf Ostfries- 
land gelenkt wurde, h&tte Wiarda gem zum Ehrenmitgliede der Akademie 
der Wissenschaften in Berlin ernannt gesehen, aber der Konig wollte den 
Kreis der Mitglieder auf eine kleine Zahl beschrankt halten. Briefe d. Gr. 
Hertzberg an Wiarda vom 5. Aug. 1792, 9. Aug. 1794. 

") Ostfr. Mannigf. 1785 S. 153 ff. 

») Neueste Ostfr. Geschichte 209, 458, 460 ff, 673, vgl. Vorrede. 

le) M o" him an n, Kritik S. 146; ich wusste ubrigens zur Rechtfertigung 
der Anspielung Mohlmanns, als ob der Ehrgeiz bei Wiarda eine besondere 



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Rolle gespielt Htte, nichts anzufuhren; W. war allerdings sehr eiferstichtig 
auf seine Unabhangigkeit, insonderheit auch den Standen gegeniiber. Des- 
halb schrieb er auch ausserst selten und nur aus eigenem Antriebe eine 
Recension. 

») Aus Hegel's Werken (16:259) mitgeteilt Frisia, Emden 1842, p. 36. 

18 ) Eine eingehende Recension von Bd. I — VII brachte 1798 die Allgem. 
Liter aturzeitung p. 802 ff., sie riihrt ohne Zweifel von Woltmann in Jena 
her, welcher im Jahrgang 1797 auch v. Halem's oldenb. Geschichte besprochen 
hatte; eben Woltmann aussert sich tiber Wiarda's Schreibart unzufrieden. 
Kurzere Anzeigen jedes einzelnen Bandes brachte u. a. auch die Allg. deutsche 
Bibliothek. Nach dem Erscheinen def Neuesten Ostfr. Geschichte erschien 
eine sehr ausftthrliche Recension des ganzen Werkes in Edinb. Review 1819, 
ein Auszug daraus ubersetzt in der Ostfr. Zeitung 1819. 

» 9 ) Ostfr. Geschichte VII, 475. 

80 ) Neueste Ostfr. Gesehichte 292, 295. 

81 ) Hundeshagen, der deutsche Protestantismus u. s. w., S. 120 ff. 

2 «) GemeinnutzigeNachrichten (Aurich 1806)11, S. 169 ff, Schluss 
S. 317. 

28 ) Gramberg an Wiarda 24. Dez. 1784, vgl. Asegabuch Vorr. S. 74. 
Briefe des Ministers v. d. Reck an Wiarda vom 3. Jan. 1787, 15. Marz 1800, 
27. April 1805. Briefe von Gildemeister vom 8. Marz 1806 und 5. Nov. 1808. 
Gildemeisters Beitrage erschienen Bremen 1806 und 1808, 2 Bandchen; vgl. 
liber ihn Rotermund s. v. 

«*) Me der, de Kleinmoedige Kristen getroost etc. (Amsterd. 1797), 
pag. 49 ff., 86; er hatte diese Schrift unter dem Titel „de onwrikbare vast- 
heid van Jesus godsdienst en gemeente by alle de woelingen en omwentelingen 
der volken" 1796 zur Censur eingesandt, es wurde ihm aber durch Ministerial- 
reskript vom 11. Juli der Druck versagt mit dem Bedeuten, „bei Abhandlung 
einer theologischen Materie sich nicht auf politische Dinge einzulassen." Dar- 
auf erschien die Schrift anonym unter verandertem Titel im Auslande. Auch 
eine 1798 zum Druck prasentierte „Proeve eener verhandeling over de geeste- 
lyke tucht u enthielt eine Stelle, die sich ahnlich iiber die Revolution ausliess 
und deshalb getilgt werden sollte, worauf der Druck unterblieb. 

» B ) Neueste Ostfr. Gesch. S. 435, 459. 

*) ibid. 765, vgl. 530 ff, 538. 

«) ibid. 715 ff, 733, 829. 

* 8 ) Unterm 30. April 1813 schreibt derselbe von den Prafekturra*ten: „Ces 
Messieurs Staient tres attaches a l'ancien gouvernement de la Province et 
sans doute ils regrettent encore d'avoir du echanger les bons et lucratifs 
emplois dout ils jouissaient contre les mineurs places qu'ils occupent actuelle- 
ment u (Rucksichten auf Geldvorteil scheinen bei den franztfsischen Beamten, 
wie bei der Revolution Uberhaupt, im Hintergrunde sehr massgebend gewesen 
zu sein, weshalb ihnen dieser Massstab auch fur die Beurteilung anderer so 



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geljtufig war, vergl. auch Wiarda a. a. 0. 767). „Cependant je dois leur 
rendre cette justice que ni Topinion particuliere qu'ils penvent avoir, ni leur 
regrets au sujet de la dimination de leurs Traitements n'ont port6 aucune 
attente a leur fidelite ni a leur zele pour tout ce qui peut tendre Tavantage 
du gouvernement ou du bien de radministration". 

* 9 ) „Zoe even noemde ik u den Heer Wiarda", schreibt H. Potter, „Reize 
door de oude en nieuwe oostelyke departementen van het Koningryk Holland 
en het Hertogdom Oldenburg, gedaan in den j are 1808 (Haarlem 1808) I, 246, 
„gy kent hem zeker van naam en uit zyne werken als de grootste Regts- 
geleerde, Historie- en Oudheidkundige, welken Oostvriesland thans bezit en 
misschien ooit bezeten heeft: ik vond in hem eene guile en ongekunstelde 
vriendelykheid, geen vriend van nuttelooze complimenten , beschaafd zonder 
overtollige pligtplegingen — regtuit als een regtschapen ouderwetsche Vries, 
en bereidwillig tot het geven van het begeerde onderrigt zoo wel als om 
het een of ander belangryke aan den nieuwsgierigen vriend van Vaderlandsche 
gedenkteekenen te vertoonen." 

80 ) Scheltema schreibt an Wiarda den 18. Oktober 1810: „Nu is onlangs 
aan my verteld, dat voor eenige weinige jaren op een der Oostfriesche 
eilanden iets zoude ontdekt zyn, hetwelk met hetgeen op Walcheren is 
gevonden zoude overeenkomen tt — wahrscheinlich hat Scheltema die 1789 
von Pastor Nicolai auf Borkum am Nordweststrande entdeckten AltertUmer 
gemeint (vgl. Arends, Ostfr. u. Jever I. S. 82 ff., Erdbeschr. 369). In einem 
weiteren Brief vom 11. Januar 1811 dankt er fur die Zusendung von Wiarda's 
Aufsatz mit dem Bemerken, dass unter den ungiinstigen Zeitverhaltnissen van 
Lennep's und Bilderdyk's Arbeit wenig weiterkomme; dass von derselben 
iiberhaupt etwas herausgekommen, glaube ich kaum, da Westerhoff in einem 
Exkurs tiber die Nehalennia und ihren Tempel auf Walcheren in seiner Be- 
arbeitung von Arends „Nordseekuste tt pag. 442 die Litteratur ausfdhrlich 
verzeichnet, ohne der 1810 vom „Instituut u geplanten Untersuchung zu gedenken, 
es miisste denn Bilderdyk in seiner ^Geschiedenis des Vaderlands", die mir 
nicht zur Hand ist, Ergebnisse aus 1810 verwertet haben. fiber Scheltema 
und seine litterarische Thatigkeit vergl. P. Scheltema, Leven en letter- 
kundige verrigtingen van den Geschiedschryver Mr. Jacobus Scheltema (Am- 
sterdam. 184 Q V 

81 ) Scheltema a. a. O. S. 84. 

w) Neuste Ostfr. Geschichte S. 764. 
M ) So in einem Familienbrief vom August 1813. 
m) Neueste Ostfr. Gesch. S. 882 ff. 
**) In einem handschriftl. Aufsatz v. Januar 1819. 
88 ) Neueste Ostfr. Gesch., Vorrede. 

87 ) Die Gottinger gelehrten Anzeigen vom 15. Febr. 1819 p. 265 ff. 
brachten einen Bericht dariiber. 



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M )Wierdsma an Wiarda 25. Nov. 1787: „Wy hebben ook weinig 
aanmoediging dan in ons zelven, dewyl ook hier niemand is, die daraan lust 
heeft buiten den Heer Raadsh. Brantsma, die met my dit werk verrigt." Der 
letzte Brief Wierdsma's an Wiarda, der mir vorgekommen, ist vom 27. Dez. 1806. 

w ) Auf eine Anfrage des Prof. v. Eerde zu Groningen, ob er eine neue 
Ausgabe des altfries. Wtfrterbuchs beabsichtige, hat Wiarda nach einer Notiz 
auf v. Eerde's Brief den 16. Mai 1818 geantwortet, „dass er zwar Uber */ 8 an 
dem WCrterbuch durch Zus&tze und richtigere Auslegung abgeandert, aber 
sich noch nicht zu einer zweiten Auflage entschlossen habe. u Der Verbleib 
des Handexemplars ist mir leider nicht bekannt. 

*°) v. Richthofen, Fries. Rechtsquellen (Berlin 1840) Vorrede, ders., 
Altfries. Wbrterbuch (GOttingen 1840), MChlmann, Kritik der fries. Ge- 
schicht8chreibung (Emden 1862) S. 145 ff., v. Richthofen, Untersuchungen 
Uber friesische Rechtsgeschichte (Berlin 1880) bes. S. 594 if. 

41 ) Gesch. der alten fries. Sprache § 9, 10; Altfries. Wbrterbuch, Vorr. 
§ 25 ff., 31; Asegabuch, Vorr. §3 und 4; mi ssver standi, kurz Sussert er sich 
Ostfr. Gesch. I, 45. 



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Kleinere Mitteilungen. 

1. Zur Geschichte der Weihnachtsflut. *) 

Mitgeteilt von General-Superintendent Bartels in Aurich. 

-Lastor prim. Hieronymus Bruckner berichtet im Witt- 
munder Kirchenprotokoll Anno 1717: 

„Zum BeschluB dieses, lateris melde ich noch zur Nachricht, 
wie in diesem und vorigen Jahre OitfrieBland, insonderheit auch 
Wittmunder Ampt mit schwehren Landplagen, als mit dem Vieh- 
Sterben und Mauee-FraaB schwehr und hart heimgesucht, und 
dadurch viele Reiche HauBleiite in groBe Arinuth und Mangel 
gesetzt worden. Das Rindvieh bekam eine schleunige, heftig, 
hitzig, und ansteckende Seiiche, und rifi in wenig Tagen, da es 
in einen Stall oder unter eine Heerde karri, alles, oder den 
grosten Theil weg, ohne daft das geringst oder das beste Mittel, 
einigen effect da wider h&tte thun wollen. Nachdem das Vieh- 
Sterben aufgehort, fund Sich eine ungemein und unerhort groBe 
Men^e Maiise und Ratten auf den Feldern, Wiesen, Scheiiren 
und Haii8ern, daB wider dieselben kein Mittel noch Raht zu- 
finden, sondern die Friichte sowohl, als das GraB auf den Wiesen 
verzehrt wurde. DieB waren die Vorboten der kurtz darnach 
erfolgten schwehren und groBen Wasserfluht. 



i) Vgl. Funck, Chronik VIII, 112; Outhof, Watervl. p. 435; Jansen, 
Denkmal p. 188, welchen der vorliegende Bericht zur Erganzung dient; Uber 
den Veriasser vgl. Reershemins' Predigerdenkmal p. 402- 

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Anno 1717. 
Auf den 1. Christ- Tag des Morgens (Nachdem einige Tage 
vorher und insonderheit, des Sonnabends vor Christtag, der 
Sudwest-Wind hart gestiirmet, und Abends gegen 10 Uhr der 
Nord- West- Wind entstanden und mit groBer Heftigkeit gebrauset, 
wodurch die See -Wasser aus dem Oceano durch den Canal in 
die Nord -See versamlet und die See-Kiisten an ihren Teichen 
auf Grund und Boden beschadiget, mithin gegen Mitternacht, 
bey dem Eintrit des Monds in sein letztes Vierthel, das Seewasser 
ins Land eingebrochen) stund gantz OstfrieBland, langst der See, 
und insonderheit Wittmunder Ampt meistentheils unter Wasser; 
Funnik-Siel und -Loog, Butfoord, Burhave, Bleersum, Beerdum, 
Eggeling und Asel waren biB auf die Kirchen und hochst-liegen- 
den Haiiser, ubersehwemmt. Wittmund hatte jd&$ Morgens um 
6 Uhr das Seewasser im GasthauB 2 biB 3 FuB hoch, und vom 
GasthauB an hinter den H aus em derer Strafien, gerandt: die 
ClueBfoor, die Butts trafi, die MiihlehstraB, dergiestalt, dad auoh 
viele Haiiser, in denen jetztbenahmt.en StraBen, nachdem Sie 
niedrig liegen, in ihren KelUrn, Kiichen und Cam mem mit Saltz- 
Wasser erfullet und beschlammet worden; das HauBlein im so ge- 
nandten Oster-Moor, hinter der Butts trafi gelegen, stund biB' ans 
Dach im Wasser; die Menschen wurden aus dem Dache, halb 
nackend herausgezogen und auf einem Boot (Kahn) hiernechst 
auch 1 Pferd am Strick durchs Wasser gezogen und gerettet. 
Das andere Pferd aber riB der Strom hinweg nebst alien Mobilien. 
Ob nun wohl unsere eingepfarrten Dorffer und Hofe: Hattersum, 
Uttel, Nendorff, MosewarflFen, GraBhausen und Algershausen zum 
Theil gantz, zum Theil weniger mit dem Seewasser uberfallen 
und umgeben gewesen; So hat doch in unserer gantzen Witt- 
munder Gemeine und Kirchspiel kein Menseh sein Leben in 
dieser Fluht verlohren, ist auch an Vieh nicht ein Stuck,' aus- 
genommen obiges Pferd in Ostermoor, ertrunken. Gott sey vor 
diese gnadige Erhaltung und Bewahrung, ohne welche wir sowohl 
als unsere Nachbarn Schaden genug wurden gelitten haben, ewig 
Lob und Dank! Hingegen haben wir mit grossem Mittleiden 
ansehen miissen, wie vor unsern Augen und Wittmundischen 
Hausern vorbey in dem Stroom unzehlige Menschen, allerhand 



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Vieh, Mobilien und Stiicke von Haiisern vorbey getrieben, Ob Sich 
nun schon unterschiedliche Menschen, auch aus denen Witt- 
mundern, auf Booten gewaget, etwas aufzufischen, hab ich doch 
nicht vernommen, daB eine lebendige Creatur aus dem Wasser 
ware aufgefangen und geborgen worden ; sondern Gottes gn&dige 
Hand und Regierung hat viele Menschen auf dem Wasser, theils 
ohne Mittel, theils auf Holtz, Stroh-, HeiL-, Bohnen- und andere 
Frucht - Hauffen, auch auf Stiicken vom Dach lassen fort- und 
hier und da antreiben und also erhalten werden; wiewohl derer 
also Entrunnenen viele hernacbmals von der grossen Verkaltung 
und ausgestandenen Angst erkrankt, und theils gestorben, theils 
nrit genauer Noht genesen sind. Es sind aber nicht allein die 
vom Wasser hingerissenen Menschen, sondern auch selbst die in 
Haiisern bewahrten Menschen t auf ihren Boden unter denen 
Dachern etl. Tage lang, in Ermangelung Feiiers, Lichts, Speise, 
Trank, und Kleidung Alte und Junge, Schwangere, Gebehrende 
und Saugende in sehr grosser Noht und Elend gewesen, und 
ktimmerlich erhalten worden. Aus Wittmund sind auf ordrG 
derer hiesigen Herrn Beampten unterschiedl. mal Leiite auf Booten 
ausgeschickt worden mit victualien an die hier und da in ihren 
Haiisern gleichsam gefangen und vom Wasser eingesperrten Noth- 
leidende Menscheny bifl das Wasser wieder gefaJlen und mehrere 
communication unter denen Nachbarn wieder geoffnet worden, 
Der offentliche Gottesdienst in denen Kirchen hat zwar bei uns 
zu Wittmund diese betriibte Feyertage uber nicht still gestanden, 
bey unBern Nachbarn aber meist cessiren raiissen; Auch sind 
manche Menschen, an statt vor Gott Sich zu demuthigen, und 
ihres Nohtleidenden Nechsten Sich zu erbarmen, vielmehr auf 
Raub ausgegangen, auch mit ihres eigenen Lebens Gefahr im 
Wasser herum vagirt, eine Beiite zu fischen; deren etliche aber, 
theils geschwind, theils etwas spater von der Wasser- Verkaltung 
erkrankt und gestorben ; andere solchk Rauber hat Gottes gerechte 
Hand auf andere Weise heimgesucht und also gestraffet, daB es 
hat konnen gemerkt und gespuret werden handgreiflich ; Viele, 
welche in oflfentl. Gerichtl. inquisition wegen geborgener und 
verleiigneter Gtiter sind gezogen worden, haben mit falschen 
Eydbchwuren und an dem practiquen Sich vor den Menschen 

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herausgewickelt, und damit ihre Straffe vor dem gottl. Gerichte 
Sich vorbehalten ! 1st also des geborgenen Gutes wenig an seine 
rechtmassige Herren, welche es durch die Wasserfluht verlohren, 
wieder restituirt worden. 

Jedoch sind auch etl. Werke der Barmhertzigkeit, zum Lobe 
Gottes, der bey dieser Land Straffe Christl. Hertzen erwecket, 
und an offentl. Tag hat legen lassen, nicht zu verschweigen. 
Denn, u'ber dem was oben schon von der Anstalt unserer hoch- 
fiirstl. Herrn Beampten, von Versorgung derer Nohtleidenden, 1st 
gedacht worden, so trug Sichs wenig Tage nach der Wasser- 
Fluht, nemlich am 30. Dec. 1717 zu, daB ein gantzes Ever-Schiff 
voll verarmter, verhungerter und nackender Menschen, und bald 
hernach noch eine Parthey dergl., in summa ad 80 Persohnen, 
groB und klein, alt und jung, von Funniks und/dasiger Gegend 
herum versamnielt, zu uns nach Wittmund angel&ndet worden. 
So bald solches in Wittmund laut und ruchtbar geworden. haben 
erstlich alle freywillige Wohlthater, Jeder nach seinem Gutfinden 
1, 2, 3 Persohnen, von alt oder jungen in ihre Haiiser zu ver- 
pflegen auf- und angenommen; Wir beyde hiesige Prediger 
haben andern zum Exempel dergl. gethan, und ich, Past. Hier. 
Bruckner habe die 2 Persohnen, welche ich damals aufgenommen, 
nun bis ins 2te Jahr noch bey mir im HauB ; Die tibrigbleibende 
Persohnen aber, zu denen Sich keine freywillige Herberge finden 
wollte, haben die Herrn Beampten lassen unter die hiesige Ein- 
wohner und Eingepfarrte vertheilen, einquartieren, auch nachdem 
Ein und Andrer sich beschwehrt befunden, umwechseln und das 
quartier verandern lassen ; biB nach Verlauf einiger Mo n ate diese 
Gaste, nach und nach, andere Versorgung gefunden, oder bey 
ihren Wohlthatern zu verbleiben Gelegenheit bekommen haben. 
Zu solchen offentl. Liebes-Werken zehle ich auch billich mit die 
Aufnahme und Beerdigung derer angestrandeten Leichen, als deren 
alhie zu Wittmund 5 Mannes- und 6 Frauens-Persohnen, alt und 
junge, sind eingebracht, und aus des hiesigen Hospitals-Mitteln 
beerdigt, und deren etliche rait einer Predigt beehret, etl. aber 
in der Stille des Abends beygesetzt worden; zu geschweigen 
derer Persohnen, welche in Ermangelung anderweitiger Herberg 
und Verpflegung auch in unserm Hospital eine Zeitl. ihren Unter- 



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halt bekommeru Uber dem haben auch verschiedene Einwohner 
unsers Orts ihrer Anverwandten und guten Bekandten, so durch 
die Wasserfluht von ihren Wohnungen vertrieben und ins Elend 
gejagt worden, sich angenommen, dieselben aufgenommen und 
nach Vermogen versorgen helffen ; Ohne, was nachgehends, und 
biB dato noch durch collectanten auf hochfUrstl. indultum, nach 
und nach, wie anderer Orten, also auch in unserer Gemeine 
offentl. gesanimelt und beygesteiiert wird. Am meisten aber ist 
merkwiirdig, daB Sich grosses Mittleyden in Ober-Teiitschland 
bey Christl. Hertzen freywillig offenbahret, dergestalt, daB von 
verschiedenen Orten aus Ober-Teiitschland, insonderheit aus 
Sachsen, etliche summon freywilliger Allmosen in hiesiges Noht- 
leidende Land eingeschickt worden und dadurch vielen Huqger- 
und Durst-Leidenden auch Nacket- und Ubelgekleideten Menschen 
Hiilfe gesohehen ist. Zum Exempel sind in meiner Hand und 
dispensation von 3 unterschiedl. Orten aus Sachsen ohne mein 
Fodern noch Erinnern geschickt worden, in Summa 92 Rthlr., 
welche ich theils in gewisse Posten an die mir benachbarten und 
bekandten Pastores, als, zu Nesse, Esens, Westerhold, Eggeling, 
Beerdum, Buttfoord, Sengwarden verschickt, theils aber an eintzeln 
Persohnen, wie solche mir vorgekommen sind, und glaubhafte 
attestata vorzuzeigen gehabt, ausgetheilet habe. 

Unser durchl. gnadigster Fiirst und HErr, HErr Georg 
Albrecht, Furst zu Ost*Frieflland, HErr zu Esens, Stedesd. und 
Wittmund , hat Seine hochfurstl. Landes-Vaterliche Barmhertzig- 
und Mildthatigkeit im gantzen Ost-Friefi- und Harringer Land 
bey dieser Zeit und allgemeinen Landes Noht nicht nur durch 
allerhand gute Anstalten, sondern auch durch ansehnliche recht 
fiirstl. Allmosen aus Ihrem eigenen Vermogen und Vorrath offentl. 
an den Tag gelegt, wovon nur, was in Wittmund offentl. geschehen 
ist, alhier gedenke, nemlich daB auf hochfl. ordre der hiesige 
hochfurstl. Frucht-Boden geflfnet, und aller vorhandene Frucht- 
Vorrath nach und nach verbacken und an die armen Hunger- 
und Kummer-Leidenden Unterthanen etliche Monat lang aus- 
theilet worden. Der Segen Gottes ist auch nicht aussen geblieben. 
Denn Gott hat die Gnade gegeben, daB Esen- und Wittmunder- 
Ampts Teiche am ersten sind wieder reparirt und. zu volligem 



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Stand gebracht, das Land wieder gebauet und fruchtbar ge worden; 
wie denn die Emdte im Jahr 1718 obschon nicht nach aller 
particulieren Wunsche, jedoch insgemein und uber Vermuthen 
recht gut und wohl vor Menschen und Vieh ausgefallen. Aeh 
daB nur die Menschen altes Gate mit Erkenntlichkeit und Dank 
ansehn und genieBen mochten! 

Wehrender Zeit der obbeschriebenen Wassers - Noht und 
anhaltender Gefahr, da das Land offen und unbeteiohet stund, 
Sind auf hochfurstl. Verordnung, wie in alien Kirchen, also auch 
in Wittmund ausserordentliche, erst alltagliche, hernach wochentl. 
Bettstunden, BuB- und Bethtage ; Endlicb aber, nach beschlossener 
und gliicklich vollendeter Teich-Arbeit, soviel die beyden Aemter 
Esens und Wittmund betrift, ein grosser und solenner Dank- und 
Bethtag am 3. Maii 1719, war Mittwoch post dominie. Jubilate 
mit Feyrung des gantzen Tages gehalten und celebrirt worden. 

Mehrere Umst&nde sind zu lesen in des Gerhardus Outhofs 
(Predigers zu Emden) Verhaal van alle de hooge waterfloeden, 
gedruckt t' Emden 1718. In welchem Buch unter andern auch 
specificirt wird der Schade in gantz OstfrieBland, besonders in 
Wittmunder Ampt, wiefolgt: Wittmunder Ampt : 86 Hauser weg; 
325 Hau6er beschadigt; 373 Menschen eertruncken; 251 Pferde 
weg; 855 Stuck Hornvieh weg; 111 Schaafe weg ; 208 Schweine 
weg. Die Summa alles Schadens in gantz Ost-FrieBland, Harringer 
Land und auf dem Eyland Juist soil sich belauffen, wie folget: 
Hauser: Hauser: Menschen: Pferde: Hornvieh: Schafe: Schweine: 

weg beschadigt ertruncken weg weg weg weg 

1030. 1838. 2787. 2259. 9514. 2589. 1048. 

Und ist diese unsere erlebte groBe Fluht, nach allegirten autoris 
Rechnung die sechste Christtagsfluth beynahe derienigen Fluht 
gleich, welche anno 1277 auf Christtag in Reiderland bei Emden 
eingegangen und daselbst den Dollart verursacht; Jedoch sind 
wir, Gott lob! gliicklicher zu unserer Zeit, als die damal lebenden, 
weil die damahlige Regierungs-Art und groBe Uneinigkeit der 
Lands-Einwohner keine reparation der Teiche verstattet; Unsere 
Zeit aber deBfalB groBe Barmhertrigkeit von Qott empfangen, daB 
die Teiche in kurtzer Zeit und mit erleidlicheh Kosten in denen 
Esener und Wittmunder Aemptern sind restituirt worden, wiewohl 



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unsere Nachbarn die Ostfriesen in Emder- und benachbarten 
Aemptern durch ihre Uneinigkeiten Sich in weit groBere und 
schwehrere Unkosten und Arbeit auch zu ietziger Zeit gesteckt 
haben." 



2. Rede 1 ) bei der Feier des 25jahrigen Bestehens der Gesellschaft. 

Mitgeteilt von Dr. H. Deiter in Emden. 

Zur Feier des heutigen Tages, des 25jahrigen Bestehens 
unserer Gesellschaft, ist mir von derselben der Auftrag geworden, 
liber deren Entstehen, Fortgang, Ausbildung und Wirksamkeit 
einige Worte zu sprechen. 

Ihre giitige Nachsicht, meine Herren, in Anspruch nehmend, 
werde ich mich in Folgendem des Auftrags zu entledigen suchen. 

Einige meiner Freunde, die Herren Senator Tholen, Senator 
Reimers, Assessor D. B. Loesing und Justizkommissar Wiarda 
und ich hatten schon langst zu unserm grossen Leidwesen be- 
merkt, dass nach wiederaufgelebtem Sinn fiir Olgemalde fremde 
Handelsleute gute, alte Gemalde an sich zu bringen suchten und 
ausfiihrten, diese Schatze also fur die Stadt verloren gingen. Der 
Entschluss war bei jedem von uns rege geworden, gelegentlich 
auch Gemalde anzukaufen. 

Der Eigentiimer und Bewohner dieses Hauses, vormaliger 
Stadtkammerer Dr. med. Johannes Joachim Meder, war am 
17. November 1819 gestorben. Am 3. Marz 1820 sollte die 
Auktion seines beweglichen NachlasseS sein. Wir, davon unter- 
richtet, dass Olgemalde zum Verkauf kommen wiirden, gingen 
zusammen hin, solche zu besehen, und fanden das Portrat, welches 
noch die Zierde unserer Sammlung ist, den Rabbiner nach, wenn 
nicht von Rembrandt. Es hing damals, wo es fiir heute auch 
hangt, iiber der Thure, die in der Mitte dieser Wand war. Dieses 
Stuck, dessen Wert auf den ersten Blick sich kund gab, musste 
in unseren Mauern bleiben, und vor diesem Stuck vereinigten wir 
uns zu dessen gemeinschaftlichem Ankaufe. 



x ) gesprochen im Sitzungssaale der Gesellschaft den 26. Marz 1845 durch 
den damaligen Direktor Bur germeister Suur. 



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Diese Vereinigung, gefasst in dem Hause, welches wir jetzt 
eigentiimlich besitzen, war die allererste Grundlage unserer 
Geselllschaft! 

Im Laufe der nachsten Tage, nachdem auch der Amtsassessor 
Schuirman una beigetreten war, karaen wir iiberein, vorkommenden 
Falls mehrere Gemalde anzukaufen, ausserdem verpflichtete sich 
jeder von uns, aus seiner Privatsammlung ein Gemalde zu schen- 
ken, urn so den Stamm zu einer Sammlung zu bilden. Am 
26. Marz 1820 wurden einige zweckdienliche Bestimmungen als 
Statuten angenommen und so unter dem bescheidenen Namen 
Kunstliebhaber-Verein eine Gesellschaft gebildet, die es 
sich angelegen sein Hess, eine Sammlung von Olgem&lden und 
andern Erzeugnissen der bildenden Kunst zu erwerben und zu 
bewahren. Der Assessor Loesing wurde zum Vorsitzenden ge- 
wahlt und fiihrte dabei anch die Rechnung. 

So entstand unsere Gesellschaft, und der eigentliche Stiftungs- 
tag ist der 26. Marz des Jahres 1820. 

In Ermangelung eines Besseren wurden die Gem&lde im 
Heeren'schen Saale verwahrt und dort auch die Versammlungen 
gehalten. In den ersten zwei Jahren gewann die Gesellschaft 
keine Mitglieder, dann aber, nachdem die Wirksamkeit der Ge- 
sellschaft mehr bekannt geworden, traten 1822 sechs und 1823 
drei neue Mitglieder ein. 

Durch Schenkungen und Ank&ufe mehrte sich die Zahl der 
Gemalde. Die Gesellschaft erweiterte ihre Bestrebungen und 
richtete solche auch auf vaterlandische AlterttLmer in der Absicht, 
solche geeigneten Palls zu sammeln, sonst aber, vorztiglich bei 
Bauwerken, durch davon zu nehmende Zeichnungen fur die Nach- 
welt zu erhalten. 

Bei so erweitertem Wirkungskreis wurde der Name der Ge- 
sellschaft nicht mehr passend und ausreichend gefunden, und am 
23. Dezember 1823 nahm sie den Namen an: Emdische Gesell- 
schaft fur bildende Kunst und vaterlandische AlterttLmer. 

Bei erweitertem Wirkungskreis wiinschte die Gesellschaft die 
Rechte der genehmigten oder privilegierten Gesellschaften und 
Korporationen zu erhalten, wandte sich deshalb unterra 1. Marz 1824 
an Konigliche Landdrostei und wurde am 9. dahin beschieden, 



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137 

dass sie vollig erlaubt and als eine solche anzusehen sei, welche 
auf den Schutz dee Staats Anspruch machen dfirfe, und daher 
einer ausdrticklichen Genehmigung nicht bedtirfe, wenn solche 
aber zum Erwerb eines Grundstiicks erforderlieb werden sollte, 
n&here Antr&ge dartiber zu machen seien. 

Bis Ausgang 1830 hatte die Gesellschaft durch den Tod, durch 
Wohnortsverlegung und durch Austritt schon vier Mitglieder ver- 
loren und bis dahin nur zwei neue Mitglieder gewonnen; dagegen 
aber, urn ausserhalb der Stadt mehr bekannt zu werden und auch 
andere ftir ihre Zwecke zu interessieren, am 10. Oktober 1826 
beschlossen, Eiinstler, Kunstfreunde und Altertumsforscher ausser- 
halb Emden als Ehrenmitglieder aufzunehmen. 

Das Streben der Gesellschaft blieb unver&ndert und ausser 
dem Sammeln von Eunstgegenst&nden , alten Miinzen und der- 
gleichen wurden zwei Arbeiten vorgenommen: 

Die Sammlung ostfriesischer Miinzen des weil. Hofrats 
Wiarda in Beschreibung und Abbildungen herauszugeben 

und 
von der Eirche zu Marienhafe und den daran befind- 
lichen Bildern eine Beschreibung und Abbildung zu 
veranstalten, 
Bowie auch einige Abhandlungen fiber Fachgegenst&nde ftir Zeit- 
schriften verfasst und darin aufgenommen wurden. 

Schon in den ersten Jahren f&hlte man das Bedflrfnis, ein 
anderes, wo moglich eigenes Lokal zu haben, und erst im Jahr 1833 
bot sich dazu die Gelegenheit, indem das Haus, was wir jetzt 
innehaben, durch die Frau Okje Meder, verehelichte van Ittersum 
zu Groningen, zum Verkauf gestellt, von der Gesellschaft fur 
1505 Gulden holl. erstanden und dann ausgebauet und eingerichtet 
wurde. Die notigen Gelder wurden von den Mitgliedern vorge- 
schossen auf Aktien zu 25 Reichsthalern , von welchen j&hrlich 
eine aufezulosen ist. 

Die erste Versammlung in diesem Hause war am 10. Mai 1833. 

Die Gesellschaft glaubte jetzt im Besitze eines Hauses auf 
eine andere Stellung im Staat Anspruch zu haben, unserm dahin 
zielenden Wunsche jedoch, das Haus auf den Namen der Gesell- 
schaft berichtigt zu haben, konnte nicht gewillfahrt werden, sondern 



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es muQste auf den Namen von besonders dazu erwfthlten und 
bevollmaohtigten Reprasentanten geschrieben werden. 

Obgleich dieser Wunsch nicht erfullt werden konnte, so waltete 
doch von dem Erwerb des Hauses an gleichsam ein giinstiger 
Stern iiber der Gesellschaft hinsichtlich der Zahl der Mitglieder, 
die in der ersten Zeit sehr zunahra, und der Vermehrung der 
Sammlung. Der Herr Assessor Diedrieh Bernhard Loesing, der 
wegen zunehmender Korperschwache nur einige Male auf kurze 
Zeit dieses Haus besuchen konnte, schenkte unterm 19. September 
1833 eine Biichersammlung von 371 Banden : Lebensbeschreibungen 
der M^aler aller Schulen, Abhandlungen iiber verschiedene Gegen- 
stande der bildenden Eunst und Reisebeschreibungen in Bezug 
auf schone Kiin6te, und vorkommende Auktionen gaben Gelegen- 
heit zum Ankauf verschiedener guter Gem&lde. 

Vermehrung der Mitglieder sowohl als der Geschafte erheisch- 
ten Vermehrung der Beamten der Gesellschaft. Dem Direktor 
war schon frtLher ein besonderer Rendant beigegeben, und ferner 
wurde beschlossen, einen Vice-Direktor und einen Sekret&r zu 
haben, und andern Mitgliedern wurde die besondere Aufsicht 
iiber Gemalde und iiber die Bibliothek iibertragen. 

So fprtschreitend und den Zweck nicht ausser Acht lassend 
hatte die Gesellschaft die Freude und Genugthuung, dass auch 
im Auslande ihre Bestrebungen anerkannt wurden, beriihmte 
Akademieen und Gesellschaften mit ihr in Verbindung traten und 
sie mit der Mitteilung ihrer Werke beehrten. 



Um von dem jetzigen Standpunkt der Gesellschaft zu reden, 
so kann man solchen zwar nicht einen hohen, jedoch einen festen 
und gewiss mit der Zeit hoher kommenden nennen. 

Der wirklichen Mitglieder sind jetzt 21. Solche waren von 
Anfang an und sind jetzt: 

und die Ehrenmitglieder waren und sind : 

[Aus dem Verzeichnisse wurden die Namen, der Tag des Eintritts 
und des Austritts und der Todestag, soweit solcher von den 
Ehrenmitgliedern ausserhalb Landes bekannt ist, verlesen.] 



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Ausserdem, dass die Vermogensverhaltnisse wohl geordnet 
sind, haben auch die Sammlungen sehr zugenommen. Der Katalog 
der Gem aide und Zeichnungen hat 110 Nummern, die Kupferstich- 
saramlung ist vergrossert, die Bibliothek zahlt 674 Bande, eine 
vorziigliche Sammlung von Manuskripten ist vor nicht langer 
Zeit hinzugekommen , und ein mit Miihe zusammengebrachter 
Vorrat von Glasmalereien ist bestimmt, zwei Fenster zu zieren. 
Endlich ist die Miinzsammlung kiirzlich durch von Wohlloblichem 
Magistrat dieser Stadt geschenkte alte Miinzen verschiedenen Ge- 
prages vermehrt; fUr welches wertvolle Geschenk hiermit der ver- 
bindlichste Dank ausgesprochen sei ! 

In litterarischer Thatigkeit ist die Gesellschaft nicht zurtick- 
geblieben. Mit der Herausgabe der Wiarda'schen Miinzsammlung 
hat sie bekannten Griinden nach nicht ans Licht treten konnen, 
dagegen ist das Werk fiber die Kirche zu Marienhafe unter der 
Presse und wird nachstens mit Steindrucktafeln erscheinen. 

In 25 Jahren hatte freilich mehr erreicht werden konnen, da 
aber yon Anfang an die Absicht mehr auf Sammeln gerichtet 
war als urn sich der Welt zu zeigen, und da die Mitglieder die 
Zeit zu solchen Arbeiten ihren vielfachen Berufsgeschaften ab- 
miissigen miissen, so wird jeder Billigdenkende das, was gethan 
worden, anerkennen und der Gesellschaft den Vorwurf des Still- 
stehens nicht machen. 

Hoffen wir denn, meine Herren , dass die jetzt kommenden 
25 Jahre in dieser Hinsicht fruchtbringender sein werden. Moge 
jeder mit seinen Kenntnissen dazu beitragen und moge der, der 
iiber 25 Jahren zu der Versammlung redet, glanzendere Ergeb- 
nisse verkiinden konnen. 

Was bis heute erreicht worden, ist durch Eintracht erreicht. 
M5ge die Eintracht erhalten bleiben, auch dann, wenn die Zahl 
der Mitglieder zunimmt! 

Nach dem Erwerb des Hauses nahm die Zahl der Mitglieder zu. 
Sollte man nicht an dem heutigen Tage ein Gleiches hoffen konnen ? 

Mochten Manner sich zur Aufnahme melden, die mit Sach- 
kenntnis verbundenen Sinn fur die Zwecke der Gesellschaft 
haben , und deren Mitgliedschaft und Umgang uns alien ange- 
nehm ist. 



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Solche Mitglieder zu gewinnen lassen Sie uns streben und 
nicht bloss auf Vermehrung der Zahl sehen! 

Dann wird das Fortechreiten nicht fehlen, und die Gesell- 
schaft kann auf einen Standpunkt kommen, den wir jetzt noch 
nicht ahnen. 

Moge, um eg mit einem Wort auszusprechen, die Gesellschaft 
immer bltihen, und mdgen noch viele der hier Anwesenden das 
50j&hrige Bestehen der Gesellschaft mitfeiern! 

Beim Festmahl, das wir mit geehrten G&sten zu halten ge- 
denken, wollen wir diese und andere Wunsche aussprechen und 
wiederholen. 



3. Urkunde vom Jahre 1570, das Kloster Barthe betreffend. 

Mitgeteilt von Dr. H. Dei tor in Emden. 

Das Pramonstratenser Nonnen-Kloster Barthe im Amte Stick - 
hausen geriet bald nach der Reformation in Schulden, # welche 
dasselbe, wie H. Suur (Geschichte der ehemaligen Kldster in der 
Provinz Ostfriesland, Emden 1838, S. 102 und 103) weiter aus- 
flihrt, durch den Verkauf von Landereien zu tilgen suchte. Einen 
bisher nicht bekannten Beleg hierfur bietet die nachstehende Ur- 
kunde, der zufolge fur die geschuldete Summe von 292 Emder 
Gulden und 2 Brabanter Sttibern 6 Grasen Heuland abgetreten 
werden. Uber das Original hat der jetzt verstorbene Herr Hooft 
van Iddekinge, nach dessen Eopie der Abdruck gemacht ist, am 
Schlusse n ah ere Auskunft gegeben. 

Wij Geele van Borssum priorinne, Hebrich vann Gemmingen 
kleijtmestersche Engele van Embden || kellersche, Wibcke van 
Embden Schoelmestersche Houwe van Backemoer kostersche, 
sampt alle andere gemeijne Con || uentualenn des Gotzhiises Barthe 
in Oestfreesslandt, Capitulariter vergaddert sijnde mit raedt vnde 
tho doent des acht || baren Gijsse Westerwolt vnsers administra- 
te ri 8, Doen kundt vnde bekennen mit dessen vnsen Jegenwoer- 
digen openen || besegeldenn breue, voer vns vnd vnsen Nacome- 
lingen, dat wij mit giiden vrijen willen rijpen raede vnde voer 
bedachten || mode vmb vnssers vorss couents meeste nutte vnde 



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walluaert, hebben entlicken mit dera Ersamen Corneliss peters || 
tho Stedum, voermundt, Gijsse Janssen Vnde Claes Bolte tho 
Holweerda vogeden ouer zalige hillen des vorss Gijsse || Janssen 
wandages ehelicher huisfrouwen nagelaten vnmundige kinderen, 
van wegenn der suluige kindere, gerekent, vn || bij slote van 
rekeninghe beuunden, dat wij gemelten voermundt vnd vogedenn 
van wegenn der kinderen van principaell || houetstoell voer langes 
schtddich gewordenn, tue Hundert Embder gtdden, elcken gulden 
tot dertich Groninger stuuers ge || rekent, vnd van achterstallige 
renthe acht vnde tsouentich gelijke emder giilden, Welcke rente 
vns also vpgelopen sint, nae || dat de hoichwijssen heren Lutenant 
vnde hoefftmanen van wegen Con. Mat. der stadt vnde vmblanden 
van Groningen || vnse landen, bij der bernender keerssen ver- 
kofft vmb vnse Schuldeners tho entrichten, vnd dennoch de Sake 
bessheer vpge || holdenn, vnde retracteert wordenn. Item noch 
veertijn embder gld. vnde tue Brab: sts. voerteerde vnkosten, so 
wij oick betae || lenn moeten, nae wtwijsinghe der hoichwijsen 
heren beredinge daer van sijnde, makende tho saemS in summa 
tue hundert || tue vnd tnegentich embder gulden, vnde tue Brab. sts. 
Daermit wij nu sodaene schulde eijnmaell afFleggen mochten — || 
(dewijle vns doch bij consent der wall gedachter herenn Lute- 
nant vnd hoefftmanen van wegenn Con. Mat. verlouet, || tot aff- 
lossinge der renten vnd schulden daermit vnse conuent beswaert 
is gewest, van wegen eijnes sware processes — || vmb itlicke 
landen, tho mogen de angewunde landen, in betalinge ouerwijsen 
transporteren vnd verkopen) sint || wij mit gemelten voermundt 
vnd vogeden in eijne steden, vasten, vnde vnuerbrocklicken aff- 
dracht also vnd der gestalt verac || cordeert vnde verdragen, dat 
wij voer vns vnde vnsen naekomelinge an betalinge der voerss. 
houetsiima vnd rente dem vorss. || voermundt vnd vogeden van 
wegen vnd tot profijt der vorss. weesskinderen und hoeren nae- 
komelinge verkofft vpgedrage vnde ouer || gegeuen hebben, ver* 
kopen, dragen vp vnd geuen ouer in krafft desses breues in 
eijnen steden vastenn ewigen vnwedderroepe || lickenn erffkope, 
8es grase hoijlandes, so bessheer tot Stijue harcken heerdt ge- 
hoert hebben , liggende vp Vpweerder Medenn || daer de thocht 
sloet vpt noerden, de gemene hoijwech vpt oesten, Ebell tho Hoi- 



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142 

weerda vpt sftden, vnde vpweerder meer vpt || westen naest an 
geswettet sint, Also dat de gemelte voermundt vnd vogeden, hore 
weeskinder vnde der suluige erffgen. sodaene || ses grase landes 
mogen besitten, gebruieken, verhuren, verkopen, voersetten, voer- 
wisselen, vnd alien hoeren vrijen willenn daer || mede doen als mit 
hoere proprie egen guidt, sunder vnse vnd vnser nacomelinge in- 
seggent ouelmoet vnd besperinge. Belouenn || oick voer vns vnd 

nacomelingen 
vnsen erffgen (sic) dem gemelte voermuudt vnd vogeden in name 

vorss. vnd hore nacomelinge, sodane ses grase || landes vrij 
vnbelastet vnd vrij erfflicken ten ewigen dagen tho leuere vnd 
ware voer alle ansprake, Daer voer tho vnderpande || vnd in 
waerborge plaetze stellende, alle vnses conuents Jegenwoerdige 
vnd thokomende lande vnde alinge giidere replick || vnreplick 
woe vnde waer gelegenn, gene daer van wthbesundert, allent 
sunder argelist, In oerkunde der waerheijt, hebbenn || wij priorinne, 
kleetmestersche, kellersche, Schoelmestersche vnde kostersche, 
neffens vnsen administrator vnse couents || Segell witlicken be- 
neden an dessen breeff gehangen, vnde mit vnse handen vnder- 
tekent, In den Jaere vnses herenn || diisend vijffhiindert, vnnd 
tsouentich dem Negenden dach Augusti, 

geek prioryne Houwe van Backemoer sVybbeke v& emd^ 
suster Foelke va holtlat 

In name vnde va weghen 
des gassen-couetes. 

Gijsen Westerwolt. 

Onderaan hangt aan een perkamenten staart een zegel in 
bruine was, rond, 35 Millimeter in Middellijen het welk geen 
spoor meer draagt van eenig stempel het zij dit uitgewischt is, 
hetzij de klomp was nimmer bezegeld is geweest wat wel waar- 
schijnlijk schijnt te zijn. 

Buiten op deze perkamenten oorkonde staat geschreven: 

^Brieff van sekere ses grasen landes vp Vpweerder 
meeden gelegen bij de Conuentualen van Barta ver- 
settet." 



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Het origineel dezer oorkonde berust bij den heer Mr. A. J. 
van der Hoop van Slochteren op den huise Fraijlemaborch te 
Slochteren in de provincie Groningen. Afgeschreven den 28. Ja- 
nuary 1878 te s'Gravenhage door mij ondergeteekende. 

Hooft van Iddekinge. 



4. Grabscbrift des ostfriesischen Grafen Franz Adolf im Munster zu 

Strassburg. 

Mitgeteilt von Apotheker S enrage in Pewsum. 

FRANCISCO ADOLPHO FRISIAE ORIENTALIS ET RITT- 
BERGAE | COMITI METROPOLITANAE COLONIENSIS 
ET_CATHEDRALIS | ARGENTINENS1S ECCLESIARUM 
RESPE DECANO ET SCHOLAS | TICO ANNO SALUTIS 
MDCLXXXX DIE XV MARTH PIE | IN DNO MORTUO ET 
IN HAC CAPELLA SEPULTO HOC MON | DMENTUM PONI 

— 8 MU8 

CURAV1T ILLET R~ Dl™ LUDOVICUS | DE GOVY DE 
C ARTIGNY EPATUS ARGENTINTS~ VICARIUS | GENERALIS 
EXECUTOR TESTIMENTARIUS | 

REQUIESCAT IN PACE. 
Der hier genannte Graf Franz Adolf, ein Enkel Edzards II., 
war ein Sohn des Grafen Johann, der die Tochter seines Bruders 
Enno III. Sabina Katharina geheiratet hatte. Das Todesjahr 
scheint Wiarda (vgl. Bd. IX Stammtafel XVIII) unbekannt ge- 
wesen zu sein. Die oben mitgeteilte Inschrift befindet sich auf 
dera Grab-Denkmal in einer Eapelle neben dem Chor des Strass- 
burger Miinsters und ist an Ort und Stelle abgeschrieben worden. 



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Bericht uber die Gesellschaft 

vom 1. Dezember 1881 bis 1. Oktober 1882. 
Von Pastor Pleines, derz. Sekret&r. 

Xleim Uberblick fiber die Wirksamkeit der Gesellschaft in 
dem abgelaufenen Jahre konnen wir mit Genugthuung konsta- 
tieren, dass das Interesse fiir die Forderung ihrer Zwecke in 
stetem Wachstum begriffen ist, und der gegenwartige Stand der- 
selben in mehr als einer Hinsicht als ein erfreulicher bezeichnet 
werden darf. 

Die Zahl ihrer einheimischen und auswartigen Mitglieder ist 
bis auf 136 herangewachsen ; auch sind zu den drei korrespon- 
dierenden Mitgliedern zwei neue hinzugetreten. Ferner steht die 
Gesellschaft jetzt mit 37 auswartigen Vereinen in Schriftenaus- 
tausch. 

An Zusendungen von Kunst- und Altertumsgegenstanden, 
Miinzen, vaterlandischcn Schriften und Urkunden zur Vermeh- 
rung und Vervollstandigung unsrer Samnalungen hat es uns, Dank 
der Bereitwilligkeit unsrer Landsleute, auch in diesem Jahre nicht 
gefehJt. 

Die Gesellschaft hat geglaubt, in diesem Jahre ihre beson- 
dere Aufmerksamkeit der in den obern R&umen des Rathauses 
befindlichen Rustkammer zuwenden zu miissen. Dieselbe erithalt 
bekanntlich eine Mustersammlung von Waffen aus verschiedenen 
Jahrhunderten, namentlieh von Schiesswaffen, die nicht nur fur 



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145 

die Waffenkunde uberhaupt, sondern auch fiir die Geschichte 
unserer Provinz von hohem Inter esse ist. 

Diese yon durchreisenden Fremden vielfach bewunderte, hier 
und im Auslande noch immer nicht geniigend bekannte Sammlung 
ist durch den in diesem Jahrbuch abgedruckten Vortrag unsers 
Mitgliedes Senator Schnedermann auf Grand der mit vielem 
Fleiss und grosser Sachkenntnis zusaramengesuchten Akten und 
Urkunden ausfuhrlicher beschrieben und durch beige fiigte Licht- 
bilder von den an den Kolben und Flintenlaufen befindlichen 
ausserordentlich kunstvollen Schnitz- und Ciselierarbeiten nach 
den Zeichnungen des Malers Kallmorgen aus Karlsruhe illustriert. 

Ferner ist es der Gesellschaft gelungen, zu dem gleichfalls 
in diesem Jahrbuch veroffentlichten Vortrage unsers Ehrenmit- 
gliedes General-Superintendent Bartels in Aurich u'ber das Leben 
und Wirken unsers hochverdienten ostfriesischen Geschicht- 
schreibers, des Hofrats Wiarda, ein wohlgelungenes, vollstandig 
ahnliches Lichtbild desselben zu erhalten, abgenommen nach einem 
Familien-Portrait, das uns zu dem Ende auf unsere Bitte durch 
die Giite eines Enkels des Verstorbenen , des Herrn Atnts- 
Assessors Detmers in Aurich, bereitwilligst zur Verfiigung ge- 
stellt wurde. 

Von der in dem Trauchor der Grossen Kirche befindlichen 
metallenen Grabplatte des Herzogs Albrecht von Sachs en 
hat die Gesellschaft auf Ansuchen der Koniglich Sachsischen 
Museumsverwaltung, vertreten durch den Geh. Hofrat W. Ross- 
mann, mit Bewilligung des reformierten Kir chen rats einen Gips- 
abguss nehmen lassen, welcher in der neu restaurierten Albrechts- 
burg bei Meissen aufgestellt worden ist. Der genannte Herzog, 
Stifter der Albertinischen Linie, wurde vom Kaiser zum Statt- 
halter von West-Friesland ernannt, aber von den Friesen nicht 
anerkannt, weshalb er sie mit Krieg uberzog. Er war der 
Bundesgenosse Edzards des Grossen, der gleichfalls in einen 
Krieg mit den Friesen verwickelt war. Er erkrankte zu Gro- 
ningen und starb im Jahre 1500 zu Emden, wohin er sich auf 
Einladung des Grafen Edzard begeben hatte. Sein Leichnam 
wurde nach Meissen gebracht, seine Eingeweide im Trauchor 
der Grossen Kirche beigesetzt. 

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146 

Die Abformung der Platte ist vortrefflieh gelungen, and es ist 
uns von der Sachsischen Regierung ein zweites Exemplar derselben 
als Geschenk fur unsere Altertutnssammlung zugestellt worden. 

Die Kosten zur Herstellung der genannten Licfatbilder in 
Verbindung mit den zur Vermehrung und Instandhaltung der 
Sammlungen, sowie zum Unterhalt des Gesellsehaftsgebaudes 
unvermeidlichen Ausgaben konnten aus den Jahresbeitragen der 
Gesellschaftsmitglieder unmoglich bestritten werden. Um so 
erfreulicher war es deshalb, dass uns von der WohIl5blichen 
Ostfrieeischen Lands c haft ausser der standi gen Beihiilfe von 500 JL 
eine ausserordentliohe Unterstutzung von 600 JL und von dem 
Hohen Landes-Direktorium zu Hannover die Surnme von 500 JL 
fur das Rechnungsjahr 1882 bewilligt worden ist, fur welche 
g^itigen Beihulfen wir nieht ermangeln unsern tiefgefuhlten Dank 
hiedurch wiederholt auszusprechen. 

Die ira Laufe dieses Jahres gehaltenen wissenschaftlichen 
Vortrage sind folgende: 

1. Zur Winckelmannsfeier am 9. Dezember 1881: „Der Apoll 

von Belvedere" — von Oberlehrer Dr. Kohlmann. 
%. Inhalt und Form der Eddagesange — von Redakteur 
Calaminus. 

3. Christoph Friedrich von Dersohau, erster Preussischer 
Regierungsprasident in Ostfriesland . — von Oberlehrer 
Dr. Kohlmann. 

4. Die Entstehung der Emder Riistkamnoer — von Senator 
Schnedermann. 

5. Die Mennoniten in Ostfriesland, ihr Verhaltnis zur graf- 
lichen, spater furstlichen Regierung (Fortsetzung) — von 
Pastor Dr. M tiller. 

6. Das griechische Volk und der grieehische Staat — von 
Dr. Lolling aus Athen. 

7. Das Verhaltnis Frieslands zu Kaiser und Reich ira Mittel- 
alter, unter besonderer Berucksichtigung der friesischen* 
Grafschaft a) unter Karl d. Gr. und seinen Nachfolgern 
—• von Gymnasiallehrer Dr. Prinz. 

8. Fortsetzung dieses Vortrages b) unter den sachsischen, 
salischen und hohenstaufischen Kaisern. 



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147 

Verschiedene von diesen Vortr&gen sind im vorliegenden 
Jahrbuch aufgenommen, die beiden letzten hoffen wir in ver- 
vollstandigter Form im nachsten Hefte bringen zu konnen. 

Was den Vortrag des Dr. Lolling „uber das griechische Volk 
und den griechischen Staat" betrifft, so ist derselbe nicht nur des- 
halb besonders bemerkenswert, weil die seit 1875 durch die 
Altertumsforscher Ernst Curtius Schliemann und Carl Humann 
u. a. in Griechenland und Kleinasien zu tage geforderten und 
in Berlin aufgestellten Kunstsch&tze des klassiscben Altertums 
das Interesse von ganz Europa hervorgerufen haben, sondern 
auch, weil diese Ausgrabungen durch den Vortragenden , einen 
gebornen Ostfriesen (geburtig aus Larrelt, unweit Emden), Mit- 
glied des archaologischen Instituts zu Athen, mitgeleitet worden 
sind. Dem inhaltreichen Vortrage gestatten wir uns kiirzlich 
Folgendes zu entnehmen: 

Gegeniiber der von Fallmerayer aufgestellten Behauptung, 
das alte Hellenentum sei vom 6. — 8. Jahrhundert durch die ein- 
gedrungenen slavischen und tiirkischen VSlkerstUmme vertilgt, 
das jetzige griechische Volk sei nur noch ein Konglomerat von 
Slaven, Avaren, Albanesen, Wlachen und Rumanen, — vertritt 
Referent die Ansicht, das alte Hellenentum sei keineswegs vollig 
ausgestorben. In Attika, Athen und in den Hauptstadten, die von 
den Einwanderungen der Slaven, Avaren u. a. Volker verschont 
geblieben, seien Spuren davon noch deutlich nachzuweisen. 

Was die jetzigen Neugriechen betrifft, so entwirft Refe- 
rent davon folgendes BilcL Sie sind im allgemeinen geistig 
reich begabt, gewandt, beweglich, nach Art der Franzosen leicht- 
sinnig, lernbegierig, aber wenig ausdauernd, voll Patriotismus, — 
durch den fast 400jfthrigen tiirkischen Druck nicht ohne Hinter- 
list, Verschlagenheit und allgemeine Entsittlichung ; im Kriege 
mehr listig als ausdauernd, tapfer, aber auch zum Stehlen ge- 
neigt. Sie lieben leidenschaftlich das Vergniigen, Musik und Tanz. 
Ihr Tanz hat etwas seltsam Feierliches und erinnert an die Tanze 
der alten Griechen bei ihren religiSsen Festen. Titel sind unter 
ihnen nicht gebr&uchlich, man nennt sich einfach Du oder adskpog 
und adel(pr r Nur unter den Geistlichen kommeri Titel vor wie 
Hytog oder auch Superlative wie yaveQcAtaTog und "kttimqvtmoq. 

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148 

Politik wird leidenschaftlich betrieben. Der im ganzen kummer- 
liche politische Zustand dee Landes hat dem Volke den Geist des 
Ungeniigens, der Unzufriedenheit und der Parteisucht gegeben. 
Politische Intriguen, Meutereien und Aufstande sind nicht selten. 

Die Kommunikation ira Innern ist wegen der schlechten 
Wege hochst mangelhaft und beschwerlich und die Regierung 
bekummert sich wenig darum. 

Die Universit&t zu Athen ist gut eingerichtet und wird ver- 
haltnismassig stark besucht; in den Volksschulen ist auch das 
Altgriechische eingefiihrt. 

Neben der herrschenden Religion der griechischen Kirche 
herrscht noch vie! Aberglaube, viele heidnische Gebrauche, die 
der Gotterlehre der alten Griechen entlehnt sind. 

Aus ihren Volksmarchen, Sagen und Legenden erkennt man 
am deutlichsten den Zusammenhang mit den alten Griechen, und 
es finden sich in ihnen iiberall Anklange an das Altertum, wes- 
wegen sie fur den Historiker besonders wichtig sind. 

Hinsichtlich der Ausgrabungen in Mykena und bei Nau- 
plia, welche letzteren Referent personlich geleitet, erklart er, 
dass durch dieselben die gegen das hohe Altertum der Mykeni- 
soben Funde erhobenen Zweifel endgultig widerlegt sind. Ferner 
erklarte er, in betreff der Schliemann'schen Funde in Troas, auf 
Grund eigener Anschauung der in Frage gezogenen Lokalitaten 
sich fiir die Lage des alten Ilion bei dem jetzigen Hissarlik 
entscheiden zu miissen. 



Die beiden letzten Vortrage „tiber das Verhaltnis Frieslands 
zu Kaiser und Reich im Mittalalter" von Gymnasiallehrer 
Dr. Prinz waren deshalb von einem besondern Interesse, weil 
Referent in Ubereinstimmung mit v. Richthofen auf Grund der 
Quellen die Behauptung aufstellte, dass das Bild, das der Ge- 
schichtschreiber Ubbo Emmius in seiner Rerum Frisicarum Hi- 
storia nebst vielen seiner Nachfolger von der ganz besondern 
Freiheit der Friesen entworfen habe, ebon nur ein Phantasie- 
gebilde sei, das in Wirklichkeit nie existiert habe. Friesland 
sei vielmehr offiziell ebenso mit dem deutschen Reich verbunden 
gewesen, wie die ubrigen deutschen Provinzen, und es konne 



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149 

von einer Loslosung desselben von Kaiser und Reich oder gar 
von einer friesischen Republik nicht die Rede sein. Aus ver- 
schiedenen Annalen und Chroniken wird nachgewiesen, dass aus- 
w&rtige Ftirsten oder Bischofe rait der friesischen Grafschaft vom 
Kaiser belehnt wurden, wie z. B. der Erzbischof von Bremen, die 
Bischofe von Munster und Utrecht, der Graf von Ravensberg. 



Als neue Mitglieder der Gesellschaft sind in diesem Jahre 
aufgenommen : 

a. Einheimische: 
Gutsbesitzer D i e k e n von Diekenshoff. Wasserbau-Inspektor 
Dannenberg. Steuerrat G r a s s h o f f. Regierungs-Baumeister 
Schachert. Hauptmann von Fro mm. 

b. Auswartige: ' 

Landrichter Vie tor in Hildesheira. Pastor Houtrouw zu 
Neermoor. Rentier John Bonk zu Loquard. Pastor Brands 
zu Stapelmoor. Die K5nigliche Bibliothek zu Berlin. 

Zu korrespondierenden Mitgliedern sind ernannt : Leh- 
rer Holtmanns zu Cronenberg, Regierungsbezirk Dusseldorf, 
und Dr. Winkler in Haarlem. 

Zu den 33 auswSrtigen Vereinen, mit denen die Gesellschaft 
in litterarischer Verbindung steht, sind hinzugekommen: 
das Museum schlesischer Altertumer in Breslau, 
die Acade*mie royale des sciences zu Amsterdam, 
die Socie'te' d'histoire eccle'siastique et d'arche'ologie reli- 
gieuse du diocese de Valence zu Romans (Dep. Drome). 
Die Direktion der Gesellschaft besteht gegenwartig aus fol- 
genden Mitgliedern : 

Gymnasialdirektor Dr. Schweckendieck (Direktor), 
Oberlehrer Dr. Kohlmann (Vicedirektor), 
Pastor Pleines (Sekretar), 
Kaufmann van Rensen (Rendant). 
Beisitzer resp. Konservatoren der Sammlungen sind: 
Gymnasiallehrer Dr. Deiter (Bibliothek), 
Ingenieur S t a r c k e (GemSlde), 
Dr. med. Tergast (Miinzen und Altertumer), 
Partikulier Bleeker (Instandhaltung des Hauses), 



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150 

Die Sammlungen der Gesellechaft wurden teils durch An- 
kaufe, teils durch Geschenke um ein Betrachtliches vermehrt, und 
sind letztere nebst den Namen der Geschenkgeber s. Z. in beiden 
Zeitungen veroffentlicht worden. 

Die wichtigsten derselben sind folgende: 

I. Blicher und Urkunden. 

AuBser den eingegangenen Jahresberichten und period] schen 
Schriften der mit uns in Verbindung stehenden Vereine und Ge- 
sellschaften sind 

a. angekauft: 

Lindenschmidt, Altertumer unsrer heidnischen Vorzeit, Bd. Ill, 
Heft 12, Mainz 1881; — Mittelniederdeutsche Grammatik nebst 
Chrestomathie und-Glossar von Liibben, 1882} — Bilder auB der 
Ostfriesischen Geschichte fiir Schule und Haus von Hoflfmeyer 
und Hering; — Verschiedene alte Plane der Stadt Etnden; — 
Parathina, Badeleben auf Borkum von Wilhelm Fischer, 1882; — 
Die Nordsee-Insel Norderney, 1882; — Die Renaissance in Holland 
von Galland, Berlin 1882; — Grammatik der altfriesischen Sprache 
von Cummins, London 1881 (englischer Text); — Recess- und 
Akkordbuch der Stadt Eraden, 1656; — Denkmal Jobann 
Winckelmann's, nicht gekronte Preisschrift von Johann Gottfried 
Herder, 1778, herausgegeben von Dr. Dunker, Cassel 1882. 

b. geschenkt: 

Apologie von Suffrid Peters. — Zwei Schriften, betreffend 
die Schiffe der Asiatischen Handelskompagnie in Emden; — 
Geschichte des Pietismus in der reformierten Eirche Ostfrieslands, 
von General-Superintendent Bartels; — Drucksachen, betreflFend 
die hier stattgefundene Festfeier wegen der Legung des trans- 
atlantischen Kabels nebst Nummern der Kolnischen und beiden 
Emder Zeitungen, diese Feier betreflFend; — Nummer der Auricher 
Nachrichten, betreflFend die 150jahrige Jubelfeier der Tapper'schen 
Buchdruckerei in Aurich; — Historische Zeitschrift fur die Pro- 
vinz Posen, 1. Heft, von Archivar Dr. Meyer; — Statistisches 
Handbuch fur Kunst und Kunstgewerbe im deutschen Reich, 



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151 

Berlin 1881; — Schriftstiicke , sich beziehend auf die Huldi- 
gung Friedrich Wilhelms II. in Aurich 1786; — Hannovers See- 
schiffahrt, 2 Hefte, Leer 1853; — Register van het oud archief 
te Ootmarsum 1878; — Die WestfUlischen Alterthumer (Beweis, 
dass diejenigen, so Christum gekreuzigt haben, Westf&iinger 
gewesen) von Kammerprasident Lenz, Solingen 1755; — Dr. Kohl- 
mann , Abhandlung uber v. DerscJbau als Dichter ; — Beschrei- 
bung der Pergamenischen Bildwerke in Berlin, 1881; — Emder 
Gewerbehalle, Nr. 3 und 4, 1855; — Manuskript von Pastor 
Herborg (Fortsetzung des Werks von Tjadens gelehrtem Ost- 
friesland); — dat Waterrecht nach einer Emder und Auricher 
Handschrift, von Dr. Deiter; — Ostfriesisches Schulblatt, Jahr- 
gang 21; — David's und MichaPs Leiden, Trauerspiel von 
Weissenburg ; — Bestallungs - Dokument fur einen Hofschneider 
der Fiirstin Christine Charlotte, 1667 ; — Testament aus Appinga- 
dam, 1645; — Materialmen zu einer prahistorischen Kartographie 
der Provinz Posen von Direktor Dr. Schwartz; — Verordnung 
Friedrichs des Grossen wegen Einscbrankung der Feiertage, 
Berlin, 1773; — Nederduitsch en friesch. Dialecticon, 2 B&nde, 
und 2 Abhandlungen „iiber die Eleidertraeht der Friesinnen" 
und „Friesland jenseits der Grenzen" von Dr, Winkler in 
Haarlem. 

\l Miin2en und Medaillen. 

geschenkt : 
Vj Stuber von Anton Gunther von Oldenburg ; — 1 Oertchen 
von Georg Albrecht, beim Eisenbahnbau gefunden ; — 1 Schilling 
von Christian Eberhard; — l / % Stuber von Enno III.; — 1 Floren- 
tinische Miinze von Cosmus II. von Medici; — Ein 12 Marien- 
groschen-Stiick von 1674; — V 4 Thaler PreMsisch von 1750; — 
1 Danischer Schilling; — 1 Schepken Schilling; — 3 alte Emder 
Miinzen; — Silberne Medaille, geprSgt auf die Befreiung der 
Stadt Mainz von den Franzosen unter Friedrich Wilhelm II., 
1793; — Silbermunze (V i0 ) gefunden in der Westermarsch, sehr 
gut erhalten, geprftgt unter Edzard und Johann; — 12 wertvolle 
Silbermiinzen. 



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152 

III. AltertUmer etc. 

a. angekauft: 

Herdplatte von 1581 ausOsteel; — Zinnerner Teller mit der 
Jahreszahl 1804: Inschrift und Stempel sicb beziehend auf die 
friiher hier bestandene Kruideniersgilde. 

b. geschenkt: 

Maine - Siegel von Wittround; — Mairie - Siegel von Siegel- 
sum ; — Altertiimlicher Eamm in fischforraiger Gestalt ; — Stiick 
einer Urne mit Ornamenten; — Altes seltsam geformtes Huf- 
eisen und 3 kugelformige Schlosser, aufgegraben 3 Fuss tief in 
Groothusen; — Holzstucke, aufgegraben beira Kanal-Briickenbau 
12 Meter tief; — Altertumliche Kleidungsstucke undFacher; — 
Altes Siegel des im Jahre 1817 aufgehobenen Cisterzienser- 
Klosters Neuzelle bei Frankfurt a./O. ; — Seidene Herrenstrtimpfe 
und sogenannte Lettertiicher aus dera vorigen Jabrbundert; — 
Gipsabdruck eines russischen Heiligenbildes ; — 2 thonerne Ge- 
fasse, Eisenkugel und Ledersohlen, aufgefunden im Schleusen- 
kanal beim Briickenbau; — 1 Siegelring, aufgefunden im Zwin- 
ger beim neuen Thor; — Verscbiedene Altertumsgegenstande, 
ausgegraben zwiscben Canum und Kloster Sylmonken, darunter 
Netzbeschwerer, Urnen, Schadel, Reste von Eichenholz, sehr selten 
vorkommende Handgriffe zu schalenformigen Geftlssen; — Ein 
grosser Ring von Horn und eine Lanzenspitze von Feuerstein 
aus einem Hiinengrabe bei Kiel; — Eine Pfeilspitze aus Feuer- 
stein; — Ein wohlerhaltenes grosses Hirschgeweih, aufgegraben 
3 Meter tief beim Sielbau in Pogum ; — Gipsabguss der Grab- 
platte des Herzogs Albrecht von Sachsen in der hiesigen Grossen 
Kirche. 

IV. Gemalde, Kupferstiche etc 

geschenkt : 
Verschiedene Portraits und Ansichten, u. a. vom Upstallsboom 
und von Stickhausen. 



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153 

Fiir das njichste Jahr hat die Gesellschaft in Aussicht ge- 
nomraen, ausser dem ostfriesischen Miinzwerk, das seiner 
Vollendung langsam entgegen schreitet, sich mit dem in der hie- 
sigen Grossen Kirche befindlichen GrabdenkmaldesGrafen 
En no zu beschaftigen. Statt der friiheren auf ihre Veranlassung 
erfolgten Restaurationen im Jahre 1845 und im Jahre 1873, 
die wegen der verhaltnismassig geringen Mittel ungeniigend 
bleiben mussten, wird beabsichtigt, mit Unterstutzung der Jiohen 
Landesbehorde eine wiirdigere Wiederherstellung dieses auch 
als Kunstdenkmal hervorragenden Mausoleums vornehmen zu 
lassen, was um so mehr gerechtfertigt erscheint, als unter demsel- 
ben, wie aus den betreffenden Akten hervorgeht, ausser dem Grafen 
Enno II. noch verschiedene andere ostfriesische Regenten, nament- 
lich die Grafen Ulrich I., Grafin Theda, Enno I., Edzard der Grosse, 
Grafin Anna und deren Sohn Johann, bestattet worden sind. Was 
den Kunstwert und die Bedeutung dieses Denkmals betrifft, so 
verweisen wir auf die Abhandlung unsers Mitgliedes, des Ingenieurs 
Starcke im vorigen Jahrbuch pag. 96. 



Wir schliessen diesen Bericht, indem wir den Kunst- und 
Altertumsfreunden, die sich durch ihre Zttiendungen um unsere 
Gesellschaft verdient geraacht haben, unsern verbindlichsten Dank 
abstatten, und ihnen dieselbe auch fur die Folgezeit bestens 
empfohlen halten. 

Em den, den 1. Oktober 1882. 



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Verzeichnis 

der 

im Oktober 1882 vorhandenen Mitglieder. 



I. Ehrenmitglieder. 

B artels, General-Superintendent in Aurich. 

Berg, Oberbaurat in Hannover. 

Berghuys, Kaufmann in Nieuwediep. 

ten Doornkaat-Koolman, Kommerzienrat in Norden. 

Engelhard, Bildhauer in Hannover. 

Friedlaender, Dr., Geh. Staatsarchivar zu Berlin. 

Gerlach, Buchdruckereibesister und Stadtrat zu Freiberg' in Sachsen. 

Grote, Dr. juris* in Hannover. 

Hantelmann, Oberbttrgermeister a. D. zu Hannover. 

Klopp, Dr., Archivrat in Wien. 

Lisch, Dr., Geh. Archivrat in Schwerin. 

Mil Her, Studienrat in Hannover. 

Rose, Amtssekretar a. D. in Dornum. 

Sudendorf, Amtsgerichtsrat in Neuenhaus. 

Victor, Kirchenrat zu Emden. 

II. Wirkliche Mitglieder. 

a. Einheimischc: 
Barth, Grossist. 
Bertram, Partikulier. 
Bleeker, Partikulier. 
de Boer, Kaufmann, Senator a. D. 
Boning, Dr. juris, Bechtsanwalt. 
B re lis, Kaufmann. 

Brons, Y., Kommerzienrat und englischer Vice-Konsul. 
Brons, B. sen., belgischer Konsul. 
Brons, B. jun., niederlandischer Konsul und Senator. 
Brons, A., Vice-Konsul. 
Brons, F., Vice-Konsul. 
Brons, Bernhard, J. S., Kaufmann. 
But en berg, 0., Partikulier. 



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155 

Calaminus, Redakteur. 

Dannenberg, Wasserbau-Inspektor. 

Dantziger, Kaufmann und Senator a. D. 

Deiter, Dr., Gymnasiallehrer. 

Diek.en, Gutsbesitzer. 

D i t z e n , Ober-Postsekreta'r. 

FUrbringer, Oberbiirgermeister. 

von Fro mm, Hauptmann. 

Geelvink, H., Kaufmann. 

Geelvink, P., Kaufmann. 

Graefenhain, Lootsen-Kommandeur. 

Graepel, Senator a. D. 

G r a e s e r , Gymnasiallehrer. 

Grasshoff, Steuerrat. 

Haynel, Buchha'ndler. 

Herrmann, Apotheker. 

Heyl, Fr., Kaufmann. 

Hilker, Auktionator. 

Hobbing, Oberlehrer des Gymnasiums. 

Hofmeister, Telegraphen-Direktor. 

Hbltzenbein, Bank-Direktor. 

v. Hoorn, Gold- und Silberarbeiter. 

Kappelhoff, Herm., Kommerzienrat und Senator. 

Kappelhoff, A., Kaufmann. 

Klug, Landschaftsrat und Senator. 

Kohlmann, Dr., Oberlehrer des Gymnasiums. 

Lange, J. G., Partikulier. 

Leers, Dr. med. 

Lohmeyer, Dr. med. 

Lohstbter, Amtsgerichtsrat. 

Maas, Gymnasiallehrer. 

Mahlmann, Dr., Apotheker. 

Martini, Lehrer an der hoheren Tbchterschule. 

Mii Her, Dr., Pastor. 

Mustert, J., Kaufmann und Senator. 

Nor den, Dr. med., Sanitatsrat. 

Pape, Kommerzrat. 

Penning, Dreesmann, P., Kaufmann. 

Pleines, Pastor. 

de Pottere, Br., Kaufmann und Senator a. D. 

Reemtsma, Kommerzienrat. 

v. Ren s en, P., Sekretar der Handelskammer. 

Russell, Rechtsanwalt. 

Schnedermann, Kaufmann und Senator. 

Schachert, Regierungs- Baumeister. 

Schramme, Baurat. 

SchUt, Kaufmann. 



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156 

Schweckendieck, Dr., Gymnasial-Direktor. 

v. Send en, Apotheker. 

Sielmann, Kaufmann. 

Starcke, Ingenieur. 

StBhr, Dr., Medizinalrat. 

Tapper, Buchdrnckerei-Besitzer und Senator a. D. 

Tergast, Dr. med. 

Tronnier, Lehrer an der hoheren Tdchterschule. 

Valk, K., Grossist. 

Yocke, Kaufmann. 

v. Weyhe, Kroishauptmann. 

Wilken, Partikulier. 

Wulff, Bank-Vorsteher. 

Wiistenbeck, Amtsrentmeister. 

Zwitzers, Direktor der hoheren Ttfchterschule. 

b. Auswartige: 
Becker, Btirgermeister in Esens. 
Bonk, Rentier in Loquard. 
Brandes, Seminarlebrer in Aurich. 
Brands, Pastor in Stapehnoor. 
Brons, Th., Landwirt in Groothusen. 
Brouer, Konsul in Leer. 
Carsjens, Pastor in Lengerich bei Lingen. 
Dammeyer, Rentmeister in Petkum. 
Detmers, Amts-Assessor a. D. in Aurich. 
Die ken, Okonom zu Pewsumer Schatthaus. 
Ditmar, Ober-Regierungsrat a. D. zu Wiesbaden. 
Fegter, Gutsbesitzer in Drennhusen. 
v. Fock, Dr. juris in Wiesbaden. 
Freerksen, Deichrichter und Gutsbesitzer in Larrelt. 
v. Frese, V., Landschaftsrat in Hinta. 
v. Frese, A., Gutsbesitzer in Loppersum. 
Georgs, Gutsbesitzer in Damhusen. 
Hesse, Pastor in Larrelt. 
Hobbing, Buchhandler in Leipzig. 
Hofmann, Dr., Sanitatsrat in Leer. 

Hoogestraat, Betriebs-Inspektor der KSnigl. Munitionsfabrik in Danzig, 
van Hove, Gutsbesitzer in Logumer-Vorwerk. 
Houtrouw, Pastor zu Neermoor. 
HOfker, Pastor in Wybelsum. 
Juzi, Bank-Direktor in Geestemiinde. 
Kempe, D., Gutsbesitzer zu Groothusen. 

Graf zu Inn- und Knyphausen-LUtetsburg, Landschaftsrat. 
Eoopmann, Gutsbesitzer zu Midluui. 
L an gen, Pastor zu Nordhorn. 
Lantzius-Beninga, OberfBrster a. D. zu Auricb. 



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157 

Metger, Superintendent zu Groothusen. 

Meyer, Pastor zu Pilsum. 

Meyer, Schullehrer in Visquard. 

Ommeu, Apotheker zu Norderney. 

Pannenborg, Dr., Gymnasial lehrer zu Gtittingen. 

Peterssen, Dr. phil., Gutsbesitzer zu Berum. 

Prinz, Dr. phil., z. Z. in Emden. 

Re mm era, Pastor zu Engerhafe. 

Richter, Dr. med. in Aurich. 

Rtfben, Auktionator in Grossefehn. 

Rising, Hotelbesitzer auf Wangeroog. 

Rtisingh, Pastor in Nor den. 

Rulffes, Auktionator zu Pewsum. 

Sanders, Superintendent zu Westerhusen. 

Sasse, Auktionator zu Hage. 

Schnedermann, Obergerichtsrat a. D. zu Aurich. 

Schrage, Apotheker zu Pewsum. 

Schweckendieck, Regierungsrat zu Berlin. 

Schweckendieck, Huttendirektor in Dortmund. 

Seebens, Pastor in Grimersum. 

Smid, Ortsvorsteher in Groothsen. 

Sraid, Gutsbesitzer in Gross-Midlum. 

v. Suckow-Bollinghausen, K. K. Osterreich. Oberlieutenant a. D. zu 

Bollinghausen. 
Taaks, Blirgermeister und Landschaftsrat zu Norden. 
Tammena, Gutsbesitzer zu Longeweer. 
Tholens, Pastor zu Leer. 
Ulferts, Auktionator in Oldersum. 
Viet or, Landrichter in Hildesheira. 
Victor, Bleske, Pastor in Hinta. 
Wolckenhaar, Apotheker in Leer. 
Wronka, Ober-Grenz-Kontroleur in Liraburg a. d. L. 
Zopfs, Buchdruckereibesitzer in Leer. 
Kbnigl. Bibliothek in Berlin. 

111. tiorrespondierende IVlitglieder. 

Holtmanns, Lehrer zu Cronenberg, Reg.-Bez. Diisseldorf. 
Nanninga-Uitterdyk, Archivar der Stadt Kampen. 
Rose, Referendar in Oldenburg. 
Sundermann, Lehrer zu Norden. 
Winkler, Dr., in Haarlem. 



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158 



In Schriftenaustausch steht jetzt die Gesellschaft mit folgen- 
den auswartigen Vereinen und gelehrten Gesellschaften : 

Amsterdam: Academie Royale des Sciences. 

As sen: Museum. 

Bamberg: Historischer Verein fiir Oberfranken. 

Berlin: Der deutsche Herold. 

Bremen: Historische Gesellschaft des KUnstlervereins. 

Breslau: Museum schlesischer Altertiimer. 

Chemnitz: Verein fiir Chemnitzer Geschichte 

Donaueschingen: Verein fur Geschichte und Naturgeschichte. 

E lb erf eld: Bergisch-Markischer Geschichtsverein. 

Emden: Naturforschende Gesellschaft. 

Freiberg: Altertumsverein. 

Gbrlitz: Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften. 

Graz: Historischer Verein fiir Steiermark. 

Groningen: Societas pro excolendo jure patrio. 

Halle: Thuringisch-Saichsischer Geschichts- und Altertumsverein. 

Hannover: Historischer Verein fiir Niedersachsen. 

Jena: Verein fiir Thuringische Geschichte und Alterturaskunde. 

Kiel: Gesellschaft fiir Schleswig-Holstein-Lauenburgische Geschichte. 

EOnigsberg: University. 

Ktfnigsberg: Physikalisch-Okonomische Gesellschaft 

Kopenhagen: Konigliche Gesellschaft der Nordischcn Altertumskunde. 

Leeuwarden: Friesch genootschap. 

Leiden: Maatschappy der Nederlandsche Letterkunde. 

Linz: Museum Francisco-Carolinum. 

Meissen: Verein fiir Geschichte der Stadt Meissen. 

Mtinchen: Kbnigl. Bayrische Akademie der Wissenschaften. 

MUnster: Historischer Verein. 

NUrnberg: Germanisches Museum. 

Ntirnberg: Verein fiir Geschichte der Stadt Nlirnberg. 

Oldenburg: Landesverein fiir Altertumskunde. 

Prag: Verein fiir Geschichte der Deutschen in Bbhmen. 

Romans (Dep. Drdme), societe d'hisfoire ecclesiastique et d'archeologie reli- 

gieuse du diocese de Valence. 
Schwerin: Verein fiir Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde. 
Speier: Historischer Verein der Pfalz in Speier. 
Ulm: Verein fiir Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben. 
Wernigerode: Der Harz verein fiir Geschichte und Altertumskunde. 
ZUrich: Gesellschaft fiir vaterlslndische Altertiimer. 



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159 
W, Haynel's Verlag in Emden und Borkum : 

Friesische Namen und Mitteilungen dariiber 

von 

Bernhard Brons jr., 

Consul zu Emden. 

1878. Preis 3 Mk. 



Das Meerleuchten. 

Von 
Dr. Karl Mbbius. 

Mit einer Tafel Abbildungen leuchtender Seetiere. 
Preis 75 Pf. 



Die Nordsee-Insel Nordernei. 

Nebst 
ftrztlichen Ratschlftgen und Winken, 

betreffend 

die Seereise, den Aufenthalt auf der Insel und den 

Gebrauch des Seebades. 

Mit ca. 50 in den Text gedruckten Illustrationen, einem Plane der Nordsee- 
Insel Nordernei und einer Karte des nftrdlichen Teiles Ostfrieslands nebst 
Angabe der Reisewege nach Nordernei. 

Preis 3 Mark. 



Pl^ne 

von 

Emden, Borkum und Nordernei 

4 1 Mark. 



Ansichten 



von 

Emden, Borkom und Nordernei. 

Je sech.8 IBlatt Hiiclitdrucke 
nach Original zeichnungen 

von 

Fr. Kallmorgen, 

M^ler in Karkruht. 

Preis im illustr. Umschlage a 6 Mark. 



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160 

Die JTordsee-Insel Borkum. 

Nebst 

arztlichen Ratschlagen und Winken 9 

betreffend 
die Seereise, den Aufenthalt auf der Insel und den Gebrauch 

des Seebades. 



Siebente verbesserte Auflage. 

Mit 36 in den Text gedruckten Illustrationen, einem Plane der Nordsee-Insel 
Borkum, einer Situationskarte von Westland-Borkum und einer Karte des n(5rd- 
lichen Teiles Ostfrieslands nebst Angabe des Reiseweges nach Borkum 1881. 

Preis 2 Hark 50 Ff. 



Worte des Lebens im Blumenschmuck. 

Zehn Sprnchbilder nach Aquarellen 

von 
Ulrike Richard. 

(Ausgefuhrt von der Bach'schen Kunstanstalt in Leipzig.) 

Preis im illustr. Umschlage Mark 20. — 
in Leinwandmappe „ 22.50. 

Die Blatter empfeblen sich vor vielen anderen dieser Art durch edle und 
sinnvolle Zusammenstellung, dabei ist die Austiihrung wahrhaft kunstvoll und 
vollendet. 

Wir kdnnen uns nicht versagen, hler noch die folgenden Worte Karl 
Gerok's iiber das Werk anzufuhren: 

„Zum Zeichen, mit welcheio Interesse und welcher Liebe ich die Bilder 
angesehen, wollte ich Ihnen einige herausheben, die mich ganz besonders 
angesprochen ; bei nochmaliger Durchsicht aber finde ich, dass ich jedem dieser 
Blatter unrecht thate, wollte ich es ungelobt lassen. a — 

Der Emder Silberscliatz, 

beschrieben von 
E. Starcke, und Dr. Kohlmann, 

Ingenieur. Gymnasial-Oberlehrer. 

Nebst 8 Tafeln Abbildungen in Lichtdruck. 

Preis 1 Mark 50 Pf. 



liarte von Ostfriesland* 

Gezeichnet von J. Fr. de Vries. 
1880. Preis 75 Pf. 



Emder Silberschatz. 

ilcht Original-Photographieeii* 

Preis in Mappe mit beschreibendem Texte 20 Mark. 



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JaMmch 



der 

Gesellschaft fflr bildende Kunst 

und 

vaterlandisclie Altertiimer 

zu 

Emdeii. 



Fiinfter Band. — Zweites Heft. 



Emden. 

Selbstverlag der Gesellschaft. 
1883. 



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Druck von H. W. H. Tapper A Sohn in Aurich. 



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Inhal t : 

Seite 

Studien iiber das Verhaltnis Frislands zu Kaiser und Reich, insbesondere 
iiber die frisischen Grafen im Mittelalter. Von Seminarlehrer 
Dr. P. Prinz in Kornelimiinster bei Aachen 1 

Kleine Ostfriesische Geschichten aus den Akten des vormaligen Reichs- 
kammergerichts zu Wetzlar in der Registrator des Oberlandes- 
gerichts zu Celle. Von Amtsgerichtsrat J. Sudendorfin Neuenhaus 100 

Eine Episode aus dem ostfriesischen Burgerkriege der Jahre 1726 und 1727. 
Aus dem Nachlasse des verstorbenen Oberlehrers H. Hobbing 
zu Emden 106 

Kleinere Mitteilungen : 

1. Drei Papsturkunden von Honorius III. und Gregor IX. Mitgeteilt 

von Dr. Prinz in Kornelimiinster 115 

2. Fiinf auf Ostfriesland bezugliche Urkunden des Papstes Hono- 
rius III. Mitgeteilt von Oberlehrer Dr. Kohlmann in Emden 118 

3. Drkunde vom 21. Februar 1438. Mitgeteilt von Johs. Holt- 
manns, Lehrer in Cronenberg 122 

4. Drkunde aus Pewsum vom Jahre 1466 iiber Landverkauf. Mit- 
geteilt von Gymnasiallehrer Dr. H. Deiter in Emden . . . 125 

5. Wo lag der Hof Wenre ? Von Amtsgerichtsrat Sudendorfin 
Neuenhaus 126 

6. Drkundliche Beitrage zur Geschichte des Enno-Denkmals in der 
Grossen Kirche zu Emden. Mitgeteilt von P. van Rensen 

in Emden 127 

Bericht iiber die Gesellschaft vom 1. Oktober 1882 bis 31. Dezember 1883. 

Von Pastor P 1 e i n e s , derz. Sekretar 132 

Verzeichnis der im Dezember 1883 vorhandenen Mitglieder 142 

Verzeichnis der auswartigen Vereine und gelehrten Gesellschaften , mit 

denen die Gesellschaft in Schriftenaustausch steht 147 



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Studien liber das Verhaltnis Frislands zu Kaiser nnd fieich, 
insbesondere liber die frisischen Grafen im Mittelalter. 

Von Dr. P. Prinz. 

In seiner Historia rer. fris. lasst sich der gefeierte frisische 
Schriftsteller Ubbo Emmius da, wo er von dem Charakter der Prisen 
sprieht, also aus: „Ingenium genti in universum simplex, ingenuum, 
excelsum, promptum ad arma, liberum nulliusque rei aeque ac ser- 
vitutis impatiens. Cui rei argumento est, quod libertatem, a maioribus 
acceptam, contra invidiam et vim vicinorum principum tanto studio 
ac constantia defenderint, ut per sexcentos amplius annos nemo 
extorquere illam invitis potuerit. Nee vero facilius unquam aut 
expeditius ad arma bellator populus prosiliit aut pertinacius in hostes 
pugnavit, quam cum contra servitutem dimicandum fuit. Semperque 
ita se gessit, facile ut videri posset, vitam prius ac fortunas omnes 
esse relicturum quam libertatem deserturum. Nee est penitus extinctus 
ille in posteris spiritus, licet in alia reip. forma. Post regium imperium 
praefectos habuerunt suae gentis, liberis populi suffragiis electos, 
potestate, muneribus et titulis diversos, qui et ius dixerunt et pacis 
bellique negotia curarunt." *) 

Nachdem Emmius dann des weiteren uber die sog. Potestaten 
sich ausgesprochen, fahrt er fort: „Caeteris in rebus pari hire omnes 
agebant, nobiles, cives, agricolae; feuda et dominos nemo noverat, 
nisi quod imperatorem patronum ae supremum principem agnoscebant, 
eique petenti armis interdum praesto erant feudi vero nomen 



Folio-Ausgabe (1616) S. 31. 



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hodie quoque pene invisum Liberorum vero nomen velut 

proprium honesto ac praeclaro titulo sed aeque invidioso omnes 
omnino ferebant. Imperii oneribus assidui ut vicini non gravabantur. 
Atque haec iura egregia non tantum a primis maioribus per manus 
tradita multis saeculis usurparunt, sed etiam ob insignia in imperium 
merita ab imperatoribus sibi concessa et solemnibus sancita Uteris 
tenuerunt." *) 

Und an einer andern Stelle sagt derselbe Emmius: „At vero 
Rollonis discessu Frisii continuata libertate, patriis legibus remp. 
administrabant ; imperatorem summum principem ac patronum venera- 
bantur, eiusque legatum, qui ageret et diffusis reip. membris uno 
imperio legitimo colligendis concordiam ordinum tueretur, e medio 
sui creabant, potestatis nomine more Italorum ei imposito: alios 
dominos, nee exteros nee suae gentis, agnoscebant aut ferre poterant. 
Quae acceperant a maioribus iura contra vim quorumcunque prin- 
cipuiri, quos invidia ac dominandi libido incitabat ut arma in Frisiam 
ferrent, strenue et consentientibus animis, aut sponte sua aut a 
potestate ad signa vocati, defendebant omniaque lege aut more patrio 
sine domesticis tumultibus agebantur ....... Stato vero tempore 

aut etiam quoties res poscebat, ad comitia conveniebant, deque rebus 
ad summam reip. pertinentibus illic communi decreto statuebant." 2 ) 
Es ist ein glanzendes Bild, welches Emmius hier von der 
Freiheit seines Volkes entwirft, ein Bild, so anziehend, so bestechend, 
dass es niemanden wundernehmen kann, wenn die spatern Gene- 
rationen, ohne genugende Kenntnis der wirklichen rechtlichen und 
politisch-sozialen Verhaltnisse Frislands in jenen Tagen, mit Begeiste- 
rung an demselben festhielten, wenn sie die Anschauungen des grossten 
frisischen Geschichtschreibers weiter ausbauten, und wenn man sich 
allmahlich diesseits wie jenseits der Grenzen unseres kleinen Vater- 
landes daran gewohnte, mit dem Namen „Frisen a auch zugleich 
den Begriff der Freiheit, einer ganz besondern, in Deutschlands 
Gauen sonst ungekannten und ungeahnten Freiheit zu verbinden. 



*) ibid. 1. c. 

2 ) 1. c. lib. VI. p. 84. Vergl. dazu die seitens v. Richthofen Unters. I, 
690 ff. abgedruckten Stellen. 



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Sie bilden einen eigenen vollig selbstandigen Staat fur sich, 
diese Anwohner des deutschen Meeres, eine freie Republik, fast vollig 
losgelost vom iibrigen Deutschland ; nur die Person des Kaisers ver- 
mittelt eine gewisse lockere Zusammengehorigkeit, denn den Kaiser, 
aber aueh nur ihn, erkennen die Frisen als ihren Herrn an. Freie 
Manner sind sie, und rechtlich alle gleich. Sie regieren ihre Republik 
selbst in eigener Souveranitat , welehe voll und ganz beim Volke 
liegt. Sie treten in bestimmten Perioden, an bestimmten Tagen, 
oder auch, wenn es die Not verlangt, in ausserordentlicher Weise 
zu Volksversammlungen zusammen; dort, an einem von altersher 
geheiligten ehrwiirdigen Orte, unter dem schirmenden Dache und 
unter dem gastlichen Rauschen alter Eichen beraten sie gemeinsam 
fiber das gesamte Wohl und Wehe des ganzen geeinigten Staates, 
uber Krieg und Frieden, fiber staatsrechtliche und privatrechtliche 
Angelegenheiten, uber Ordnung und Rnhe im Innern. Dort wahlen 
die freien Manner ihre Vorsteher auf eine bestimmte Zeit, ihre An- 
fiihrer daheim und im Felde, ihre Potestaten, welehe Ruhe und 
Ordnung im Innern aufrecht erhalten und uber die Ausfuhrung der 
Beschliisse des Volkes, uber die Hochhaltung der Gesetze und des 
Rechtes wachen. Andere Herren als diese selbstgewahlten Potestaten 
kennen die Frisen nicht, weder einheimische noeh auslandische, 
niemandes Leute sind sie, sie wissen nichts vom Lehnsverband, von 
Vasallentum, niemandem zahlen sie Abgaben, wie die armseligen 
Menschen druben im Reiche. Keinem Herren sind sie zur Heeres- 
folge verpflichtet, selbst dem Kaiser, ihrem Schirmvogt, leisten 
sie nur dann Heeresfolge, wenn er sie besonders darum bittet, und 
wenn es ihnen alsdann gefallt. Seit unvordenklichen Zeiten ist das 
in Frisland also gewesen, von den ersten Vorfahren haben die Frisen 
des Mittelalters ihre freie republikanische Staatsverfassung ererbt: 
Karl der Grosse hat sie ihnen — wie das vielfach hervorgehoben 
und mit Vorliebe betont wird — verliehen ob ihrer grossen Verdienste 
um das Reich, und seine Nachfolger auf dem Throne haben sie ihnen 
mit Brief und Siegel bestatigt. So sind sie oft genug der Gegen- 
stand des Neides fur die benachbarten Fiirsten gewesen, welehe den 
Versuch machten, gewaltsam und auf widerrechtlichem Wege den 
Frisen ihre Freiheit zu nehmen, ihre Verfassung zu rauben und das 

1* 



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Land zu unterjochen. Aber in glanzenden Waffenthaten haben die 
Frisen ihre Freiheit gegen jedweden auswartigen Eroberer verteidigt 
und voile 600 Jahre behauptet, bis — nun bis im eigenen Lande 
ein Herr erstand, welchem als Reichsfursten die Herrschaft fiber 
Ostfriesland vom Oberhaupte des Reiches iibertragen wurde: die 
Staatsverfassung ist eine andere geworden, aber der alte Geist der 
Freiheit ist noch nicht erloschen. 

So schildert Emmius , der mitten in den staatserschiitternden 
Ereignissen seiner Zeit stand, dachte und fuhlte, die politischen Ver- 
haltnisse seines Vaterlandes im Mittelalter, und alle nachfolgenden 
Geschichtschreiber bis auf unsere Zeit sind in seine Fussstapfen 
getreten, haben seine Ideeen und Anschauungen weiter gesponnen und 
das Bild von der frisischen Freiheit glanzender noch ausgemalt. Ver- 
einzelter, wenn auch heftiger Widerspruch verstummte, Emmius' Dar- 
stellung behielt die Oberhand, wenn auch der eine sich die frisische 
Staatsverfassung als eine demokratische, der andere als eine aristo- 
kratische Republik dachte. 

Es Jasst sich nicht leugnen, dass ein hoher poetischer Hauch 
uber dieses Bild von Altfrisland und seinem Volke ausgegossen ist; 
aus ihm weht den Nachkommen eine Poesie entgegen, welche die 
verschiedensten Gefuhle wachruft: Stolz, Ehrfurcht, Bewunderung, 
aber auch eine gewisse Melancholie, welche um so mehr wachst, je 
starker das tragische Element in unserer Geschichte sich geltend 
macht, und je mehr man aus schlimmern Tagen auf den Glanz langst 
verschwundener Zeiten zuriickblickt. Es ist dieselbe Poesie, wie sie 
aus den Ruinen so mancher stolzen Schopfungen der friihern Jahr- 
hunderte herauslacht und -weint. 

Unserer kalten, niichternen Zeit, welche so manche poetische 
Illusion unserer Voreltern zerstort, welche den Schweizern ihren Tell 
und ihren Schwur auf dem Rutli genommen und in das Land der 
Sage verwiesen hat, — unserer kritisierenden Zeit ist es vorbehalten 
geblieben, auch jenes glanzende Bild von der altfrisischen Freiheit 
zu zertriimmern : und der Mann, welcher hier das scharfe Messer der 
unbarmherzigen Kritik ansetzte, istKarlFreiherrv. Richthofen. 

Zwar ist er nicht der erste gewesen, welcher gegen die Grund- 
anschauung des alten Groninger Rektors zufelde zog und den Nachweis 



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zu liefern suchte, dass Frisland niemals eine einige, freie, sich selbst 
bestimmende , vom deutschen Gesamtreiche fast vollig losgerissene 
Republik gewesen sei: alien bekannt sind die iiberaus heftigen An- 
griflfe, welche einstens der fiirstliche Kanzler und Hofhistoriograph 
Brenneysen gegen Emmius richtete ; und noch im vorigen Jahrhunderte 
verurteilte der Hofprediger Bertram in den hartesten Ausdrticken 
diesen Mann „ut callidi ita et iniqui ingenii", welchen seine ' falschen 
Ideeen von der frisischen Freiheit zum Revolutionar und Republikaner 
gemacht hatten, ebenso wie ihn sein totlicher Hass gegen Edzard II. 
(der ihn von Norden vertrieb), antifurstlich und parteiisch mache. *) 

Diesen Mannern fehlte es ganz gewiss nicht an Mitteln, den 
thatsachlichen Beweis der Haltlosigkeit der Emmius'schen Darstellung 
zu liefern, namentlich stand ja Brenneysen das ausgiebigste Quellen- 
material zur Verfiigung : aber es fehlte ihnen an kritischem Verstiindnis, 
an ruhiger Objektivitat, und so konnte es wohl kaum ausbleiben, dass 
sie bei der Masslosigkeit ihres Vorgehens alsbald in das entgegen- 
gesetzte Extrem verfielen. 

Es kann meine Aufgabe hier nicht sein, naher jenen Standpunkt 
zu prazisieren, welchen Herr v. Richthofen infolge eines vierzigjahrigen 
Studiums der frisischen Rechtsaltertiimer gewonnen hat; ein ab- 
schliessendes Urteil iiber die Anschauungen dieses Gelehrten wird 
man erst dann zu fallen imstande sein, wenn er selbst sein neues 
grosses Werk iiber die frisischen Rechtsverhaltnisse zum Abschluss 
gebracht, und wenn dann eine eingehende Kritik, ein Nachgehen in 
die einzelnen Wege und Pfade der Untersuchungen stattgefunden hat. 
Was aber im einzelnen vielleicht an den gefundenen Resultaten zu 
andern, zu bessern sein w r ird: die Grundanschauung v. Richthofens 
wird die Kritik nicht umzustossen vermogen. 2 ) 

Die folgenden Blatter haben die Bestimmung, zur Losung einer 
der vielen grossen Fragen bezuglich der politischen Verhaltnisse 
Frislands im Mittelalter beizutragen ; zum nicht geringen Teile wurden 
sie zusammengestellt, bevor Richthofen's Werk erschien, und prasen- 



J ) Parerga (ed. 1741) 41 ff. 

2 ) Man vergl. die Einleitung und den § 2 des 1. Bandes der „Unter- 
suchnngen". 



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6 

tieren sie sich jetzt als eine Umarbeitung dreier Vortrage, welche 
ich im Laufe des verflossenen und zu Anfang dieses Jahres in den 
Versammlungen der „ Gesellschaft fur bildende Kunst und vaterlan- 
dische Alterttimer" in Emden zu halten die Ehre hatte. Indem ich nun 
diese „Studien a der Offentlichkeit ubergebe, bemerke ich ausdrticklich, 
dass es mir nicht darauf ankommen konnte, das ganze mir zugebote 
stehende Material der Quellen zu bieten, zu besprechen und zu ver- 
werten: ein jeder, welcher die Uberlieferungen jener Zeit gesammelt 
und bearbeitet hat, weiss, dass ich alsdann den mir hier verstatteten 
Raum weit iiberschreiten musste. Worauf es mir ankam, war, uberall 
einzelne Momente hervorzuheben, zu beleuchten und zu einem Gesamt- 
bilde zu vereinigen, welches die von mir zu behandelnde Frage zu 
illustrieren imstande sei. 



Es ist allgemein bekannt, dass, nachdem im Jahre 689 Pippin 
v. Heristal das westliche Frisland vom Sinkfal bis zum Fli dem 
frankischen Reiche unterworfen, und Karl Martell das mittlere Fris- 
land bis zum Laubach 734 hinzugefugt hatte, eine Unterwerfung des 
ostlichen Frisland bis zur Weser zwischen 775 und 785 Karl dem 
Grossen gelang, so dass von da ab ganz Frisland dauernd dem 
frankischen Reiche einverleibt war. Die Hauptbestrebung des grossen 
Kaisers ging dahin, unter moglichster Schonung der partikularen 
Rechte und Gesetze der unterworfenen Volker, welche allerdings auch 
vielfach modifiziert und erweitert werden mussten, durch eine einheit- 
liche Verfassung und Organisation, wobei die altfrankisch-merowin- 
gischen Grundsatze massgebend waren, dem weiten, bunten Reiche 
innere Kraft und sichern aussern Bestand zu geben. 

In den germanischen Staaten der Urzeit gab es keine Beamte ; 
erst seit Chlodowech traten im merowingischen Reiche solche auf 
unter dem Namen „Grafen a , welches Wort ja nichts anders bedeutet 
als „Diener a , und ebensowohl fur hohe als fur niedere, fur konig- 
liche, wie fur privater Leute Diener gebraucht wurde, so dass man 
neben Burggrafen, Markgrafen, Gaugrafen beispielsweise auf Holz- 
grafen und Schweinegrafen stosst. *) Besonders wichtig wurde all- 



Kaufmann, Deutsche Geschichte bis auf Karl d. Gr. II, 195. 



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mahlich der als Gaugraf bezeichnete Beamte. „Anfangs hatte auch 
er kein Amt mit umschriebenen Rechten und Pflichten, sondern einen 
Dienst, einen Auftrag, welchem der Herr nach Belieben engere oder 
weitere Grenzen ziehen, den er jeden Augenblick zurucknehmen oder 
auf einen andern iibertragen konnte. Indessen erhielt die Stellung 
der Gaugrafen bald grossere Festigkeit und damit das, was das Amt 
vom Dienst unterscheidet ; denn der Bezirk war ein fester, fur welchen 
er ernannt wurde, und die Leitung der Gerichte, die ihm zustand, 
war an feste Regeln gebunden." 

Wie nun das Reich Karls des Grossen uberall auf den mero- 
wingischen Staatsgrundlagen sich aufbaut, so wurde auch das Institut 
der Grafen von diesem Herrscher mit hinubergenommen und weiter 
und fester ausgebildet. Den alten germanischen Gauen wurden der- 
artige Grafen vorgesetzt, welche als Stellvertreter des Konigs die 
voile konigliche Gewalt ubten, in ihrem Gebiete die obersten Richter, 
Anfuhrer des Heerbannes, Inhaber der Polizei- und Fiskalgewalt sind. 
Dabei ist es denn naturgemass, dass nicht alle Gaue ihrer Grosse 
nach gleich sind, die Bodenbeschaffenheit verhindert vielfach die Uber- 
einstimmung der Grafschaften mit den Gauen; grosse Gaue wurden 
geteilt, kleinere, wie namentlich in Sachsen, wo die Untergaue oder 
Hundertschaften schon den Namen Gau fuhrten, zusammengelegt zu 
e i n e m Gau. *) Ein besonderes Augenmerk verdienen dabei die Mark- 
grafen, welche ahnlich den verschwundenen merowingischen Herzogen 
das den Feinden entrissene Grenzgebiet zu verwalten hatten und zu 
der Abwehr des nahen Feindes grosserer Gewalt bedurften, als die 
gewohnlichen Grafen. Ich erwahne dieses letztere deswegen, weil 
um das Jahr 1100 in den Geschichtsquellen , wie wir unten naher 
sehen werden, ein „frisischer Markgraf" mehrfach erwahnt wird. 

Die Frage muss nun die sein : behandelte Karl der Grosse nach 
diesen Grundsatzen, wie alle andern Provinzen seines weiten Reiches, 
so auch das neu eroberte Frisland? 

Unsere heimischen Geschichtschreiber lieben es, gestiitzt nament- 
lich auf einzelne Auslassungen jtingerer frisischer Rechtsquellen, zu 
betonen, die Frisen hatten ihre exzeptionelle Stellung, ihre vollige 



J ) Ai-nold, Deutsche Geschichte Ha. 3i(j, 



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8 

Freiheit von Karl gewahrt erhalten wegen Hirer grossen Verdienste 
um das Reich. Aber wo lagen denn diese Verdienste ? Hatten etwa 
die Frisen Karl in der Losung der schwierigsten all' seiner Aufgaben, 
in der Niederwerfung der Sachsen so bereitwillig und freiwillig, so 
kraftig und bestandig hilfreiche Hand geboten, dass die etwa hier 
errungenen Verdienste eines so ungeheuern und unvergleichlich da- 
stehenden Lohnes wert waren ? Im Gegenteil ! Mit aller Kraft und 
Zahigkeit hatten die Frisen im Bunde mit den Sachsen ihre alte 
Freiheit, ihre heimischen Gotter verteidigt ; immer wieder stehen sie 
auf mit den Sachsen oder ohne diese : die Lebensbeschreibungen der 
christlichen Missionare beweisen zur Genuge, mit welcher Hartnackig- 
keit die Frisen der frankischen Herrschaft sich zu erwehren sudhten. 
Ja, als Karl schon glaubt, sie vollig unterworfen zu haben, und danach 
bereits seine Einrichtungen getroflfen hat, da werden sie noch einmal 
von Widukind mit fortgerissen, und mit ihm vereint kampfen sie den 
letzten grossen Kampf fur die Freiheit. Erst als der starke Sachsen- 
held sein Haupt unter die taufende Hand des christlichen Bischofes 
beugt, geben auch die Frisen den Widerstand auf: ihr Reich fallt 
ganz dem siegreichen Eroberer anheim. Man fragt: wo liegt hier 
Verdienst der Frisen vor, und wo nicht gerade das Gegenteil von 
Verdienst offen zutage? 

Ferner haben die spatern Geschichtschreiber den Frisen die 
tapfere Verteidigung des Reiches gegen die Normannen zum besondern 
Ruhme angerechnet und daraus jene Verleihung so eigentumlicher 
Rechte durch Karl abgeleitet. Dabei vergisst man zunachst, dass 
die Normannen unter Karls Regierung nur ein einziges Mai in Frisland 
einbrachen, und dass die Frisen dabei gerade in der allerschmach- 
vollsten Weise von ihnen mitgenommen wurden. Hier haben die 
Frisen sich absolut keine Lorbeeren errungen, weswegen sie hatten 
belohnt zu werden verdient. Dann auch sehen wir, wie die Frisen 
unter Karls unmittelbarem Nachfolger, Ludwig dem Frommen, geradezu 
gestraft werden imissen, weil sie unaufmerksam und schlecht die Kiisten 
gegen die Einfalle der nordischen Seerauber verteidigt hatten. Und 
endlich, fochten denn hier die Frisen in erster Linie so sehr fur das 
karolingische Reich ? Kampften sie nicht zuallererst fur ihren eigenen 
Herd, fur ihre Weiber und Kinder, welchen die nordische Gefangen- 



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schaft, Schmach und Schande drohte, nicht fur Haus und Hof, welche 
so oft in Flammen aufgingen, nicht fur Ehre und Freiheit, welche 
so viele mit bitterer Sklaverei vertauschen mussten? Und ist das 
als besonderes Verdienst zu belohnen? 

Ich schweige von dem angeblich hervorragenden Anteil der 
Frisen am Romerzuge Karls und von der Errettung des Konigs vom 
sichern Untergange durch die Frisen beim Angriffe der Romer: wir 
haben es da mit langst zerrissenen Hirngespinnsten phantasievoller 
spaterer Chronisten zu thun; gleichzeitige Quellen wissen nichts von 
diesen Ereignissen, welche von Einhard und den Konigsannalen niemals 
tibergangen worden waren. Ubrigens erinnere ich nur daran, dass 
lediglich in ganz besonders schwierigen Fallen, zumeist nur dann, 
wann der Heerbann des ganzen Reiches aufgeboten wurde, die Insassen 
der vom Kriegsschauplatze weit entlegenen Marken sich am Heereszuge 
zu beteiligen hatten; meines Wissens war solches beim Romerzuge 
Karls nicht der Fall. x ) 

Ist so von vorneherein kein Grund ersichtlich, weshalb Frisland 
von seiten Karls anders, gunstiger sollte behandelt worden sein, als 
die andern Provinzen des Reiches, so bekunden uns erhaltene ver- 
biirgte Nachrichten deutlich und klar, dass Frisland genau so gehalten 
wurde, wie diese. Das gilt zunachst von der Aufbietung der Frisen 
zu einzelnen Kriegszugen. 

Zum Jahre 789 berichten die ann. Fuld. : „Karolus per Saxones 
iter faciens, venit ad Albim fluvium. Habens in exercitu suo Francos, 
Saxones, Sorabos et Abodritos, quorum princeps erat Witzan, Fresones 
quoque per Habola fluvium navigio venientes: constructs duobus 
pontibus, quorum alterum ex utraque parte castellis munivit, transito 
flumine, Sclavorum qui vocantur Wilzi terram ingressus, magnis eos 
proeliis domuit ac dicioni suae subiugavit." 2 ) Karl bietet also in 
derselben Weise, wie namentlich die Franken und Sachsen, die Frisen 
auf, wo es gilt, die von den Frisen nicht allzusehr entfernt wohnenden 
Slavenstamme an der Elbe zu bekampfen; interessant ist es dabei, 
zu vernehmen, dass die Frisen als seefahrendes Volk die Expedition 
bis zum Sammelplatze zu Schiffe machten. 

*) Vergl. das Kapitulare yon 807 fur die Sachsen, 
2 ) M. G. gg. i; 350, 



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10 

In ganz ahnlicher Weise geschieht es auf dem beriihmten und 
fur uns doppelt ergiebigen Zuge gegen die Avaren im Jahre 791. 
Einhard berichtet dartiber also: *) „Transacta verni temperie, circa 
aestatis initium rex de Wormacia movens, Baioariam profectus est, 
ea meditatione, ut Hunis factorum suorum vicem redderet, et eis, 
quanto celerius posset, bellum inferret. Comparatis igitur ad hoc 
ex omni regno suo quam validissimis copiis, et commeatibus 
congregatis, bipertito exercitu iter agere coepit. Cuius partem Theo- 
dorico comiti et Meginfrido camerario suo committens, eos per aqui- 
lonalem Danubii ripam iter agere iussit. Ipse cum alia parte quam 
secum retinuit, australem eiusdem fluminis ripam Pannoniam petiturus 
occupavit, Baioariis cum commeatibus exercitus, qui navibus devehe- 
bantur, per Danubium secunda aqua descendere iussit. 2 ) Ac sic 

inchoato itinere , prima castra super Anesum posita sunt . 

Pulsis igitur Hunorum praesidiis, ac distructis munitionibus, quarum 
una super Cambum fluvium, altera iuxta Comagenos civitatem in 
monte Cumeoberg vallo firmissimo erat exstructa, ferro et igni cuncta 
vastantur. Cumque rex cum eo quern ducebat exercitu usque ad 
Arrabonis fluenta venisset, transmisso eodem fluvio, per ripam eius 
usque ad locum in quo is Danubio miscetur accessit, ibique per aliquot 
dies stativis habitis, per Sabariam reverti statuit. Alias vero copias, 
quibus Theodoricum et Meginfridum praefecerat, per Bechaimos, via 
quavenerant, reverti praecepit. Sic peragrata ac devastata magna 
parte Pannoniae, cum incolumi exercitu Francorum in Baioariam se 
recepit. Saxones autem et Frisones cum Theodorico et Meginfrido 
per Bechaimos, ut iussum erat, domum regressi sunt." 

Die ann. Fuld. wie auch die ann. Mosell. berichten fiber den- 
selben Gegenstand. Die Fulder Jahrbiicher sagen: „Karolus propter 
multa mala et praedationes ac caedes, quas Huni exercuerant in 



*) SS. I, 177. 

2 ) Die Ann. Laur. schreiben an dieser Stelle : „Supradictus vero princeps 
de australi parte Danubio iter peragens, Saxones autem cum quibusdam Francis 
et maxima plurima Frixonum de aquilonale parte Danubii similiter iter per- 
agentes, ubi ad loca pervenerunt, ubi iam dicti Avari firmitates habuerunt 
praeparatas : de australi vero parte Danubii ad Cumeoberg, de alia vero ripa 
in loco qui dicitur Camp, quia sic nominatur ille fluvius, qui ibi confluit in 
Danubio." SS. I, 176. 



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11 

populo Dei, provocatus, congregato exercitu in Baioaria iuxta Anisam 
fluvium, cum omni populo suo ieiuniis et obsecrationibus triduo 
celebratis, exercitum dividit. Ipse cum Francis, Alamannis et Baioariis 
ex australi parte Danubii per Cummiberg, Saxonibus cum Thuringis 
cum parte Francorum per litus septentrionale pergentibus, Fr i s o nibu s 
vero et qui cum ipsis deputati sunt navali evectione per 
alveum euntibus, Pannoniam ingressus, Hunis perterritis et fugien- 
tibus, omnes earum regiones usque ad Raba fluvium ferro et igne 
devastat. " *) Es erhellt auf den ersten Blick hin, dass hier die Fulder 
Annalen genauer sind, als Einhard. Nun aber berichtet dieser — ein 
sehr interessantes Nachspiel — unmittelbar darauf (zum Jahre 793) 
das Folgende: „Da der Konig wtinschte, den einmal von ihm be- 
gonnenen Krieg zu beendigen, und Anstalten traf, Pannonien abermals 
zu uberziehen, wurde ihm die Kunde, dass die Truppen, die Theo- 
dorich nach Frisland ftihrte, in Riistringen an der Weser von 
den Sachsen unversehens uberfallen und aufgerieben seien." 

Betrachten wir diese Meldungen der verschiedenen Bericht- 
erstatter genauer, so folgt zunachst wiederum, dass die Frisen sich 
dem frankischen Heerbann ebenso gut fugen miissen, wie alle andern 
Stamme, selbst bei dem Zuge gegen die weit entfernt wohnenden 
Avaren, weil eben das Aufgebot, wie Einhard sagt, durch das ganze 
Reich ergangen war. 1st es dann einerseits nicht uninteressant zu 
sehen, dass die Frisen auch hier wiederum die Expedition teilweise 
zu Wasser, die Donau hinab, machen, so ist zweifelsohne noch be- 
deutend wichtiger fur uns die Erwahnung des Grafen Theodorich 
(neben Meginfrid) als Anfuhrers der einen Kolonne, welche aus Sachsen 
und Frisen besteht und den Ruckweg in die Heimat nach beendetem 
Feldzuge durch Bohmen nimmt. 

Diesem selben Grafen Theodorich begegnen wir wieder unter 
jenen frankischen Grossen, welche nach Einhard 811 an der Eider 
im Auftrage Karls mit den das Jahr zuvor eingefallenen Danen 
Frieden schlossen. Simson meint, 2 ) in Theodorich einen Grafen aus 
dem sachsischen Grenzgebiet erblicken zu mussen, ohne dass er diese 



») 1. c. 350. 

2 ) Jahrbiicber des frankischen Eeiches unter Ludwig d. Fr. I, 207. 



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12 

Ansicht naher begrfindet. Ich kann mich der Meinung Simsons hier 
nicht anschliessen, glaube vielmehr, dass Theodorich eine Grafschaft 
in Frisland und zwar im jetzigen Ostfriesland besessen habe. Dazu 
notigt mich die Fassung, in welcher Einhard die Niedermetzelung 
der Frisen berichtet. Sie lautet wortlich: „[Karolo] allatum est, 
copias, quas Theodoricus comes per Frisiam ducebat, in pago Hriustri 
iuxta Wisuram fluvium a Saxonibus esse interceptas atque deletas", 
nachdem es vorher geheissen hat: „Saxones autem et Frisiones cum 

Theodorico etMeginfrido domum regressi sunt." *) 

Ich denke, die Sachlage erscheint ziemlich klar. Die Sachsen 
und Frisen kehren nach der Niederbrennung der Avarenburg heim 
durch Bohmen. Wir finden dann etwas spater die Frisen unter 
Fuhrung des Theodorich, welcher hier allein noch gen an nt 
wird, und zwar noch immer auf dem Ruckmarsche begriffen, der 
Heimat nahe, oder schon in der Heimat nahe der sachsischen Grenze. 
Wahrscheinlich ist man erst die Elbe, dann die Weser hinabgezogen. 
Die Sachsen sind naturgemass eher daheim als die Frisen, welche 
ganz an der untern Weser erst den Fuss auf die heimische Erde 
setzen. Es heisst allerdings „ Theodoricus comes copias per Frisiam 
ducebat"; das will aber nicht etwa sagen „ durch Frisland hindurch", 
denn solches gabe absolut keinen Sinn, weil man alsdann natur- 
gemass fragen wiirde, wohin denn die Frisen gefuhrt werden sollten, 
wohin anders als in die Heimat und nicht etwa auf furchterlichem 
Umwege durch die Heimat nach Franken. Ubrigens liegt ein Bei- 
spiel fur die Bedeutung des per = in (nach) sehr nahe. Wie ich 
oben nach den Fulder Annalen sagte, dringt Karl gen Pannonien 
vor nach Cummiberg; im Texte heisst es per Cummiberg: das 
aber ist eben das Ziel der Fahrt, jene Burg oder jener Ring der Avaren. 



*) Der Poeta Saxo berichtet geradeso: 

„Cum rex ad coeptum statuisset conficiendum 
Belli certamen Hunos invadere rursus, 
Comperit extinctas, Theodricus dux legiones 
Qnas per Fresonum pagum Hrinstri vocitatum 
Ducebat: nam Saxonum periere dolosis 
Insidiis, captae Wisurae prope litora pulchrae." 
SS. I, 249. 



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13 

Die Sachsen nun iiberfallen jene frisischen Truppen des Theo- 
dorich, von dem allein noch, und zwar — was wohl zu beachten 
ist — , nach der Trennung der Sachsen auf bereits frisischem Boden 
die Rede ist, wahrend sonst von alien Quellen, so lange beide Kon- 
tingente zusammen sind, auch stets und standig Meginfrid neben 
Theodorich genannt wird. Ich nehme daher wohl mit Recht an, 
dass Meginfrid der besondere Heerfiihrer der Sachsen, Theodorich der 
der Frisen ist. Finden wir so den Theodorich als Fiihrer des frisi- 
schen Heerbannes in der eigenen Heimat, so miissen wir, zumal er 
ja direkt den Titel comes „Graf a fuhrt, als sicher annehmen, dass 
er auch der Graf der Frisen, oder wohl besser ein Graf in Frisland 
war ; denn Anfuhrer des betreffenden Stammesheeres oder der Abtei- 
lung desselben sind auch stets die Grafen nach Fortfall der Herzpge ; 
und man kann schwerlich annehmen, dass der mit dem comes-Titel 
ausgeriistete Theodorich ad hoc zum Fiihrer des frisischen Kontin- 
gentes bestellt worden sei; solches lasst sich am Ende noch eher 
von dem „camerarius" Meginfrid in bezug auf die sachsischen 
Truppen sagen. 

Wenn ich dann die Vermutung aussprach, Theodorich sei Graf 
im ostlichen Frisland gewesen, so glaube ich solches daraus schliessen 
zu sollen, weil eben die Frisen hier ihren Weg von der untern Weser 
aus zur Heimat wahlten, woher sie auch, wie es ausdriicklich 
heisst, gekommen waren. Hatten diese Frisen nach dem Westen 
gehort, so wurde Karl sie sicherlich die bekannten offenen Strassen 
der Rheingegenden haben ziehen lassen. — Sehen wir dann spater, 
wie Theodorich zu denen gehort, welche mit den Nachfolgern Konig 
Gottfrieds den Vertrag an der Eider schliessen, so liegt seine Betei- 
ligung an diesem Werke wohl gerade darin begrundet, dass Gottfrieds 
Mannen im Jahre vorher Frisland und besonders die Inseln angegriffen, 
die Frisen in drei Schlachten geschlagen und ihnen einen schmah- 
lichen Tribut aufgelegt hatten. Als Graf im ostlichen Frisland, 
dessen Inseln jedenfalls zunachst und zumeist gelitten hatten, ferner 
als Grundbesitzer allda, was er der Regel nach als Graf ja sicherlich 
war, hatte Theodorich zweifelsohne einen gewissen Titel, unter 
denen zu sein, die an Karls Statt mit den Nordmannen Frieden 
schlossen. 



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14 

Wir durfen, glaube ich nach dem Gesagten, mit ruhigem 
Gewissen annehmen, dass Theodorich ein Graf in Frisland und zwar 
im ostlichen Frisland gewesen ist — der erste, dessen Namen uns 
die Geschichte aufbewahrt hat. Ist das richtig, so belehrt uns. jener 
Avarenzug Karls iiber zwei Seiten des Verhaltnisses , in welchem 
unsere Vorfahren zu dem grossen Kaiser standen: einmal beziiglich 
der Heeresfolge, und dann vor allem beziiglich der Grafschaft, aus 
deren Befugnissen das erstere ja eigentlich nur resultiert. 

Wiirden uns keine weiteren Nachrichten erhalten geblieben sein, 
so konnten wir zur Not schon mit dem Angefuhrten die Angelegen- 
heit, von der ich spreche, klar legen; allein wir konnen auch den 
direkten Beweis fuhren, dass Karl Graf en (iber Frislands Gaue 
gesetzt hat, und damit ist ja dann alles geklart. 

In der lex Frisonum lautet im Titel XVII der § 2 folgender- 
massen: „Qui in curte ducis, in ecclesia, aut in atrio ecclesiae 
hominem occiderit, nouies uueregildum eius componat et nouies fredam 
ad partem dominicam." Und § 3: „Si quis legatum regis uel ducis 
occiderit, similiter nouies ilium componat et fredam similiter nouies 
ad partem dominicam." *) Also: Wer am Hofe des dux u. s. w. 
einen Menschen totet, soil das neunfache Wergeld und das neunfache 
Friedensgeld , letzteres direkt dem Konige zahlen; ebenso, welcher 
den Abgesandten des Konigs oder des dux erschlagt. 

Dieses dux steht hier in derselben Bedeutung wie sonst comes, 
wie solches unser beriihmtester Rechtshistoriker Waitz klar und iiber- 
zeugend dargethan hat. 2 ) Es kommt eine solche Verwechselung 
gerade auch, wie wir sonst sehen, in Frisland mehrfach vor; ver- 
mutlich hatte eben hier der Graf entsprechend dem alteren Herzog 
grossere Gewalt. Bekunden also jene zitierten Stellen deutlich genug, 
dass konigliche Beamte in Frisland residieren — sie halten Hof 
allda, also auch Gericht, in curte ducis — , so zeigen sie zugleich 
einen engeren Zusammenhang zwischen Konig und Frisenvolk insofern, 
als der Fredus, oder hier die Freda, d. h. eine Busse fur den ge- 
brochenen Frieden, an den Konig direkt fallt, ad partem dominicam, 



*) SS. in, 670. 

8 ) Waitz UI, 319. Vergl. Simson U, 167 und 217. 



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15 

an andern Stellen ad partem regis, wahrend sie in den spatern 
frisischen Rechtsquellen meistens an das Volk selbst, an die Gemeinde- 
kasse, bisvveilen an den Grafen und seinen Schultzen, oder an den 
Richter, den Bischof fallt. *) Damit haben wir denn auch das dritte 
von Emmius geleugnete Element, das fiskalische, als sicher bestehend 
ausgesprochen gefunden. 

Endlich ist dann von entscheidender Bedeutung fur die Klar- 
legung des inrede stehenden Verhaltnisses ein Aktenstiick, fiir dessen 
Erhaltung wir dem gunstigen Geschicke doppelt dankbar sein miissen, 
weil es das einzige derartige Diplom Karls des Grossen bezuglich 
Frisland ist: ich meine das Kapitulare von 807. Der Frisland 
betreffende Satz lautet folgendermassen : 

„De Frisonibus volumus, ut comites et vassalli, qui bene- 
ficia habere videntur, et caballarii omnes generaliter ad placitum 
nostrum veniant bene praeparati ; reliqui vero pauperiores sex septimum 
praeparare faciant, et sic ad condictum placitum bene praeparati 
hostiliter veniant." 2 ) 

Also, gerade so wie uberall im Reiche giebt es auch in Fris- 
land Grafen des Konigs; gerade wie uberall giebt es in Frisland 
konigliche Domanen, Konigsgut; gerade wie uberall hat Karl auch 
in Frisland mit diesem Gute seine Getreuen, seine Vasallen belehnt ; 
gerade wie uberall besteht auch in Frisland das Lehnswesen ganzlich 
ausgebildet. Und gerade wie alle andern Glieder des Reiches miissen 
die Frisen zur Heeresschau kommen ; ohne Ausnahme miissen erscheinen 
1. die Grafen, 2. die koniglichen Lehnsleute und 3. alle heimischen 
Edlen und reicheren Freien, welche imstande sind, zu Pferde zu kampfen. 
Von den armeren Freien dient der siebente Mann, welchen die daheim 
bleibenden sechs andern auszuriisten haben. Und nun vergleiche man 
damit jene Auslassung des Emmius von der freien Selbstbestimmung 
des Volkes, das vollig souveran seine eigenen Angelegenheiten besorgt, 
jene Auslassung, dass niemals das Lehnswesen auf frisischem Boden 
existiert habe, jene Auslassung, wonach die Frisen dem Kaiser, nur 
wenn er bittet, Kriegsdienste leisten! Frisland ist ein integrie- 



1 ) cfr. Richthofens Worterbuch unter fretho S. 761, Spalte 2. 

2 ) M. G. Leg. sect. II, p. 135, Nr. 49. 



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16 

render Teil des Reiches Karls des Grossen, das er in der Teilungs- 
urkunde von 806 vollig in Reih und Glied mit den andern Provinzen 
mit auffiihrt; unter denselben Einrichtungen und derselben Art und 
Weise regiert und verwaltet und in derselben Weise zu den Pflichten 
und Obliegenheiten der andern hinzugezogen. 

Haben wir so das Verhaltnis beleuchtet, in welchem Frisland 
zu Kaiser Karl und seinem Reiche stand, so mussen wir nunmehr 
verfolgen, wie sich dieses Verhaltnis im Laufe der Jahrhunderte 
entwickelt. Wir betrachten zu dem Zwecke zuniichst Frisland unter 
Ludwig dem Frommen und den Karolingern. 

Kaum ein Menschenalter war verflossen, seitdem Karl der Grosse 
seine erste Reichsversammlung auf Grand und Boden der Sachsen 
gehalten, und diese wie ihre Nachbarn und Mitkampfer, die Frisen, 
haben die blutige Niederwerfung vergessen, sie sind eingefugt in das 
grosse Reich und haben sich bereits so eingelebt, dass sie sich iiberall 
mit den Franken schon gleichstellen und nicht mehr daran denken, 
dass sie die Besiegten, die Unterworfenen sind. Ein charakteristisches 
Faktum, welches uns dieses neue Verhaltnis illustriert, berichtet der 
sog. Astronom, der unbekannte Verfasser der vita Hludowici zum 
Jahre 814, d. h. also zu Beginn der Regierung Ludwigs des Frommen: 
„Quo etiam tempore Saxonibus atque Frisonibus ius paternae haeredi- 
tatis, quod sub patre ob perfidiam legaliter perdiderant, imperatoria 
restituit dementia." *) Wortlich ubersetzt heisst dieses: „Zur selben 
Zeit gab er (namlich Ludwig) den Sachsen und Frisen das Recht 
des vaterlichen Erbes, dessen sie unter seinem Vater wegen ihrer 
Treulosigkeit rechtmassiger Weise verlustig gegangen waren, durch 
kaiserliche Gnade zurxick." • 

W T as heisst hier ius paternae haereditatis, das Recht der yater- 
lichen Erbschaft, des vaterlichen Erbes? Die Stelle ist in unserer 
deutschen Verfassungsgeschichte zu einer gewissen Beriihmtheit ge- 
worden, indem unsere Haupt-Autoritaten in geistreichen Erklarungen 
derselben, ich mochte sagen, wetteiferten. 2 ) Waitz, Eckhart, Rettberg, 



*) SS. U, 619. 

2 ) Vergl. die deutsche Cbersetzung der vita HI. von Jasmund S. 
Anm. 5; Simson I, 54. 



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17 

Roth, Diimmler, Usinger, Kentzler, Simson, sie alle haben ihre 
Interpretationskunst an diesem Satze geiibt. Man hat vielfach dabei 
versucht, nachzuweisen, dass Karl der Grosse das Erb- und Eigentums- 
recht der Sachsen in der That verandert habe, und dass nun 
Ludwig diese Veranderungen wieder redressierte ; allein der Beweis 
ist doch nirgends mit rechter und voller Klarheit erbracht worden: 
so viel ich weiss, ist aber dieser Beweis beziiglich der Frisen nie- 
mals auch nur versucht worden, und wird auch schwerlich jemals 
in anbetracht des ausserst durftigen Quellenmaterials versucht werden. 
Wir miissen bei der Untersuchung daran festhalten, dass der 
Astronom ein Autor ist, der sich wohl Widerspruche zuschulden 
kommen lasst, der aber vor alien Dingen den sonderbaren Geschmack 
entwickelt, moglichst kiinstlich zu schreiben, um dann gezwungen zu 
werden; man wird daher auch stets besser daran thun, weniger 
hinter dem zu suchen, was dieser Schriftsteller sagt, als mehr hinter 
dem zu vermuten, was er auslasst. Simson bemerkt: „ius bedeutet 
im damaligen Sprachgebrauche ebensowohl den konkreten Besitz, wie 
das abstrakte Recht; paterna haereditas fur vaterliches Erbgut ist 
ganz gewohnlich; nach unserer Uberzeugung ist die einfachste Er- 
klarung von ius paternae haereditatis = den Besitz oder das Eigentum 
des vaterlichen Erbgutes d. h. die vaterlichen Erbguter, die richtige." — 
Ich glaube, es ist das die einfachste und richtigste Erklarung. Dass 
Karl den Frisen, um von ihnen allein zu reden, alien die vater- 
lichen Erbguter abgesprochen , oder diese in konigliche Benefizien 
umgewandelt habe, erscheint von vornherein als kaum denkbar. 
Allerdings strafte Karl ob perfidiam ganze Gaue z. B. der Sachsen, 
aber auf den gahzen Volksstamm kann man darum derartige Mass- 
regeln doch fuglich nicht iibertragen. Meiner Ansicht nach will der 
Astronom sagen: Einige Sachsen und Frisen, oder meinetwegen 
viele, hatten wegen ihrer Treulosigkeit, d. h. wegen ihres wieder- 
holten Auflehnens gegen den frankischen Herrn ihr vaterliches Erbe 
verwirkt, das vom Konig eingezogen worden war. Diesen einzelnen 
„Staatsverbrechern tf , wenn ich mich so ausdriicken soil, giebt nun 
Ludwig der Fromme das Erbgut zurtick. Eine Bestatigung dieser 
Ansicht, dass unmoglich alle, sondern nur einzelne der Sachsen resp. 
Frisen gemeint sein konnen, bietet uns eine Urkunde Ludwigs vom 

2 



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18 

24. Juli 819 fiir drei Sachsen aus dem Sturmigau, ostlich von der 
Weser und nordlich von der Aller. Diese hatten bei den Waltboten 
Beschwerde dariiber erhoben, dass ihre Giiter ehedem (hochstwahr- 
scheinlich 804, wo Karl der Grosse die Bewohner des Wigmodigaus 
aus ihrer Heimat fuhren liess), mit denen der aufstandischen Wig- 
modier im Nachbargau eingezogen seien, obschon sie niemals treu- 
briichig gewesen waren. Da die angeordnete Untersuchung , sagt 
Ludwig, diese Behauptung bestatigt habe, so gebe er ihnen ihr Erbgut 
zurilck. „Quae res, dum ab eisdem missis et caeteris fidelibus nostris 
iuxta veritatis et aequitatis ordinem diligenter perscrutata et per 
homines bonae fidei veraciter inquisita esset, inventum est, illos res 
eorum iniuste amisisse, eo quod illas forfactas non habuerunt 
nee in fi deles fuerunt. Proinde placuit nobis praedictis homini- 
bus res, quas eo tempore iuste et rationabiliter habebant, reddi." *) 
Hier werden also, und zwar noch einige Jahre spater, einigen Sachsen 
ihre Giiter nur deshalb zuruckgegeben, weil sie dieselben nicht ver- 
wirkt hatten. Der notwendige Schluss ist doch wohl, dass diejenigen, 
welche sie verwirkt hatten, sie nicht zunickerhielten, wenigstens nicht 
bis zu dieser Zeit. 

Wie dem auch sein mag, die Meldung des Astronomen beweist — 
und darauf kann es hier nur ankommen, — dass auch mit dem 
Regierungsantritt Kaiser Ludwigs des Frommen eine Anderung im 
Verhaltnisse Frislands zum Reiche nicht eingetreten ist; die Frisen 
erfahren, ob einzeln oder in ihrer Gesamtheit, ist dabei ganz gleich- 
gultig, dieselbe Behandlung wie ihre Nachbarn, die Sachsen ; Ludwig 
verfahrt mit dem einen genau wie mit dem andern. Wenn es aber 
schon als viel, als besondere That angesehen wird, wenn Ludwig ein- 
zelhen Frisen den Wiedereintritt in die fruher verwirkten vaterlichen 
Giiter gestattet, so kann selbstverstandlich von einer Loslosung der 
Gesamt-Frisen vom Reiche nicht im entferntesten gesprochen werden. 

Der Astronom fiigt seiner Mitteilung hinzu : „Quod alii liberali- 
tati alii adsignabant inprovidentiae , eo quod hae gentes naturali 
adsuefactae feritati, talibus deberent habenis coherceri, ne scilicet 
effrenes in perduellionis ferrentur procacitatem. Imperator autem eo 



l ) Simson 1. c. Wilmans Kaiserurk. I, S. 10. 



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19 

sibi artius eos vinciri ratus, quo eis benefitia largiretur potiora, noil 
est spe sua deceptus. Nam post haec easdem gentes semper sibi 
devotissimas habuit." *) Wir konnen sagen, dass die letzte Bemerkung 
vollig zutreffend ist, denn niemals haben sich, so weit ich sehe, die 
Frisen unserer Heimat in den traurigen Jahren, welche bald iiber 
Ludwig hereinbrachen, dazu verleiten lassen, den entarteten Sohnen 
des Kaisers Beistand zu leisten. 

An die Besprechung dieser Angelegenheit fiige ich passender- 
weise eine ahnliche an, welche 25 Jahre spater spielt. 

Es ist uns eine Urkunde erhalten, in welcher Kaiser Ludwig 
der Fromme unterm 8. Juli 839 zu Kreuznach eine Restitution von 
Gutern vornimmt, welche in Frisland gelegen sind. Dieses Diplom 
hat folgenden Wortlaut : „In nomine Domini Dei et salvatoris nostri 
Jhesu Christi. Hludowicus divina repropitiante dementia imperator 
augustus. Notum sit igitur omnibus fidelibus sanctae Dei ecciesiae 
et nostris praesentibus scilicet et futuris, quia ante annos aliquot 
concessimus cuidam fideli nostro vocabulo Gerulfo quasdam refe pro- 
prietatis nostrae, quae sunt in ducatu Frisiae, in pago Westracha, 
in villa Cammingehunderi et in aliis villis circumquaque se positis. 
Sed quia intervenientibus quibusdam turbinibus, per ipsius Gerulfi 
negligentiam ab eius potestate et dominatione eaedem res abstractae 
fisco regio sociatae sunt, tandem divinae misericordiae intuitu placuit 
nobis easdem res illi restituere, et quemadmodum pridem fuerat, in 
eius potestatem et dominationem transfundere. Quas ut certius fir- 
miusque nostris futurisque temporibus possidere valeret, has auctori- 
tatis nostrae litteras ei fieri iussimus, per quas memoratas res cum 
his, quae ad eas iure et legaliter pertinent, deinceps iure proprietario 
valeat possidere, et quicquid de eis agere voluerit, liberam habeat 
potestatem. Neque aliquam ob memoratam occasionem de eisdem 
rebus ullo umquam tempore calumniam patiatur, sed quicquid sicut 
diximus de eis ordinare atque disponere voluerit, liberrimo in omnibus 
potiatur arbitrio. Et ut haec nostrae restitutionis auctoritas et nostris 
et futuris temporibus u. s. w. a 2 ) 



1 ) SS. II, 619. 

2 ) Wilmans Kaiserurkunden I, 65 Nr. 



2* 



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20 

Vor einigen Jahren hat also Ludwig der Fromme seinem Getreuen 
Gerulf in Frisland gelegenes Konigsgut (res proprietatis nostrae) zu 
Lehen gegeben, dasselbe aber in den Tagen der Wirren — zweifels- 
ohne zur Zeit der Kampfe Ludwigs mit seinen Sohnen — wieder 
eingezogen, weil Gerulf seine Pflichten als Vassall vernachlassigt habe. 
Jetzt restituiert der Kaiser dem Gerulf jene Giiter so zwar, dass sie 
in dessen voiles Eigentum iibergehen, und er damit machen kann, 
was er will. — Man hat sich viele Miihe gegeben, die Lage jener 
Giiter zu eruieren, sowie die Personlichkeit des Gerulf festzustellen. 
Beziiglich der erstern schliesst sich Wilmans der zuerst von W. Eckhof *) 
aufgestellten Behauptung an, dass Cammingehunderi identisch sei mit 
der Caminghaburg, d. h. jener Burg, um welche sich die Altstadt von 
Leeuwarden allmahlich angebaut hat. Ruchsichtlich der Person des 
Gerulf herrscht keine voile Klarheit. Jene Urkunde, von der wir 
sprechen, befand sich im Besitze Corveys, an welches Kloster Gerulf 
alle seine Besitzungen vermachte, als er selbst — wenn wir der Ver- 
mutung Wilmans Glauben schenken diirfen, die mir aber gerade hier 
nicht sehr scharf begnindet erscheint — unter dem berfihmten Warin 
(826 — 856) ins Kloster trat. Diese Vermutung aber hat ihren Haupt- 
stiitzpunkt in der Annahme, dass unser Gerulf identisch sei mit dem 
capellanus des Kaisers Ludwig, dem Geroldus diaconus in dem Cata- 
logus donatorum Corbeiensium des 11. Jahrhunderts, wobei Wilmans 
geltend macht, dass Gerulf und Gerold dasselbe sei. Wie dem nun 
auch sein mag, die Urkunde hat insofern fur unsere Untersuchungen 
besondern Wert, dass uns mitgeteilt wird, 1. dass nach wie vor 
in Frisland Konigsgut vorhanden ist, 2. dass der Kaiser mit solchen 
. Giitern ebenso verfahrt , wie sonst im Reiche , dass er sie zu 
Lehen giebt, wieder einzieht, zu Eigentum verschenkt, geradeso 
wie iiberall. 

Merkwurdig ist es, dass uns der Name Gerulf in Frisland nach 
46 Jahren abermals aufstosst. 

Es ist die Zeit der tiefsten Zerfahrenheit im Reiche Karls des 
Grossen, die Tage, in welchen ein anderer Karl, vollig unebenbiirtig 
seinem grossen Ahnen, in traurigster Weise das Szepter fiihrt. Jahraus 



Geschietkuiidige be?chriving van Leeuwarden I, 33; II, 394. 



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21 

jahrein dringen die wilden Nordmannen mit unwiderstehlicher Gewalt, 
alles verheerend, in die nordlichen Teile des Reiches, namentlich in 
Frisland ein; dabei verzehren innere Unruhen, Verschworungen ijn 
eigenen Hause des Kaisers die besten Krafte: es ist eine „kaiserlose, 
schreckliche" Zeit, mochte man fast sagen, trotzdem ein Kaiser 
vorhanden ist. 

Einer der furchtbarsten Einfalle der Nordmannen erfolgte 881 
unter der Leitung zweier Konige: Godefrid und Sigifrid; Luttich, 
Maastricht, Tongern, Koln, Bonn, Zulpich, Jiilich, Neuss, die reiche 
karolingische Hausstiftung Priim werden verwustet. Karl bietet den 
Heerbann auf, der nach Reginos Mitteilung aus Langobarden, Baiern, 
Alamannen, Thuringern, Sachsen und Frisen bestand. „Qui nihil 
tardatus cum omnibus copiis in Franciam (aus Italien) venit, et cum 
Langobardis, Baioariis, Alamannis, Thuringis, Saxonibus, Fresonibus 
et omnibus regnis suae ditioni subditis Nordmannos in supradicto 
loco (d. i. „Ahslon tf an der Maas) obsidere exorsus est;sed conatus 
eius parum effectum obtinuit, quamquam, ut diximus, ex diversis 
regnis et gentibus inaestimabilis multitudo in unum confluxisset, 
indignatione coelesti super populum christianam religionem profa- 
nantem desaeviente. Novissime rex Godofridus Nordmannorum ea 
conditione christianum se fieri pollicetur, sieimunereregisFrisia 
provincia concederetur, et Gisla, filia Hlotharii in uxorem 
daretur. Quae ut optaverat adeptus, baptizatus est et ex sacro fonte 
ab imperatore susceptus. Sigifrido et reliquis Nordmannis immensum 
pondus auri et argenti expositum est, et tali tenore fines regni 
excedunt." x ) 

Allein damit horen die Einfalle nicht auf. Zwei Jahre spater 
ziehen die Scharen Godefrids wiederum den Rhein hinauf und ver- 
brennen Duisburg, und dasselbe Jahr 884 ist es, in welches jene so 
oft angefuhrte grosse Niederlage der Nordmannen bei Norden fallt. 2 ) 
Ein illegitimer Spross des Kaiserhauses, Hugo, des jungern Lothar Sohn 
von der Waldrada steht schon seit 879 mit dem Danenfiirsten in hoch- 
verraterischer Verbindung. Jetzt im Jahre 885 „schickt dieser Hugo", 



J ) Regino ad a. 882, SS. I, 594. 
2 ) Ann. Fuld. i. c. 400, 



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22 

so erzahlt Regino, „weil er den Vorsatz hegte, sich gegen den Kaiser 
aufzulehnen, heimlich Gesandte zu Godefrid nach Frisland, da dieser 
ihm durch seine Schwester, die er zur Ehe genommen, verschwagert 
war, und fordert ihn auf, nach seiner Heimat zu senden, eine tiichtige 
Schar von Hiilfsvolkern von alien Seiten zu sammeln und ihm mit 
alien Kraften Beistand zu leisten, damit er das vaterliche Reich mit 
den Waffen sich zueignen konne; und wenn dieses durch seinen 
Eifer und seine tapfere Unterstutzung glilcklichen Erfolg hatte, so 
verheisst er ihm die Halfte seines Reiches zur Belohnung. Durch 
diese aufmunternden Versprechungen wurde Godefrid wie durch ein 
Gift angesteckt und sucht nach einem Antriebe und einer Gelegenheit, 
damit er sich mit anscheinend gerechtem Grunde der Treue gegen 
den Kaiser entziehen mochte. Alsbald schickt er Gerulf und 
Gardolf, Grafen der Frisen (comites Frisionum) an den 
Kaiser und lasst ihm sagen, wenn er wunschte, dass er in ver- 
sprochener Treue verharre und die ihm anvertrauten Reichsgrenzen — 
also Frisland — gegen die Einfalle des eigenen Volkes verteidige, 
so moge %t ihm Koblenz, Andernach, Sinzig nebst einigen andern 
zum Gebrauch des Kaisers bestimmten Kammergutern schenken, 
wegen der Fiille des Weines, der dort im reichen Masse vorhanden 
sei, weil das Land, welches er durch die Freigebigkeit 
des Ftirsten zum Besitz erhalten hatte, durchaus keinen 
Wein hervorbrachte. Dies betrieb er aber in der Absicht, dass wenn 
das Erbetene ihm gewahrt wurde, er die Seinigen in das Herz des 
Reiches hineinfuhren und je nach dem Ausgange sich entscheiden 
konne; wenn es ihm aber verweigert wtirde, so konne er dennoch, 
weil durch diese Versagung gekrankt, mit besserm Grunde losschlagen 
und Ursachen der Emporung aufstellen, als ob es gleichsam die 
Gerechtigkeit erheische." So Regino. — Der Kaiser sendet Gerulf 
und Gardulf zum Danenkonige nach Frisland mit zweideutiger Ant- 
wort zuruck und lasst diesen bald darauf hinterlistig iiberfallen und 
morden. 

Ich glaube kaum, dass es irgendwie sonst in der alten Zeit 
vorgekommen ist, dass einer eine ganze Provinz des Reiches 
einem fremden, rauberischen Fiirsten iiberliess, wie es hier mit 
Frisland dem Danen Gotfrid gegeniiber geschah, und solches kaum 



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23 

100 Jahre nachdem Karl der Grosse den letzten freien Teil dieses 
Kustengebietes ganz dem Karolingerreiche einverleibt hatte. Das 
Verhaltnis Godefrids zum ubertragenen Lande erscheint aus den mit- 
geteilten Auslassungen des Abtes Regino von Pram nicht ganz klar. 
Als gewiss darf es von vorneherein gelten, dass Frisland nicht formlich 
abgetreten und somit zu einer normannischen Provinz wurde. Dem 
widerspricht, abgesehen von manchen andern Ziigen aus jener Erzah- 
lung, die Notiz, dass Gotfrid zwei frisische Grafen als Boten 
zum Kaiser schickt, welche allerdings in einer gewissen Abhangigkeit 
von der Person Gotfrids gestanden zu haben scheinen. Wenn aber 
neben Gotfrid noch Grafen genannt werden, so beweist das einmal, 
dass selbst zur Zeit so tiefen, tiefen Verfalles das alte Verhaltnis zu 
Kaiser und Reich noch fortbestand, ja dass Frisland nicht bloss ein- 
heimischen, grundbesitzenden Beamten ubertragen werden konnte, 
sondern dass das Reichsoberhaupt die Unterstellung der Provinz unter 
einen auslandischen, soeben noch das Land verwiistenden Fursten zu 
dekretieren vermochte. 

Wollen wir das Verhaltnis Gotfrids zum frisischen Lande naher 
prazisieren, so dfirfen wir annehmen, Gotfrid habe den Niessbrauch 
der kaiserlichen Domanen und Abgaben erhalten zugleich mit einer 
gewissen, wahrscheinlich militarischen Oberhoheit, da er ja die Kiisten 
gegen seinen eigenen Stamm zu verteidigen hat. Dass er die Kron- 
guter besitzt und deren Ertragnisse ihm zufliessen, muss man daraus 
folgern, dass er dem Kaiser das Ansinnen stellt, er solle ihm noch 
einige Kammerguter und zwar am Rheine iibergeben, weil auf seinen, 
ihm vom Kaiser bereits verliehenen frisischen Giitern kein Wein 
wachse. Gotfrid diirfte in Frisland demnach ausgedehnte Lehen mit 
einer gewissen Gewalt bekommen haben, aber auch nur mit einer 
gewissen, denn neben ihm giebt es, wie bisher, kaiserliche Grafen. 

Die Einfalle der Danen sind es uberhaupt, welche es bewirken, 
dass wir ab und zu einige Mitteilungen dariiber erhalten, nicht bloss 
was im 9. Jahrhundert in Frisland geschah, sondern vor allem auch 
dariiber, wie Frisland zum Reiche und seinem Oberhaupte steht. 
Ein in dieser Hinsicht fur uns sehr wichtiges Ereignis datiert wiederum 
aus dem Anfange der Regierungszeit Ludwigs des Frommen. Damals 
stritten in Danemark zwei Aste des Konigsgeschlechtes um die Herr- 



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24 

schaft, l ) die Stamme Gottriks und Haralds. Harald zieht den kurzern, 
er flieht 814, zu den Abodriten und dann an den Hof Kaiser Ludwigs, 
in dessen Hande er sich als Vassall befahl. Die Anstrengungen 
Haralds, sein Reich wiederzugewinnen , scheinen lange Zeit ohne 
Erfolg geblieben zu sein, endlich kam es zu einem gewissen Abschluss ; 
die Gottrikssohne bitten 825 den Kaiser urn Frieden und dieser giebt 
ihnen Gehor, jedenfalls weil sie Harald in seine Rechte einzusetzen 
versprechen. Wie 14 Jahre friiher an der Eider wird jetzt ein Ver- 
trag abgeschlossen. Allein damit muss keine definitive Entscheidung 
eingetreten sein. Das Jahr darauf wirft sich Harald ganzlich in die 
Arme des Kaisers, indem er sich entschliesst , die christliche Taufe 
zu empfangen. Dieselbe wird zu Mainz vollzogen und schliessen sich 
dann an dieses wichtige Ereignis grossartige Feste in der Kaiserpfalz 
zu Ingelheim, bei welcher Gelegenheit wir dann auch erfahren, dass 
in diesem von den Karolingern so sehr bevorzugten Pallaste sich 
ein grosses Wandgemalde befindet, welches die Unterwerfung der 
Frisen durch Karl Martell darstellt. Nachdem Harald abermals sich 
als Mann des Kaisers erklart und von demselben Ross und Waffen 
nach uralt germanischer Sitte empfangen hat, wird der konigliche 
Vassall von Ludwig mit einer Grafschaft in Frisland belehnt, und 
zwar wird als Grand zu diesem Akte angegeben, damit Harald eine 
Zufluchtstatte im Falle der Not habe. Diese Grafschaft ist Rfistrin- 
gen, jenes Gebiet, das einst dem Theodorich unterstanden hatte. 
„In qua provincia (sc. Frisia) unus (man beachte dieses unus) 
comitatus, qui Hriustri vocatur, eidem datus est, ut in eum se 
cum rebus suis, si necessitas exigeret, recipere potuisset", sagt 
Einhard. Und die vita Hlud. Ademar. bemerkt: „dedit ei in filio- 
latu unum comitatum", d. h. also geradezu als Pathengeschenk ; 
und Thegen: „Tunc domnus imperator magnam partem Freso- 
num ei dedit" und endlich schmuckt Ermoldus Nigellus in seiner 
poetischen Lebensbeschreibung des frommen Ludwig dies Ereignis 
also aus: 

„ Herald, jetzt sein Vassall, erhalt indessen vom Kaiser 
Reichlich Gaben, worauf sinnet sein liebes Gemut. 



x ) Simson I, 32, 



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25 

Und er verleilit ihm Giiter, des Reiches Marken benachbart, 

Bringend gar kostlichen Wein und des Getreides genug. 
Dass er auch ordne den Dienst des gottlichen Amtes nach Wurden, 

Schenkt ihm der Kaiser voll Macht allerhand Arten Gerat. 
Gibt auch Kleidungen her, die bestimmt fur die heilige Handlung, 

Gibt ihm Priester, dazu Bucher fur kirchlichen Dienst." *) 
Man sieht aus allem dem, welch eine Bedeutung man jenem Akte 
Haralds beilegte. 

Thatsachlich ist dann . nicht viel spater wieder die Not ein- 
getreten ; aber noch grosser, als man voraussehen konnte. 834 fuhlt 
sich Harald in seiner frisischen Grafschaft nicht mehr sicher, er wird 
seines Benefiziums enthoben und erhalt dafiir den bekannten Ort 
Bataviens: Durst ede. 

Im Jahre 837 endlich traf der Kaiser besondere Anstalten zum 
Schutze der frisischen Kiiste wider die danischen Seerauber : „disposita 
Frisiae Maritimaeque custodia, cum his, quos principes ad eamdem 
custodiam delegaverat" sagen die Ann. Bertin. 2 ) Allein die Danen 
lassen sich nicht dadurch abhalten. Gerade als Ludwig im Begriff 
steht, einen Romerzug zu unternehmen, fallen sie mit verstarkter 
Wut und Raubsucht ein und zwar gerade auf Durstede los, und 
erpressen von den Frisen neuen Tribut. 3 ) Schnell wendet sich der 
Kaiser mit seinem Heere nach Frisland selbst; die Danen ziehen 
sich auf die Kunde von seinem Anriicken zuriick. Auf dem allge- 
meinen Reichstage, welchen Ludwig darauf zu Nimwegen abhalt, 
stellt er eine offentliche Untersuchung fiber das Verhalten derjenigen 
an , die er hauptsachlich mit dem Kustenschutz beauftragt hat : 
„publice cum his quaestionem habuit, quos principes ad eandem 
custodiam delegaverat", 4 ) was Jasmund richtig dahin wiedergiebt : 
„der Kaiser forderte offentlich von denen Rechenschaft , welche er 
als Anfiihrer zur Verteidigung des Landes bestellt hatte." 5 ) Es stellte 



x ) Vergl. die Obersetzting des Ermoldus Nigellus von Pfund. Geschichtschr. 
der deutschen Vorzeit IX. Jahrh. 3. Bd. S. 86. 

2 ) SS. I, 430. 

3 ) Ann. Bert. SS. I, 428. 

4 ) Ann. Bert. SS. I, 430. 

5 ) Ubersetzung der Ann. Bert, in den Geschichtschr. der deutschen Vorzeit 
IX. Jahrg. 11. Bd. S. 21. 



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26 

sich heraus, dass ein Widerstand gegen das Eindringen des Feindes 
zum Teil allerdings nicht moglich gewesen war, teils aber auch Nach- 
liissigkeit und besonders Ungehorsam der frisischen Kustenbewohner 
die Verteidigungsanstalten vereitelt hatten. Um diesen Ungehorsam 
der Frisen zu brechen, wurden einige Abte und Grafen als missi 
dominici, als Waltboten, — also auch dieses Institut auf Frisland 
angewandt — , hinbeordert, und zugleich wurden auf alien Werften 
Schiffsbauten anbefohlen, um kunftigen Landungen der Danen vor- 
zubeugen: „unde et ad comprimendam Frisionum inobedientiam 
strenui abbates et comites directi sunt . . . . et ut deinceps illorum 
(sc. Nordmannorum) incursionibus facilius obsisti queat, classis quaqua- 
versus diligentius parari iussa est." *) 

Aus dem bisher Gesagten diirfte sich ein deutliches Bild von 
dem Verhaltnisse , in welchem Frisland zu Kaiser und Reich unter 
Karl dem Grossen und seinen unmittelbaren Nachfolgern stand, er- 
geben: es ist ein Verhaltnis, welches in keiner Weise von jenem 
verschieden ist, in welchem alle andern Provinzen zum Oberhaupte 
und zum Gesamtreiche standen ; in Frisland ist alles geradeso geordnet, 
wie tiberall, und namentlich finden wir, was fur unsere Zwecke zunachst 
am wichtigsten ist, die Komitats-Einrichtung hier wie tiberall im 
Karolingerreiche in voller Kraft bestehen. 

Wenn dem nun aber also ist, ist damit denn auch schon gesagt, 
dass nun nach der Auflosung des Karolingerreiches, nach dem Tode 
Ludwigs des Kindes das alte Verhaltnis zwischen Frisland und dem 
Reiche auch bestehen blieb ? Weist nicht vielmehr gerade jetzt alles auf 
eine vollige Lostrennung der Nordseegebiete vom Reiche hin, zugleich 
auf eine eigentumlich selbstandige Staatsbildung unter jenen „See- 
landen"? Wer sich zu dieser Ansicht neigt, konnte fur dieselbe 
einen unserer namhaftesten Historiker ins Feld fuhren. 

In seinem monumentalen Werke „Geschichte der deutschen 
Kaiserzeit" sagt Giesebrecht: „Ahnlich wird die Verteidigung der 
frisischen Gegenden (namlich gegen die Nordmannen) gewesen sein, 
die sich seit dieser Zeit (Ottos III.) fast ganz von der Verbindung 



J ) Ann. Bert. 1. c. I, 431. 



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_27 

des Reiches losten. Noch Kaiser Otto II. hatten sie Heeresfolge 
geleistet, dann aber entzogen sie sich ganz dem Reichsdienste und 
waren nur auf die Deckung ihrer Kiisten bedacht; das Regiment 
der koniglichen Grafen unter ihnen horte auf, und eine 
eigentiimliche Gemeindeverfassung bildete sich aus, in der die alt- 
germanische Freiheit auf wunderbare Weise noch einmal auflebte 
und sich, fast unberuhrt von den Bewegungen des innern Deutsch- 
lands Jahrhunderte lang erhielt." 1 ) 

Wenn Giesebrecht hier hervorhebt, dass die Frisen noch dem 
zweiten Otto Heeresfolge geleistet hatten, so ist das entschieden 
richtig , weil es die gleichzeitigen Quellen berichten ; allein seine 
Behauptung, von da an, d. h. also von Ottos III. Regierungsjahren 
an, datiere die Loslosung der Frisen vom Reiche und das Auftreten 
der republikanischen Gemeindeverfassung, ist falsch. Sehen wir, 
dass die Frisen auch noch in spatern Zeiten den Kaisern Heeresfolge 
leisten, wie z. B. Friedrich I., Heinrich VI., Friedrich II., Wilhelm, 
so hort auch keineswegs das Grafenregiment auf. Allerdings ist der 
Graf zur Zeit der Ottonen ein anderer, als zur Zeit des grossen Karl. 
Selbstverstandlich haben die Grafen den obersten Heerbann und 
Gerichtsbann , haben Zolle und Regalien, aber das Grafentum ist 
kein direktes Amt mehr, wie friiher, der Graf kein direkter Beamter, 
der das Amt vom Konig geliehen erhielt, nach dessen Willen auf 
Zeit oder auf Lebensdauer ; — nein, ein wichtiges Moment ist hinzu- 
getreten: — wie die Allodialguter, so sind auch die Lehnsgtiter, so 
sind die Grafschaften allmahlich erblich geworden, in dem Masse 
sogar, dass selbst beim Aussterben eines Hauses im Mannesstamme 
die Lehngiiter auf den nachsten Schwertmagen aus der weiblichen 
Linie ubergehen, wie wir solches auch gerade beztiglich unserer 
frisischen Grafen urkundlich ausgesprochen finden. Aus jenen Tagen 
stammt die Legung der Grundsteine zu diesem neuen Gebaude, als 
unter dem letzten ruhmlosen Karolinger, unter dem Kinde Ludwig, 
von alien Seiten fremde Volkerscharen das arme, aller einheitlich 
starken Regierung bare deutsche Reich anfielen, ihre raubgierigen 
Tatzen bald hier, bald dort einschlugen und von dem blutig entstellten, 



l ) 1. Aufl. I, S. 631. 



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28 

einst so schonen Leibe ein Stuck um das andere abzureissen oder 
eS wenigstens zu zerfleischen strebten. Damals, als nicht das Keich 
selbst sich schiitzte, nicht selbst seine Provinzen verteidigte, zwang 
die Not die einzelnen Stamme, sich in sich zu vereinigen, geschart 
um die alteste, machtigste, vornehmste Familie des Landes. So 
entstanden jene Stammesherzogtiimer, aus welchen die nachsten Konige 
nach dem Aussterben der Karolinger hervorgingen , jene Stammes- 
herzogtiimer, welche zugleich der grflsste Schutz und dann auch das erste 
Verderben des Kaiserreiches geworden sind. Die Herzoge haben das 
Bestreben, ihre grosse Macht auf ihre Sonne zu vererben, und indem 
ihnen gegeniiber auch die Konige ihrem Hause die Krone zu 
erhalten suchen, miissen sie jene kleinern Fursten gegen die Herzoge 
bestarken, die Macht der in den Herzogttimern wohnenden Grafen 
vermehren : gerade dieser Herren Guter werden zu allererst und ohne 
Ausnahme erblich. 

Man konnte nun sagen: Es ist doch eine auffallende Erschei- 
nung, dass die' Sachsen, Franken, Alamannen, Lothringer und wie 
die deutschen Volkerschaften alle heissen mogen, ihre eigenen Stammes- 
herzoge haben, wahrend von den Frisen in dieser Hinsicht niemals 
die Rede ist ; jene Volkerschaften wahlen die Konige, wahrend Frisen 
niemals dabei sind, folglich stehen die Frisen in keinem Zusammen- 
hange mit dem Reiche, sie kummern sich um die Vorgange draussen 
im Reiche nicht, weil sie eben einen selbstandigen Staat bilden, 
hochstens vielleicht, dass sie den von den andern Stammen, beziehungs- 
weise deren Fursten gewahlten Konig widerspruchslos anerkennen* — 
Die Pramisse ist richtig, aber der Schluss falsch. Warum hat sich 
denn in Frisland kein Stammesherzogtum bilden konnen, wie bei 
den andern deutschen Volkerschaften? Zwei Griinde springen da 
sofort in die Augen: 1. Anfangs gehort Frisland nur zu einem 
kleinen Teile zum ostfrankischen Reiche, wie es aus dem Vertrage 
von Werden, oder wie man franzosisch zu sagen pflegt Verdun, hervor- 
ging, das Gros, die Hauptmasse wird zum Reiche des Kaisers Lothars I. 
geschlagen und teilt die Geschicke dieses Reiches. So hat ein Teil 
einen oder mehrere ostfrankische Grafen, der andere lotharin- 
gische Grafen gehabt. Das wahrt aber langer als ein Menschen- 
alter, — Zeit genug, dass diese auf der Zerreissung beruhenden, wenn 



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29 

ich mich so ausdriicken darf, dynastischen Verhaltnisse festen Grand 
und Boden fassen konnten. Dabei wolle man festhalten, dass auch 
in kirchlicher Hinsicht eine Scheidung vorgenommen war, indem 
der frisische Stamm ohne eigenen Metropoliten drei Bischofen 
untergeordnet wurde, in deren Diozesen neben Frisen auch und zwar 
in grosserer Mehrheit Zugehorige anderer Stamme pastoriert werden 
mussten. Steht demnach der Ausbildung eines frisischen Stammes- 
herzogtums unter Anlehnung an die machtigste Familie des Landes 
jene Zerreissung hinderncf entgegen , so finden wir einen zweiten 
Grund in dem Umstande, dass wir seit den Tagen der Ottonen 
zumeist nur auswartige Fiirsten mit frisischen Grafschaften 
belehnt finden , und dieses Verhaltnis wahrt das ganze Mittelalter 
hindurch. Diese auswartigen Herren aber fiihren regelmassig ihren 
Titel nicht von ihren frisischen Grafschaften, sondern von ihren aus- 
gedehntern, wichtigern und bedeutendern Lehnen oder Besitzungen 
driiben im Reiche. So finden wir die Grafen Bernhard, Ekbert, 
Heinrich, Hermann, Otto in den Urkunden oder Quellen niemals 
bezeichnet als frisische Grafen, sondern sie fiihren den Titel von 
ihren deutschen Hauptbesitzungen , so dass wir also stets finden: 
Bernhard, Herzog von Sachsen, Ekbert und Heinrich, Markgrafen 
von Meissen, Hermann und Otto, Grafen von Ravensberg, — zugleich 
Grafen in Frisland. Das ist denn auch der hauptsachlichste Grund, 
weswegen wir in der Geschichte, in den aus Mitteldeutschland stammen- 
den, oder besser, in den nichtfrisischen Quellen so ausserordentlich 
wenig von Frisland vernehmen. Waren nicht auslandische Fiirsten 
seine Reprasentanten gewesen, hatte es ein einheimisches machtiges, 
den Hauptkomplex des Landes umfassendes Grafengeschlecht gegeben 
wie z. B. im benachbarten Oldenburg, das ja auch eine Grafschaft 
in Frisland besass, hatten wir vor alien Dingen, was ja sehr gut 
hatte sein konnen, ein einheitliches, ganz Ostfriesland umspannendes 
Bistum, sagen wir ein Emder Bistum, gehabt, so wurde wohl Fris- 
land mehr in der Geschichte unseres Vaterlandes genannt werden 
und so wiirden wir wohl schwerlich so lange iiber die thatsachliche 
politische Lage unseres Heimatlandes im Unklaren geblieben sein. 
Nun aber sind wir gezwungen, unsere Geschichte zum grossten Teile 
aus jener der benachbarten Stamme, ihrer Fiirsten und Bischofe 



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30 

* 

muhsam zu extrahieren, zumal ein widriges Geschick uns heimische 
Quellen fast gar nicht erhalten hat. Darin aber, dass keine ein- 
heimischen Fiirsten vorhanden sind, dass die Inhaber der einzelnen 
Grafschaften von diesen weit entfernt wohnen und gewiss nur ausserst 
selten sie besuchen konnten, sie vielmehr durch ihre Beamte, Schulzen 
verwalten lassen mussten : darin liegt dann auch vor allem der Grand 
zu jenem freiheitlicheren Umschwunge, wie er seit der Mitte des 
13.Jahrhunderts, von wo eine gewisse „frisische Freiheit" datiert 
werden kann, stattfand. 1st der Graf nahe bei, so bleibt das Ver- 
haltnis ein innigeres. So erkennen noch urn die Mitte des 14. Jahr- 
hunderts, also in den Tagen fast, da die ten Broeks bereits die Hand 
nach einer grossen frisischen Herrschaft ausstrecken, die Astergaer 
(d. h. die Jeveraner, kurz bezeichnet,) voll und ganz die Hoheit ihres 
angestammten Graf en aus dem oldenburgischen Hause an; und 
es ist nur eine durch die Jahrhunderte hindurchgehende und in ihnen 
begriindete, kontinuierliche Situation, wenn noch heute das alte 
Riistringen, der Asterga, trotz seiner engern Zugehorigkeit zu Fris- 
land den oldenburgischen Fiirsten unterthan ist. — Nebenbei will 
ich da bemerkjfcn, dass es mir ganz unverstandlich erscheint, warum 
Friedlander in seinem Urkundenbuche die auf das Jeverland 
bezuglichen Dokumente ausgeschlossen hat und nur ganz einzeln, da 
„wo" — seinen eigenen Worten gemass — „Wangerlandische und 
Jeverlandische Personen und Ortschaften in naher Verwandtschaft 
und unzertrennbarerZusammengehorigkeit mit Ostfriesland erscheinen", 
solche Dokumente benicksichtigt hat. Soil die Urkundensammlung 
dazu dienen, dem Forscher unter Zuhilfenahme der chronikalischen 
Aufzeichnungen ein richtiges Bild von den Zustanden unseres Vater- 
landes im Mittelalter zu geben, so konnten gerade f&r diese Zeit 
die Riistringer Urkunden nicht fehlen, weil sie eine notwendige 
Erganzung zu den wenigen Emsgauischen bilden; Jeverland steht 
genau in demselben Verhaltnis zu den ammerlandischen Grafen von 
Oldenburg wie um dieselbe Zeit z. B. der Emsgau, dessen Urkunden 
natiirlich Friedlander, wenn auch unvollstandig, mitteilt, zu den Grafen 
von Ravensberg. 

Von chronikalischen Notizen mochte ich nun das Folgende hier 
anfuhren : 



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1038. Wipo berichtet: „Reversus imperator per Basileam 
descendens, Franciam orientalem et Saxoniam atque Frisiam pacem 
firmando, legem faciendo revisit" ; *) d. h. also „Der Kaiser — nam- 
lich Konrad II. — kehrte uber Basel zuriick und besuchte Ostfranken, 
Sachsen und Frisland, indem er den Frieden befestigte und das Gesetz 
begriindete", was besagen will, dass der Kaiser — es ist das letzte 
Jahr seines Lebens — in den genannten Provinzen personlich fur die 
Erhaltung des Landfriedens eintrat und zu wirken versuchte. Jeden- 
falls liegt in dem legem faciendd ausgesprochen , dass er fur die 
Respektierung der Gesetze eintrat, dass er als Staatsoberhaupt zu 
Gericht sass und Recht sprach, dass er, wie den Frieden, so auch 
das Recht fester begriindete. Also um die Mitte des 11. Jahrhunderts 
noch wird Frisland als in derselben Weise zum Reiche gehorig an- 
gesehen wie Sachsen und Franken, der Konig behandelt es gleich- 
massig wie diese Provinzen. Der Zeuge, welcher uns dies mitteilt, 
ist der Freund und Biograph Konrads II., der Miterzieher seines 
Nachfolgers, Heinrichs III., dem ja auch diese Biographie gewidmet ist. 

Ein besonders beachtenswertes Ereignis bietet uns das Jahr 
1101. — „Im Jahre des Herrn 1101" — so erzahlen das Chronicon 
Sampetrinum und die Hildesheimer Annalen — „erlangte Graf Hein- 
rich, welcher fett war, die Gnade des Kaisers (namlich Heinrichs IV.), 
und der Kaiser selbst iibergab ihm die Mark der Frisen. Als er sich 
nun sofort mit seiner Gemahlin dahin begab, wurde er selbst mit 
einer Lanze durchstochen und aus dem Schiffe geworfen und so 
getotet; sie aber entkam mit Not." 2 ) — Auch die Ann. Wirzib. 
haben dieselbe Nachricht mit den Worten: „ Comes Heinricus gratiam 
imperatoris acquisivit, et ipse imperator marchyam Fresonum sibi 
tradidit. Qui statim illuc pergens cum uxore sua, ipse interfectus 
est, et ilia vix evasit." 3 ) — Ekkehard von Aura berichtet in seiner 
Weltchronik 4 ) zum Jahre 1103: „Im dritten Jahre vorher wurde 

Heinrich der Fette, wahrend er in Geschaften (res acturas) in die 

MarK Frisland zog, uber die er- gesetzt war, von gemeinen Frisen, 



1 ) SS. XI, 273. 

2 ) Vergl. Grandauers Obersetzung p. 1. 
8 ) SS. II, 246/47. 

4 ) SS. VI, 225. 



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32 

denen das Joch seiner Herrschaft driickend war, wahrend 
or Gehorsam erwartete, mit Nachstellungen umgarnt, und als er auf 
die Kunde davon nach dem Meere floh, wurde er von Schiffern ver- 
wundet und zugleich ertrankt. Der Tod dieses grossen Mannes, der 
in der That nachst dem Konige die Gewalt iiber ganz Sachsen ubte, 
wurde, vom ganzen deutschen Volke betrauert." *) Aus dem begriin- 
denden Zusatze „denen das Joch seiner Herrschaft driickend war a 
wolle man nicht schon den Schluss ziehen, als ob in diesem Kampfe 
die Frisen fur die „alte Freiheit" gekampft hatten; wie sich die 
Sache verhielt, deutet der sachsische Annalist klar genug an, indem 
er sagt: „Heinricus Crassus, potentissimus comes Saxoniae, gratiam 
imperatoris adeptus, marchiam Fresie ab imperatore in beneficium 
suscepit, sicut fertur etiam per testamentum scripture (also urkundlich). 
Qui profectus in Fresiam possidere comita t u s (so !) — also mehrere — 
eiusdem provincie, pertinentes prius ad Traiectensem 
episcopatum a militibllS Traiectensis episcopi et a vulgari- 

bus Frisonibus insidiis vallatur" u. s. w. mit den Worten 

Ekkehards. Der Annalist ist jedenfalls der genauste Berichterstatter. 
Demnach haben jene frisischen „Marken" fruher dem Bischof von 
Utrecht (auch als weltlichem Herrn) unterstanden , was auch 
urkundlich feststeht, weil aber Herzog Heinrich der Fette die Gunst 
des Kaisers erlangt hatte, so entzog diesem das Reichsoberhaupt 
jenes frisische Lehen (ausdrucklich beneficium genannt) und gab es 
dem Sachsenherzog, jenem „so machtigen Manne". Da aber Heinrich 
sich nun auch in den thatsachlichen Besitz dieses Lehens setzen will, 
sucht ihn der seitherige Inhaber desselben, der tJtrechter Bischof mit 
Waffengewalt daran zu hindern; Heinrich wird „a militibus Traiec- 
tensis episcopi et a vulgaribus Frisonibus", d. h. demnach von dem 
Heere des Bischofs, bestehend aus den Utrechter Rittern und den 
frisischen Bauern angegriffen und erschlagen. Die Frisen verteidigen 
demnach hier nicht ikre republikanische Freiheit, sondern ihren bis- 
herigen Grafen und Lehnstrager ihres Landes gegen einen neuen, 
welchen ihr Graf als Eindringling bekampft. — Ich komme weiter 
unten noch einmal hierauf zuruck. 



J ) Pfliigers Obersetzung S. 77. 



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33 

% 1130. Die Ermordung einer Jiochgestellten furstlichen Person- 
lichkeit ist unserer Geschichte im Mittelalter ebensowenig fremd, als 
der der neuern Zeit ; hat doch die Hand des Morders zweimal sogar 
den 'deutschen Konig zutode getroffen. Wohl selten aber hat die 
Ermordung eines k 1 e i n e n deutschen Herren so viel Aufsehen erregt, 
als jene, von welcher das Jahr 1130 zu berichten weiss. — „In 
demselben Jahre", so heisst es in den Pohlder Jahrbuchern, „wird 
Burchard von Lucka ermordet, darob erzurnte der Konig und belagert 
Winzenberg, die Veste des Grafen Hermann, auf dessen Anstiften der 
Mord geschehen war. a Zahlreiche Chroniken und Annalen aus den 
verschiedensten Gegenden Deutschlands in Nord und Slid gedenken 
dieses tragischen Ereignisses l ) vielfach in ausgiebigen Notizen. Manche 
nennen den Erschlagenen einfach „Burchardus de Lucca" oder auch 
„de Luckenheim", andere setzen den comes-Titel hinzu und bezeichnen 
ihn dann als sachsischen Grafen ; so erzahlt das Chron. Samp. : 
„ Burchard von Louchenheim, ein sachsischer Graf, wird auf Anstiften 
seines Lehnsherrn Hermanns, Landgrafen von Thuringen, ermordet. 
Deshalb wird eben dieser Hermann vom Konig Lothar abgesetzt und 
Graf Ludwig far ihn aufgestellt, und bald darauf die Winzenburg [ — sie 
liegt in der Nahe von Alfeld — ], die Burg des erwahnten Grafen 
Hermann vom Heere des Konigs belagert, gestiirmt und eingenom- 
men." 2 ) Dies personliche und so strenge Eingreifen des Konigs 
Lothar von Supplingenburg und die spatere scharfe Rache, welche 
er an Hermann nimmt, erklaren sich daraus, dass Graf Burchard 
ein personlicher Freund und zwar ein sehr intimer Freund des Konigs 
war, „consecretalis Lotharii re^gis", 3 ) wie die Ann. Pegav. und ebenso 
die Ann. Bosov. sagen. Das ist denn auch wohl der Grund, weshalb 
ganz Deutschland den Mord mit Entsetzen vernimmt und den spatern 
Geschlechtern aufbewahren will. — Aber nicht bloss als sachsischer 
Graf wird Burchard bezeichnet — er war namlich Inhaber einer 
Grafschaft des Klosters Gandersheim — , sondern auch in vielen und 
gerade den angesehensten Quellen wird Burchard auch als frisischer 



*) Vergl. Ahrens „Zur alten Geschichte des Klosters Loccum" Zeitschrift 
des Hist. Ver. fur Niedersachsen 1876 p. 47 ff. 
a ) Grandauer 15. 
8 ) SS. X\I, 255. 

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34 

Graf aufgefiihrt. So erzahlen die Ann. Magd. *) die Begebenheit 
folgendermassen : „Burchardus de Luckenem, comes Fresonum, in 
quodam cimeterio a militibus domini sui, sicut ipsius voluntas fuerat, 
insidiose circumventus , infideliter est interemptus. Huius perfidie 
vindex fuit Lotharius rex, qui urbem illius Wincenburch dictam 
obsedit et fregit." Wie die Magdeburger Jahrbiicher nennen z. B. 
auch der Ann. Sax. und das Chron. Montis Sereni den Erschlagenen 
„ comes Frisonum". Wiederum ein frisischer Graf, (iber dessen Graf- 
schaft wir uns weiter unten des Nahern zu unterrichten haben werden. 

Reihen wir an diese chronikalischen Notizen zunachst einige 
urkundliche Bestimmungen fiber die Grafschaft. 

985. Juni 9. Kaiser Otto II. bestatigt die Stiftung des Klosters 
Reepsholt. In dem Diplom sagt der Kaiser, Erzbischof Adaldag von 
Bremen habe ihm mitteilen lassen, dass zwei Schwestern, Reingard 
und Wendila, „in Fresia in pago Asterga, in comitatu Bernhardi 
ducis" all ihr Erbe der Bremer Kirche iiberlassen hatten, um darauf 
ein Kloster — eben Reepsholt — zu griinden. 2 ) 

988. Marz 20. Wildeshausen. Konig Otto III. bestatigt genau 
mit denselben Worten dem Bremer Erzbischof die Stiftung des 
Klosters Reepsholt. Auch hier finden sich die Worte „in Fresia, 
in pago Asterga in comitatu Bernhardi ducis" und zum Schlusse 
heisst es dann noch „donamus etiam ad hec praefato archiepiscopo, 
interventu Berenharti ducis, quedam nostri iuris mancipia" u. s. w. 
Also Herzog Bernhard, der Graf des frisischen Gaues Asterga, ist 
selbst zugegen. 3 ) 

1077. Oktober 30. Konig Heinrich IV. verleiht dem Bischof 
von Utrecht die frisische Grafschaft Stavern, welche er seinem 
aufruhrerischen Vetter Ekbert (II.), dem Markgrafen von Meissen, 
entriss. 4 ) 

1086. Februar 7. Kaiser Heinrich IV. nimmt dem aufsetzigen 
Ekbert all seine Guter und schenkt „ex iis beneficiis Beato Martino 
ad Ecclesiam Traiectensem quendam Comitatum Frisiae, 



1 ) SS. XVI, 183. 

2 ) Friedl. 2. 

3 ) Friedl. 4. 

4 ) Mieris I, S. 69. 



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35 

nomine Oostergowe et Westergowe, cum omni iure et utilitate, quam 
Ekbertus in hoc Comitatu habuit, in proprium. *) 

1089. Februar 1. Ekbert hat sich inzwischen mit seinem kaiser- 
lichen Vetter ausgesohnt, er hat Reue gezeigt und treues Zusammen- 
gehen mit dem Kaiser versprochen. Heinrich IV. nimmt ihn in Gnaden 
auf , entzieht der tltrechter Kirche wiederum — ^invito Episcopo 
Conrado" — die genannte frisische Grafschaft und giebt sie dem 
Markgrafen zurtick. Allein bald emport sich der junge Brausekopf, 
der voller hochfliegender Plane steckt, aufs neue, und abermals wird 
die frisische Grafschaft der Otrechter Kirche tibergeben. 2 ) 

1112 — 1116. Kaiser Heinrich V. bestatigt dem Bischof Gode- 
bald von tJtrecht, dem Nachfolger Konrads, der sie zuerst erwarb, 
die frisische Grafschaft. 3 ) 

1138. April 9. Konig Konrad III. best&tigt dem Bischof Andreas 
von Utrecht die Grafschaft in Frisland. „Nunc igitur aliquamdiu 
sub praedecessore nostro Lothario Imperatore praedicta Ecclesia suo 
iure et praedicto Comitatu caruit, ulterius earn suo iure carere 
nolumus, sed secundum monitionem fidelium nostrorum in debitum 
statum ei reddendo Comitatum, eum reformamus secundum hoc, 
quod in privilegiis Ecclesiae veritatem invenimus." 4 ) 

1145. Oktober 18. Kaiser Konrad III. bestatigt dem Bischofe 
Hardbert von Utrecht die frisische Grafschaft im Ostergo und Westergo. 5 ) 

1166. (Datum fehlt.) Kaiser Friedrich Barbarossa regelt die 
Anspriiche des Grafen von Holland und des Bischofs von Ctrecht 
auf die frisische Grafschaft. In der Urkunde heisst es wortlich u. a. 
„Statuimus igitur, ut aeque participent de praedicto Comitatu Friso- 
num, Episcopus videlicet et Comes, et neuter eorum alio maius 
habeat commodum vel proficuum: ambo concorditer eligent sibi 
Comitem, qui vices eorum gerat in praedicto Comitatu, qui praesen- 
tatus ab eis Domino Imperatori, bannum et potestatem iudicandi 
a manu Domini Imperatoris accipiat. 6 ) 

1 ) Mieris I, 73. 

2 ) Mieris I, 73/74. 
8 ) Mieris I, 83. 

4 ) Mieris I, 93. 
*) Mieris I, 95. 
6 ) Mieris I, 110. 

3* 



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36 

1057. April 25. Konig Hfeinrich IV. verleiht dem Erzbischofe 
Adalbert von Bremen die Grafschaft in den frisischen Gauen Hunesga 
und Fivelga. *) 

1062. November 23. Konig Heinrich IV. (ibertragt dem erz- 
bischoflichen Stuhle zu Hamburg-Bremen die Grafschaften des Grafen 
Bernhard in den Gauen Emsgau, Westfalen und Engern. 2 ) Erz- 
bischof Adalbert — sagt die Urkunde — habe den jungen Konig 

gebeten, „quatenus ei comitatum Bernhardi comitis daremus 

in proprium". Und Konig Heinrich gewahrt diese Bitte, indem er 
der Hamburger Kirche „eundem comitis prenominati comitatum in 
pagis Emisga, Westfala, et Angeri cum universis appenditiis, eiusdem 
comitis beneficia respicientibus" etc. schenkt. 

1096 giebt Kaiser Heinrich IV. dem Hamburg-Bremischen Erzstuhl 
diese selben Grafschaften zuriick. Der Fiirst beruft sich auf die Urkunde 
von 1062, von welcher gesagt wird, dass sie „ipso Bernardo comite 
laudante et assensum prebente" ausgestellt sei. In den spatern Tagen 
der grossen Wirren und Unruhen seien jene frisischen Grafschaften 
dem Erzstifte entzogen ; nunmehr aber sei der Kaiser bereit, sie dem. 
hochverdienten Erzbischofe Liemar zuriickzugeben. 8 ) 

1217. Graf Hermann von Ravensberg und seine Sohne befehlen 
ihren Beamten in Ostfrisland „fidelibus suis scoltetis vel reliquis 
officialibus, qui apud Borzhem et Lare aut in Emisgo vel nunc officia 
nostra tenent, vel pro tempore tenebunt" — das Kloster Kappenberg bei 
Ausiibung der ihm verliehenen Fischerei auf der Ems zu beschiitzen. 4 ) 

1224. Herford, 20. September. Konig Heinrich (VII.) belehnt 
die edle Frau Sophia, die Gemahlin des Grafen Otto von Ravensberg, 
mit der Grafschaft im Emsgau: „porreximus comitiam in Emesgonia, 
curiam in Lage, curiam in Borcen, et eis attenentia, monetam in 
Emethen, theloneum in Emesa" u. s. w. 5 ) 

1244. April. Kaiser Friedrich II. gestattet auf Bitten des 
Grafen Otto von Ravensberg-Vlotho, dass dessen Reichslehen in Fris- 



>) Hamb. Urkb. S. 78. Brem. Urkb. Reg. I, S. 662. 
*) Friedl. Nr. 5. 
8 ) Friedl. Nr. 6. 
4 ) Friedl. Nr. 16. 
*) Friedl. Nr. 17. 



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37 

land nach seinem Tode von dessen Ehefrau Sophia und dessen Tochter 
lebenslanglich besessen werde. *) 

1252. Juni 18. Walram von Montjoie, seine Gemahlin Jutta 
und deren Mutter Sophia, Witwe des Grafen Otto von Ravensberg, 
tibertragen ihre von letzterm herriihrenden Besitzungen, sei es Lehen 
oder Allod, dem Bischofe Otto von Mtinster fur eine bestimmte 
Kaufsumme. 2 ) 

1253. Marz 23. Konig Wilhelm belehnt nach Verzichtleistung 
Walrams von Montjoie und seiner Gemahlin Jutta den Bischof Otto II. 
von Miinster mit der Grafschaft und mit alien Giitern in und 
ausser Frisland, welche Graf Otto von Ravensberg, Juttas Vater, 
einst besessen habe. 3 ) 

1264. Februar. Bischof Gerhard von Miinster bestatigt dem 
Kloster Kappenberg das demselben vom Grafen Hermann von Ravens- 
berg und dessen Sohnen friiher verliehene Recht der Fischerei in 
der Ems. 4 ) 

Allein schon die Aufzahlung der hier eben angefuhrten Urkunden- 
und Quellen-Ausztige zeigt uns deutlich und klar, in welchem Verhaltnis 
Frisland zu Kaiser und Reich in der angegebenen Zeit stand. Bevor 
ich nun daran gehe , einzelne Punkte naher zu beleuchten , mochte 
ich zunachst die Aufmerksamkeit der Leser auf eine Thatsache lenken, 
welche zur Aufhellung um so mehr dienen kann, als sie in eine 
ziemlich frtihe Zeitperiode fallt. Es ist uns eine Urkunde Kaiser 
Ottos I. d. d. Werl 947, Mai 4. erhalten, in welcher derselbe dem 
Kloster Gandersheim die Immunitat, das Wahlrecht und die von den 
Stiftern und seinen Vorgangern verliehenen Besitzungen bestatigt, 
sowie selbst eine neue Schenkung hinzufugt. 5 ) In der Aufzahlung 
der Giiter des friihzeitig reichen Klosters findet sich folgende Stelle : 
„curtes etiam Herrihusun et Feldbiki cum omnibus eo pertinentibus 
quas domnus ac genitor noster Heinricus rex prefato dedit monast6rio, 



») Friedl. Nr. 1677. 

*) Munst. Drkb. Ill, Nr. 540. Friedlaender hat diese wichtige Urkunde 
ubergangen. 

8 ) Friedl. Nr. 25. 

4 ) Munst. Drkb. Ill, Nr. 739. Von Friedl. ubergangen. 

3 ) M. G. Dipl. reg. et imp. Germ. I, 171, 



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38 

cum predio illuc a domina acmatre nostra Mahthilda 
regina in Fresia collato . . . ." Es ist bekannt, dass in den 
Adern der Konigin Mathilde, einer der edelsten und liebenswurdigsten 
Frauengestalten der deutschen Geschichte, frisisches Blut rollte. Ihre 
Lebensbeschreibung nennt uns als ihren Vater Tiedrich, als ihre 
Mutter Reinhilde; und diese entstammte der Verbindung eines vor- 
nehmen Frisen mit einer Danin. *) Wilmans, welcher die Abstammung 
der Konigin am eingehendsten untersucht hat, stellt folgende genealo- 
gische Tabelle auf: 

Tiedrich (Enkel Waltberts, des Enkels Widukinds) 

Gem. Beinhild. 



Ruotbert Mathilde Amalrada Friderunna Bia. Lambert. Ansfridl. 

Erzb. v.Trier G.KonigHeinrichl. G.Gr. Ever hard G.Wichmannl. 
931—956. f968. 1 966. der Billinge. 

B. Dietrich Ansfridll. 

v.Metz. f984. Graf, 

• B. v. ttrecht 
995—1010. 

Zweifelsohne hat nun die „nobilissima Reinhilda" ihrem sach- 
sischen Gatten ein betrachtliches Erbe, in ihrer frisischen Heimat 
gelegen, mit in die Ehe gebracht, denn nur von dieser Seite kann 
jenes „predium" stammen, welches die Konigin dem Lieblingskloster 
des sachsischen Konigshauses schenkte. Mathilde aber ist nicht das 
einzige Kind Tiedrichs und Reinhildens, wenn sie auch als die alteste 
Tochter derselben erscheint; man darf daher annehmen, dass sie 
auch nicht einzig und allein die Erbin der mutterlichen Besitzungen 
in Frisland gewesen sei. Vielleicht darf man es als mehr denn eine 
Vermutung ansehen, wenn man annimmt, dass die spatern Beziehungen 
der Billinger zu Frisland ihren friihesten Anfangsgrund finden in 
ihrer Abstammung von Friderunna, der zweiten Tochter Tiedrichs und 
Reinhildens und der Schwester der Konigin Mathilde. Der Haupt- 
erbe der Eltern ist ohne alien Zweifel der jtingste Sohn Ansfrid, 



l ) „ Tiedericus, cui nobilissima iuncta erat uxor Reinhilda, Fresonum 

Danorumque genere progrediens." Vita Math. SS. X. 576, welche Stelle man 
seit Jaffe (das Leben d. hi. Math, in der deutschen Cbersetzung S. 7.) in der 
Weise interpretiert, dass Reinhildens Vater aus frisischem, die Mutter aus nor* 
mannischem Blute entstammte, Vergl. Wilmaps I, 43g : 



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39 

welcher in der Geschichte als quindecim comitatum comes beglaubigt 
ist. Nichts stent da im Wege anzunehmen, dass Ansfrid unter seine 
Besitzungen auch frisische Giiter aus dem Erbe der Reinhilde zahlte, 
und man darf wohl noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass 
in jenen fftnfzehn Grafschaften, welche unter der Botmassigkeit des 
Schwagers Heinrichs I. standen, auch eine, wenn nicht mehrere 
frisische Grafschaften versteckt liegen. Zu bedauern ist es, dass die 
Quellen so wenig sichere Anhaltspunkte uber die Herkunft der Rein- 
hilde bieten, so dass uns nicht einmal die Namen der Eltern uber- 
liefert sind; liest man aber jene sonderbare Auslassung der altern 
Vita Mahthildis: „Reinhilda Fresonum Danorumque genere pro- 
grediens", so werden einem unwillkiirlich jene fruher erwahnten 
Begebenheiten aus den Tagen Karls des Grossen ins Gedachtnis 
zurtickgerufen , und man kann kaum der Versuchung widerstehen, 
die Mutter der Konigin Mathilde mit dem karolingischen Grafen 
Theodorich in Verbindung zu setzen, dessen Beziehungen zu Frisland 
wie zu den Danen ich oben auseinandergesetzt habe. Wie dem auch 
sein mag, uber Kombinationen konnen wir ohne heues Quellenmaterial 
nicht hinauskommen , und darum hat es auch keinen Zweck, Mut- 
massungen uber die Lage der frisischen Giiter Mathildens aufzustellen : 
soweit mir bekannt, lasst sich auch aus den Gandersheimschen 
Urkunden fur unsern Zweck nichts eruieren. *) 

Bei der Losung der mir obliegenden Frage kann es hier nicht 
meine Absicht sein, in die Geschichte aller frisischen Gaue zuriick- 
zugehen; es geniigt mir zur Erreichung des nachsten Zweckes nur 
die Entwickelung der Grafschaft im frisischen Emsgau darzuthun 
und die Verhaltnisse benachbarter Gaue unseres Heimatlandes nur 
dann heranzuziehen , wenn ihre Vergleichung notwendig erscheint; 
die letztern werden daher nur kurz betrachtet werden. Ubrigens 
finden wir, dass in der Geschichte des Emsgaus am besten und 
sichersten die Beziehung Frislands zu Kaiser und Reich zutage tritt, 
und dass sie daher auch am wesentlichsten zur Klarung des bisherigen 
Dunkels beitragen wird. Wenn ich dann bei der Untersuchung von 



l ) Interessant mag die Bemerkung sein, dass der frisische Graf Burchard 
von Lokkum Vogt von Gandersheim war. 



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40 

rfickwarts aufzusteigen versuche. so liegt das, wie jeder einsieht, so 
sehr in der Natur der Sache, dass ein anderer Weg mir kaum mog- 
lich erscheint. 

Es war im Jahre 1253 am 23. Marz, als in der Metropole des 
Rheinlandes der junge, fur Deutschland leider vielzufriih dahingeschie- 
dene Konig Wilhelm eine Urkunde ausstellte, welche fur die Geschichte 
unseres Vaterlandes eine Bedeutung hat, wie kaum eine andere ihrer 
Schwestern. „Auf Vermittelung" — so heisst es in derselben — 
„des ehrwiirdigen Herrn Hugo, Kardinalpriesters mit dem Titel von 
der hi. Sabina, des. apostolischen Stuhles Legaten, ferner Konrads, 
des Erzbischofs von Koln, und Heinrichs erwahlten Bischofs von 
Liittich, aus der Fiirsichtigkeit unseres Entschlusses , haben wir die 
Grafschaft und alle Guter innerhalb und ausserhalb Frislands, welche 
der edle Herr Graf Otto von Ravensberg vom Reiche zu Lehen hatte, 
und welche an uns durch die freiwillige Resignation Walrams von 
Montjoie sowohl fur sich als auch fur Jutta, seine Gemahlin, auf 
welche die in Rede stehenden Guter durch Erbrecht ubergegangen 
waren, wie ferner fur alle Erben der genannten Jutta, mit jeglichem 
Recht, welches im Namen seiner genannten Gemahlin an den bezeich- 
neten Giitern ihm zustand .... zuriickgefallen ist : dem ehrwiirdigen 
Bischofe Otto von Miinster, unserm geliebten Fiirsten, sowie dem 
hi. Paulus *) und alien Nachfolgern [des Bischofs] zum ewigen Lehen 
gegeben. u Dieses Diplom besagt in dem zitierten Satze also folgende 
drei Punkte: 1. Otto Graf von Ravensberg hat einen Komitat nebst 
verschiedenen Giitern vom Reiche in Frisland (wie auswarts) besessen 
(comitatum et universa bona infra Frisiam et extra sita, que nobilis vir 
Otto comes de Ravensbergh tenuit de manu imperii titulo feodali). 2 ) — 
2. Dieser Komitat und diese Guter sind nach dem Tode Ottos und 
infolge Erbrechtes auf Jutta, die Gemahlin Walrams von Montjoie 
ubergegangen, deren Verhaltnis zum Grafen von Ravensberg nicht 
weiter erortert wird. — 3. Walram von Montjoie verzichtet in seinem 
Namen, sowie in dem seiner Gattin und aller Nachkommen und Erben 
auf diese Hinterlassenschaft des Grafen Otto, mit welcher nunmehr 



*) Der hi. Paulus ist Patron der miinsterschcn Domkirche. 
2 ) Friedlaender, Ostfriesisches Drkundenbuch (0. U.) I, 35. 



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41 

das Reichsoberhaupt den Bischof Otto II. von Mtinster aus dem 
Hause Lippe und das Hochstift fiir ewige Zeiten belehnt. *) Im 
iibrigen ist das Diplom nur allgemein gehalten, und es fallt auf den 
ersten Blick hin in die Augen, dass dasselbe nur der Schlussstein 
eines Gebaudes sein soil, dessen Grundlage durch andere detailliertere 
Urkunden gebildet werden muss. Denn wo ist jener frisische Komitat 
zu suchen, wo befinden sich die Guter, mit denen das Reich inner- 
halb Frislands belehnen kann, und wo haben wir die auswartigen 
Besitzungen zu suchen, denn nach dem Wortlaut unserer Urkunde 
sollte man annehmen, dass das Haupterbe Walrams und Juttas in 
Frisland belegen sei! Es liegt klar auf der Hand, dass mit dem 
Konigsdiplom von 1253 allein wenig oder nichts anzufangen sein 
wiirde, falls nicht das Geschick uns, ich darf sagen ausnahmsweise 
einmal, giinstig gewesen und uns andere Dokumente aufbewahrt 
hatte, aus denen wir mit Sicherheit jener Verhaltnisse Geschichte, 
welche die Urkunde von 1253 zum Abschlusse bringt, eruieren 
konnen. — Wer ist nun zunachst der Graf in Frisland, Graf Otto 
von Ravensberg? 

Zum ersten Male begegnet uns Otto II. Graf von Ravensberg 
im Jahre 1200, indem Erzbischof Adolf von Koln bescheinigt, dass 
„Hermannus comes de Rauensbergh, et Jutta uxor ipsius et Otto 
filius amborum" dem auf ihrem Patrimonium errichteten Kloster 
Flaersheim das Vogteirecht abtreten. 2 ) Zweifelsohne gab es in diesem 
Augenblicke andere Kinder des Grafen Hermann und seiner Gemahlin 
Jutta, welche als Tochter des Landgrafen Ludwigs des Eisernen von 
Thuringen eine nahe Verwandtin des staufischen Kaiserhauses war, 
nicht, denn sonst hatten sie in dieser Urkunde namentlich mit- 
aufgefuhrt werden mussen, und zwar nicht bloss nach dem allgemeinen 
Brauch der Zeit, sondern vor allem aus dem Grunde, weil es sich 
um das Aufgeben eines Rechtes handelte, das an einem ererbten und 
zu vererbenden Eigengute klebte: fur die spatern Ravensburgischen 
Erbteilungen von grosser Wichtigkeit. In welchem Alter um das 
Jahr 1200 Otto stand, wird sich schwerlich mit annahernder Sicherheit 



1 ) Vergl. Erhard, Geschichte Miinsters S. 125; Niemann, Geschichte der 
alten Grafschaft Kloppenburg S. 33. 

2 ) Erhard, Reg. Westf. 2436, Cod. dipl, Nr. 5(38, 



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42 

feststellen lassen. Einen gewissen Anhaltspunkt dafur, dass er nicht 
mehr ein ganz kleiner Knabe gewesen sein muss, giebt uns eine 
in der westfalischen Geschichte berfihmte Fehde zwischen den Ravens- 
bergem und den benachbarten Grafen von Tecklenburg, — eine 
Fehde, deren Anfange hiniiberspielen . in die traurige Zeit des Kampfes 
zwischen den beiden grossten und edelsten Mannern ihres Jahrhunderts, 
zwischen Kaiser Friedrich dem Staufer und dem Welfen Heinrich 
dem Lowen ; auf Seiten des Kaisers stand der ihm verwandte Ravens- 
berger, auf Seiten des Welfen der Tecklenburger. Langst schlummerten 
jene beiden gewaltigen Helden den letzen Todesschlummer, der eine 
fern im Morgenlande, der andere im Dome zu Braunschweig, als auf 
dem westfalischen Boden, zweifelsohne im Anschluss an die das Reich 
durchtobenden Kampfe zwischen den beiden gegnerischen Konigen 
Philipp und Otto, der vor 20 Jahren s6hon gesaete Hass in hellen 
Flammen aufloderte. — In heisser Schlacht fiel Simon von Tecklen- 
burg, erschlagen von den Ravensbergern; aber die Sohne des Gefallenen 
errangen den Sieg, und Graf Hermann mit seinem Sohne Otto wan- 
derten in die Tecklenburgische Gefangenschaft. — Mit schweren 
Opfern an Geld und Gut mussten sie ihre Freiheit wiedererkaufen ; 
allein die Feindschaft bestand weiter, und erst Hermanns Enkelin 
und Simons Enkel sollten berufen sein, dem alten Hasse ein Ende 
zu machen. Wann jene Schlacht stattgefunden, ist nicht ganz klar; 
die Chron. reg. Colon, erzahlen diese Ereignisse zum Jahre 1202, 
andere setzen sie ins Jahr 1207. *) 

Dass Graf Hermann von Ravensberg im Besitze der Graf- 
schaft im Emsgau gewesen, geht aus einer Urkunde des Jahres 
1217 hervor, deren Anfang also lautet: 2 ) „ Hermann von Gottes 



l ) Ipso tempore orto in Westfalia bello inter Symonem de Tickenbnrg 
et Herimannum de Ravensberg, Symon in conflictn occnboit, et Herimannus 
cnm filio a filjo eiusdem Symonis capitur et custodie mancipatnr. Chron. reg. 
Colon. Schulausgabe S. 200/201. Vergl. Niemann 1. c. 27. 

*) Ostfr. Urkb. I, 14. Vergleiche folgende Urkunde, welche von Ledebur 
„Vlotho" S. 116 (Nr. 3) veroffentlicht: „Hermannns Dei gratia Comes de 
Ravensberch et filii sai 0. H. et L. salutem snis et nniversis Christi 
fidehbus. Notum facimus omnibus, ad quos hae litere pervenerint, et maxime 
cubditis nostris Dapiferis, Ministerialibus servientibus, quod nos claustro Herse- 
broke curribus et carrucis ad Claustrum spectantibus sine theloneo libere et 



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43 

Gnaden Graf in Ravensberg und seine Sohne Otto, Her- 
mann und Ludwig an ihre getreuen Schulzen oder iibrigen 
Beamten, welche bei Borzhem, Lare oder im Emsgau im Augenblicke 
unsere Amter verwalten oder in Zukunft verwalten werden, Gruss 
und alles Gute" ; und dann sagen die Aussteller der Urkunde, dass 
sie dem Kloster Kappenberg das Recht der Fischerei auf der Ems 
verliehen haben und ihren Beamten also den Auftrag erteilen, das 
Kloster in der Austibung dieses Rechtes zu schirmen. Ftir die Ver- 
fassung des Emsgaues giebt diese Urkunde einen deutlichen Fingerzeig, 
indem sie — und das zu einer Zeit, da die Beratungen der „ Jurati" 
beim Upstallsbom bedeutsamer werden — beweist, dass die Grafen- 
Verfassung auch in detaillierter Weise in Frisland noch zu Beginn 
des 13. Jahrhunderts geherrscht hat. Die Austibung der Fischerei 
gehort ursprunglich zu den Regalien und werden den Stellvertretern 
des Konigs, den Grafen, mit andern Regalien oder wie andere 
Regalien verliehen, bis diese Rechte im gleichen Schritte mit andern 
Lehen erblich werden. Den Stellvertretern des Grafen von Ravens- 
berg im Emsgau wird hier befohlen, die Kappenberger Monche in 
dem ihnen verliehenen Rechte , das ursprunglich Regal war , zu 
schirmen; wir wissen gleichzeitig , dass noch in jenen Tagen der 
Emsgau uberhaupt Reichslehen war. 

Es handelt sich nun um die Beantwortung der Frage, ist Otto, 
welcher in der Urkunde von 1200 allein als der Sohn Hermanns 
und Juttas der alteren erscheint, ein voller Bruder jener 1217 als 
Sohne Hermanns — ohne Nennung der Mutter — vorkommenden 
Hermann und Ludwig, oder ist er nur deren Halbbruder? Schon 
Lamey, der alteste Ravensberger Geschichtschreiber , hat die Ver- 
mutung aufgestellt, dass Graf Hermann zweimal verheiratet gewesen 
sei, und von Ledebur in seiner „Diplomatischen Geschichte von 
Vlotho" (S. 18) glaubt diese zweimalige Vermahlung als sicher 



quiete et sine omni molestia ire concessimus intuitu Deo et sancte Petronille 
et sancte Christine, perpetuas orationes et fraternitatem dominarum exinde 
recipientes." Ledebur giebt die Urkunde aus Kindlingers Hdschr. 77. Teil, S. 156, 
und bemerkt, dass sie sich auch in Meinders ser. comit. Ravensberg. Manspt. 
fol. 50 jedoch mit verschiedenen Korruptionen finde, aber mit dem Zusatz: 
Datum anno domini MCCXCIII, was er fur aus MCCXVIII, also 1218, ver- 
spbrieben halt, 



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44 

dokumentieren zu konnen, indem er uns in einer gewissen Adalheid, 
fiber deren Familienbeziehungen nichts beigebracht werden kann, 
die zweite Gattin Hermanns und dann auch die Mutter des jungern 
Hermann und des Ludwig vorfuhrt. Ihm folgen die spatern Geschicht- 
schreiber, welche gelegentlich diese Verhaltnisse beriihren, namentlich 
auch Diepenbrock in seiner Geschichte Meppens (S. 145). Man stiitzt 
sich hauptsachlich darauf, dass in der oben erwahnten Schlacht mit 
den Tecklenburgern Otto bereits als erwachsen erscheint, da er mit 
dem Vater gefangen wird, wahrend er 1200 noch das einzige Kind 
Hermanns ist. Es miisse daher zwischen Otto und namentlich Ludwig 
ein grosser Altersunterschied bestehen — (der jungere' Hermann ist 
bald nach 1217 oder 1218 noch vor dem Vater gestorben) — , so 
dass man nicht annehmen diirfe, sie seien Einer Mutter Kinder; 
und ferner werde in Urkunden nur Otto, der Sohn jener Jutta von 
Thiiringen, als dem Kaiserhause verwandt bezeichnet, niemals aber 
Ludwig. Dieses Verhaltnis komme dann dadurch klar zu tage, dass 
bei der Erbteilung beider Bruder Ludwig auch nur Anspruch erhebe 
auf die gemeinschaftlichen vaterlichen Giiter und Besitzungen, 
nicht aber auf die mutterlichen , namentlich nicht auf Frisland. *) 
Auf den letzten Punkt komme ich gleich zuriick, will aber vorab 
hier schon bemerken, dass die Urkunde von 1217 (fur das Kloster 
Kappenberg) unter den drei Sohnen Hermanns keinerlei Unterschied 
macht in ihrem Verhaltnisse zum Emsgau, dass dort der 
jungere Hermann und Ludwig den frisischen Schulzen und Beamten 
nicht anders gegentiberstehen , als ihr Bruder Otto, dass alle drei 
als Sohne Hermanns gleichberechtigt erscheinen. Ware der Emsgau 
von seiten der Jutta an Ravensberg gekommen, 2 ) so dass Otto als 
einziges Kind der Thiiringerin, auch ihr einziger Erbe gewesen ware, 
so hatten seine Bruder (oder Stiefbriider) Hermann und Ludwig in 
der Kappenberger Urkunde keinen Platz finden konnen. Zudem ist 
von irgend welcher Verbindung zwischen Frisland und Thiiringen zu 
keiner Zeit irgend eine Spur erhalten. — Was dann die Verwandt- 
schaft mit dem Kaiserhause und ihre Hervorhebung in den Urkunden 



') Worauf v. Ledebur gerade diesen Satz stiitzt, erscheint mir unerlindlich, 
2 ) wie das namentlich v. Ledebur annimmt. 



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45 

angeht, so beweist ein Fehlen dieses Hervorhebens fur Ludwig noch 
gar nichts, denn wahrend diese verwandtschaftlichen Beziehungen 
zwischen Otto II. und Kaiser Friedrich II. in der einen Urkunde 
ausgesprochen werden, unterbleibt solches in einer andern. l ) Und 
auch die Meinung, dass ein zu grosser Altersunterschied bestehe 
zwischen Otto und den Brudern, ist eine durch nichts bewiesene 
Vermutung, denn wenn Otto 1202 resp. 1207 mit in den Krieg 
ziehen kann, so diirfte er etwa 1182 oder 1187 geboren sein, wobei 
es dann ja ganz leicht moglich gewesen ware, dass Hermann der 
Jungere und Ludwig, etwa 20 Jahre jtinger als Otto, vielleicht 1201 
resp. 1202 das Licht der Welt erblickt hatten, wenigstens musste 
von Ledebur sich gesagt haben, dass den ihm schon bekannten 
Urkunden gemass Ludwig bei dem zwischen 1218 und 1220 erfolgten 
Tode des Vaters mindestens ebenso erwachsen war, wie es Otto war, 
als er in die Schlacht mit den Tecklenburgern hinauszog. Es ist 
somit nicht bewiesen, dass Otto, Hermann minor und Ludwig nicht 
voile Briider, die Sonne Hermanns und Juttas von Thuringen waren. 
Was mich aber allein schon dazu bestimmen wiirde, das Verhaltnis 
der Stiefgeschwisterschaft vollig auszuschliessen , ist der Umstand, 
dass das jungste Kind den Namen Ludwig tragt. Bei der Gepflogen- 
heit , ich mochte sagen Strenge , mit welcher man gerade um jene 
Zeit daran festhielt, wie es ja noch heute vielfach geschieht, die 
Namen der Vater wieder auf die Sonne zu vererben, die der Mutter 



*) In der Urkunde vom April 1244 sagt Kaiser Friedrich II. „notum fieri 
volumus . . . , quod conies Otto de Flotowe dilectus et consanguineus et 
fidelis noster" u. s. w., bezeichnet also den Ravensberger Grafen als seinen 
Blutsverwandten. Zwischen 1216 und 1220 dagegen ermahnt derselbe Kaiser 
den Bischof Adolf von Osnabriick , den Sohn Simons von Tecklenburg , den 
Grafen von Ravensberg im Besitze der Zolle und Miinze zu Vechte und Haseliinne 
nicht zu storen (W. U. Ill, 104) in folgender Weise: „. . . Constitutus in pre- 
sentia nostra 0. filius comitis de Ravensberghe ex parte patris sui nobis, querela 
monstravit, quod eum iniuste graves super theloniis suis et monetis in Vechte 
et in Lunne positis, que ab antecessoribus nostris tenuit et de manu nostro de, 
novo recepit. Quare tue discretioni regia mandamus potestate, quatenus nomi- 
natum comitem dicta bona sua pacifice permittas possidere ; quia vero ad omnia 
que adversus ipsum proponere decreveris, eum coram nobis, prout iustum 
fuerit, tibi respondere faciemus." Hier ist von einem consanguineus wie in 
der Urkunde von 1244 gar keine Rede. 



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46 

auf die Tdchter — eine Regel, von der man nur selten abwich, so 
dass wir in ihr die beste Handhabe far die Eruierung der genealo- 
gischen Beziehungen einzelner Personlichkeiten haben, — ich sage: 
bei der strengen Durchfuhrung dieser Regel diirften wir sowieso 
schon annehmen, dass Ludwig nach dem Grossvater miitterlicher- 
seits, dem „eisernen tf Landgrafen von Thuringen, genannt worden 
sei, wahrend Otto, der alteste Sohn, den Namen des vaterlichen 
Grossvaters, des Grafen Otto I. von Ravensberg, der mittlere den 
Namen des Vaters Hermann erhielt. Zum Uberflusse besitzen wir 
noch ein Dokument, welches ftir unsere Ansicht ausschlaggebend ist. 
Im Jahre 1231 findet eine erneute Aussohnung zwischen Ravensberg 
und Tccklenburg statt, welche auf die erste zuriickgreift , wodurch 
die gefangenen Ravensberger sich losten. „Bekannt sei alien", so 
hebt der Vertrag an, „dass fiber die Totung des Grafen Simon von 
Tecklenburg, welche die Grafen Hermann und seine Sohne, die 
Grafen Otto, Hermann und Ludwig, unter Gottes Zulassung 
veriibt hatten, zwischen den Grafen Heinrich und Otto von Tecklen- 
burg und den genannten Grafen von Ravensberg eine voile Aus- 
sohnung zustande gekommen war." Daraus folgt deutlich genug, 
dass Ludwig und Hermann nicht viel jtinger als Otto gewesen sein 
konnen, wenn diese Urkunde sie gar mit zu denen zahlt, welche 
Simon erschlugen. Somit sind also alle drei zweifelsohne Kinder 
der 1200 noch genannten Gattin Hermanns, Jutta von Thiiringen 
gewesen. 

Nach dem Tode Hermanns, welcher zwischen 1218 und 1220 
erfolgte, scheinen die einzig iiberlebenden Sohne Otto und Ludwig 
etliche Jahre hindurch gemeinschaftlich regiert zu haben, bis vielleicht 
infolge von Misshelligkeiten es in Herford am 1. Mai 1226 zu einer 
Teilung der Besitzungen kam. *) Die Urkunde uber diesen Teilungs- 
vertrag ist uns gliicklicherweise erhalten und lautet folgendermassen 2 ) : 

1 ) Am 15. Mai 1221 vergleichen sich beide Briider mit der Herforder 
Kirche, in welchem Vergleiche Driever und Vollen eine Rolle spielen. (v. Ledebur 
,.Vlotho" Urkb. 6, S. 120.) — Im selben Jahre nimmt Otto „cum collaudatione 
fratris mei Ludewici" den Verkauf eines Zehnten vor. (W. U. Ill, 164, 165.) 
Ebenfalls 1221 sind beide Bruder gemeinschaftlich in Warendorf; 1224 beide 
Zeugen in der Urk. B. Adolfs von Osnabriick. (W. U. Ill, 1712.) 

2 ) Wilmans Westf. Urkb. Ill, 229 S. 125. 



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47 

„Hec est forma compositionis , que facta est inter fratres 
comites de Ravensberghe Ottonem et Lodewicum aqud Hervordiam 
in presentia domini Wilbrandi Paderburnensis episcopi et aliorum 
magnorum virorum, qui subscribentur. 

„ Comes Otto dimisit comiti Lodewico ad castrum Ravens- 
bergh ista: advocatiam in Burchorst totam preter ea que infra 
excipientur; ecclesiam in Rysenbeke et omnia que illi attinent et 
advocatiam illius ; advocatiam in Wettere et omne quod illi attinet ; 
duas cometias adiacentes Ravensberghe, unam videlicet in una parte 
Osnyngi et aliam in altera; item istas duas decimas, in Barghen 
unam, alteram in Bavenhem; item Bijlevelde totum et omnia ilia, 
que sibi attinent in novalibus et in aliis et domum Halderynchen ; 
curiam in Crawynkele ; curiam Drevere, curiam Rothen ; curiam 
Burglo et omnia illis attinentia. Illi qui dicuntur einlucke lude et 
qui consueverint servire Ravensberghe, ubicunque maneant, serviunt 
comiti Lodewico. Illi qui consueverint servire Vlotowe, ibi servient, 
ubicunque maneant. . Idem erit de Vechta, idem erit de Vrysenbergh. 
Omnes illi Frysones qui manserint in cometiis comitis Lodewici, 
illos habebit; reliquos omnes habebit comes Otto, qui venerint de 
sua Frisia ab alia parte. Comes Otto habebit castrum Vlotowe, 
bona in Volmarinchem et omnia illis attinentia, curiam in Vlotowe 
et omnia illic attinentia ; curiam Halvesonen et omnia illi attinentia, 
Langenholte et duas domos in Beken ; item advocatiam super totam 
villicationem Volbrachtinchen et omnia illi attinentia, et advocatiam 
super curiam Halteren et omnia illi attinentia; ista duo excepta 
sunt ab advocatia Burghorst. Per predicta comes Lodewicus sepa- 
ratus est ab omni hereditate patris sui, excepto eo, quod bona 
propria et hereditaria, que adhuc non sunt divisa, ubicunque fuerint 
reperta, ilia dividet comes Lodewicus et eliget comes Otto. Idem 
erit de ministerialibus non divisis. 

Huic compositioni interfuerunt et testes sunt: dominus Wil- 
brandus Paderburnensis episcopus, comes Hinricus de Aldenburg, 
dominus Hermannus de Lyppia et Bernardus filius eius, Goscalcus 
de Loon, Conradus de Wardenbergh, Willikinus de Blankena, Floren- 
tius et Wescelus de Quernheym, Herbordus de Spredowe, Fredericus 
Sniphard, Alexander de Bekesete, Conradus de Gollensteden, Ber- 



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48 

trammus Spryk, Alexander Hoved, Albertus dapifer, Rembertus de 
Rotynghen, Albero Bune, Helmericus de Dole, Erhardus et Wernerus 
fratres de Othelinge, Helmicus Vrydag, Nycolaus dapifer de Vlotowe, 
Arnoldus de Vurvere, Hermannus Materunt, Johannes de Paderburne, 
Detmarus Boso, Arnoldus pincerna, Johannes de Vorde, Hinricus 
gogravius, Jordanus, Hermannus de Vurwerc, Wydekyndus de Gre- 
vene, Swithardus dapifer et alii quam plures. 

Acta sunt anno Domini M°CC° vicesimo sexto, kalendis Maii, 
imperante Romanorum imperatore Frederico. 

Ut autem hec omnia nulli veniant in dubium, de consensu 
partium conscripta est hec littera et est communita sigillis istorum : 
domini W. Paderburnensis episcopi, comitis Hinrici de Aldenburgh, 
Hermanni de Lyppia, comitis Ottonis et comitis Lodewici fratrum 
de Ravensberghe. 

In diesem Vertrage fallt zunachst auf, dass der jungere Bruder 
Ludwig diejenigen Besitzungen erhalt, von welchen das Haus seinen 
Namen tragt, namlich Ravensberg und Zubehor; die Folge davon 
ist, dass in Zukunft nur noch Ludwig als Graf von Ravensberg 
erscheint, wahrend Otto sich den Titel eines Grafen von Floto beilegt, 
ohne jedoch nun auch den neuen Titel ausschliesslich zu gebrauchen. 
Ferner muss es auffallen, dass von einer ganzen Reihe von Besitzungen, 
welche wir in der Folgezeit in den Handen Ottos finden und die 
schon Hermann besessen, in jenem Vertrage absolut geschwiegen 
wird. Schon hieraus kann man folgern, dass der zitierte Satz sepa- 
ratus est ab omni hereditate patris sui keinesweges sagen will, dass 
alle nicht namhaft gemachten Besitzungen, die Otto sonst noch hat, 
als Erbteil seiner Mutter haben soil, worauf Ludwig von vornherein 
keinen Anspruch erhoben habe, so namentlich auf Vechta, Haseltinne 
und Frisland, — in bezug dieser ist nur von gewissen Klassen von 
Dienstleuten, also Personen, die Rede. Diese hereditas patris will 
nur sich beziehen auf das alte eigentliche Ravensbergische Gut im 
Gegensatz 1. zu alien grossen, vielfach zerstreut liegenden Lehen 
des Ravensbergischen Hauses, welche wir spater alle in Ottos Handen 
finden, namentlich die Grafschaft in Frisland; und 2. zu dem noch 
alt em Hausgut, das der Familie zustand, bevor sie den Namen 
von jener engerischen Bergburg annahmen : das ist namentlich Vechta. 



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49 



Darin finden wir <knn auch die Erklarung, dass der jungere Bruder, 
dessen Besitzungen einen verschwindend kleinen Teil jenen gegenfiber 
bilden, welche spater als Erbgut Ottos auf Jutta und von ihr a«f 
das Hochstift Munster iibergehen, die den Namen gebenden Giiter 
erhalt, und die noch nicht einmal ganz, sondern nur zum Teil. Dieser 
Name Ravensberg aber ist der Familie erst seit einem Jahrhundert 
eigen; 1141 finden wir ihn zum ersten Male, und unserer Brilder 
Grossvater Otto I. ist es (nebst seinem Bruder Heinrich), welcher 
als Oraf von Ravensberg auftritt. Bis dahin fuhrt das Geschlecht 
den Namen „Kalvelage tf *) in Urkunden wie in Chroniken und Annalen, 
und zwar fiihrt es diesen Namen nicht von dem bei Gesmold 
liegenden Kalflage, einem mit Miihe herausgegrabenen niemals hervor- 
tretenden, zudem auch niemals zu Ravensberg gehorig gewesenen 
Gute, wie Lamey und Ledebur meinten, sondern von jener grossen 
Besitzung bei Vechta, deren Namen in der Bauerschaft „Kalvelege a 
nach Nieberdings vortrefflichen Untersuchungen bis zum Jahre 1666 
fortlebte, bis sie damals, vom Kirchspiel Lohne getrennt und zum 
Kirchspiel Dinklage geschlagen, die Bezeichnung : Bauerschaft Brokdorf 
erhielt. Verliert man diese Verhaltnisse nicht aus dem Auge, so 
wird einem der Inhalt des Teilungsvertrages vom 1. Mai 1226 in 



*) Vergl. Nieberding : Gesch. des Niederstifts Munster I, S. 131. Derselbe 
stellt folgende Genealogie des Kalvelagischen Hauses auf: 

Bernhard L Graf im Gau Dersaburg 980. 
Hermann 1020. (Thriburi in pago Saxonico Westphala 
in comitatu Herimanni Comitis.) 

Bernhard II. Graf 1051 (im Bistum Osnabriick). 

-*■ 

Hermann II. 1105 
Gem. Ethelinde, T. Ottos v. Nordheim. 



(Bernhard?) 



(Otto?) 



Hermann III. 

1115—1134 



Otto I. 
Gr. v. Ravensberg 1141—1170 
Gem. Uda. 



Heinrich 

Gr. v. Ravensberg 

1158—1175 



Hermann IV. 1166- 
Gem. Jutta 1200 



-1218 



Hadawig (Sophia) 

1166 
Gem. Gr. Gerhard v. Dale 

Heinrich G. v. Dale. 



Otto II. 



Jutta. 



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60 

seiner Bedeutung nicht zweifelhaft sein konnen: Otto der Hit ere 
bleibt im Besitz aller „Kalvelagischen a Giiter, auf welche Ludwig 
keinen Anspruch erhebt, er zieht sich auf dieselben zuruck, wohnt 
zuerst in Vechta, griindet dort auf seinem Patrimonium das Kloster 
Bersenbriick, *) in welchem er und seine Gattin die letzte Ruhestatt 
fanden — seine Gemahlin und Tochter nennen sich spater Grafinnen 
von Vechta; — wahrend der jiingere Ludwig auch die jiingern Be- 
sitzungen des Hauses, also die Ravensbergischen und auch diese nur 
zum Teil erhalt, so dass er in Zukunft den Ravensbergischen Namen 
weiterf&hrt und damit der Stifter der jiingern Linie Ravensberg wird. 
Diesen Verhaltnissen mussen wir nun naher auf den Grand 
gehen, und da stosst unserer Betrachtung zunachst jene Urkunde 
auf, welche der ungluckliche, beklagenswerte Sohn Friedrichs II., 
Konig Heinrich VII. angeblich am 20. September 1224 bei Herford 
ausstellte. Dieses schon mehrfach sowohl wegen seiner Form als 
auch wegen seines Ausstellungsdatums besprochene Diplom besagt 

folgendes: „ Discretioni igitur tarn futurorum quam presen- 

tium sane providere curantes, manifeste declaramus, quod nos apud 
Herevordiam constituti et iter nostrum versus Albiam dirigentes, 
interveniente felicis recordations Enkelberto Coloniensi archiepiscopo, 
dilecto ac fideli nostro, nobili domine Sophie, uxori comitis Ottonis 
de Ravensberg, feodaliter porreximus cometiam in Emesgonia, curiam 
in Lage, curiam in Borcen, et eis attinentia, monetam in Emethen, 
theloneum in Emesa, curiam et theloneum in Lunne, in Vegte, in 
Bilevelde, in Vlotowe et omnia feoda, que predictus comes Otto ab 
imperio et antecessoribus nostris et nostra manu tenebat et quiete 
possidebat. Acta sunt hec anno gratie m°cc°xxjjjj , xjj° Kalendas 
Octobris a — v. Ledebur meinte bei seiner Besprechung dieser 



'*) 1231. Moser, Osnabr. GescH. HI. S. 291 Nr. 151. — Ob auch Jutta 
ihrem Wunsche gemass in Bersenbriick begraben worden ist oder in Montjoie, 
kann ich anch in Kornelimiinster, so nahe ihrer zweiten Heimat, nicht entscheiden ; 
ich behalte mir vor, * bei gelegener Zeit ein Gesamtbild der Lebensgeschichte 
dieser interessanten Fran zu entwerfen und dabei auch namentlich den Sagen 
nachzugehen, welche sich in erster Linie im Emslande um die fast diabolische 
Gestalt der „Frau von Mundelo" gewoben haben, und aus denen sie fast wie 
eine Vorgangerin unserer quaden Foelke heraustritt. 



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51 

Urkunde: 1 ) „Graf Otto ist wahrscheinlich abwesend und be;iutzt 
Sophie die Durchreise des Konigs zur Elbe, die Rechte ihres Gemahls 
emeuern zu lassen, wahrscheinlich gegen Ottos Bruder Ludwig oder 
gegen den Grafen von Tecklenburg und den Bischof von Osnabruck." 
Es fragt sich zun&chst: „Wann ist die Urkunde abgefasst?" Da 
nur von einer einzigen Grafschaft, dem Komitat im Emsgau, in einer 
Urkunde von 1238 einfach „Frisia tf genannt, die Rede ist, so konnte 
man beim oberflachlichen Ansehen der Urkunde leicht die Meinung 
gewinnen , als sei dieselbe erst nach dem Teilungsvertrage vom 
1. Mai 1226 ausgestellt worden; allein einmal handelt es sich hier 
nicht um die Gesamtbesitzungen der Ravensberger, namentlich nicht 
urn die Allodien, sondern lediglich um die im Besitze des Ravens- 
bergischen Hauses befindlichen Reichslehen und Regalien, und 
ferner kommen in der Urkunde Namen von Ortschaften vor* welche 
im Teilungsvertrage Ludwig ubergeben werden. Somit kann die 
Urkunde nicht nach dem Vertrage vom 1. Mai 1226 ausgefertigt 
sein. Nun aber wird in dem Diplome selbst der Ratgeber Konig 
Heinrichs und Reichsverweser wahrend der jahrelangen Abwesenheit 
Kaiser Friedrichs in Italien, Erzbischof Engelbert der Heilige als 
verstorben bezeichnet und doch angegeben, dass auf seinen Rat hin 
die Belehnung der Grafin Sophie stattgefunden habe; zudem steht 
Engelbertus archiepiscopus an der Spitze der Zeugen, welche 
charakteristisch genug mit dem Perfektum „interfuerunt" und 
nicht mit dem ublichen „ testes sunt" eingeleitet werdeik Nun 
aber wurde Erzbischof Engelbert am 7. November vom Grafen von 
Isenburg ermordet, somit kann die Urkunde nicht vor dem 7. No- 
vember 1225 erlassen sein. Demnach muss man annehmen, dass 
die Urkunde bei der Durchreise Heinrichs durch das Ravensbergische 
Gebiet am 20. November 1224 konzipiert, dagegen erst nach dem 
Tode des Erzbischofes Engelbert, also zwischen dem 7. November 1225 
und dem 1. Mai 1226 von der Koniglichen Kanzlei, welche das 
Datum des eigehtlichen Ereignisses beibehielt, ausgefertigt und von 
Heinrich vollzogen wurde. Ledebur aber irrt in den Vermutungen, 
welche er beztiglich des Zweckes des im Diplom ausgesprochenen 



*) „Vlotho" S. 24. 

4* 



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52 

Aktes aufstellt: es handelt sich mit nichten urn eine Erneuerung 
der Belehnungen Ottos von Ravensberg, sondern, wie der Wortlaut 
deutlich genug bekundet, um die direkte Belehnung Sophiens mit 
den Giitern, welche ihr Gemahl vom Reiche besitzt; wir haben es 
— allerdings auffallend genug — mit der Ubertragung der Lehen 
an die Person Sophiens zu thun: eine Erneuerungsurkunde f&r 
Otto wiirde eine ganz andere Form angenommen haben. Wie sollen 
wir uns das erklaren? Glticklicherweise haben wir den Schlussel 
dazu in einer ganzen Reihe von Urkunden, welche alle auf dasselbe 
Ziel hinsteuern, wie unser Konigsdiplom vom 20. September 1224. 
Wir wiBsen, dass die Ehe Ottos und Sophiens jahrehindurch 
kinderlos blieb, und dass, als sie endlich gesegnet wurde, eine einzige 
Tochter, welche den Namen der Mutter Ottos empfing, die einzige 
Erbin des reichen Grafen und seiner Gemahlin war und blieb. l ) 
So lange keine Leibeserben vorhanden waren, ging das Streben 
Sophiens, welche die Energie ihrer oldenburgischen Stammfamilie 
voll und ganz geerbt zu haben scheint, wahrend Otto, ihr Gemahl 
in dieser Hinsicht kein allzu grosser Held gewesen sein muss, dahin, 
sich fur den Fall des Todes Ottos vom reichen und ausgedehnten 
Besitztum der Ravensberger mehr zu erhalten, als ihr Wittum ihr 
zu bieten vermochte ; und spater dehnte sich alsdann dieses Streben, 
deren Spitze allerdings gegen den Schwager Ludwig, als den mut- 
masslichen Erben Ottos sich richtete, aus auf ihre kleina Tochter. 
Den Beweis daftir liefern uns verschiedene Urkunden, in denen sie 
sich nach und nach von den betreffenden verschiedenen Lehnsherren 
alle Lehen ihres Mannes iibertragen lasst: eine Prozedur, welche in 
solcher Ausdehnung und solch' systematischer Konsequenz ihres- 
gleichen suchen diirfte. Und dabei ist es aussert interessant, den 
Inhalt dieser Belehnungen mitbezug darauf zu priifen, ob Sophie 
noch kinderlos ist, oder ob Jutta schon existiert, oder ob diese 
endlich schon verheiratet ist, was 1242 geschieht. Die erste in 
der Kette der Belehnungen aber ist die, welche im besprochenen Diplom 



*) Ob spater noch ein Sohn Ottos und Sophiens, der den Namen seines 
vaterlichen Grossvaters getragen haben soil, vorhanden gewesen sei, erscheint 
mir nach dem, was Ledebur beibringt, mehr als zweifelhaft. 



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53 

von 1224 ihren Ausdruck findet. Ich setze die samtlichen Urkunden 
hierher : 

1. Paderborn. 1. 1226. Bischof Wilbrand Graf von Olden- 
burg: „ In nomine sancte et individue Trinitatis. Wilbrandus Dei 
gratia Paderburnensis episcopus omnibus hoc scriptum inspecturis 
salutem in vero salutari. Acta solempniter successu temporis debet 
oblivio, nisi quoque stabili literarum fulciantur firmamento. Ad 
notitiam igitur tarn futurorum quam presentium volumus pervenire, 
quod nos ad petitionem nobilis viri comitis Ottonis de Ravensberghe 
dilecte nepti nostre Sophie, uxori sue, omnia pheoda, sive dapiferatum, 
sive magistratum foresti, *) sive advocatias, sive decimas, sive que- 
cumque alia predia, que idem comes de manu nostra et ecclesia tenet 
Paderburnensi , apud Osnabruke iure concessimus feodali. Ne quis 
igitur in posterum dicte domine Sophie super eodem facto .nostro 
calumpniari presumat , presens instrumentum conscribi et. fideliter 
conscriptum sigilli nostri impressione ac testium annotatione fecimus 
communiri. Acta sunt hec anno dominice incarnationis m°cc° vicesimo 
sexto, indictione quarta decima. Testes huius rei sunt . . . . a u. s. w. ? ) 
Von Jutta kann noch keine Rede sein, weil sie noch nicht existiert. — 
Nachdem Wilbrand auf den Ctrechter Stuhl befordert worden, erfolgt 
eine neue Belehnung seitens seines Nachfolgers : 

2. 1243, sept. 17. Bischof Bernhard IV. : „Bernardus Dei 
gratia Paderburnensis episcopus. Omnibus hanc literam inspecturis 
notum esse volumus, quod nos domine comitisse Sophie de Vlothowe 
usufructum, qui in vulgari dicitur lyftucht in bonis 
omnibus, que maritus eius comes Otto in iusto feodo a nobis et 
antecessoribiis nostris tenet, publice contulimus. Super quo ipsam 
bulle nostre et literarum testimonio communimus. Huius rei testes 
sunt .... Datum a. D. m°cc°xljjj, pontificatus nostri anno xvj°, 
in die beati Lamberti martiris." 8 ) Hier wird Juttas gleichfalls nicht 
erwahnt, trotzdem sie existiert; aber sie ist bereits verheiratet 



1 ) Wilmans bemerkt: „Nach Schaten a. a. 1321 empfing der Graf von 
Ravensberg vom Bischof von Paderborn zu Lehen : satrapiam Sparenbergensem, 
yenationem in sylvis et decimas" — aber das sind ja Ludwigs Nachkommen. — . 

2 ) Westf. Urkb. Ill, 230. 
s ) Westf, Urkb. Ill, 412. 



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54 

(1242, wie die Urkunde des Grafen Otto von Tecklenburg ftir die 
Johanniter-Kommende zu Steinfurt darthut) *), also aus der elter- 
lichen Gewalt entlassen. Daher 1st sie die eigenthcbe Erbin der 
Lehen, und daher auch der grosse Unterschied , welcher zwischen 
beiden Paderbornern, 17 Jahre auseinander liegenden Urkunden be- 
steht: in der erstern tritt Sophie Ottos Lehen der Paderborner 
Kirche als Erbin und voile Lehnsherrin an; 1243 aber erhalt sie 
nur mehr den Niessbrauch derselben. 

II. Osnabruck. 3. 1227. Bischof Otto I. : „In nomine sancte 
et individue Trinitatis. Otto Dei gratia Osnaburgensis ecclesie epi- 
scopus notum esse cupimus omnibus, ad quos presens scriptum per- 
venerit, quod nos pensata fidelitate et devoto affectu, quern comes 
Otto de Ravensberghe in negotiis et factis Osnaburgensis ecclesie 
antece^soribus nostris et nobis constanter exhibuit, omnia bona, que 
de manu nostra tenuit quocunque iure vel tytulo, uxori sue Sophie 
non eo iure quod vulgo lyftucht dicitur, sed in feodo perpetuo 
indissolubili concessione contulimus possidenda. Ut autem hec stabilia 
et illibata permaneant, presens scriptum inde datum sigilli nostri 
appensione robur habere fecimus firmitatis. Testes huius rei sunt .... 
Acta sunt hec anno gratie m°cc vicesimo septimo." 2 ) Jutta wird 
noch nicht erwahnt, weil sie noch nicht geboren ist. 

III. Corvey. 4. 1230. Abt Hermann von Holte : „Hermannus 
Dei gratia Corbiensis abbas omnibus huius pagine inspectoribus 
notum esse cupimus quod nos bona feodalia, que comes Her- 
mannus et comes Otto filius suus ab ecclesia Corbiensi tenuerunt, 
uxori prefati comitis Ottoni de Ravensberghe comitisse Sophie iure 
feodali ad instantiam petitionis et mandati domni Henrici regis 
Romanorum porreximus. Ut autem hec rata et inconvulsa per- 
maneant, ne in posterum aliquis successorum nostrorum infringere 



1 ) 1242, juli 25. Otto Dei gratia comes de Teckeneburg, Methildis uxor 
sua, Heinricus filius eorum et Jutta uxor sua .... schenken der Johanniter- 
Kommende zu Steinfurt den Hof Sever ding. Datum anno Domini m°cc°xljj 
ipso die Jacobi apostoli. — Westf. Urkb. Ill, 399. Juftas Vermahlung hat demnach 
nicht erst, wie Ledebur „Vlotho" annimmt, nach Ottos II. am 11. November 1244 
erfolgten Tode, sondern noch zu dessen Lebzeiten stattgefunden. 

2 ) Westf. Urkb. Ill, 248, 



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55 

possit, hanc paginam sigillo nostro impressum corroboravimus. 
Testes huius facti sunt .... Acta sunt hec anno dominice in- 
carnationis m°cc°xxx°, prelationis nostre anno septimo." *) Sophie 
tritt das voile Lehen an, Jutta ist noch nicht geboren. 

IV. Minden. 5. 1239. Bischof Wilhelm: „I. n. s. e. ind. Tr. 
Wilhelmus Dei gratia Myndensis episcopus ecclesie notum esse cupimus 
omnibus ad quos presens scriptum pervenerit, quod nos, pensata 
fidelitate et devoto affectu, quern comes Otto de Ravensbergh in 
negotiis et factis Myndensis ecclesie antecessoribus nostris et nobis 
constanter exhibuit, omnia bona que de manu nostra tenuit quo- 
cunque iure vel tytulo uxori sue Sophie, non eo hire quod vulgo 
dicitur esse lyftucht, sed in feodo perpetuo indissolubili concessione 
contulimus possidenda. Ut autem haec stabilia et illibata permaneant, 
presens scriptum inde datum sigilli nostri appensione robur habere 
fecimus firmitatis. Igitur noverint universi, quod nos omnia bona 
que comes 0. dictus a nobis tenuit filie sue Jutten eo iure, quo 
matri eius Sophie prenominate, possidenda contulimus. Testes 
huius rei sunt .... Acta sunt hec anno Domini m°cc° tricesimo 
nono." 2 ) „Non eo iure quod vulgariter dititur lyftucht", sondern 
als voiles unlosbares Lehen hat urspriinglich Sophia die Besitzungen 
der Mindener Kirche, soweit sie Ottos Lehen waren, erhalten; aber 
Jutta lebt, ist jedoch noch nicht verheiratet, und so erscheinen beide 
Damen als Erben. Nachdem dies einmal stipuliert, — ein anderer 
Fall als der Paderborner, wo die erste Belehnung ffir Sophia allein 
geschah, folgt dann eine gleiche zwejte Belehnung mit direkter 
Berufung auf die von 1239, gleich nach Regierungsantritt des Nach- 
folgers Wilhelms : 

6. 1243. Bischof Johann: „ Johannes Dei gratia Myndensis 
episcopus. Universis presentem literam inspecturis salutem in Domino. 
Geste rei notitia propagatur in posteros, cum venit auctoritas et 
robur firmius a testimonio literarum. Notum igitur esse cupimus 
universis, quod nos inspecto privilegio antecessoris nostri W(ilhelmi) 
pie memorie, ea bona, que comes Otto de Ravensberghe et Sophia 



») Westf. Urkb. IU, 280. 
?) Westf. D?kb. IU, 359, 



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56 

uxor et filia Jutta ab eo tenuerunt in feodo, iustitia exigente, eisdem et 
nos porreximus in feodo iugiter possidenda. Ut autem hec ipsis rata 
permaneant et inconvulsa, presentem conscribi paginam fecimus bulle 
nostre appensione roboratam. Huius etiam rei testes sunt .... Acta 
iuxta Thehem a. D. m°cc°xljjj°, pontificatus nostri anno primp." *) 

V. Koln. 7. 1241. Herford. Erzbischof Konrad von Hostaden : 
„ Conradus Dei gratia sancte Coloniensis ecclesie archiepiscopus. Uni- 
versis hoc scriptum inspecturis salutem in eo, qui est salus omnium. 
Noverit universitas tarn presentium quam futurorum, ad quos presens 
pagina pervenerit, quod nos omnia bona que comes Otto N vir nobilis 
de Kavensbergh a nobis tenet et ab ecclesia nostra in feodo, uxori 
sue comitisse Sophie et filie sue Jutte in feodo contulimus per- 
petuo possidenda. Ut autem hoc firmum permaneat et inconvulsum, 
per appensionem bulle nostre confirmamus. Viderunt et audive- 
runt . . . ." 2 ) Jutta ist noch unvermahlt, daher werden die Lehen 
beiden Grafinnen iibertragen. 

VI. Bremen. 8. (1224—1232?) Erzbischof Gerhard II. (reg. 
von 1219 bis 1258): „G. Dei gratia sancte Bremensis ecclesie 
archiepiscopus Sophie comitisse de Ravensberghe salutem et omne 
bonum. Per presentes literas usufructum bonorum, que dilectus 
noster comes Otto maritus vester a nobis in feodo tenuit et recepit, 
vobis transmittimus." 3 ) • 

Am Ende aller Diplome erscheint dann 9. dasjenige, welches 
in merkwiirdiger Fiigung zuruckgreift auf das erste, die Kette eroff- 
nende. Zu Aquapendente erlaubt im Monate April 1244 Kaiser 
Friedrich II., dass das Reichslehen in Frisland nach Ottos Tode 
lebenslanglich von dessen Gattin und Tochter besessen werden solle. 4 ) 
Es moge gestattet sein, auch diese fur uns so wichtigen Zeilen noch 
hierher zu setzen: „Fredericus Dei gratia Romanorum imperator 
semper augustus, Jherusalem et Sicilie rex. Per presens scriptum 
notum fieri volumus universis imperii fidelibus tarn presentibus quam 
futuris, quod comes Otto de Flotowe dilectus et consanguineus et 



*) Westf. Urkb. Ill, 417. 

2) Westf. Urkb. Ill, 392. 

8 ) Westf. Urkb. Ill, 540, 3. 

4 ) Westf. Urkb, III, 420, 0, U. II, 1677, 



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57 

fidelis noster nostre celsitudini supplicavit, quatenus feodum in 
Frysia situm, quod a nobis et imperium tenet, uxori sue 
Sophie et filie quam ex ipsa suscepit, fidelibus nostris, si eum ipsis 
premori contingeret, ad vitam utriusque earum successive tenendum 
concedere de nostra gratia dignaremur. Nos igitur attendentes puram 
fidem et immensam devotionem, quam idem comes ad excellentiam 
nostram et imperium gerit, nee non grata valde et fidelia servitia 
que culmini nostro exhibet incessanter, suis supplicationibus grato 
concurrentes assensu idem feodum predictis uxori sue et filie si eum 
ipsis premori contingeret, ad vitam utriusque earum successive 
tenendum de liberalitatis nostre munificentia duximus cpneedendum, 
presentis scripti mandantes edicto, quatenus nullus sit qui eas in 
predicto feodo contra presentis concessionis nostre paginam temere 
impedire vel molestare presumat. Quod qui presumpserit indigna- 
tionem nostri culminis se noverit incursurum. Ad huius igitur nostre 
concessionis futuram memoriam et stabilem firmitatem presens scrip- 
turn fieri et maiestatis nostre sigillo iussimus communiri. Datum 
apud Aquam pendentem, anno dominice incarnationis m°cc° quadra- 
gesimo quarto, mense Aprile, secunde indictionis. u 

1242 war der ungliickselige Kaisersohn Heinrich gestorben; das 
mochte zunachst in Otto von Ravensberg raid den Seinigen den Wunsch 
rege machen, vom Kaiser selbst, der fern in Italien weilte, eine Be- 
statigung des koniglichen Diplomes von 1224 zu erlangen; dann 
aber auch mochte das hohe Alter des Grafen ihn und die Familie 
daran gemahnen, dass bald jener Fall eintreten kdnne, welchen man 
in den erstrebten Urkunden so oft vorausbedacht hatte, und dass 
dann die frisische Grafschaft den Erben nicht fehlen durfe. Und 
in der That ist dieser Fall nicht gar lange nach dem Erlass der 
kaiserlichen Urkunde beziiglich des frisischen Reichslehens einge- 
treten: am 11. November desselben Jahres l ) schloss Otto, der letzte 
weltliche Graf im frisischen Emsgau des Mittelalters die Augen 



l ) Zu den bisher beigebrachten Beweisen fur den 11. November als den 
Todestag Ottos mochte ich noch die Urkunde anfuhren vom 12. Mai 1248 

Bersenbruck : „ Sophia Dei gratia, Jutta ipsius filia Comitissae de Vechta 

notum esse volumus, quod Godefridus de Tynen cum fratribus suis et con- 
sanguineis, in nostra constitutes praesentia, proprietatem domus in Tynen 



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58 

zum ewigen Schlafe; Sophie und Jutta traten sein ganzes, grosses 
Erbe an, welches sie sich durch zahlreiche Diplome gesichert hatten. 
Die Bedeutung der Urkunde vom 20. September 1224 ist ftlr unsere 
Geschichte damit in das rechte Licht getreten. 

An dieser Stelle mochte ich einen Augenblick bei jenen Ereig- 
nissen der dreissiger Jahre verweilen, deren Emo von Wittewerum 
in seiner Chronik erwahnt, und von denen wir tiberhaupt nur durch 
ihn Kunde erhalten haben. Im Jahre 1231 brach ein blutiger Kampf 
aus zwischen den frisischen Reiderlandern und den Eingesessenen 
von Aschendorf. Die Reibereien nahmen dadurch ihren Anfang, dass 
die Bewohner der Aschendorfer Gegend, d. h. also Oberemsgauer, 
die ihre Markte besuchenden Reiderlander insultierten. Zweifelsohne 
mtissen derartige Beleidigungen * der Reiderlander seitens der Ems- 
gauer haufiger vorgekommen sein: genug, endlich lief, urn mich 
eines vulgaren Ausdruckes zu bedienen, den Reiderlandern die Galle 
iiber; sie erhoben sich, reich und arm, die grossern Grundbesitzer 
wie die Hausleute, und setzten in hellen Haufen fiber die Ems, um 
an den Gegnern Rache zu nehmen ; allein trotzdem sie an Zahl ihren 
Feinden weit iiberlegen waren, wurden sie dennoch im offenen Pelde 
geschlagen und auf die Ems zuruckgejagt ; fast alle vornehmen und 
durch ihren Reichtum angesehenen Reiderlander wurden von den Ems- 
gauern gefangen genommen ; andere suchten ihr Heil in der Flucht, 
sie wandten sich dem Flusse zu, um zu Schiffe oder schwimmend 
das linke Ufer zu erreichen, allein sie erreichten keine Fahrzeuge 
und wurden so gleichfalls zu Gefangenen gemacht oder versanken 
in den Fluten. Die Schlacht fand im Jahre 1234 statt. *) Fragen 
wir nach den Ursachen dieser glanzenden Niederlage vieler durch 



unanimi voto et consensu communi Deo et beatae Mariae et conventui in Bersen- 
brugge perpetna donatione nobis consentientibns contulerunt, conditione tali 
sibi servata, ut annnatim in die S. Martini de bonis eisdem vj solidos 
denariorum osnabrugensis monetae sacristae in Bersenbrugge ad lumen per- 
petuum de ipsis coram sepulchro Comitis Ottonis piae memoriae procurandum 
persolvere teneantur" u. s. w. Moser 1. c. III. Nr. 227. 

*) „ Annus etiam fuit quartus guerre Hreidensium cum parochianis de 
Eskathorp et fautoribus suis. Hreidenses quippe postquam offensi fuerant 
propter iniurias ipsis illatas redeuntibus vel etiam euntibus ad nundinas fre- 
quenter, indicto bello indocti a4 arma et inernies cum pilleis pennat^s et ecjuis 



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59 

wenige, so lasst Emo selbst einen Grand dtfrchblicken, wenn er 
sagt: „indicto bello indocti ad arma et inermes cum pilleis pennatis 
et equis impinguatis congressi sunt in campo trans Emesam" ; 
d. h. also die Oberemsgauer waren beztiglich ihrer Waffen nament- 
lich durch ihre Schiitzen und ihre Reiterei (Ritter) den Reiderlandern 
weit ftberlegen, diese aber verstanden von der offenen Feldschlaeht 
wenig und waren zudem sehr schlecht bewafihet. Das wttrde fiir 
uns ziemlich unverstandlich und auch bedeutungslos sein, wenn nicht 
Emo uns die Gegner der Reiderlander etwas naher gekennzeiobnet 
hatte, indem er hervorhebt: „ duces adverse partis fuerunt Stephanus 
et Eustachius et milites de castellulo Fresenberch sub comite de 
Ravenesberch", d. h. demnach: „die Anftlhrer der Gegenpartei waren 
Stephan und Eustach und die Ritter von der Burg Fresenberch unter 
dem Grafen von Ravensberg". Wer die beiden ersten Herren sind, 
mag dahin gestellt bleiben, aus dem letzen Zusatze geht hervor, 
dass Graf Otto selbst seinen bedrangten Unterthanen zuhilfe kam 
und zwar indem er die Ritter und Burgmanner aus dem Kastell 
Vresenborg — (denn das ist jenes Fresenberch) — wider die Reider- 
lander aufbot. Allem Anscheine nach waren Stephan und Eustach 
des Grafen Schulzen in jener Gegend oder die Kommandanten von 
Vresenborg, wenn aber — woran der Text einen Zweifel schwerlich 
gestattet, — Otto selbst herbeieilt von Vechta, um den schnellen Feld- 
zug gegen die Reiderlander zu leiten, so erblicken wir darin die Bedeu- 
tung, welche der Graf jenem Aufstehen der seinen Emsgauern benach- 
barten Frisen beimass ; und diese Bedeutung tritt in ein um so helleres 
Licht, wenn man bedenkt, dass wir hier bereits zubeginn jener Tage 
stehen, in denen die allmahliche Loslosung einzelner frisischer Gaue 
von der Grafengewalt ihren Anfang nimmt, wo man bereits am Up- 
stallsboom tagt, und wo das Volk selbst den Schutz des Landfriedens 



impinguatis congressi sunt in campo trans Emesam, et disposito acie ipsorum 
in multitudine gravi irruerunt hostes, licet pauci, et versa est mnltitudo in 
fugam secus Emesam in obliquum, et pene omnes nobiles vel divites capti 
sunt, alii alias fugientes naves non apprehenderunt et amni se crediderunt et 
in eo capti sunt vel submersi. Duces adverse partis fuerunt Stephanus et 
Eustachius et milites de castellulo Fresenberch sub comite de Ravenesberch, 
qui consilio pacinco usi reddiderunt captivos. Et sic aliquamdiu quieverunt u . 
Emonis chronicon M. Q. SS. xxjjj p. 517. Feitfr u. Acker — Stratingh p. 131. 



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60 

in die Hand niramt. Otto scheint die Tragweite solcher Dnruhen in 
Frisland richtig beurteilt und auch Vorsichtsmassregeln getroffen zu 
haben, am seine eigene Herrschaft zu sichern. Wenn er einmal 
nach der angef&hrten Schlacht die Gefangenen, also namentlich die 
vornehmen Beiderlander freigab und so fiir eine Zeitlang wenigstens 
den Frieden herstellte, so unterliess er es auch vor allem nicht, die 
Ems hinunter und. vorzfiglich unmittelbar an der frisischen Grenze 
alte Besitzungen instand zu halten und neue Burgen uud Hofe zu 
erwerben und als Stfitzpunkte gegen ein Ubergreifen benachbarter 
Frisen oder eine etwaige Revolution der eigenen Emsgauer her- 
zurichten. Ich nenne da namentlich Landeck und Vrisenborg, und 
bin geneigt, jene noch nicht friiher plazierten Orte oder richtiger 
Burgen Borzhem und Lare der besprochenen Urkunde von 1217, *) 
oder Lage und Borcen, wie sie in der Urkunde vom 20. September 
1224 heissen, *) gleichfalls hierher zu zahlen. Friedlaender bezeichnet 
die beiden ersten (Borzhem und Lare) nach dem Yorgange alterer 
frisischer Schriftsteller direkt als das Emder Borssum und als Leer, 
wahrend er „Lage und Borcen" nur mutmasslich als Borssum und 
Leer angiebt. Ich glaube nicht, dass solches richtig ist, vielmehr 
suche ich beide Orte in der Nahe der jetzigen frisischen Grenze, 
allerdings noch auf vielleicht friiher frisischem Boden, und glaube 
sie in den bei Aschendorf unmittelbar an der Ems liegenden Ort- 
schaften Borsum und Lahre zu finden. 8 ) Was mich dazu vor allem 
bestimmt, ist der Umstand, dass nach der Abtretung der Ravens- 
bergischen Giiter an das Hochstift Minister dieses immer nur um 
Emden einzig und allein in Frisland zu kampfen hat, nie- 
mals aber auch nur einen einzigen Schritt zur Wiedergewinnung des 
gleichfalls verlorenen Borssum und Leer, sei es bei den Hamburgern 
oder bei Focko Ukena , thut. 4 ) Was uns an historischen tlber- 
lieferungen geblieben ist, lasst wie gesagt nur darauf schliessen, dass 



*) 0. U. I, 14. 

*) 0. D. I, 15. 

8 ) Lahre ist jetzt Bauerschaft, eingepfarrt zu Bokeloh bei Meppen. Vergl. 
Diirre, Zeitschr. des munsterschen Altertumsvereins 1883 S. 58 und 127; der- 
selbe halt Bocla fiir Bokeloh. 

4 ) Das Verhaltnis zum letztern gestaltet sich bekanntlich besonders eigen« 
tumlich, so dass hiervon ein Beweismittel uicht genommen we^c(en kann. 



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61 

Graf Otto II. seine Grafschaft im Emsgau dadurch zu sichern suchte, 
dass er den Weg von Vechta und Haselunne bis nach Frisland 
moglichst befestigte und so die entfernte, Unruhen ausgesetzte Pro- 
vinz moglichst fest mit seinen Stammlanden verband. Aus demselben 
Grande wird er auch spater den Hof Bokel vom Grafen Gerbert 
von Stoltenbroke gekauft haben , fiber welchen Kauf uns aus dem 
Jahre 1242 folgendes Dokument erhalten ist 1 ): „Gerebertus Dei 
gratia comes de Stoltenbroke. Scire cupimus universos Christi fideles, 
tarn presentes quam fiituros, quod nos de consensu soceri nostri 
comitis Ottonis de Oldenborgh et ; de consensu et consilio uxoris 
nostre S(alome) cometisse, predium eius quod hire hereditario in 
partem suam cecidit, scilicet curtem Boclo comiti Ottoni de Ravens- 
berghe et uxori sue S(ophia) comitisse pro cc et Ix marcis vendidimus 
simpliciter cum omnibus attinentiis et eo iure quo nos possidemus. 
Praeterea uxor nostra iam dicta coram iudicio quod in vulgari dicitur 
vrydynch, dictam curtem eo iure, quo iustum fuit, comiti Ottoni 
iamdicto et sue uxori erogavit, omni suo iure postposito. Et hec 
sigilli comitis Ottonis sepe dicti et nostri testimonio roboramus. 
Testes huius rei sunt .... Actum est a. D. m°cc°xljj°. a Es ist das 
Bokel bei Aschendorf, welches das miinstersche Kopiar als curtis Boclo 
sita in Fry si a, also noch auf frisischem Boden gelegen bezeichnet. 
Bereits Diepenbroeck (Geschichte des Amtes Meppen) deutet es also 
und ihm folgen Behnes und Wilmans. Behnes bemerkt noch, dass 
„ bei Aschendorf auf der Heifle am Wege nach Bokel hin der freie 
Vehm-Gerichtsstuhl lag ; das Gericht horte um die Mitte des 16. Jahr- 
hunderts auf". Am 14. Marz 1243 gestattet Konig Konrad IV. zu 
Hagenau „intuentes grata servitia, que nobis Otto comes de Ravens- 

bergh hactenus exhibuit ut auctoritate nostri culminis liberum 

forum (also einen Freimarkt) apud Bugklo constituendi liberam habeat 
facultatem". Wie Wilmans (1. c. Ill, 409) hinzufilgt, besage das 
miinstersche Domkopiar in der Cberschrift zu Bugklo: „in Emes- 
lande", so dass also an der Lage des Ortes nicht im geringsten zu 
zweifeln ist. 2 ) 



») Westf. Urkb. HI, 405. 

a ) Ober sonstige Ausubung von Hoheitsrechten im Emsgau seitens Otto II. 
von Ravensberg ist una noch folgende Urkunde vom Jahre 1242 erhalten, 



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62 

Hierbei ist dann auch noch eines zweiten Kampfes der Reiderlander 
mifc den Emsgauern zu erwahnen > welcher der von Emo angegebenen 
Zeit nach eigentlich zwei Jahre vor der erwahnten Schlacht von 1235 
stattgefanden haben miisste. Der alte Monch erzahlt den Hergang 
ailso: „Die Unteremsgauer hatten einen Reiderlander ertrankt, well 
er die zum Markte ziehenden Emslander zu pliindern versuchte. 
[Demnach mtissen die Raubereien wohl auf Gegenseitigkeit beruht 
hahen.] Die Emsgauer bemannten verschiedene Schiffe, durchstachen 
im Reiderland die D&mme und unterwarfen isich die nachsten Ort- 
schaften. Die Flussanwohner aber erhoben sich und trieben sie 
mannhaft aus den obern Gegenden zuriick. 1234 erbaten sich die 
Emsgauer Hilfe von ihren alten Feinden und vom Grafen von Ravens- 
berg, aber es kamen nur wenige". 2 ) Die Stelle, welche ich nur 
der Verstandlichkeit wegen hierhergesetzt habe, und die an und fur 
sich nicht viel Interesse bietet, ist etwas unklar gehalten. Dass 
die Emsgauer sich an ihren Grafen wenden, ist selbstverst&ndlich, 



in welcher der Graf dem neugegriindeten Cisterzienserinnen-Kloster zu Bersen- 
bruck den Storfang anf der Ems verleiht (Moser III, S. 342 Nr. 201.). 

Otto permissione divina Comes, Sophia Cometissa de Ravensberge omnibus 
ad quos praesens scriptum pervenerit, salutem in eo, qui est omnium salus. 
Quoties aliquid agitur, cuius memoria apud posteros haberi desideratur, 
perutile est, ut id quod agitur, scripturae testimonio declaretur, salnberrima 
enim sunt scripturarum testimonia, quae emergentibus occurrunt calumpniis, 
et rei gestae seriem immutabili declarant veritate. Qua propter universis Christi 
fidelibus notum esse desideramus, quod nos ad honorem Domini nostri Jesu 
Christi et gloriosae genetricis ejus Virginis Mariae in remedium animarum 
nostrarum et parentum nostrorum dilectis in Christo filiabus nostris Abbatissae 
videlicet et Conventui in Bersenbrugge ordinis Cysterciensis libera voluntate 
et prompto animo contulimus piscaturam in nostro dominio Emesa, 
quae vulgari nomine dicitur Storevanc, in perpetuum habendam et sine per- 
turbatione possidendam. Ne quis vero paginam nostrae donationis infringere 
vel ei ausu temerario contradicere praesumat, earn sigellorum nostrorum 
munimine fecimus roborare. Datum in Bersenbrugge Anno Domini mccxljj. 
Testes Werno Praepositus in Bersenbrugge, Joannes Capellanus in Bersenbrugge, 
Herbordus de Spredowe et filius suus Herbordus, Hermannus Willikin, Ilfridus 
scriptor Comitis, Joannes dictus Pape, Bertramus Spric, Bertramus de Thinclage, 
Henricus dapifer, Conradns claviger. 

. 2 ) „Anno secundo post inchoatam guerram a Hreidensibus contra incolas 
Emese superiores prefatos, ortum est bellum inter Emesgones inferiores et 
Hreidenses propter quendam Hreidensem submersum, qui voluit predari venientes 



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wer aber die „ alten Feinde" simd, von denen sie gleichzeitig Hilfe 
erbitten, sagt uns Emo leider nicht, vielleicht haben wir an die 
Bewohner anderer frisischer Gaue zu denken. — 

Greifen wir jetzt noch einmal zuruck auf die bittere Fehde, 
welche zu Beginn des Jahrhunderts zwischen den Ravensbergern und 
Tecklenburgern entbrannte. Ich bemerkte schon oben, dass im 
Jahre 1231 eine erneute Aussohnung zwischen den beiden Grafen- 
hausern zustande kam. Das Missgeschick hatte namentlich bei dem 
Grafen Otto von Tecklenburg den alten Hass gegen die Morder 
seines Vaters gedampft ; das Ungluck hatte in seinem Hause gewaltet, 
indem es ihm ein Kind nach dem andern, einen Sohn und Erben 
nach dem andern fortriss, bis er endlich nur noch auf einen kleinen, 
dazu schwachlichen Sohn als den letzten mannlichen Spross seines 
stolzen, vor kurzem noch in vielen Personen bltihenden Geschlechtes 
herabsah. Milder gesinnt, gab er alle vor einem Yierteljahrhunderte 
von den Ravensbergern errungenen Vorteile zuruck und stellte den 
status quo ante wieder her. Das Jahr darauf wurde Otto und 
Sophie von Ravensberg eine Tochter geboren, welche nach ihres 
Yaters Mutter Jutta genannt wurde ; und wieder einige Jahre spater 
wurde diese kleine sechsjahrige Grafin, die unermesslich reiche Erbin, 
dazu ausersehen, die geschlossene Versohnung zu einer ewigen zu 
gestalten: Jutta wurde die Braut des nicht viel alteren letzten 
Tecklenburger Grafensohnes Heinrich. Dereinst — : so traumten die 
beiderseitigen Ettern — , sollten alle die grossen Giiter zu einer ein- 
zigen Grafschaft zusammenschmelzen , einem Herzogtum an Macht 
und Ansehen gleich, ein neues, kr&ftiges Geschlecht mochte erbltihen 
zur Freude und zum Gliick der alten Herrschaften , ein Ruhm der 
edlen Hauser! Wie ganz anders wiirde sich die Entwickelung der 
Dinge hier im Nordwesten Deutschlands gestaltet haben, wenn dieser 
Traum in Erfullung gegangen ware, — aber einige Jahre spater 



de nundinis, qnem Emesgones indignum compositione censuerunt iure predonis. 
Emesgones ergo collectis nayibns et repletis applicuerunt et, scissis aggeribus, 
proximas villas compulerunt ad deditionem. Amnicole vero non consenserunt, 
sed viriliter eos de partibus snperioribus repulerunt. Anno igitnr Domini 1234 
anxilinm veterum hostium et comitis de Raveuesberch Emesgones postulaverunt, 
sed pauci venernnt". SS. xxjjj, 517. Hollandische Ausgabe S. 131. 



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fohr die kalte Hand des Todes dariiberhin, der letzte Tecklenburger 
sank kinderlos, selbst fast noch ein Kind, ins Grab, und seine 
jugendliche Witwe zog bald darauf von dannen aus ihren Stamm- 
landen, ihrer Heimat, urn alle Bande fast, welche sie an dieselbe 
fesselten, fur immer zu zerschneiden. 

Die Eheberedung far das jugendliche Paar Jutta und Heinrich 
vom Jahre 1238 ist uns erhalten, ein auch kulturhistorisch ausserst 
interessantes Aktenstiick. Ich lasse es hier folgen, weil es sowohl 
fur die Zeitperiode, in der wir hier augenblicklich stehen, als auch 
fur die spatere miinstersche Periode der Geschichte des Emsgaues 
und Frislands (iberhaupt von nicht zu unterschatzender Bedeutung 
ist. Es lautet: *) 

Universis huius scripti inspectoribus Otto Dei gratia comes 
de Tekeneburgh et M(echtyldis) uxor sua dilecta salutem et eterne 
vite felicitatem. Cum omnia que sunt in tempore moveantur cum 
tempore et transeant, necesse est ut malorum prava contentio 
destruatur, acta hominum scripture munimine roborari. Noverint 
ergo universi, quod nos ex consensu et consilio uxoris nostre et 
cognatorum et hominum nostrorum et ministerialium promisimus, 
quod filius noster Hinricus, qui solus erit dominus in Tekeneburgh, 
filiam comitis 0. de Ravensberghe, Juttam scilicet, ducturus est in 
uxorem sub tali forma: 

1. Quod dictus 0. comes de Ravensberghe assignabit filie sue 
comitisse Jutten curiam Cappele cum omnibus bonis attinentibus et 
cum ministerialibus de Cappele infra Osenbrugghe et Thekeneburgh 
et Wittevelt manentibus, ita tamen ut dicti ministeriales comitis 
0. de Ravensbergh sint quamdiu vixerit, nisi forte filium generaret ; 
tunc vero iam dicti ministeriales erunt filie sue et eius mariti. Si 
vero dictus filius moritur, tunc bona sequuntur filiam suam quous- 
que alium comes 0. heredem habeat, qui in vulgari dicitur leverve. 

2. Igitur nos assignabimus filio nostro comiti H. curiam Oythe 
cum omni proventu et utilitate, et illam dictus comes assignabit 
comitisse J. quando thorum eius introierit, quod in vulgari appellatur 
morgengave. Preterea ministeriales Oythe manentes dabimus nos 



l ) Westf. Urkdb. III., Nr. 190 S. 351. 



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filio nostro comiti H., ut ipse eos dicte comitisse assignet ad 
morgengave. 

3. Item comitiam Sygeltra assignabit filius noster dictus domi- 
celle dicte superius sub tali forma, ut si forte moriatur filius noster 
comes H. sine herede, quod dicta domicella comitissa J. possidebit 
sibi assignata pacifice; cum mortua vero fuerit, bona que sibi fuerant 
assignata redibunt Thekeneburgh et ad iustos heredes illos. Si 
forte moriatur comitissa J. quod dktus filius noster comes H. pos- 
sidebit bona sibi assignata pacifice; post mortem vero suam, bona 
sibi assignata redeant Vlotowe et ad iustos heredes illos. 

4. Item si medio tempore moriatur dicta comitissa J. et comes 
0. de Ravensberghe aliam generaret, illam ducet comes H. filius noster, 
et sic de singulis quousque comes 0. iustum heredem babeat qui 
in vulgari appellator leverve. 

5. Igitur omnes filie, quas generat comes 0. dictus, equaliter 
possidebunt hereditatem suam, nisi eas moniales faciat. 

6. Preterea dictus comes 0. et nos habebimus liberum arbi- 
trium faciendi de hereditate nostra quod nobis placitum fuerit. 

7. Igitur post mortem comitis 0. de Ravensberghe, recipiet 
filia sua comitissa J. hereditatem suam Vlotowe et omnem heredi- 
tatem suam in superiore parte Wyttenvelde cum Omnibus ministe- 
rialibus attinentibus ; uxor vero sua possidebit Vechtam et Lunne 
et Vrysenbergh et Frysiam et omnia hiis attinentia cum ministe- 
rialibus; item omnia bona, que iacent in inferiore parte Wytten- 
velde, possidebit quiete; post mortem vero suam filia sua comitissa 
J. bona omnia enumerata pacifice possidebit, si comes 0. de Ravens- 
bergh iustum alium heredem non habeat. 

8. Mechtyldis vero comitissa de Tekeneburgh et uxor nostra 
curiam Berghe et curiam Damme, curiam Hesepe, curiam Werse cum 
omnibus attinentiis possidebit, cum vero mortua fuerit, dictas curias 
possidebit filius eius comes H. supradictus. 

Item dominus Ludolfus de Stenvorde vir nobilis et Jode Ahus 
vir nobilis promiserunt fide data, quod filius noster comes H. ducet 
filiam 0. comitis de Ravensberghe comitissam Juttam; item dicti 
nobiles promiserunt fide data, quod comitissa S(ophia) possidebit 
bona sua que ipsi superius enumerata sunt pacifice. Igitur dicti 



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nobiles promiserunt fide data, quod si comes H. moreretur antequam 
condormiret comitisse J. ipsa debet remitti comiti 0. de Ravens- 
berghe et suis ministerialibus et hoc etiam promiserunt omnes 
ministeriales nostri et iuraverunt in reliquiis. Igitur comes H. non 
ducet comitissam Juttam ante xiii annos, nisi ex voluntate comitis 
0. et uxoris sue et ex voluntate nostra et uxoris nostre. Super 
hiis omnibus ut compleantur, iuraverunt et promiserunt fide data 
ministeriales omnes utriusque partis. 

Acta sunt hec anno domini m°cc° tricesimo octavo. 

Ffir den Augenblick interessiert uns hier am meisten der von 
mir mit der Nummer 7 bezeichnete Passus, welcher die Bestimmung 
ilber Frisland trifffc. Nach dem Tode des Grafen Otto II. soil Jutta 
zunachst das alte Ravensbergische Besitztum Vlotho, welches Otto 
in der Erbteilung mit seinem Bruder Ludwig erhalten, und wovon 
er zumeist seitdem den Namen fuhrte, nach Tecklenburg hiniiber- 
bringen ; dagegen behalt die Witwe Sophia die alten Kalvelagischen 
Gtiter *) und gemass der Belehnung K6nig Heinrichs auch das Reichs- 
lehen und die Guter in Frisland; erst nach ihrem Tode tritt Jutta 
auch diese Erbschaft an und vereinigt sie dann die ganze Nach- 
lassenschaft Ottos in ihrer Hand. Dabei will ich eine Bemerkung 
nicht unterdriicken. Wilmans bezeichnet nach dem Vorgange Diepen- 
broecks *) das u. a. Nr. 3 genannte Sygeltra als Sogel,- was ich als 
irrtiimlich bezeichnen muss. Sogel heisst Sugela oder in fthnlich 
klingender Form, aber niemals mit der Endung tra versehen. Sygeltra 
ist unser Saterland oder Sagelterland, wie es noch heute von unsern 
holl&ndischen Nachbarn genannt wird, 3 ) und wie es auch die Geschichte 
des Oberganges dieses Landchens an Oldenburg lehrt. 

Im FrUhlinge 1242 hat die Hochzeit zwischen Jutta und Heinrich 
Btattgefunden ; wahrend Jutta 1241 noch in Drkunden als unvermahlt 



*) Als derzeitige einzige Besitzerin von Vechta schenkt Sophie am 11. Marz 
1245 zu Vechta „in remedinm animae dulcissimi mariti nostri Comitis Ottonis 
de Bavensberghe, cui ex successione nostra debetur haereditas", ohne dass der 
Jutta weiter erwahnt oder ihre Zustimmung eingeholt wurde, dem Kloster 
Bersenbruck „domnm in Brochem". (Moser III, Nr. 209 S. 357.) 

«) 1. c. S. 156. 

8 ) Vergl. „Onze reis naar Sagelterland" von Hettema. — Bichthofen II, 1301. 



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erscheint, schenkt sie am 25. Juli 1242 als uxor Heinrici x ) im 
Verein mit ihrem Gemahl und ihren Schwiegereltern der Johanniter- 
Kommende zu Steinfart einen Hof. Kaam zwei Jahre spater stirbt wie 
bereits gesagt Graf Otto II. von Ravensberg-Floto, der letzte mann- 
liche Spross der geraden Kalvelager Linie : sein Bruder Ludwig setzt 
das Geschlecht fort und wird der Stammvater der jiingern Linie 
Ravensberg, welche mit unserm Frisland nichts mehr gemein hat. 
Ludwig versucht es nach seines Bruders Tode, sich der Hinterlassen* 
schaft desselben zu bemachtigen ; eine heisse Fehde entbrennt, in 
welche fast alle benachbarten Herren verwickelt sind; fur Ludwig 
streiten der Bischof von Miinster, Ludolf von Holte, der Graf Adolf 
von Waldeck und Graf Heinrich von Hoja. Fur die bedrangten 
Frauen aber erhebt der alte Tecklenburger Graf, Juttens Schwieger- 
vater sein erprobtes Schwert, mit ihm im Bunde Graf Heinrich von 
Oldenburg, Graf Konrad von Rietberg, Probst Otto und Simon, 
Herr Ludolf von Steinfurt, Herr Otto von Horstmar, Graf Otto von 
Bentheim, Graf Bertold von Ziegenhagen, der Vogt von Otrecht, 



l ) Zur Fixierung der Daten im Leben Jnttas bemerke ich hier folgendes : 
Jutta ist fruhestens Ende 1231, wahrscheinlich aber erst 1232 geboren. Denn 
fruhestens zu Anfang 1231 stiften Otto und Sophia das Kloster Bersenbruck, 
dessen Stiftungsurkunde (bei Moser III, Nr. 151), sowie dessen Bestatigungs- 
urkunden durch Ludwig von Ravensberg und den Bischof Konrad von Osnabruck 
(Moser III, 152 und 153) nur das Stiftungsjahr, nicht aber auch Ort und Datum 
tragen. Die Best&tigungsbulle Papst Innozenz IV. ist erst vom 26. September 1243 
datiert. (Moser 1. c. Nr. 20 S. 349.) Nun aber bestatigt Jutta 1251, bereits 
als Gemahlin Walrams, „quoniam omne dominium in Vechta ad me sicut ad 
verum heredem pertinuisse dinoscitur" (Lamey Dipl. Gesch. v. Ravensb. Urk. 35 
S. 38) die dem Kloster Bersenbruck seitens ihrer Eltern gemachten Schenkungen, 
und bemerkt darin, die Stiftung des Klosters habe stattgefunden, als ihre Eltern 
adhuc sine herede essent ; demnach ist Jutta wahrscheinlich erst 1232 geboren. 
Am 25. Juli 1242 erscheint sie dann, wie bereits oben bemerkt, als verheiratet, 
da sie an diesem Tage in Gemeinschaft mit ihren Schwiegereltern als uxor 
Heinrichs eine Schenkung vollzieht. Demnach ist auch der in der Eheberedung 
vorgesehene Termin der Heirat nicht innegehalten worden. Am 22. April 1248 
erscheint Heinrich noch am Leben, da er an diesem Datum in Gemeinschaft mit 
semen Eltern dem Kloster Rulle bei Osnabruck eine Wiese schenkt (Moser III 
Nr. 226 S. 372 aus Jung hist. Benth.); am 12. Mai desselben Jahres dagegen 
befindet sich Jutta wieder bei ihrer Mutter in Bersenbruck und nennt sich in 
einer Urkunde von diesem Tage bereits Comitissa de Vechta (Moser III Nr. 227), 
sie ist schon Witwe, und Heinrich daher zwischen dem 22. April und 12. Mai 1248 
gestorben. 

5* 



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68 

Gottfried von Gore. Ludwig wird besiegt und gefangen : am 4. Juni 
1246 verzichtet er auf dem Freigericht bei Sundelbeck , zwischen 
Osnabrfick und Haste, auf alle Ansprtiche an das Erbe seiner 
Schwagerin und Nichte, Vlotho und Kappeln gehen defmitiv an das 
Tecklenburgische Haus fiber. *) 

Yon nun an bleiben die Damen im ungestorteh Besitze ihrer 
Gflter, in enger Anlehnung an das Haus Tecklenburg> bis nach kurzer 
Zeit auch dieses Band bricht : zwischem dem 22. April und 12. Mai 1248 
stirbt Juttas Gemahl Heinrich, und die junge vaterlose Witwe, kaum 
16 Jahre alt, zieht sich nach Vechta zurilck zu ihrer Mutter Sophia. 
Cber diesen Aufenthalt Juttas in Vechta bis zu ihrer zweiten Vermah- 
lung mit Walram von Montjoie, sowie dber die Yeranlassung zu dieser 
Vermahlung mit dem Sprossling eines allerdings sehr vornehmen aber 
auch sehr entfernt wohnenden Geschlechtes werden wir wohl stets 
im Unklaren bleiben. Hier ist es, wo die Sage einen Platz fur ihr 
geschaftiges Treiben fand; sie bemachtigte sich der Gestalt der 
jugendlichen Witwe, und sonderbare Marchen gingen iiber die Frau 
von Mundelo, wie man ihren zweiten Namen verderbte, im Volke 
urn* von denen noch jetzt Spuren in jenen Gegenden vorhanden sein 
sollen: Marchen, in denen gestorte Liebeshoflfhungen und verletzte 
Frauen-Eitelkeit eine Rolle spielen, und denen Rache und blutige 
Szenen einen diistern, gespensterhaften Charakter verleihen, passend 
zu dem des odeh Htimmlings, wenn seine Heiden die Herbstnebel 
in einen melancholischen , traurigen Schleier hiillen. 2 ) Fur die 



*) Westf. Urkb. Ill, 451. 

*) Die Oberarbeitung der munsterschen Chronik Florenz v. Wevelink- 
hovens erzahlt folgende Sage zur Regiernngszeit Ottos II. : „In den tyden was 
de herschop van de Vechte verstorven up ene dochter. Dusse erffdochter leyt 
to sick halen alle ere riddermate mans nnd gaff em voer, wer se lever wolden 
staen unde snncte Peter to Ossenbrngge (der hi. Petrus ist Patron des Osna- 
brticker Hochstifts), offte under snncte Powel to Monster. Also koren de lant- 
genoten der herschop van der Vechte, dat se lever wolden under snncte Powel 
staen, dat is under den stychte van Monster, nn menden dat de herschop van 
der Vechte lenger van Monster, dan van Ossenbrngge licht. Also gaff de dochter 
van der Vechte eyn deel eres landes snncte Powel nnd eynen deel koffte de 
bysschop to sick." — Und ein noch spaterer Chronist erzahlt : „Anno 1253 war 
de wittibe Sophia grafinne zur Vechte nnd Embden ohne mans'erben, nnd da 
sie von einen benachbarten grafen gefreyet wurde aber nicht wieder heyrathen 



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69 

Geschichte haben diese Erzahlungen nur insofern Wert, als sie uns 
ein Zeichen sind fttr die Wirren und Unruhen der Zeit, Unruhen 
in denen ganz Deutschland schmerzlich zusammenzuckte, die mit den 
Jahren schlimmer warden, and die endlich im Interregnum anser 
Vaterland an den Rand des Abgrundes brachten. In ihnen finden wir 
auch einen Haaptgrund flir die baldige Wiederverheiratung Juttens, 
wobei allerdings auch der Glanz des reichen Erbes keine geringe 
Rolle gespielt haben mag. Zweifelsohne aber bedurften die beiden 
verlassenen Damen eines kraftigen mannlichen Beschiitzers, mid als 
dieser aus weiter Feme dahergezogen kam, urn Juttas Hand zu 
gewinnen, da blieb ihnen schliesslich nichts anders iibrig, als diesen 
in seine Heimat zu begleiten. Die grosse Distance aber zwischen 
Montjoie und Vechta machte die Verwaltung des Ravensbergischen 
Erbes unmoglich, mancher namentlich in Frisland mochte Lust be- 
zeigen, die Herrschaft abzuschutteln, und so verkaufte man endlich 
alle Besitzungen im Norden an den Bischof von Mtinster, Otto II. 
aus dem edlen Hause derer von Lippe. x ) 

Noch ist uns die Verkaufsurkunde vom 18. Juni 1252 erhalten, *) 
und sie findet hier urn so eher ihren Platz, als sie von Friedlaender, 



wolte, darum ward sie sehr geplaget, wie es dan denen wittiben gemeinlich zu 
gehen pflecht. Derhalben versachte sie eine half and beystand von Wedekindo 
bischoffen zu Osnabruck, onter wesson geistliche jurisdiction sie gehorte. Als 
er aber dieses der wittiben abschlueg, da lies sie alle ihre rittermessige herren 
zusammen kommen and gab ihnen zu verstehen, dass nachdemahlen S. Peter 
ihr die hulf geweigert, sie gesinnet were S. Paulum anzusprechen, nemlich 
Ottonem episcopum Monasteriensem, womid sie dan wohl zufrieden waren, in 
hoffnungh, sie wurden unter den Munstrischen landsherren mehr willen and 
freyheit haben, dieweilen es weiter abgelegen als Osnabruck. Da sprach Sophia 
den bischof Otton urn hulf an, welcher dann nicht lange seumete, ihre feinde 
zuruck schlueg, und sie in volliger ruhe setzte. Da gab Sophia die halbscheid 
der grafschaft Vechte an das stift Munster, die andere halbscheid kaufte Otto 
dazu. Diese Sophia hatte sonsten noch eine einzige tochter, Jutta genant, 
welche an Walramo herren von Monsjou, so viele guther in Friesland hatte, 
verheyrathet war. Diese Jutta und Walramus approbirten nicht allein diese 
ihrer mutter verschenckung, sondern verehrten noch dazu dem Ottoni alle ihre 
Frieslendische guther, welches von Wilhelmo romischen konig ratificirt wurde 
Also ist das ambt Vechte und Embden ans stift Munster kommen". Munst. 
Geschichtsquellen I, 117 und III, 302. 

l ) Vergl. Munst. Geschq. I, 33. 

*) Vergl. v. Bichthofen „Untersuchungen" I. S. 327 t Anm. 1, 



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70 

dem uberhaupt das ganze Verhaltnis der Ravensberger zu Frisland 
in seiner wahren Bedeutung entgangen zu sein scheint, unberuck- 
sichtigt geblieben ist, wie die meisten der oben angeffthrten Dr- 
kunden zeigen; was um so sonderbarer erscheint, als Friedlaender 
selbst das geographische Register zum dritten Bande des westfalischen 
Urkundenbuches angefertigt hat. Das in Rede stehende Diplom 
hat folgenden Wortlaut: 1 ) 

In nomine Domini. Amen. Walramus nobilis de Munzoye, Jutta 
uxor Walrami et Sophia mater Jutte, quondam comitissa in Vechte, 
omnibus in pefpetuum. Quoniam solempniter acta tractu temporis 
excidunt a memoriis hominum, nisi scripti testimonio perhennentur, 
proinde hiis litteris annotare decrevimus, quod quicquid dominii 
habebamus aut hereditario aut quovis alio iure ab Ottone quondam 
comite in Ylothowe in propietatibus, possessionibus, castris, muni- 
cionibus, iurisdictionibus, vasallis, hominibus, cum universitate ab 
omni iure, quod nobis competebat et quod ad nos devolvi poterat 
nomine predicti dominii, nos ecclesie Monasteriensi et Ottoni secundo 
eius episcopo libere contulimus et absolute. Ego etiam Jutta coniux 
Walrami bona, que ab Ottone comite de Tekeneburgh et Heinrico 
eius nato michi fuerant assignata ratione donationis propter nuptias, 
quod vulgo murghengave dicitur, videlicet proprietatem Oythe cum 
suis pertinentiis, cometiam Sigheltra et alia, predicte Monasteriensi 
ecclesie ac prefato eius episcopo liberaliter et integraliter donavi 
cum omni iure michi in hiis competente. Item nos Walramus, 
Sophia et Jutta de omnibus feodis, que vel ab imperio vel aliunde 
nomine prefati dominii tenebamus, Simonem de Ghemene, Wilhelmum 
Rucen, et Hinricum natum burggravii de Strombergh, recepta ab 
eis homagii fidelitate, inpheodavimus, qui taliter infeodati a nobis 
predicta feoda de nostro consensu et ratificatione Monasteriensi 
ecclesie, Ottoni episcopo et ministerialibus dicte ecclesie titulo pignoris 
ad summam quadraginta millia marcarum obligarunt. Ceterum bona 
fide promisimus quod quamdiu vivemus, non resignabimus aliqua vel 
aliquod de prefatis feodis in manus domini a quo tenentur, nisi 



l ) Wilmims Westf. Urkb. IU. Nr. 540. 



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71 

faciamus ad voluntatem Monasteriensis ecclesie et eius episcopi, et 
super eo dedimus fideiussores nobiles viros Adolfum comitem de 
Monte, Gerhardum de Wassenbergh, Cononem de Molenarken et 
Cornutum milites, in hac fideiussione ad triennium ex hodie dura- 
turos, ut medio tempore Monasteriensis ecclesia memorata feoda ab 
eorum dominis consequatur; ad quorum resignationem coram ipsis 
dominis, dum ab eadem ecclesia requirimur, debemus et volumus 
esse parati. Hoc etiam est adiectum, quod nos ecclesie Monasteriensi 
in universis ad prefatum dominium pertinentibus nee non Symoni 
de Ghemene, Wilhelmo Rucen, et Hinrico nato burggravii de Strom- 
bergh in universis feodis, que ipsi de manu nostra receperunt, plenam 
warandiam prestabimus, quousque Monasteriensis ecclesia predicta 
feoda consequatur. Si vero memorata feoda a dominis suis Monas- 
teriensi fecclesie fuerint denegata, nos ad restaurum seu recompen- 
sationem eorundem compelli non debemus. Ego tamen Walramus 
hunc casum ad cautelam excipere duxi, quod guuerra aliqua inter 
venerabilem dominum archiepiscopum Coloniensem et inter progeniem 
de Limburgh hinc inde ingruente mihi liceat super feodo habito a 
Coloniensi archiepiscopo eidem dedicere et renunciare, uxore tamen 
mea et eius matre illud suo iure retinentibus renuntiationis mee 
tempore pendente, eo adiecto quod guerra cessante optinebo me 
recuperare idem feodum a domino predicto. 

Ut igitur hoc factum nostrum omnibus clarescat et perpetuo 
stabiliter subsistat, presens scriptum exinde confectum sigillis nostris 
roboravimus subnotatis testibus, in quorum presentia id gestum 
noscitur apud pontem Hach, videlicet: Adolfo comite de Monte, 
Gerhardo domino de Wassenbergh, Walramo comite de Nassowe, 
Hinrico comite de Verneborgh, Burchardo domino de Broke, Conone 
de Mulenarken, Cornuto, Inghebrando de Rureke, Rutghero de Ellere, 
Everhardo de Horst, Leonino et Alberto de Brabeke, Godfrido de 
Dencelake ; item de Vechte et Vrysenbergh militibus : Bertramo Spryk, 
Hermanno de Willekin, Herbordo de Spredowe, Johanne Voss et 
fratre eius Herbordo, Alexandro Hovet, Hermanno de Ludinchusen, 
Ottone de Duth, Ottone de Meppen, Hinrico de Wetere; item Her- 
manno de Holte, Ottone de Lon viris nobilibus, et fcliis quan* 
pluribue, 



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72 

Anno dominice incarnationis millesimo ducentesimo quinqua- 
gesimo secundo, quarto decimo Kalendas Julii, indictione decima. 
Feliciter in Domino. Amen. 

Die vorliegende Urkunde besagt also, dass die Erben Ottos II., 
Grafen von Ravensberg, ihr gesamtes Besitztum .dem Bischofe von 
Munster tiberlassen, und zwar wird in dem Diplom, wie bereits 
von Richthofen (1. c. I, 327) hervorhebt, sowohl fiber das Eigengut, 
als auch iiber die Lehen der drei Erben Ottos verfugt. Beziiglich 
des Eigengutes wird dann wieder ein Zweifaches unterschieden, 
namlich 1. die eigentlichen Ravensbergischen Allode, und 2. der 
Privatbesitz Juttas, welcher ihr als Morgengabe bei ihrer ersten 
Vermahlung aus den Tecklenburgischen Giitern zugeflossen war, 
d. h. die Besitzung Friesoythe mit allem Zubehor und die Gfafschaft 
Saterland. Dieses Eigentum an „ Giitern, Besitzungen * Burgen, 
befestigten Orten, Gerichten, Yassallen, Leuten mit allem und jeg-' 
lichem Rechte" wird dem Hochstifte Munster und dem Bischofe 
Otto II. „frei' und ungehindert" tibertragen. Die Verfugung fiber die 
Lehen, zu denen ja auch Frisland gehorte, ist sehr sorgfaltig abgefasst. 
Auch sie werden der miinsterschen Kirche tiberlassen, allein daruber 
haben naturlich die Erben allein nicht zu verftigen, sondern die 
eigentlichen Lehnsherren mussen selbst mit der Ubertragung ein- 
verstanden sein und dann selbst auch den Bischof Otto II. belehnen. 
Zunachst also werden mit den Ravensbergisch-Vlothoschen Lehen 
durch Walram, Sophia und Jutta drei Ritter belehnt: Simon von 
Gemen, Wilhelm Ruzen und Heinrich, Burggraf von Stromberg, nach- 
dem sie den Ravensbergischen Erben den Treueid geschworen ; diese 
Ritter hinwiederum tragen mit ausdrucklicher Genehmigung der Ver- 
aussernden die eben empfangenen Lehen dem Bischofe auf und zwar als 
Pfand, zur Sicherheit fur die 40000 Mark , welche Otto II. ftir die 
Ubertragung zu zahlen hat. Walram und die beiden Damen erklaren 
dann — fur einen bestimmten Zeitraum — , dem Bischofe behilflich 
zu sein, die Lehen auch wirklich von den einzelnen Lehnsherren zu 
erlangen, ohne jedoch zu irgend einem Schadenersatze verpflichtet 
zu sein fur den Fall, dass diese Bemiihungen vergeblich sein und 
die Lehnsherren ihre Lehhe anderweitig vergeben sollten. Niesert 
bedauerte, als er unsere Urkunde zum Abdruck brachte, dass nicht 



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73 

gesagt sei, fur welche Summe eigentlich die Herrschaft Vechta verkauft 
worden sei; l ) vielleicht, dass im grossherzoglich Oldenburgischen 
Archive, wo seit der Abtretung des Amtes Vechta (1806) alle dies- 
beziiglichen, friiher in Miinster befindlichen Diplome ruhen, einzelnes 
Nahere zu erfahren ist : wir unserseits konnen ein ahnliches Bedauern 
bezuglich Frislands aussprechen und beklagen, dass uns die Urkunde 
vom 18. Juni 1252 nicht den detaillierten Wert der Grafschaft 
Emsgau angiebt. Auch dariiber sind uns keine Aktenstiicke auf- 
bewahrt, ob Miinster wirklich auch die oben angeffihrten Lehen von 
Bremen, Koln, Paderborn, Minden, Osnabriick und Corvey 2 ) erhalten 
hat, ein besonderes Gltick also, wenn wir gerade da uber unsern 
Emsgau sicher unterrichtet sind durch jene Urkunde, von der wir 



l ) Niesert U. S. Ill, 443. Wilmans (HI, 540 Anm.) bemerkt dazu: „Dass 
aber auch dariiber Urkunden vorhanden gewesen sind, sehen wir aus dem 
Register der im Domkopiar nicht abgeschriebenen „vacantium et inutilium 
literarum" Msc. I, 1, p. 209, wo es unter Nr. 17 heisst: „Est ususfructus 
assignatus nobili domine de Munzoye de carte Rynhere et aliis curtibus ration e 
dominii in Vechte". — Am 10. April 1260 erlassen Walram, Jutta und Sophia 
dem Bischofe Wilhelm von Miinster , Ottos II. Nachfolger , die Biirgschaft fur 
das wegen der Herrschaft Vechta schuldige Geld (Westf. Urkb. Ill, 668, S. 346) ; 
am 6. Mai 1261 stellen Walram und Jutta (ohne Sophia) der munsterschen 
Kirche eine Quittung uber empfangene 1500 Mark aus (ibid III, 677, S. 354) ; 
alle drei sprechen am 13. Dezember 1262 die Eingepfarrten zu Koesfeld von 
Erlegung des auf sie fallenden Anteils des Kaufpreises fur die Herrschaft Vechta 
frei (ibid 682, S. 356). 

*) Ich will hier nicht unterlassen, auf die Urkunde bei Erhard Reg. 2264, 
Cod. dipl. 572 aufmerksam zu machen, in welcher Abt Widukind von Corvey 
zwischen 1190 und 1205 dem „Bernardo militi de Borzen et duobus suis fratribus 
Wiboldo et Euerhardo" das Amt und das Gericht zu Lotten iibergiebt. Dieses 
Borzen ist, wie aus dem ganzen Tenor der Urkunde hervorgeht, das oben 
erwahnte Borssum bei Aschendorf. Ob Corvey im eigentlichen Frisland Giiter 
besessen hat, ist noch nicht festgestellt. In den bekannten und oftmals eror- 
terten Traditiones Corbeienses kommt auch der Ortsname Floscereshusen vor, 
welchen Falke und von Wersebe als Flegessen bei Hameln deuten. Gymnasial- 
direktor Dr. Durre (Wolfenbuttel), welcher neuerdings sich der dankenswerten 
Aufgabe unterzieht, die Namen des alten Corveyschen Heberegisters zu deuten, 
mochte es eher far Flockershausen bei Norden halten, glaubt jedoch selbst nicht 
an die Richtigkeit dieser Erklarung, indem er hinzufugt, Corveysches Gut finde 
er sonst nicht in Ostfriesland. (Zeitschr. fur vaterl. Gesch. und Altertumskunde, 
Munster 1883 Bd. 41 S. 80 Nr. 184.) Dagegen besass Corvey im obern Ems- 
lande von Meppen bis Aschendorf, man mochte sagen, unermessliches Gut; so 
namentlich auch zu Borsum, Lahre, Bokel. 



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74 

bei unserer Betrachtung ausgingen : am 23. Marz 1253, also bereits 
kaum 9 Monate nach der Verzichtleistung Walrams, Sophiens und 
Juttens, belehnt Konig Wiltielm den Bischof Otto II. von Minister 
und zwar auf Intervention u. a. des Erzbischofs Konrad von Koln 
und im Beisein des Bischof s Simon von Paderborn „mit der Graf- 
schaft und alien Gutern innerhalb und ausserhalb Prislands", welche 
einst Graf Otto von Ravensberg vom Reiche zu Lehen besessen 
hatte. l ) Damit trat denn unser Emsgau und namentlich Emden in 
den Besitz Miinsters fiber; aber die Zeiten wurden in Ostfriesland 
und namentlich im Emsgau allmahlich andere, das Band, welches 
die Unterthanen mit ihrem Bischof-Grafen verknfipfte, lockerte sich 
mehr und mehr, bis es ganz zerriss, und wenig Freude, wohl aber 
viel Leid und Schaden ist den munsterschen Bischofen aus der 
Erwerbung eines Teiles von Frisland erwachsen. 

Wenn wir auf das bisher Gesagte zuruckschauen, so ist es uns 
klar, dass das alte Grafenverhaltnis , welches Karl der Grosse ins 
Leben gerufen, und wie es sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelte, 
zu anfang des 13. Jahrhunderts im Emsgau voll und ganz bestand; 
und ferner lernten wir drei Generationen des graflichen Ravens- 
bergischen Hauses kennen, welche im genannten frisischen Gaue die 
Grafenrechte ausubten. Nun aber finden wir hundert Jahre fruher 
nicht dieses selbe Haus, sondern die Bremer Kirche im Besitze der 
Grafschaft im Emsgau; es bleibt daher die Frage zu beantworten 
ubrig: wie kam diese Grafschaft in den Besitz der Ra- 
vensberger? 

Am 23. November 1062 belehnte der junge, unmttndige Konig 
Heinrich IV. den Erzbischof Adalbert von Bremen mit der Grafschaft 
im Emsgau, wie sie bis dahin Graf Bernhard besessen hatte ; er that 
dies, wie die Urkunde ausspricht, auf Bitten des Erzbischofes selbst, 
welchen dabei Erzbischof Anno von Koln, Erzbischof Siegfried von 
Mainz, fiberhaupt die damals regierenden Grossen unterstutzten. 
Neben dem Emsgau erhalt Adalbert zugleich zwei andere dem Grafen 
Bernhard unterstehende Grafschaften , von denen die eine in West- 
falen, die andere in Engern lag. 2 ) Derselbe Kaiser bestatigt 1096 



*) 0. U. Nr. 25. 
») 0. U. Nr. 5, 



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75 

dem Nachfolger Adalberts, dem Erzbischofe Liemar die Grafschaft 
im Emsgau und in Westfalen und zwar in der Weise, dass er uns 
in dieser Urkunde einiges fiber die Geschichte der Erwerbung Bremens 
mitteilt. l ) Heinrich sagt dabei : vor Jahr und Tag sei Erzbischof 
Adalbert ihn angegangen, ihm die Grafschaft im Emsgau und West- 
falen, welche Bernhard, sein (des Kaisers) Verwandter — Bernardus 
comes, vir nobilis et nobis genere propinquus — inne hatte, zu 
tibertragen. Da Adalbert in seinen Bitten von den Erzbischofen 
Sigfrid von Mainz und Anno von Koln, sowie von vielen Reichs- 
fiirsten unterstiitzt worden, so habe er seinem Gesuche gewillfahrt, 
jedoch erst, nachdem es der Klugheit Adalberts gelungen sei, Bernhard 
zu bewegen, dass er seine Zustimmung gebe. (Et quia ipsius Bernardi 
comitis ad hanc rem querendus erat assensus, ipsum vir sapiens 
[namlich Adalbert] precio et precibus adduxit ut presens lau- 
dator et assensor existeret.) Wahrend der Wirren der folgenden 
Zeit aber sei es durch allerlei Umtriebe gewisser Leute dahin- 
gekommen, dass die Bremer Kirche jener Grafschaft beraubt worden ; 
jetzt aber gebe er, der Kaiser, dem Erzbischofe Liemar dieselbe 
zuruck. 

Es ist wenig, was wir da ilber die Geschichte der Erwerbung 
des Emsgaus durch Bremen erfahren, allein glilcklicherweise ist uns 
ja die Geschichte Adalberts in einem historischen Meisterwerke des 
Mittelalters so gut erhalten, dass wir der hier spielenden Sache auf 
den Grand zu kommen vermogen. Adalberts Biograph, Magister 
Adam, berichtet uns ilber die hier massgebenden Vorgange voll- 
standiger, indem er beztiglich der Bestrebungen des Erzbischofes, 
seine Kirche zu erhohen, dass sie den andern Erzbistiimern an Macht 
gleichkomme, folgendes erzahlt: 

„Potuit ecclesia nostra dives esse; potuit archiepiscopus noster 
Coloniensi aut Mogontino in omni return gloria non invidere. Solus 
erat Wirciburgensis episcopus, qui dicitur in episcopatu suo neminem 
habere consortem, ipse cum teneat omnes comitatus suae parrochiae, 
ducatum etiam provintiae gubernat episcopus. Cuius aemulatione 
permotus noster presul statuit omnes comitatus, qui in sua dyocesi 



») 0. U. Nr. 6. 



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_J76 

aliquam iurisdictionem habere videbantur, in potestatem ecclesiae 
redigere. Quapropter ab initio quidem ilium maximum Fresiae 
comitatum a caesare indeptus est de Fivelgoe, quern prius habuit 
dux Gotafridus, et nunc Ekibertus. Pensionem librarum dicunt esse 
mille argenti, quarum ducentas ille solvit (naml. Ekibertus); atque 
est miles ecclesiae. Archiepiscopus autem optinuit eundem comitatum 
per decern annos usque ad diem expulsionis suae. Alter comitatus 

erat Utonis Tercius erat comitatus in Presia nostrae par- 

rochiae vicinus, qui dicitur Emisgoe, quem iuri ecclesia nostrae 
defendens a Bernardo comite Gotescalcus occisus est, pro quo noster 
pontifex regi pactus est se mille libras argenti daturum. Cuius 
pecuniae summam cum facile non posset habere, proh dolor! iussit 
cruces, altaria, coronas et cetera ornamenta ecclesiae deponi, quibus 
denudatis infelicem maturavit contractum perficere. Gloriabatur autem 
se cito auream ecclesiam facturum omniaque ablata restituere in 
decuplum, sicut et prius in destructione claustri visus est egisse. al ) 
Die Erwerbung der frisischen Grafschaften entsprang also jenem 
Streben Adalberts, seine Kirche auf dieselbe Hohe zu erheben wie die 
Kolner und Mainzer, und der gewaltige Geist dieses Kirchenfiirsten, 
welchem Dehio ein so wiirdiges Denkmal gesetzt hat, sah ein, dass 
er sein Ziel nicht anders erreichen werde, als wenn er samtliche 
weltliche Grafen, und mochten es auch die furchtbaren Billinger 
sein, aus dem Bereiche seiner Erzdiozese verdrangen und ihre Graf- 
schaften, und selbst solche ausserhalb seiner Diozese, unter seine 
eigene Herrschaft bringen konne. Wie weit dabei der Gedanke mit- 
wirkte, allmahlich das gesamte Becken der Nordsee von dem Laubach 
oder der Ems bis zur Eider mit seiner weltlichen Herrschaft zu urn- 
spannen und dann die See einem grossartigen Handel dienstbar zu 
machen, das mag hier dahingestellt bleiben. Dass Adalbert, nach- 
dem er einmal seinen Plan gefasst hatte, alles daran setzte, kein 
Opfer scheute, wenn er auch selbst dabei zugrunde ging, urn jene 
Hohe zu ersteigen, erscheint bei dem grossartigen Charakter dieses 



l ) SS. V, 353. Schulansgabe 2. Aufl. S. 127. Vergl. allenthalben Dehio 
Geschichte des Erzbistums Hamburg-Bremen bis zum Ausgange der Mission I, 
S. 211 ff. ^Adalbert und seiner Kirche Macht auf dem Hdhepunkt"^ 



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77 

Mannes selbstverstandlich ; ist es doch charakteristisch genug, wenn 
er in jenem Augenblicke, da er aus den Kirchen die kostbaren 
Gefasse nehmen lasst, um damit die bei der Erwerbung des Ems- 
gaus kontrahierte Schuld zu zahlen, denjenigen, die sich iiber dieses 
Gebahren beklagen, zuruft: „Beruhigt euch! zehnfach werde ich 
erstatten, was ich jetzt nehme, und die bis dahin silberne Kirche 
Bremens werde ich zu einer goldenen umgestalten." 

Im Frahlinge 1049 iiberzog Kaiser Heinrich III. die mehrfach 
aufstandischen Fiirsten Gottfried, Herzog vori Niederlothringen, und 
Balduin, Grafen von Flandern mit Krieg, um sie endgiltig zu 
demtttigen. Beide Revolutionare streckten alsbald die Waffen l ) und 
von den Grafschaften, welche dem Herzoge Gottfried durch des 
strengen Kaisers Machtgebot abgesprochen wurden, erhielt Adalbert 
wegen seiner grossen Verdienste um die Niederwerfung der Auf- 
standischen die frisischen Grafschaften Hunusga und Fivelga, 2 ) ohne 
dass es dem Erzbischof gelungen zu sein scheint, sich auch faktisch 
in den Besitz der Grafschaften zu setzen. Als dann nach dem Tode 
Heinrichs III. Adalbert am Hofe der Kaiserin Agnes allmahlich an 
Einfluss verlor, um bald ganz verdrangt zu sein, liess er sich noch 
zeitig eine formliche Schenkungsurkunde ausstellen; dieses Diplom 
ist uns erhalten und tragt das Datum 25. April 1057. Nach dem 
Berichte Adams kostete diese Obertragung den Bremer Erzbischof 
nicht weniger als 1000 Mark Silber, von denen allerdings 200 Mark 
Graf Ekbert bezahlte, welcher von Adalbert, da er selbst nicht die 
Grafschaften verwalten konnte, dafiir dieselben zu Lehen empfing. 3 ) 
Wir wissen dann aus der allgemeinen Geschichte, welche Stellung 
bezftglich der Regierung des Reiches Erzbischof Adalbert unmittelbar 
nach dem Attentate gegen den jungen Konig vom April 1062 sich 
zu erringen wusste, und welchen Einfluss er alsbald iiber Heinrich IV. 
erlangte. Jetzt hielt es Adalbert an der Zeit, jenen Plan hinsicht- 
lich der Erwerbung von Grafschaften durchzufiihren, und schnell 



l ) Vergl. Wagenaar : Vaderlandsche Historie Buch 6. — Dehio 1. c. I, 217. 
a ) Adam v. Bremen SS. V, 347; Schulansg. life. — Dehio I, 224. 
8 ) Vergl. zur Erklarung der Stelle Adams : Waitz in den Gotting. Gel. 
Anz. 1855 S. 847. 



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78 

erreichte er sein Ziel. Aus dem Emsgau musste Graf Bernhard 
weichen, Adalbert liess ihn sich vom jungen Herrscher iibertragen. 
Zwar sagt Heinrich spater, Bernhard habe der Uberredungs- 
kunst des Erzbischofes und auch seinen Geschenken nach- 
gegeben und in die Abtreiung seiner Grafschaft gebilligt. Allein 
so glatt ist es denn doch nicht abgegangen ; sei es, dass man spater 
den Kaiser, der sich unmoglich noch erinnern konnte, in Hinsicht 
der friihern Zustimmung Berhards in Bremen tauschte, oder mag 
Bernhard anfangs eingewilligt, spater aber vergeblich den Geschenken 
des Erzbischofs, der, wie wir sahen, seine liebe Not hatte, der 
kaiserlichen Kasse die schuldigen 1000 Mark zu liefern, entgegen- 
gesehen haben : genug, nach dem Berichte Adams steht es fest, dass 
Bernhard mit den Waffen in der Hand im Besitze der Grafschaft in 
Frisland (und auch wohl in Engern und Westfalen) sich behauptete ; 
den Truppen des Erzbischofs, welche Gottschalk — vielleicht der 
von Adalbert berufene neue Graf — fuhrte, wurden von ihm besiegt. 
Adalberts Glanzperiode hat nicht lange gewahrt, plotzlich ist er von 
seiner Hohe hinabgesturzt, und als er spater wieder an den Hof 
gerufen wurde, da waren seines gewaltigen Geistes Schwingen ge- 
brochen; die von seinen Feinden eroberten Positionen hat er ihnen 
nicht wieder zu entreissen vermocht. Dann kamen stiirmische Jahre 
fur den Kaiser und das Reich und in ihnen der Tag von Canossa; 
auch das Bremer Erzstift war den Wirrsalen preisgegeben und seit 
Adalberts Sturz fielen seine Feinde iiber es her von alien Seiten, 
um es zu zerfleischen. Dass da von einer Erhaltung der ephemeren 
Erwerbungen Adalberts keine Rede sein konnte, ist selbstverstandlich, 
und daher ist es auch gewiss, dass Bernhard oder seine Nachfolger 
sich im Besitze ihrer Grafschaften hielten, l ) wie denn ja 1096 Kaiser 
Heinrich ausdriicklich sagt, dass die Bremer den Emsgau nicht haben 
erwerben konnen. 

Ist somit die erste Yerleihung des Emsgaues an Bremen ohne 
praktisch gunstiges Resultat ftir das Erzstift gewesen, so fragt es 



l ), Sie sind zweifelsohne nnter den quorundam zu verstehen, von denen 
Heinrich IY. in der Urkunde von 1096 spricht, indem er sagt : „dolis et invidia 
quorundam factum est, ut ecclesia supramemorata eodem comitatu ad aliquod 
tempus privaretur". 0. U. I, 5 S. 7. 



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79 

sich, ob denn die Wiederverleihung unter Erzbischof Liemar 1096 
nicht einen bessern Erfolg aufzuweisen hat. Man mochte von vorne- 
herein geneigt sein, diese Frage zu verneinen, wenn man bedenkt, 
dass das, was dem Riesengeist eines Adalbert nicht gelang und nicht 
gelingen konnte, schwerlich irgend einem der nachsten Nachkommen 
gelungen sein kann. Allerdings hat Bremen etwa ein Jahrhundert 
spater einen Erzbischof besessen, der in vieler Hinsicht an Adalbert 
heranragt, allein auch Hartwich ist vom Dngliick heimgesucht worden, 
denn niemals ist die Bremer Kirche von den Billingern so hart 
bedrangt, so gedemtitigt , so in Sklavenfesseln geschlagen worden, 
als das seitens jenes gewaltigen Marines geschehen ist, der mit dem 
Staufer Friedrich um den ersten Platz zu ringen vermochte. Dnd wenn 
auch nach dem Sturze Heinrichs des L6wen das Erzstift wiederum sich 
hebt, so hat es den frisischen Emsgau doch verloren, denn Hermann 
von Ravensberg erscheint alsbald als wirklicher Besitzer. Man mochte 
demnach sagen, es sei in der Bremer Geschichte eigentlich kein 
Platz fiir den Emsgau; anderseits erscheint es aber auch unklar, 
wie nun plotzlich ein Ravensberger Herr im Emsgau sein kann, 
da doch bis dahin von Beziehungen dieses Hauses zu dem Gau 
nirgendwo die Rede gewesen und auch ein etwaiges Diplom iiber 
die Verleihung an Hermann uns nicht erhalten ist. Hinzu kommt 
noch ein anderes. 

Ich habe oben bereits aufmerksam gemacht auf die in das 
Jahr 1130 fallende Ermordung Burchards von Lokkum. Auch 
dieser als besonderer Freund Lothars von Supplingenburg bekannte 
Edle wird von verschiedenen namhaft gemachten Chronisten als Graf 
in Frisland bezeichnet. Manche , namentlich von Alten , *) wollten 
die frisische Grafschaft Burchards im Ostergo und Westergo suchen, 
von denen wir bereits sagten, dass sie der (Jtrechter Kirche gehorten, 
welche sie trotz mehrfacher Verleihung an den Markgrafen Ekbert, 
resp. an dessen Erben Heinrich den Fetten, den Sohn Ottos von 
Nordheim, zu behaupten wusste. v. Alten meinte namlich, es seien 



l ) in seinen Untersuchungen iiber die Grundung des Klosters Lokkum, 
Zeitschr. fiir Niedersachsen 1874/75 („Noch einige Bemerkungen zu der streitigen 
Frage uber die Stiftung des Klosters Lokkum"). 



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80 

jene Grafschaften durch Heinrichs Tochter Richenza an deren Gemahl 
Lothar von Supplingenburg gekommen, und dieser habe dann mit 
ihnen seinen Gunstling Burchard belehnt. Demgegeniiber hat aber 
schon treffend Ahrens *) daran erinnert: „ Heinrich der Dicke hatte 
gerade bei dem vergeblichen Versuche, jene frisischen Lehen in Besitz 
zu nehmen, 1101 sein Leben eingebiisst, und hatte hochstens seine 
Anspruche darauf vererben konnen. Dieselben hatten friiher dem 
Markgrafen Ekbert, dem Bruder der Gemahlin Heinrichs d. D. Gertrud 
gehort, woraus sich Heinrichs Belehnung erklart. Aber K. Hein- 
rich IV. hatte sie wegen Ekberts wiederholter Emporung diesem 
schon vor seinem Tode entzogen und in mehrfachen Verleihungen 
(1077, 1086, 1089) an das Stift Otrecht gegeben, 2 ) das dann sein 
Recht auf dieselben gegen Heinrich den Dicken behauptete und von 
K. Heinrich V. 1112 eine neue Belehnung erlangte. K. Lothar 
entzog dieselben spater wieder dem Stifte Utrecht und 
vereinigte sie seiner Stiefschwester Gertrud (Grafin 
von Holland) zuliebe mit der Grafschaft Holland, wo- 
gegen sein Nachfolger K. Konrad in. Ostergo und Westergo 1138 
an Otrecht zuriickgab". Eann somit Burchard nicht im Ostergo 
und Westergo Graf gewesen sein, ist es ebenso wenig aber moglich, 
dass er die Grafschaft im ostlichen Teile von Ostfriesland besessen 
habe; weil in dieser die Grafen aus dem oldenburgischen Stamme 
herrschten, so bleiben fur eine Plazierung Burchards nur der Emsgau 
oder der Hunusgau und Fivelgau tibrig, welche alle aber, wenigstens 
de iure, zur Bremer Kirche gehorten. Es ware dann ein Doppeltes 
moglich: einmal konnte Burchard den Emsgau, denn urn diesen 
allein wurde es sich handeln, vom Erzstifte zu Lehen getragen 
haben, ahnlich wie wir ja wissen, dass Adalbert gleich nach Erwer- 
bung der linksemsischen Grafschaften den Markgrafen Ekbert mit 
denselben belehnte; anderseits aber konnte auch eine Belehnung 
durch das Reich stattgefunden haben, indem Lothar — was bei der 
damaligen Art und Weise, mit den Grafschaften umzuspringen, nichts 



*) „Zur altesten Geschichte des Klosters Lokkum" II. Zeitschr. Nieder- 
sachsen 1876 S. 110. 

a ) siehe oben S. 31 ff. 



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81 

Auffdlliges an sich tragen wiirde, zumal wenn man das Verhaltnis 
des fruhern Sachsenherzoges Lothar zum Bremer Erzstift ins Auge 
fasst — den Emsgau einfach Bremen entzog und seinem intimen 
Freunde Burchard von Lokkum iibergab. Nun aber hat bereits 
Ahrens in seiner scharfsinnigen, angezogenen Untersuchung fiber die 
Genealogie Burchards festgestellt , dass bereits seine Vorfahren mit 
den Bremer Erzbischofen in mehr oder minder enger Verbindung 
gestanden haben, so dass es am wahrscheinlichsten sei, Burchard 
habe den Emsgau (Ahrens spricht nur von dem unbestimmten frisi- 
schen Komitat, den er im Osten Ostfrieslands im Gehege der Olden- 
burger sucht) als Bremer Lehen besessen. Aber wie kamen dann 
die Ravensberger in den Besitz des Gaues, den sie doch nicht von 
Bremen, sondern, wie aus den oben besprochenen Urkunden zweifellos 
hervorgeht, von Kaiser und Reich zu Lehen trugen? Das nachste, 
woran man denkt, urn eine Verbindung herzustelien, ist naturgemass 
die Verwandtschaft , zumal eine Vererbung der westlichen Graf- 
schaften Frislands selbst auf die Frauen klar zutage liegt ; und da 
sind allerdings die Lukkaer mit den letzten Ravensbergern verwandt, 
wie folgendes Schema zeigt: *) 

Ida von EUtorf 
Gem. 1. Lippold aus dem Hause der Immedinger 
„ 2. Graf Dedo 
„ 3. „ Ethel (Albus) 



)v. Dithmarschen. 



Oda Burchard Hnno Richenza (Ekbert, von seinem 

Gem. 1. ein russischer Prinz v. Trier Gem. Eilmar I. Schwager Udo v. Stade 

„ 2. quidam (Wilbrand?) Gr. v. Oldenburg ermordet, ist nach an- 

| 1091—1108 dern ein Brnder Idas.) 

Harma Eilmar II. 

Gem. (Burchard v. Lokkum.) Gr. v. Oldenburg 1108—1142 



Burchard I. Wilbrand I. f c 1168 Heinrich I. 

Gr. in Frisland f 1130 Gr. v. Hallermund f H67. 



Beatrix Heinrich II. f H94 

Heinrich III. 



Sophia 

Gem. Gr. Otto II. v. Ravensberg 

Jutta 
Erbin aller Ravensb. Guter. 



x ) Vergl. Ahrens 1. c. 156. 



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82 

Diejenigen, welche glauben mochten, dass auf diesem Wege 
der Emsgau an Ravensberg gekommen sei, vergessen, dass, abge- 
sehen von einem fortwahrenden Oberspringen des Erbrechtes an die 
Frauen, nicht erst Otto II. sich im Besitze des frisischen Komitates 
befindet, den er durch seine Heirat mit Sophia von Oldenburg- 
Hallermund-Lukka erhalten haben miisste, sondern, wie die Drkunde 
von 1217 *) luce clarius zeigt, bereits Ottos Vater Hermann. Und 
wenn man dann einwendet, Hermann habe fiir Otto den Emsgau 
bis zu seiner Grossjahrigkeit nur verwaltet, so spricht dagegen 
zunachst der Tenor der Urkunde, in der Hermann nicht etwa im 
Namen Ottos VerfQgungen trifft, sondern in der er als selbstandiger 
Graf erscheint und in der zum Oberflusse als ganz gleichberechtigt 
mit Otto seine beiden Brilder auftreten; und ferner dann stossen 
diese Hypothese unsere altesten Emder Miinzen, welche erhalten 
sind, fiber den H auf en. Diese Miinzen tragen auf der einen Seite 
deutlich den Namen Amuthon = Emden, von dessen Munze uns die 
Urkunde d. d. 20. Septbr. 1224 die erste Nachricht giebt, 2 ) auf 
der andern als Umschrift um einen mannlichen Bitterkopf den Namen 
Heriman, was wahrscheinlich, soweit ich die Mtinze naeh der Schrift 
beurteilen darf, auf unsern Hermann von Bavensberg sich bezieht. 
Damit ist dann klar genug bewiesen, dass auf diese Weise der 
Emsgau nicht an die Bavensberger gekommen sein kann. 

Demgegenuber haben andere gemeint, Hermann von Bavens- 
berg habe den Emsgau durch Kaiser Friedrich I. erhalten und iwar 
von den Thiiringern. Man greift dabei zurxick in jene sturmischen 
Tage, als die beiden grossten Manner ihrer ganzen Zeitperiode ein- 
ander mit den Waffen in der Hand gegenflberstanden, als Friedrich 
Barbarossa den Lowen niederwarf, und nunmehr die ganz» Sehar 
der kleinen Geister, welche nicht wert waren, Heinrich die Schuh- 
riemen aufzulosen, sich auf die ihnen vom Kaiser hingeworfene Beute 
sturzten, um jeder fiir sich ein mdglichst grosses Stfick zu erreichen. 
Wir wissen, dass Hermann von Bavensberg auf Seiten des Kaisers 



») 0. U. I, 14. 

■) abgesehen von der Urkunde Nr. 12 im 0. U. 1. Bd., deren Datum 
nnbestimmt ist. 



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83 

kampfte, war er doch dazu schon durch seine nahe Verwandtschaft 
bewogen, dass auch sein spaterer heftiger Gegner Simon von Tecklen- 
burg, den er ein Vierteljahrhundert spater im Kampfe erschlug, 
damals sein Kampfgenosse gegen den Welfen war; aber wir wissen 
auch, dass Heinrich seine Gegner am 1. August 1179 zu Boden 
schmetterte *) raid dass Simon von Tecklenburg in die Gefangen- 
schaft des Lowen wanderte. Da war es, als Heinrich den gefangenen 
Grafen auf seine Seite zu ziehen verstand; und so fest hat Simon 
die dem Welfen gelobte Treue bewahrt, dass er noch da an Ver- 
teidigung denkt, wo iiberhaupt schon alles verloren ist, und die 
letzte Burg, Lubeck, fallen muss. 2 ) Seit jenen Tagen datiert der 
b6se Hass zwischen Ravensberg und Tecklenburg: erst die Ver- 
mahlung Juttas und Heinrichs haben ihm endgiltig ein Ziel gesetzt. 
Da soil denn auch Hermann von Ravensberg als Belohnung fur seine 
dem Kaiser geleisteten Dienste den Emsgau erhalten haben, und 
wenn man sich dann selbst dabei festrennt, dass unter diesen Um- 
standen der frisische Comitat unmoglich von Thtiringen herrtihren und 
Hermann seitens seiner Gemahlin Jutta, der Tochter des -eisernen" 
Landgrafen und Nichte Friedrichs I., mit in die Ehe gebracht worden 
sein kann, so hat man schnell eine andere Erklarung zur Hand und 
sagt : bis dahin habe sich das grafliche Haus Tecklenburg im Besitze 
von Vechta und Frisland befunden, und Simon habe jetzt semen 
Verrat am Kaiser und seine Treue gegeniiber dem, Welfen mit dem 
Verluste dieser Besitzungen bttssen miissen. Zujn Beweise dafur 
fuhrt man dann jene Urkunde ins Feld, in welcher (zwischen 1216 
und 1220) Kdnig Friedrich n. den aus dem Tecklenburgischen Hause 
stammenden Bischof Adolf von Osnabriick ermahnt, den Grafen 
Hermann von Ravensberg im Besitze der Z6lle und der Miinze zu 
Vechta und Haselunne nicht zu storen. 3 ) — Man sieht, festen Boden 
hat man nirgends unter den Fiissen, und eine Hypothese schwebt 
noch mehr in der Luft, als die andere. 

Wollen wir irgendwelche Sicherheit gewinnen, so miissen wir 
weiter zuriickgreifen und festzustellen suchen, wer jener Graf 



*) nicht 1. Aug. 1180. Vergl. Cohn, Gott. gelehrt. Anz. 1866. 
*) Vergl. Arnold von Lubeck, Schulausgabe S. 50. 
a ) v. Ledebur „Vlotho" S. 117. — Westf. Drkb. Ill, 104 S. 52. 

6* 



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84 



Bernhard war, dem Heinrich IV. zugunsten Adalberts 
vori Bremen die Grafschaften im Emsgau, in Westfalen 
und Engern 1062, resp. 1096 entriss. 

Zweierlei Ansichten sind es, welche bisher beziiglich der 
Eruierung des Grafen Bernhard mit einander um den Sieg stritten. 
Der ersten Repxaesentant ist l^ein geringerer als Seibertz, neben 
Wilmans der heryorragendste und bedeutendste der modernen west- 
falischen Historiker, welcher sich kein geringes Verdienst um die 
alteste westfalische Geschichte durch seine Forschungen uber die 
friihesten Grafen im Westfalenlande erworben hat. Seibertz nun 
stellt in ; Hinsicht auf die alten Grafen von « Werl und Arnsberg 
folgende Stammtafel auf : l ) 

Konrad Kg. v. Bnrgnnd 

Gisela ' Gerberga ****** Gem. : *w» Hermann I. 

Gem. Herzog Heinrich d. Friedf. (ihr zweiter Gem. ist Hermann Gr. in Westfalen 

v. Baiern. v. Schwaben.) f vor 1000. 



Kaiser 



Hermann II. Rudolf Bernhard I. Gisela Mechthilde 

Heinrich II. Graf v. Westfalen Graf Graf Gem.: Gem.: Graf 

Vogt von von 1. Bruno v. Braunschweig Eisiko 

des Klosters Westfalen Westfalen 2. Ernst I. v. Schwaben v. Ballen- 

Werden 3. Kaiser Konrad IL stadt. 



.. Heinrich I. Konrad'I. Adalbert 

1019 f 1056 
wird no'ch nrkund* 
lich genannt 
1024 and 1029. 
i ' » * ■ ^ 

Konrad II. Gr. zu Werl 
1077 Gr. zu Arnsberg 
1092 von den frisischen Morseten 
erschlagen. 
Gem.Hedwig (Mechthild) 
Tochter Ottos v. Nordheim. - 



Bernhard II. 1024 

Gr. in Westfalen 1054 
Vogt der Paderborner 

Kicche 1062 
Graf im Emsgau. 
f zw. 1079 und 1089. 



3. 

Heinrich III. 

deutscher Konig 

und Kaiser 

t 1056. 



Heinrich IV. 

deutscher Kaiser 

1056—1106. 



Hermann 

|- mit seinem Vater 1092 gegen 

die Morseten. 



Dem Leben Bernhards II. widmet Seibertz 2 ) eine langere Ab- 
handlung und behauptet von ihm , dass er auch im Besitze des 



x ) „Diplomatische Familiengesch. der alten Grafen von Westfalen zu Werl 
und Arnsberg" (Der „Landes- und Rechtfgesch. des Herzogtums Westfalen" 
I. Abteil.) 

*) 1. c. S. 59 ff. 



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85 

Emsgaus gewesen sei, nachdem er alle alten Werlschen Besitzungen 
nach dem Tode seiner altern Briider in seiner Hand vereinigt hatte ; 
der Autor sieht darin zugleich einen „besondern Beweis, wie aus- 
gedehnt die Besitzungen dieses Hauses waren". Dass der Verfasser 
dabei die betreffenden Urkunden von 1062 und 1096, sowie nament- 
lich die Erzahlungen des Adam auf diesen Bernhard bezieht, igt 
selbstverstandlich. Seibertz hat sich bei seiner Annahme dadurch 
irrefiihren lassen, dass er aus der Urkunde von 1062 herauslas, es 
handle sich urn einen Sprossling des westfalischen Grafenhauses von 

Werl (comitatum comitis Bernardi comitatum in Emisga, 

Westfala et Angeri), weil es da heisse : die Grafschaft Westfalen, 
wahrend man das comitatum in Westfala doch weder direkt auf 
Werl, noch auch etwa gar auf ganz Westfalen zu beziehen berechtigt 
ist; man muss hier dem Ausdruck gegentiber dieselbe Erklarung 
anwenden, die man anwendet, wenn es fiir den Komitat im Emsgau 
urkundlich mehrfach heisst comitatus in Frisia. Wie es in Frisland 
mehrere Grafschaften gab, von denen die Bremer Kirche einen, den 
Emsgau, erwarb, so gab es in Westfalen und Engern verschiedene 
Grafschaften, und aus beiden Stammen, wenn ich so sagen darf, 
liess sich Adalbert je f einen Komitat iibertragen. Dass es sich hier 
nicht urn Werl-Arnsberg, handeln konnte, musste sich Seibertz bereits 
sagen, • wenn er den Zweck genau ins Auge fasste, welchen Adalbert 
mit der Erwerbung der Grafschaften verfolgte: in der Gewinnung 
dieser Komitate wollte ja Adalbert, wie wir gesehen haben, den 
Hauptstutzpunkt finden fur die Erhebung seiner Kirche zum nordischen 
Rom; dazu aber konnten ihm nur westfalische oder engerische 
und frisische Komitate dienen, welche entweder innerhalb seinei; 
Diozese lagen oder doch derselben unmittelbar benachbart waren, 
so dass durch die unmittelbare Verbindung der Grafschaften eine 
machtige weltliche Herrschaft entstand als breite Unterlage fiir. das 
glanzende kirchliche Reich: Adam von Bremen sagt solches mit 
durren Worten. x ) Halt man dieses fest, so ist es klar, dass Adal- 
bert, dessen Bestrebungen ja ihre Spitze zumeist gegen die Billing er 
richteten, mit der Erwerbung der Grafschaft Werl eigentlich so gut 



l ) Adam Br. SS. V, 353; Schulausg. S. 127, 



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86 

wie nichts gewinnen konnte; die Zusamntenstellung von Westfalen 
und Engern mit dem Emsgau hatte Seibertz schon, wenn er gleich- 
zeitig den grossartigen Plan Adalberts richtig wtlrdigte, atif den 
Gedanken bringen mussen, dass die Urkunde Heinrichs IV. einen 
westfalischen und einen engrischen Komitat in der Nahe des Ems- 
gaues im Auge hatte, mochten diese nun in der Erzdiozese liegen 
oder an dieselbe stossen. Im tibrigen konstatiert Seibertz selbst 
eine ununterbrochene Reihenfolge seiner Grafen in Werl und Arns- 
berg und gesteht (1. c. S. 64): „Welchen Erfolg diese wiederholte 
Schenkung (von 1096) gehabt, dartiber berichtet Adam von Bremen 
nichts mehr. Sie scheint sich wohl auf den Komitat im Emsgau 
beschrankt zu haben, *) weil wir in den (!) ubrigen westfalischen 
Gauen fortwahrend unsern Grafen finden". Oberhaupt will mir 
scheinen, als wenn Seibertz fiber unsern Emsgau nicht recht mit 
sich selbst imklaren gewesen sei, denn an einer andern Stelle 2 ) 
sagt er: „Bernhard II. tiberlebte seine Briider sehr lange, denn er 
erscheint von 1024 ab 65 Jahre lang in der Geschichte und zwar 
mit ausgezeichneter Macht bekleidet, weil er nicht nur Graf im Gau 
und der Provinz (in pago et provincia) Westfalen, sondern auch im 
engerschen (!) Emsgau und zugleich Schirmvogt der paderborner 
Kirche genannt wird. Da er nicht vermahlt war, so ttberredete 
der habgierige Erzbischof Adalbert von Bremen 1062 den *Kaiser 
Heinrich IV., 8 ) ihm den Komitat Bernhards in den Gauen Emisgoa, 
Westfala et Angeri zu schenken. Bernhard scheint aber damit nicht 
einverstanden gewesen zu sein, denn die Kirche zu Bremen kam 
niemals in den Besitz des Komitates, der vielmehr auf die Sohne 
von Bernhards altestem Bruder vererbte." In der That findet dann 
Seibertz auch einen Sttitzpunkt f&r die Geltendmachung dieser Erb- 
ansprfiche in dem Peldzuge Konrads II. und seines Sohnes 1092 



l ) trotzdem es in der Urkunde von 1096 deutlich heisst : „comitatum quern 
in Emescowa et Westfala situm Bernardus comes .... susceperat .... 
eundem comitatum Deo salvatori et sanctae Mariae offerentes" u. s. w. 

■) Seibertz : Landes- u. Rechtsgesch. des Herzogt. Westfalen I. Bd. 3. Abt. 
Gesch. des Landes u. sr. Zustande 2. Teil S. 303. (Zweiter Band der eigent- 
lichen Landes- und Rechtsgeschichte.) 

s ) Auch diese Darstellung ist schief, wenn man bedenkt, wie alt Konig 
Heinrich IV. damajs war. 



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87 

gegen die Morseten. „Wenn ubrigens Graf Konrad" — so sagt der 
Autor wortlich 1 ) — „auf solche zeitgemasse Weise seine Residenz 
auch in die sudlichen Gebirge seiner Grafschaft verlegte, so gab er 
darum doch seine Anspriiche auf die nordlichen Niederungen des 
alten westfalischen Komitats nicht atif. Denn er vererbte nicht nur 
die Stammbesitzungen im Dreingau bis fiber Rietberg hinaus auf 
seine Nachkommen, sondexn suchte auch den von seinem Oheim 
Bernhard II. gegen Adalbert von Bremen so standhaft verteidigten 
Emsgau wieder an sich zu bringen. Seine Bemiihungen wurden 
jedocl nicht mit glilcklichem Erfolge gekront, obgleich er sie mit 
nicht, geringen Anstrengungen unternommen haben mochte. Es 
scheint dies aus der kurzen Nachricht hervorzugehen, welche uns 
der sachsische Annalist zum Jahre 1092 fiber sein Ende mitteili 
Er sagt namlich »Graf Konrad von Werl wurde mit seinem Sohne 
Hermann und vielen andern Edlen von den Frisen, welche Morseten 
genaunt werden, erschlagen. « 2 ) Der frisische Gau der Morseten lag 
im heitigen Ostfriesland und war dem sachsischen (!) Emsgau benach- 
bart. a Man sieht, eine klare Vorstellung vom Emsgau, der hier 
einma. zur Veranderung der w sachsische" genannt wird, hat Seibertz 
nicht ; ubrigens haben die Morseten mit Ostfriesland nichts zu thun 
und sind keineswegs Nachbarn der Emsgauer gewesen. Einen wirk- 
HdieBL Stfitzpunkt f&r seine Hypothese aber hatte Seibertz darin 
finlen konnen, dass Heinrich IV. den Grafen Bernhard 1096 seinen 
coisanguineus nennt. Wirklich muss man nach der oben mitgeteilten 
Stammtafel Seibertz' es fiir ganz richtig ansehen, dass Bernhard II. 
von Werl als Verwandter des Kaisers bezeichnet werden kann ; allein 
die Sa,che hat denn doch ihren bosen Haken. Jene angebliche Ver- 
wandtschaft soil von der Gisela herriihren, der Tochter des Grafen 
Hermann I., welche in erster Ehe mit Bruno von Braunschweig, in 
sweiter mit Ernst I. von Schwaben und in dritter mit dem spatern 



l ) 1. c. S. 81/2. 

*) Auch die Ann. Hildesh. berichten: ,,1092 ind. IV Conradus comes a 
Jresonibus occisus est cum aliis multis 12 Kal. Aug.", and desgl. die Ann. 
(orb.: ,,1092 Conradus comes com mnltis aliis a Morsaciensibos occisus est". 
@S. Ill, 106.) Der Herausgcber der Annalen in den U. G. weist den Morsatei^ 
iire Wohnsitze „in deytra Albis ripa", Magdeburg gegenube? aft. 



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88 

Konig Konrad II. vermahlt war. Nun aber steht es noch keines- 
wegs fest, dass Gisela die Tochter des westfalischen Grafen Her- 
mann war, vielmehr weist kein geringerer als v. Giesebrecht l ) diese 
Anschauung Seibertz' als falsch entschieden zuriick und halt iaran 
fest, dass Gisela die Tochter Herzog Hermanns H. von Schwaben, 
die alteste Schwester Herzog Hermanns HI. war, mit dessen Tode 
1012 das alte frankische Geschlecht im Mannesstamme erlosct, dem 
einst Konig Heinrich I. das schw&bische Herzogtum iibertragen. *) 
Und wollten wir selbst annehmen, die von Seifrertz aufgestellte 
Genealogie sei die richtige, so konnte doch dieses Moment kaum 
ins Gewicht fallen gegeniiber den andern von uns geltend geimchten 
Griinden, wonach Graf Bernhard II. von Werl nicht jener comes 
gewesen sein kann, dem Heinrich IV. den Emsgau zugunsten der 
Bremer Kirche entzog; denn nichts schliesst die Berechtigung der 
Annahme aus, dass noch wohl ein anderer Graf, welcher den land- 
laufigen Namen Bernhard trug, dem salischen Kaiserhause vervandt 
sein konnte. 

Wenn aus dem Gesagten hervorgeht, dass nicht Bernhird H. 
von Werl im Jahre 1062 der bisherige Besitzer des Komitits im 
frisischen Emsgau gewesen ist, so fragt es sich, ob nicht die zweite 
Mutmassung, von der ich sprach, mehr Berechtigung hat: jene 
Annahme, welche im comes Bernardus der Urkunden von 1062 und 
1096 einen Spross des machtigen, dem Bremer Erzstuhle und nament- 
lich Adalbert bis in den Tod feindlich gesinnten Billingiscben 
Herzogshauses sieht. An dieser Ansicht halt neuerdings der 
sehr genaue Kenner der Bremer Geschichte, Dehio, in seinem Werk* 
liber die Missionsgeschichtc der friihern Erzdiozese Hamburg-Bremei 
fest. Zur Orientierung mag auch hier die verkiirzte Geschlechtstafe 
der Billinger vorausgeschickt werden. 3 ) 



*) „Gesch. der deutschen Kaiserz." 4. Anfl. Bd. II S. 628 Anmerkg. zi 
S. 218, 219: „Seibertz hat die Sache eingehend untersucht, sich aber dura 
die Antoritat des Annalista Saxo zu manchen, meines Erachtens unhaltbara 
Konjekturen verleiten lassen. Ausfohrlich hat Hirsch, Heinrich II. Bd. I S. 461 
die Verhaltnisse behandelt u . 

2 ) Giesebrecht 1. c. II, 119. 

s ) Vergl. Wilmans: „Kaisertirkunden der Provinz Westfalen" I, 43. 
y, Heinemann „Zur Genealogie des Billnngischen Herzogshauses" Zeitschr. fir 



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89 



Graf Billung 

f 20. Mai 967. 



Amalung f 962 Hermann f 973 Wichmann 1. 1 944. 

Bischof v. Verden. seit 961 Herzog v. Sachsen. Gem. Friderana, 



Bernhard I. Imma 995 



Schwester der Kdnigin Mathilde. 



Herzog f ion. Abtissin v. Herford. Wichmann II. Egbert Liudolf . 

f967. t? B.v.Osnabruck. 



Bernhard II. Thietmar Godesdiu. Imma. 



Herzog 1011-1062. Graf f 1048. Wichmann III. 

' * ^ 1016 von der beruchtigten Adela 

Ordulf (Otto) Hermann Gertrud ermordet. 

Herzog 1062—1074. f 1068 (?) Gero. 1. Florenz Gr. v. Holland 1 1061. 

2. Robert der Frise v. Flandern. 



Magnns Bernhard 



Herzog 1074—1106. Graf Dietrich 

1 15. Juli eines Gr. v. HoUand 1061—1091. 



Wnlfhilde Eilcka. unbekannten 



1 1126. Jahrea. Florenz d. Fette (H.) 

Gem. Heinrich Graf v. Holland, 

der Schwarzef 1126. Gem.Gertrnd(Petronella?)Halb- 

* * s schwester Kaiser Lothars. 

Heinrich der Stolze. 

Es steht fest, dass die Billinger im ostlichen Frisland die 
Grafschaft besassen; interessant ist es, dass Miinzen erhalten sind, 
gepragt zu Jever, welche den Stempel Herzog Ordulfs (Ottos) 
sowie seines Bruders Hermann tragen und derselben Zeitperiode 
anzugehoren scheinen, wie jene oben erwahnten Hermanns von 
Ravensberg. Somit erscheint es von vorneherein gar nicht unwahr- 
scheinlich, dass auch im westlichen Frisland ein Komitat in den 
Handen dieses reichen und machtigen Hauses gewesen sei, zumal 
wenn man aufmerksam darauf bleibt, dass, indem Erzbischof Adal- 
bert die Grafschaft im Emsgau an sich zu bringen wusste, damit 
den Billingern, seinen Todfeinden, ein harter Schlag versetzt wurde : 
ein Umstand, der ja sehr gut zur Motivierung der Ansicht passen 
wurde. Der Inhaber des Emsgaues, welchem der Bremer Erzbischof 
diese Grafschaft zu entreissen verstand, soil dann Graf Bernhard 



Niedersachsen 1865 S. 138 ff. L. A. Cohn „Stammtafeln" Nr. 26. — Ich habe 
auch die Nachkommen Wichmanns hierhergesetzt, weil ich gedenke, auch sein 
Verhaltnis zu Frisland und namentlich die bekannte Folker-bchenkung vom 
Jahre 855 an das Kloster Werden in einer Fortsetzung namentlich da zu 
berucksichtigen, wo der Verkauf aller frisischen Outer des Liudgerus-Stiftes 
an das Bistum Munster (1283 janr. 2, — Westf. Urkb. Ill, Nr, U99) zur 
Sprache kommt, 



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gewesen sein, der Bruder des letzten Billinger-Herzogs und Gegners 
Heinrichs IV., Magnus, der zweite Sohn Herzog Ordulfs. Indem nun 
Dehio die Schenkungsurkunde fiir Bremen vom 23. November 1062 
bespricht, sagt er: *) „Leider sind wir hier so iibel daran, weder 
die Person des beregten Grafen noch die von ihm innegehabten 
Gaue mit Sicherheit feststellen zu konnen. Die Vermutung, die an 
deren Stelle zu treten hat, wird um so besser gestiitzt sein, je naher 
sie ankniipft. In dem Grafen Bernhard glaube ich darum mit einiger 
Zuversicht den gleichnamigen jiingsten Sohn Herzog Ordulfs wieder- 
zuerkennen, und den fraglichen engrischen Komitat halte ich fur den 
Bremer Largau, wo Herzog Bernhard n. im Besitze eines solchen 
gewesen war, sowie den westfalischen fiir den benachbarten Lerigau, 
der gleichfalls den Billungern gehort hat; vom Emsgau endlich ist 
gewiss, dass der frisische gemeint ist : indem er sich als Verbindungs- 
glied zwischen den Ammergau einer- und den Fivelgau andererseits 
einschob, schloss er die Kette der Bremischen Grafschaften. a Auf 
den ersten Blick hin erkennt man in dieser Auslassung Dehios 
einen bedeutenden Fortschritt gegenuber der Annahme des west- 
falischen Geschichtsschreibers ; Dehio sucht die Adalbert iibertragenen 
Grafschaften da , wo sie allein ' zu suchen sind : in unmittelbarer 
Nahe Bremens, wo sie auch einzig die Plane Adalberts zu verwirk- 
lichen imstande waren und einen machtigen territorialen Untergrund 
fiir die Grosse des Erzstiftes bieten konnten. 

Demgegeniiber sind es besonders zwei Grande, welche es zur 
Unmoglichkeit machen, dass der angeregte Graf Bernhard Herr im 
frisischen Emsgau gewesen sei, abgesehen davon, dass man sonst 
nirgendwo Verbindungen der Billinger mit diesem Gau konstatieren 
kann, was doch bei andern thatsachlich zu geschehen vermag. 
Zunachst lege ich Gewicht darauf, dass Heinrich IV. 1096 jenen 
comes Bernardus seinen consanguineus nennt, nun aber ist kein 
verwandtschaftliches Verhaltnis zwischen den Saliern und Billingern 
in der ganzen Kette beider Hauser abzusehen, welches stark genug 
ware, den Kaiser zum Gebrauche dieser Bezeichnung zu bewegen. 
Von alien Mitgliedern beider Hauser, die inbetracht kommen konnten, 



l ) Dehio I c I, 232, 



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sind wir genau fiber ihre Verheiratungen und Schwagerschaften 
unterrichtet, nur nicbt iiber Bernhard selbst. Wftrde aber durch 
ihn die enge Verwandtschaft mit dem Kaiser erst hergest&llt 
sein, so wiirde es sich am Ende doch fragen, ob er da aus seinem 
grossen Besitztum vertrieben sei. Wollte man aber auch darauf so 
viel nicht geben, dass man diesen Grand als ausschlagbringend fur die 
Verwerfung der Hypothese Dehios anzusehen habe, so kommt doch 
ein wichtiges zweites Moment hinzu. 

Wir wissen, dass nur wenige Jahre Adalberts Herrlichkeit 
gedauert hat: die mannigfachsten Verhaltnisse duldeten es nicht, 
dass die hohen Plajie des grossen Erzbischofes in Erfftllung gingen, 
und diese Verhaltnisse waren eben starker als der Mensch ; Adalbert 
stiirzte plotzlich von seiner glanzenden Hohe herab. Einer der ersten, 
der fiber den zuboden geschmetterten Mann herfiel, war der junge 
Herzog Magnus, welcher den ganzen Hass seines Geschlechtes gegen 
den Praelaten in sich aufgenommen hatte. „Von seinen Feinden 
zertreten, von seinen Vassallen und Dienern verraten, machtlos, 
jeder helfenden Freundschaft bar und bloss musste sich Adalbert 
endlich zu dem Schwersten versteheri : als Bittender seinen Peinigern 
sich zu nahen und ihren Raub als rechtmassig anzuerkennen". *) 
Adam berichtet dartlber: „Ipso tempore archiepiscopus a Magno duce 
obsessus, clam nocte fugit Goslariam, ibique secure per dimidium 
annum mansit in praedio suo apud Loctunam. Castra et servicium 
eius ab hostibus direpta sunt. Quibus angustiarum laqueis obstrictus, 
ignominio8um quidem, sed necessarium cum tyranno fedus pepigit, 
ut, qui hostis erat, miles efficeretur, offerens ei de bonis ecclesiae 
mille mansos in beneficium et amplius : eo nimirum tenore, ut comi- 
tatus Fresiae, quorum alteram Bernardus, alteram Ekibertus invito 
pontifice retinebat, Magnus absque omni dolo vendicaret iuri ecclesiae 
ac defenderet." 2 ) Jeder, welcher diese Stelle liest, wird sich sofort 
daran stossen, dass Herzog Magnus sich absque omni dolo dazu 
verpflichtet, sowohl den Markgrafen Ekbert aus dem frisischen Hunse- 
und Fivelgau, als auch seinen eigenen Bruder Bernhard, welcher bis 



l ) Dehio I, 265. 

») Adamus Br. SS. V, 354. Schulausg. S. 129, 



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dahin mit Waffengewalt so tapfer den „billingischen a Komitat 
gegen die Annexionslust des Bremer Erzbischofes verteidigt hatte, 
aus dem Emsgau zu vertreiben, und dass er dann dafur diese 
Grafschaften selbst zu Lehen erhielt. Wer das ganze Yerhaltnis 
zwischen den Billingern und Adalbert iiberschaut, und zwar gerade 
gestiitzt auf die Untersuchungen Dehios, der wird eingestehen, dass 
ein solches Vorgehen des Herzogs gegen seinen jungern Bruder absolut 
unmoglich erscheint, dazu wfirde sich ein Billinger niemals ver- 
standen haben. Dann, meine ich, wurde unser Berichterstatter Adam 
wohl schwerlich es haben unterlassen konnen, gerade an dieser Stelle 
durch ein einziges Zusatzwort auf das so nah$ Verwandtschafts- 
Verhaltnis zwischen dem Herzog und dem Grafen hinzuweisen, ran 
dadurch das Ungeheuerliche dieser Verpflichtung erst in das rechte 
Licht zu riicken. Dehio selbst scheint das auch wohl gefuhlt zu 
haben , denn er bezeichnet die von Magnus eingegangene Ver- 
pflichtung als „ ein selbstverstandlich in den Wind gegebenes Ver- 
sprechen". *) Dass das so selbstverstandlich sei, will mir nicht 
einleuchten; denn einmal lasst der Bericht Adams eine Deutung in 
diesem Sinne gar nicht zu, er zwingt uns vielmehr durch den 
feierlichen Ausdruck absque omni dolo vendicaret iuri ecclesiae ac 
defenderet gerade das Gegenteil anzunehmen, dass es namlich dem 
jungen Sachsenherzoge gar sehr ernst war, Ekbert und Bernhard 
aus ihren Grafschaften zu vertreiben. Und dass es mit dieser Ver- 
treibung ihm auch ernst sein konnte, geht doch aus dem Umstand 
hervor, dass er durch die Erwerbung der frisischen Grafschaften 
den ausgedehnten billingischen Besitz nicht unbedeutend vermehrte, 
wenn solches auch unter dem Scheine der Verteidigung der bremischen 
Rechte und Anspruche geschah. Es liegt auf der Hand, dass der 
junge, ungestfime und kriegslustige Herzog mit vielem Vergniigen 
die Gelegenheit wird ergriffen haben, Ekbert aus dem Hunse- und 
Fivelgau zu verjagen, und wenn solches am Ende doch nicht 
geschehen ist, und wenn wir spater den einzigen Erben Ekberts, 
wie bereits erwahnt, im Besitze frisischer Grafschaften finden, so 
werden wir den Grund hierftir darin zu suchen haben, dass sowqM 



») Pehio 1. c. I, 265, 



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Magnus, als auch Ekbert (und wer weiss, ob nicht auch Bernhard) 
alsbald gemeinschaftlich mit den andern sachsischen Grossen jenen, 
in seinen weltgeschichtlichen Folgen so traurigen Kampf gegen 
Heinrich IV. begannen, einen Kampf, in welchem es sich um ganz 
andere Interessen handelte, als um eine frisische Grafschaft. Dann 
aber schwindet auch das Gesuchte und, wenn ich so sagen darf, 
Ungeheuerliche der Hypothese Dehios, sobald man den naturlichsteh 
Weg der Interpretation einschlagt und annimmt, dass auch Graf 
Bernhard dem Sachsenherzog eine f rem de Personlichkeit war, 
gleich Ekbert. Entschliesst man sich zu dieser Annahme — und 
mir will scheinen, dass man keinen andern Ausweg finden kann — , 
so gewinnt die angezogene Stelle Adams eine ganz nattirliche Er- 
klarung: Herzog Magnus benutzt den Sturz Adalberts, um die 
billingische Macht durch mehrere frisische Grafschaften zu ver- 
grossern, diese sind erst kiirzlich an die Bremer Kirche gekommen, 
und Adalbert hat noch nicht vermocht, de facto sich in den Besitz 
derselben zu setzen, weil die bisherigen Inhaber sie glucklich zu 
verteidigen wussten; nunmehr sieht er sich gezwungen, um wenig- 
stens den Scheinbesitz der Bremer Kirche zu wahren, den machtigen 
Billinger , seinen Hauptfeind , mit diesen frisischen Komitaten zu 
belehnen, welcher hinwiederum die ihm fremden und jetzt feind- 
lichen Graf en Ekbert und Bernhard aus denselben verjagen muss. — 
Ob dann auch jener Satz Dehios, dass der Emsgau, „indem er sich 
als Verbindungsglied zwischen Ammergau einer- und den Fivel- 
gau andererseits einschob, die Kette der B^emischen Grafschaften 
schloss", 1 ) durchaus richtig ist, mag hier als nebensachlich uner- 
ortert bleiben ; es genugt, als Resultat der Untersuchung festzu- 
stellen, dass Graf Bernhard nicht derBruder desSachsen- 
herzogs Magnus gewesen sein kann. 2 ) 



*) Dehio I, 232. 

2 ) Bereits im Jahre 1865 hat v. m p t e d a in seinem Aufsatze : „Schloss 
Thedinghausen und sein Gebiet", (Zeitschr. f. Nieders. 1865 S. 151 ff.) den 
Nachweis aus andern Griinden erbracht, dass der „hier [in den Urk. v. 1062] 
genannte comes Bernardus nicht zu den Billingern gehdrt". Von seinen Be- 
merkungen hebe ich hier nur Folgendes hervor: „Es giebt zwar in jener Zeit 
einen Grafen Bernhard, Sohn Herzog Ordulfs aus zweiter Ehe mit Gertrud 



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Nach dem, was ich auseinandergesetzt habe, bleibt nun nichts 
anders iibrig, als uns nach einem andern Grafen umzusehen und 
una an ein anderes Geschlecht zu wenden, welches imstande ist, 
uns fftr jene Zeit einen Bernhard aufzuweisen, dem wir mit mehr 
Recht als den beiden besprochenen den Besitz der Grafschaft im Ems- 
gau vindizieren konnen. Und da meine ich, sei nichts naturgemasser, 
als wenn wir bei demjenigen Hause anfragen, welches, wie wir oben 
gesehen haben, sichern geschichtlichen Cberlieferungen zufolge die- 
selbe Grafschaft spater drei Generationen hindurch imbesitz hatte, 
wahrend solches nachweislich sicher bei irgend einem andern Ge- 
schlechte nicht der Fall ist; oder mit andern Worten: giebt es im 
Jahre 1062 einen Grafen Bernhard aus dem spater sogenannten 
graflichen Hause Ravensberg, und wo liegen eventuell die Besitzungen 
dieses Grafen? 

Den Namen eines Grafen von Ravensberg fuhrt zu allererst 
Otto I., und zwar zu Soest am Weihnachtstage 1141, wo derselbe 
als Zeuge in einer Urkunde des Erzbischofs Arnold von Kdln fur 
das Flechdorf erscheint. *) Auch Ottos Bruder Heinrkh, dessen die 
Urkunden zum ersten Male am 22. April 1058 erwahnen, allwo 
derselbe nebst Otto ein Diplom Kaiser Friedrichs I. zu Kaiserswert 



von Haldensleben. Dieser kann aber, weil die erste Ehe H. Ordulfs mit Wulf- 
hilde von Danemark 1042 geschlossen ist, and aus dieser Ehe Herzog Magnus, 
der letzte Billunger herstammt, allerfruhestens 1044 geboren sein, ware also 
1062 hochstens 18 Jahre gewesen, wahrscheinlich aber viel junger. Das 
Nekrologium S. Michelis sagt von ihm, ohne Angabe des Todesjahres, bei Idas 
Julii: „obiit Bernardus puer, frater M»- ducis". (Wedekind Noten II pag. 55. 
94—95 and 120. Ill pag. 54). Nan liesse „es sich freilich denken, wie das Hoy. 
Urkb. Einleit. pag. XIV annimmt, dass noch 1062 der Komitat nach dem 1059 
gestorbenen Herzog Bernhard U. genannt ware, allein die Herzoge werden nicht 
deswegen, weil von ihren Komitaten die Rede ist, comites genannt, sondern 
auch da immer duces. Endlich aber behauptet die Urkunde von 1096, welche 
jenem Grafen Bernhard schliesslich die Grafschaft aberkennt, das er schon 1062 
zu der Verleihung seine Zustimmung erteilt habe, und Adam Brem. Ill, 45 
erzahlt, ein gewisser Gottschalk sei in Verteidigung der aus der Verleihung 
von 1062 erworbenen Rechte der Bremer Kirche im Kampfe gegen inn gefallen, 
so dass er noch 1062 gelebt haben muss. Nach Adam Br. Ill, 48 verbindet 
sich Adalbert sogar mit dem Herzog Magnus zu dem Zweck, um jene frisische 
Grafschaft dem Grafen Bernhard wieder abzunehmen u . v. Ompteda S. 217/18 
Anmerk. -- Die letztere Thatsache selbst f&Ut ins Jahr 1066. 
l ) Erhard Reg. Nr. 1626. 



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bezeugt, tragt den Namen „Graf von Ravensberg". *) Otto und 
Heinrich sind die Sdhne des Grafen Hermann II. von Kalverlage, 
wie solches die geschichtliche Forschung langst festgestellt hat ; 2 ) 
daraus folgt, dass das Geschlecht, welches spater Jahrhunderte 
hindurch als das ravensbergische bluhte, fruher den Namen „Kalver- 
lage" fuhrte. Lamey glaubte den Stammort der Ravensberger in 
dem Hofe Kaalflage „auf den Ravensbergischen Grenzen in dem 
Osnabruckischen Kirchspiel Oldendorf gegen Gesmold zu a entdeckt 
zu haben, 3 ) indem derselbe von der Ansicht ausging, Kalberlage 
miisse im Ravensbergischen liegen. Dabei war dann der erste 
Forscher ungliicklich genug, einen Ort zu finden, der niemals zu 
Ravensberg, sondern stets zu Osnabriick gehort hat. Das sah 
Nieberding 4 ) sehr wohl ein und er stellte daher eine andere Ortlich- 
keit als Ausgangspunkt der spatern Ravensberger hin: gegenfiber 
Lamey und seinen Nachfolgern Moser und von Ledebur bewies er 
schlagend, dass Kalvelage nichts anders sei, als die grosse zum 
oldenburgischen Kirchspiele Lohne gehorige Bauerschaft Brokdorf, 
welche „in alien offentlichen Urkunden und Amtsrenteirechnungen etc. 
bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts den Namen Bauerschaft Kalve- 
lage fflhrt". Damit ist denn der Schauplatz plotzlich ganz verlegt, 
und wir befinden uns nunmehr in jener Gegend, von welcher wir 
bereits wissen, dass sie Otto II. v. Ravensberg zu seinem Erbe 
erkor, weil dort die altesten Guter seines Hauses lagen, und dass 
dort auch, im Kloster zu Bersenbriick, der letzte mannliche Spross 
der altern Kalvelager Linie seine Ruhestatt fand. Und wenn wir 
dann auch wissen, dass Hermanns II. Enkel Hermann IH. das ganze 
sp&tere Niederstift Minister und den Emsgau beherrscht, also sich 
im Besitze von westialischen, engrischen und frisischen Komitaten 
befindet, so ist die Annahme keine so ungeheuerliche, dass auch 



l ) Erhard ibid. Nr. 1857. Bremer Urkb. Nr. 48, wo aber die Zeugen 
unvollstandig anfgefuhrt sind. 

*) Vergl. Albert. Stad. a. a. 1105. Lamey : „Diplomatische Qesch. der 
alten Grafen v. Ravensberg" S. 8. 

s ) Lamey 1. c. S. 5. 

4 ) „Geschichte des ehemaligen Niederstiftes Munster und der angrenzen- 
den Grafschaften Diepholz, Wildeshausen u. s. w." I S. 129 ff. 



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der Grossvater nicht bloss einen Hauptteil, Vechta (Kalvelage), 
sondern auch schon das ganze Besitztum sein nannte, welches der 
Enkel thatsachlich inne hatte. 

Hermanns II. Vater ist Hermann I., der in den Quellen gleich- 
falls den Namen Kalvelage fuhrt. Er vermahlte sich mit Ethelinde, 
der bekannten Tochter Ottos von Nordheim, welche zuerst die 
Gemahlin des Herzogs Welf von Schwaben geworden, dann aber von 
diesem schnode verlassen war. Durch diese Heirat wurde der Grand 
gelegt zur spatern Verwandtschaft der Kalvelager mit Kaiser Lothar 
und zum intimen Verhaltnisse zwischen diesem und Hermann II. *) 
Weil diese Verwandtschaft nicht ohne Wichtigkeit fur uns ist, setze 
ich die bezugliche Genpalogie kurz hierher: 

Otto von Nordheim. 



Heinrich d. Fette Ethelinde 
Graf in Frisland f 1101. Gem. 1. Welf, Herzog v. Schwaben. 

Gem. Gertrud v. Braunschweig, als Schwester 2. Hermann I. v. Kalvelage. 
Ekberts dessen einzige Erbin. 

Richenza Hermann II. 

♦1088 flll4. 112—1134 

Gem. Lothar v. Supplingenburg. Graf von Kalvelage. 



Gertrnd f 1143 Otto I. 1138—1173 Heinrich 1158—1175 

Gem. Hz. Heinrich der Stolze. Gr. v. Bavensberg. Gr. v. Ravens berg. 



Heinrich d. Lowe. Hermann III. 1170—1218 (?) 

Bis zu dem gefiihrten Punkte ist die Genealogie des uns 
beschaftigenden Hauses durchaus sicher ; wenn sie solches nicht 
mehr ist , sobald wir eine Generation hoher hinaufsteigen , so liegt 
das daran, dass man im 11. Jahrhundert noch nicht begonnen hatte, 
in den Urkunden zu dem Voriiamen und zur Bezeichnung der Qualitat 
eines Ausstellers oder Zeugen (abgesehen von den hohern Regionen) 
auch den Stammnamen hinzuzufugen, so dass also die Bestimmung 
genealogischer Verhaltnisse fur jene Zeit ausserst schwierig ist. Da 
bleibt der Grund und Boden , auf welchem eine Urkunde erwachst, 
fast der einzige Anhaltspunkt fur denjenigen, welcher die Genealogie 
eines Hauses durchforschen will. Finden wir nun in unserm Falle 
in derselben Gegend, wo Hermann I. eine Grafschaft besitzt, 



l ) Lamey S. 9. Nieberding I, 141, 142. 



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eine Generation fruher einen Grafen Bernhard, so ist es keine 
unbegrundete Hypothese, in diesem Grafen Bernhard den Vater 
Hermanns zu erblicken; und daher stehe ich auch nicht an, mich 
Nieberding anzuschliessen, welcher in Bernhard den Vater Hermanns 
wahrscheinlich gemacht hat. Dieser Bernhard besass 1051 einen 
Komitat im Bistum Osnabnick und zog des Bischofs freie Malleute 
vor sein Gericht, woruber sich der Bischof beim Kaiser Heinrich III. 
beschwerte. *) Ferner hat dann Nieberding die Genealogie Bernhards 
noch zwei Generationen hinaufgefuhrt, und stellt er uns in dem 1020 
zu Thriburi (Drebber bei Diepholz) in pago Saxonico Westphala als 
Comes fungierenden Grafen Hermann (welcher dann eigentlich als 
Hermann I. bezeichnet werden miisste) den Vater, und in jenem 
Bernhard, in dessen Grafschaft Kaiser Otto II. eine Schenkung zu 
Lohne etc. 2 ) im Gau Dersaburg an das Kloster Memleben macht. 
den Grossvater unseres Bernhard vor. 

Wenn ich nun die ganze Sachlage uberschaue und daran fest- 
halte, wie kaum ein Jahrhundert spater der Emsgau mit alien in 
verschiedenen sachsischen oder besser westfalischen und engrischen 
Komitaten, die schon Kaiser Otto II. 980 aufzahlt, gelegenen Be- 
sitzungen, welche wir kurzweg als das dominium Vechta spater 
verzeichnet finden, dem Ravensberger Grafen Hermann III. gehort; 
wenn dann namentlich Vechta, oder wenn man lieber will Kalve- 
lage, bereits seit 1072, wo sich Hermann I. mit Ethelinde, der 
Tochter des machtigen Sachsenherzogs 3 ) vermahlt, in den Handen 



*) Moser II, Urk. 23. — Cber die spater von den Ravensbergern im Hoch- 
stifte Osnabruck geubte Gerichtsbarkeit und das Freigericht vergl. Moser III. 
132 ff. nebst den Anmerknngen. 

2 ) „Wigildeshusen cum monasterio Sancti Alexandri , Ammeri , Laon, 
Thriburi in comitatibus Bernhardi et Egilhardi, in pagis quoque Leri, Dersiburg 
et Ammeri." — „Unter den Komitaten" — sagt erklarend Nieberding — „steht 
der des Grafen Bernhard, vielleicht des altesten und vornehmsten , voran. 
Unter den Gauen ist Leri der erste, in welchem beide Grafen Komitate hatten, 
dann folgt Dersiburg, unter dem altesten oder vornehmsten, Bernhard, stehend, 
und zuletzt Ammeri als unter Egilhard stehend." Ware es nicht auch moglich, 
dass alle Komitate etwa den Br tide in Bernhard und Egilhard gemeinschaft- 
lich gehorten? 

3 ) Konnte Hermann um Ethelinde werben, dann musste er selbst wohl 
ein reicher und angesehener Graf sein. 



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98 

desselben Hauses sich befindet: dann werde ich wohl nicht fehl- 

greifen, wenn ich sage, bereits Bernhard hatte jene Komitate imbesitz, 

die wir spater bei den Ravensbergern vorfinden. Dnd so stehe 

ich nicht an, in diesem Bernhard von Kalvelage den 

comes Bernardus der Urkunden von 1062 und 1096 zu 

erblicken. *) Zwar werden wir nicht entscheiden konnen, ob 

Bernhard v. Kalvelage ein Verwandter Heinrichs IV. war oder nicht ; 

das aber konnen wir mit Bestimmtheit sagen, dass er, nachdem ihm 

seine Grafschaften genommen wurden, zu den Gegnern wie des Bremer 

Erzbischofes so des jungen Konigs gehorte : eine Feindschaft, welche 

durch die Vermahlung seines Sohnes Hermann mit der Tochter des 

Nordheiiners , jenes bittern Feindes Heinrichs IV., einen scharfen 

Ausdruck gewann. Dabei stimmen dann auch die Zahlenverhalt- 

nisse gut. Seibertz muss seinen Bernhard von Werl ungewohnlich 

lange leben lassen, damit er 1062 (oder besser noch 1066, wo 

Magnus sich gegen ihn zu kampfen verpflichtet) im Besitze der be- 

treffenden Komitate sei; und Dehios billingischer Bernhard ist zu 

jung gestorben, um 1062 und 1066 noch seine etwaigen Rechte 

verteidigen zu konnen; Bernhard von Kalvelage dagegen erscheint 

1051 in voller Manneskraft und vermochte daher 1062 sich seiner 

Feinde gar wohl zu erwehren. Und endlich konnte gegen ihn, 

dessen Besitzungen an der ganzen Westseite der billingischen den 

Herzog Magnus genierten, dieser gern und freudig die Waffen ergreifen, 

um die reichen Grafschaften fiir sich zu erobern. Ich meine, wir 

standen da vor einer ganz natiirlichen Erklarung aller Schwierigkeiten. 

Eines ist noch unerklart geblieben: „Wie kam Burchard von 

Lokkum in den Besitz des Emsgaues?" Ich stelle mir die Sache 



*) Diese meine Ansicht hatte ich bereits schriftlich fixiert, als der zweite 
Band der v. Richthofenschen Untersuchnngen erschieh. Dort heisst es (S. 137) : 
„Unten im X. Kapitel werde ich zeigen, dass Graf Bernhard, der Besitzer der 
frisischen Grafschaft im Emsgo, kein anderer war, als Graf Bernhard 
von Ravensber g". Einen Grafen Bernhard, welcher den Titel „von Ravens- 
berg" urkundlich fuhrt, giebt es nicht ; vermntlich aber hat Herr v. Richthofen 
denselben Bernhard im Auge, wie ich, nnd den ich als „Bernhard von Kalvelage" 
mit dem nachstliegenden Namen bezeichnen zu sollen glaubte. Ist solches der 
Fall, so durfen wir auf die Beweisfuhrung dieses bedeutendsten Kenners des 
frisischen Altertums gefasst sein. 



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99 

also vor : Nachdem 1096 die Bremer Kirche aufs neue den Emsgau 
vom Kaiser erworben, 34 Jahre nach der ersten Erwerbung, in 
welcher Zeit sich in Sachsen vieles verandert hatte, bestellte der 
Erzbischof, weil er selbst die Grafschaft nicht ausiiben konnte, einen 
weltlichen Herrn als Grafen, wobei sein Auge auf die Lokkumer 
fiel, mit denen, wie wir sahen, die Bremer Erzbischofe freundschaft- 
liche Beziehungen unterhielten. Diese hielten sich die Regierungs- 
zeit Heinrichs V. hindurch imbesitz des Emsgaus, und dass dann 
Lothar von Sachsen diesen Komitat seinem Busenfreunde Burchard 
nicht entzog, ist selbstverstandlich. Als aber Burchard 1130 ermordet 
war, machte Hermann II. v. Kalvelage, welcher sich um den Kaiser 
nicht geringe Verdienste erworben hatte und zudem durch" seine 
Verwandtschaft demselben sehr nahe stand, die alten Ansprtiche 
seines Hauses geltend, und Lothar hatte da mehr als eine Veran- 
lassung, den Kalvelagern den Emsgau zu restituieren, die sich in 
ihren andern Komitaten gehalten hatten. 
Em den, den 25. Marz 1883. 



Meine Versetzung in einen . neuen Wirkungskreis , in neue mir 
ganz fremde Verhaltnisse hindern mich, die vorliegenden Unter- 
suchungen zu vollenden und namentlich auch zu vertiefen. Aber 
auch so glaube ich meine Aufgabe in etwas gelost und ein wenig 
neues Licht in den altesten und dunkelsten Teil unserer heimatlichen 
Geschichte wahrend des Mittelalters gebracht zu haben. Mogen 
geschicktere Hande als die meinigen bald allenthalben voile Auf- 
klarung bringen! 

Kornelimiinster bei Aachen, den 20. Dezember 1883. 

Dr. Prinz. 



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Kleine Ostfriesische Geschichten aus den Akten 

des vormaligen Reichskammergerichts zu Wetzlar in der 

Registrator des Oberlandesgerichts zu Celle. 

Von Amtsgerichtsrat J. Sudendorf zu Neuenhans. 
1. 

Streit des Bischofs Friedrich zu Miinster, Kl&gers, gegen Graf Enno 

von Ostfriesland zu Emden wegen der geistlichen Jurisdiction und 

des Verleihungsrechtes der Propsteien u. s. w. *) 

Am 13. September 1529 (?) klagt der Bischof zu Miinster beim 
Reichskammergerichte zu Wetzlar : 

Ein zeitiger Bischof zu Miinster sei bisher stets aller geistlichen 
Personen Ostfrieslands und deren Giiter ordentlicher Richter und 
Beschirmer gewesen, demselben stehe auch in Ostfriesland die geist- 
liche Gerichtsbarkeit zu und habe er alle Propsteien des ganzen 
Landes verliehen. Obgleich nun auf dem Reichstage zu Speier 1526 
beschlossen sei, dass die Geistlichen in ihren Giitern und Rechten 
nicht beraubt werden sollten, so habe dennoch der Graf ihn seiner 
Gerichtsbarkeit entsetzt, ihm die Propsteien entzogen, selber die 
Propste angestellt, die geistlichen Personen zum Teil, die Kirchen 
und Kloster, namentlich zu Langholt, Dunbrock und Abdinckwehr 
sich ganzlich unterworfen, ihnen ihre Monstranzen, Kelche, Kleinodien, 
Glocken, Giilten und Renten entzogen und dieselben sich angeeignet. 
Auf Anrufen des Bischofs sei dem Grafen zwar bei einer Strafe von 



l ) Gefach der Reg. 539. M. Nr. 4418, lfde. Nr. des Verz. 200. 



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40 Mark lothigen Goldes ein Verbot des Kammergerichts durch dessen 
Boten verkiindet. Dieses habe aber nichts geholfen, weshalb der 
Bischof um ferneren Schutz bitte. 

Das Reichskammergericht erliess nun am 22. Juni 1529 einen 
ferneren Befehl bei 40 Mark Goldes an den Grafen und lud den 
Grafen zu seiner Rechtfertigurig vor. Diese Rechtfertigung erfolgte 
erst am 24. Januar 1530 und sind die von dem Grafen angefuhrten 
Griinde seines Verfahrens so eigener ergotzlicher Art, dass sie mit- 
geteilt zu werden verdienen: 

Zunachst leugnet er die geistliche Gerichtsbarkeit und das 
Patronat des Bischofs. Dann fahrt er fort: Er, Graf Enno, sei 
ohne Mittel ein Glied des Romischen Reiches, daher dem Kaiser und 
nicht dem Bischof von Mtinster unterworfen, er habe das Patronat 
von jeher gehabt, daher auch das Recht, alle geistlichen Pfriinden 
und Propsteien der Grafschaft zu verleihen und zwar aus dem Grande, 
weil diese geistlichen Lehne von seinen Vorfahren und dem Adel 
Ostfrieslands in der Absicht gegnindet seien, damit sie wieder dem 
Adel Ostfrieslands und nicht Auslandern verliehen wiirden. Der 
Bischof aber habe solche kostliche Propsteien und Beneficien seinen 
Kochen, schlechten Leuten und offentlich abgesagten Feinden des 
Grafen zum Spott und Schaden des Landes gegeben, welches er 
nicht habe dulden konnen. Der geistlichen Gerichtsbarkeit, den 
Prozessen und Briefen des Miinsterschen Officials habe er keinen 
Eintrag gethan ; aber es gebuhre ihm nicht, die Leute zu zwingen, 
wenn sie den Briefen des Officialen und der geistlichen Personen 
nicht glauben wollten. Wegen der Kirchengiiter bemerke er noch: 
Er sei an der See gesessen. Durch feindliche tfberzuge, welche 
seine Vorfahren erlitten, seien die Deiche vernachlassigt und durch 
den Andrang der See zerbrochen, das Land verdorben und zum Teil 
untergegangen. Zur Wiederherstellung der Deiche und damit von 
dem Lande dem Reiche gegen die Tiirken gedienet werde, sei dem 
Grafen von Standen und Landschaft bewilligt, die Kirchengeschmeide 
und Renten und Anderes, so iiberflussig und uber den taglichen 
Gebrauch den Kirchen entbehrlich sei, zur Wiederaufrichtung der 
Deiche zu verwenden und das Obrige zu des Landes Notdurft zu 
gebrauchen, zumal da allenthalben viele verlaufene Monche und 



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102 

Pfaffen gefanden wtirden, die solch kostliches Gut entwendeten, wie 
hier erst kfirzlich vorgekommen sei, weshalb es ihm gebiihre, das- 
selbe zu verwahren, Den Bischofen konne er nicht die Verwahrung 
und Beschirmung anvertrauen, da vielmehr Bischof Heinrich von 
Schwarzenberg und erst kiirzlich der letzte Bischof Erich in Ost- 
friesland mit Gewalt eingefallen und Kirchen und Kloster zerstort 
und beraubt habe. Zur Einziehung der Renten und Giilten sei er 
genotigt gewesen, damit die alten Monche nicht verhungerten. Die 
jungen Monche hatten namlich zum Teil das Klosterleben verlaufen 
und die alten, welche nicht arbeiten konnten und wollten, zunick- 
gelassen. Deshalb liege der Klosterboden wiist. Ihm als Grund- 
herren liege es aber ob, dafur zu sorgen, dass der Erdboden, welcher 
zur Ernahrung aller da sei, Fruchte trage. *) Daher habe er ihn 
bebauen mussen und unterstutze nun aus den Einkunften di4 alten 
Monche. — Dabei scheint es dann geblieben zu sein. 



2. 

Streit des Domkapitels, der Ritterschaft und Stande des Stiffs 

Bremen gegen die Grafen Enno und Johann zu Ostfriesland. 2 ) 

Im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts war Ubbe van Kniepense 
durch Henneken von Brogbergen, im Stift Bremen gesessen, wegen 
einer Schuld von etlichen tausend Gulden gefangen und dann ran- 
zioniert worden. Wegen dieser, gegen ihren Hintersassen veriibten 
Gewalt wandten sich die Ostfriesischen Grafen, Enno und Johann, an 
den Erzbischof Christoph zu Bremen mit dem Ansinnen, entweder des 
inzwischen verstorbenen Hennfcken von Brogbergen Erben zu gebuhr- 
licher Abtragt und zum Schadensersatz anzuhalten oder zu gestatten, 
dass sie, die Grafen, die gedachten Erben wegen dieser Handlung iiber- 
ziehen und strafen mochten. Der Erzbischof erbot sich nun zwar, vor 
seinen Gerichten den Grafen und ihrem Hintersassen zu gebuhrlichem 



l ) Derselben Ansicht war Bojokel mit seinen Emsbauern und die Friesen 
am Siidersee, als sie von den Romern die von ihnen am Unterrhein wust 
gelegten Weidegrtinde zum Anbau begehrten. 

a ) Registratnr Schwarze Nr. 36. Rote Nr. 451 des Hauptverz. 



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103 

Rechte gegen die Witwe und Erben von Brogbergen zu verhelfen ; die 
Grafen aber waren nicht gewillt, den Rechtsweg zu betreten, sondern 
gedachten, sich selbst Recht zu nehmen, und drohten, die Habe und 
Giiter des Stifts Bremen in ihren Landen aufhalten zu wollen. In 
dieser Gefahr wandten sich Domcapitel, Ritterschaft, Stadt und 
gemeine Stande des Stifts Bremen an das Reichskammergericht und 
erwirkten am 15. Dezomber 1535 ein Kaiserliches Mandat, welches 
beiden Grafen am 10. Februar 1536 im Kloster Barthe auf der 
Kammer in Gegenwart ihres Kanzlers Hans Baret durch den Reichs- 
kammergerichtsboten behandigt wurde. In demselben ward ihnen 
unter Androhung der in dem Landfrieden verhangten Strafen und 
des Reiches Acht verboten, sich an der Habe und den Gtitern des 
Stifts Bremen und seiner, in der Sache unschuldigen , Unterthanen 
zu vergreifen. Dieses kraftige Ponalmandat scheint denn auch geniigt 
zu haben, die Grafen von ihrem ungerechten Vorhaben abzuhalten, 
da sich fiber diese Angelegenheit weiter keine Nachricht bei den . 
Akten des Reichskammergerichts findet. 



3. 

Streit des H&uptlings Schweer van Deelen zu Risum gegen Edzard, 
Grafen zu Ostfriesland. *) 

Die Herrlichkeit Risum bei Emden gehorte gegen Ende des 
16. Jahrhunderts einem Herren Schweer van Deelen 2 ) zu Hasskamp, 
Loquard und in dem Ham. Risum lag in der Emsiger Deichacht, 
in welcher damals Jasper Liesink zum Deichrentmeister vom Grafen 
bestellt war. Derselbe suchte die Restanten heranzuziehen. Van 
Deelen weigerte sich zu bezahlen, obgleich er noch einige Tausende 
zum Deichschoss restierte. Aus welchem Grande ist unbekannt. 
Wahrscheinlich , dass er als Auslander (Butenkerl) die Begriflfe von 
adeliger Freiheit auf seine Ostfriesische Herrlichkeit ubertrug. Nach 
dem Deichrechte aber ist niemand exempt, dessen Land in der 



1 ) Register Schwarze Nr. 19. Rote Nr. 1625. 

2 ) Vergl. Jahrb. 1880 p. 60, 



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104 

Deichacht liegt. Denn die salze See gilt als grimmer 
Feind, gegen den jeder zur Landfolge pflichtig ist. Der Deich- 
richter Liesink wandte sich daher nach Land- und Deichrecht wegen 
der Exekution an den Grafen, welcher auch dieselbe sofort verfiigte 
und seinen Wachtmeister zu Emden mit 20 Soldaten schickte, um 
durch Fortfuhrung von Vieh aus der Herrlichkeit zu pfanden. Van 
Deelen dagegen Hess sofort die Glocken zum Sturm schlagen und 
die Bauern der Herrlichkeit in Waffen treten. Diese trieben mit 
Gewalt und gewehrter Hand die Soldaten von der Pfandung ab und 
aus der Herrlichkeit hinaus. Der Graf, welcher nicht mit Unrecht 
diese Art der Pfandweigerung fur eine Art Aufruhr ansah, liess 
Risum citieren und, da niemand erschien, fiinf reiche Risumer, welche 
Geschafte halber nach Emden kamen, „als ftirnembste Redlein- 
fuhrer" fangen, inkarcerieren, und denselben vor einer verordneten 
Kommission den Process machen. Die Anklage des graflichen Fiskus 
lautete auf Aufruhr; doch wurde den Gefangenen auf Bitten der 
Verwandten, aber unter gefahrlichen Clauseln, angeboten, sie gegen 
Kaution auf freien Fuss zu stellen. Dieselben nahmen dieses auch 
erst an, dann aber, als sie erfuhren, dass ihr Grundherr sich ihret- 
halben an das Reichskammergericht gewandt habe, weigerten sie 
sich, das Gefangnis zu verlassen, bevor ihnen nicht Schadenersatz 
geleistet und die Kosten erstattet worden seien. Inzwischen erwirkte 
van Deelen am 14. Februar 1592 einen Befehl des Kammergerichtes 
an den Grafen, worin ihm bei Strafe von 8 Mark lothigen Goldes 
aufgegeben wurde, die Gefangenen gegen eine Kaution de in judicio 
sisti et judicatum solvi sofort zu entlassen. Der Graf hielt sich 
damals in Friedeburg auf, wo der Kammergerichtsbote Ulrich Kurtz 
am 8. April 1592 zwischen 2 und 3 Uhr anlangte. Da er nicht 
selber zu dem Grafen gelangen konnte, weil derselbe gerade Hof- 
haltung hatte, so tibergab er sein Mandat den graflichen Dienern 
Dr. Fridericus Inthima, Eberhard Schell und Hans Heinrich in dem 
Gerichtshause vor dem Schlosse. Der Graf gehorchte aber nicht 
sogleich. Erst nachdem auch die Gefangenen ihm am 26, April 
1592 den Kaiserlichen Befehl hatten behandigen und durch An- 
drohung einer harten Gefangnisstrafe bei Wasser und Brot zur 
Unterzeichnung allerhand nachteiliger Klauseln sich hatten verleiten 



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105 

lassen, wurden dieselben, angeblich nicht zur Befolgung des Kaiser- 
lichen Befehles, sondern auf Verwendung der Konigin von Schweden, 
einer geborenen Grafin von Ostfriesland , am 20. Mai 1592 gegen 
Biirgschaft Emder Burger aus ihrer Haft entlassen. Dennoch suchte 
der Graf durch ltignerisches Vorbringen, ganz im Geiste der damaligen 
Zeit, beim Reichskammergerichte die Sache so darzustellen , als ob 
er dem Kaiserlichen Befehle gehorsam gewesen sei, lediglich um die 
Strafe und die Kosten von sich abzuwenden. Hieriiber entstand 
mit van Deelen ein Streit, der dann liegen blieb. 



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Eine Episode aus dem ostfriesischen Bttrgerkriege der 
Jahre 1726 und 1727/) 

Aus dem Nachlasse des verstorbenen Oberlehrers H. Hobbing. 

Am 25. April 1727 wurde bei einem Sturm auf die Schanzen 
des fftrstlichen Hauptmanns von Capelle vor Norden der Emder 
Kapitan Djurco Andree, Anfuhrer der Renitenten, nebst fimf sein6r 
Tapfern erschossen. Sein Nachfolger im Kommando, der Kapitan 
Cramer, der wenig spater bei der Verteidigung der Grimersumer 
Burg sein Leben verlor, schickte sofort nach Beendigung des Kampfes 
einen Tambour als Parlamentar an v. Capelle mit dem Ersuchen, 
dass ihm der gefallene Kamerad ausgeliefert wurde. Capelle liess 
sagen, man konne denselben wegholen, „massen ihm mit dem todten 
Aase nicht gedienet ware". Trotz dieser Zusage und trotz eifrigster 
Bemiihungen der Angehorigen Andree's fand die Auslieferung der 
Leiche iiberhaupt nicht statt. 

Der Verlauf dieser Angelegenheit, welcher uber mehrere Tage 
sich erstreckte, verdient eine ausfuhrlichere Darlegung, weil er zur 
Beurteilung damaliger Zustande und Personen einen wertvollen kleinen 
Beitrag liefert. 

Nachdem die Nachricht von dem Ausgange Andree's seiner 
Witwe, einer gebornen Swartte, iiberbracht worden war, wandte 
diese sich am 27. April von ihrem Wohnorte Emden aus ebenfalls 



*) Nach der facti species etc. erzahlt. (Bibliothek der Gesellschaft fur 
bildende Kunst und vaterlandische Altertumer fol. Nr. 22.) Vergl. Ostfriesisches 
Monatsblatt Jahrg. 1873 S. 286 und 288, auch die Noten auf §. 28X ff t 



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107__ 

an Capelle mit der gehorsamsten Bitte, die Leiche ihres Mannes, 
die inzwischen in Norden bei einem Herrn Storck vorlaufig unter- 
gebracht worden war, auf ihre Kosten zu Schiffe unverziiglich nach 
Emden schaffen zu lassen. Allein wie der furstliche Hauptmann aus 
Furcht vor den Folgen eigenmachtigen Verfahrens die dem Cramer 
gegebene Zusage bereut und widerrufen hatte, so wies er aus dem- 
selben Grunde auch das Ansinnen der Witwe zuruck. Er gestattete 
sogar nicht, dass der Verstorbene „verlautet" wftrde, da nach seiner 
Ansicht „die Rebellen von alien Ehren und Wiirden entsetzet worden 
seien". Dagegen erbat er sich, um sobald als moglich aller Ver- 
antwortlichkeit ledig zu sein, noch am 27. April durch den Regie- 
rungsrat und Kammerjunker von Langelen in Aurich vom Fursten 
Georg Albrecht in betreff dessen, was der Frau Andree zu antworten 
sei, gnadigste Auskunft. In seinem Schreiben wagte er die unmassgeb- 
liche Meinung zu aussern, dass jetzt vielleicht die beste Gelegenheit 
sich darbote, dem furstlichen Vogt Arckena zur Freiheit zu verhelfen. 
Dieser war Ende August 1726 bei einer Razzia, welche die Emder 
Radelsfuhrer gegen getreue Unterthanen des Fursten in Norden ver- 
anstalteten, seines Dienstes entsetzt, zur Haft gebracht und darauf im 
September mit andern Eingesessenen Nordens nach Emden abgefuhrt 
worden. Hier mochte ihm eine etwas mildere Behandlung zuteil ge- 
worden sein als vielen seiner Leidensgenossen, denen am Herrenthore 
in elendem Raume die karglichste Kost gereicht wurde. Aber es war 
ihm auch nicht wie jenen gelungen, nach nur funfwochentlicher Haft die 
Thur des Gefangnisses zu erbrechen und vermittelst eines in der Stadt 
aufgegriffenen Nachens iiber den Stadtgraben glucklich zu entkommen. 
Serenissimus legte von seiner landesvaterlichen gnadigen Ge- 
sinnung ein unverkennbares Zeugnis ab. Er dekretierte am 28. April, 
die Leiche Andree's solle unter der Bedingung der Familie uberlassen 
werden, dass die furstlichen Bedienten, Soldaten und Unterthanen, 
welche in Emden gefangen gehalten wurden, innerhalb vierund- 
zwanzig Stunden die Freiheit erlangten. „Widrigen Falls wollen 
Seine Hoch-Furstl. Durchl. Sich vorbehalten haben, mit dem Corper 
dergestalt, wie es die Rechte in solchem Falle mit sich bringen, 
zu verfahren." Capelle hatte eine Abschrift des Dekrets der Witwe 
Andree zu (ibersenden und iiber das Ergebnis zu berichten. 



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108 

Indessen uberhob die Entvvickelung der Dinge den Hauptn.ann 
aller weiteren Miihe. 

Das fiirstliche Dekret war kaum erlassen, als von seiner 
Existenz der Sekretar des Auricher oder neuen Administratoren- 
Kollegiums, Dr. Zernemann, von den Emdern „der Apostat" genannt, 
weil er neuerdings in das fiirstliche Lager iibergegangen war, Kunde 
erhielt. Dieser begab sich oline Saumen zu seinem Schwager Andree, 
der in Aurich die Stelle eines Hofgerichts-Assessors bekleidete und 
ein Bruder des erschossenen Hauptmanns war. Es bedurfte wohl 
nicht langer Erwagung, damit beide zu der Ansicht kamen, sie 
hatten ihrer Famjlie wegen zur Befreiung der Gefangenen in Emden 
alles aufzubieten. 

Der Assessor also wandte sich zunachst schriftlich an einige 
Herren in Emden, an den Burgermeister Wermelskirchen , den Dr. 
Homfeld und den Ratsherrn Stirn, von denen der letztere ihm ver- 
wandt und befreundet war, und „recommandirte in nachdrticklichen 
terminis die relaxation der Gefangenen". Als die Schreiben bereits 
per Expressen abgeschickt worden waren, reiste er jedoch auf vieler 
Freunde Zureden selber hinterdrein, urn mit denen, „so in Emden 
das Gesag fuhren", personlich zu verhandeln. 

Am folgenden Tage etwa 10 Uhr vormittags traf er in Emden 
ein. Der erste Bekannte, welcher ihm auf der Strasse begegnete, 
war der Burgermeister Niemann. Derselbe bezeigt ihm seine Teil- 
nahme an dem Verlust des Bruders und kniipft daran die Frage, ob 
derm die Leiche noch nicht bald zur Stelle sein werde. Andree 
sagt, es sei eben der Zweck seiner Reise, die Uberfuhrung der Leiche 
zu erwirken; (ibrigens diirfte der Burgermeister von der Sachlage 
unterrichtet sein und werde jetzt noch ganz instandig gebeten, seinen 
Einfluss zu Gunsten der Forderung des Fursten geltend zu machen. 
Niemann erwidert unter vielen Komplimenten , aber „mit einem 
confusen Gesicht", er werde es an Willfahrigkeit nicht fehlen l&ssen. 

Der Assessor kommt zur Wache vor dem Rathause. Dort 
umringen und begrussen ihn viele Offiziere der staatischen Garnison, 
unter ihnen der Kommandeur und Oberstlieutenant Veltmann. Nach- 
dem er ihnen, die iiber seine Anwesenheit sich ausserordentlich zu 
wundern scheinen, den Grund derselben mitgeteilt hat, verleihen sie, 



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i09 

allerdings „in etwas consterniret", der festen Zuversicht Ausdruck, 
dass die Machthaber in Emden aus Erkenntlichkeit gegen seinen so 
hochverdienten Bruder den fur seine Leiche verlangten Preis unbedenk- 
lich zahlen wtirden. 

Am Delft jenseit der Rathausbriicke findet Andree mehrere 
Ratsherren, Mitglieder des Vierziger-Kollegiums und Burger in leb- 
hafter Unterhaltung. Alsbald entspinnt sich auch zwischen ihm und 
einigen der Manner ein Gesprach, woraus fur ihn erhellt, dass gerade 
seine Angelegenheit der Gegenstand einer heftigen Debatte gewesen 
ist. Zugleich entgeht ihm aber auch nicht, dass nicht weniger als 
„die grosse consternation und Verschlagenheit , die durchgehends 
denen Menschen zu Emden auf dem Gesichte zu lesen ist", die 
Thranen des Ratsherrn Spree und das jammervolle Antlitz des Rats- 
herrn Stirn, mogen sie auch deren „wohlintentionirtes Hertz" offen- 
baren, seiner eignen Mission immerhin ein ungiinstiges Prognostikon 
stellen. 

Nachdem der Assessor „im rothen Hirsch" des Gastwirts Marchee 
am alten Markt seine Lebensgeister etwas erfrischt und seinen Reise- 
anzug mit einem andern vertauscht hatte, stattete er bei den Mit- 
gliedern der sogenannten geheimen Kommission, jenes Ausschusses 
der missvergmigten Stande, der iiber seine Sache zu entscheiden 
hatte, die offiziellen Besuche ab. Die Kommission setzte sich zu- 
sammen aus den Administratoren von Appelle und von Rheden, 
dem Dr. Homfeld, Biirgermeister Wermelskirchen, Syndikus Hesling, 
Sekretar Bertling und einem Reiderlander , die alle teils dauernd, 
teils voriibergehend ihren Wohnsitz in Emden hatten. 

Andree machte zuerst dem Landschafts-Advokaten oder advo- 
catus patriae Dr. Homfeld seine Aufwartung. Homfeld horte seinen 
Vortrag mit Geduld an, versprach auch, ihm nach Kraften entgegen- 
zukommen, hob jedoch hervor, dass es vor allem geboten erscheine, 
den prasidierenden Biirgermeister Wermelskirchen geneigt zu stimmen. 
Dieser redete schon eine deutlichere Sprache. Freilich sei er ein 
Diener der Familie Andree und wolle namentlich dem Assessor alles 
Mogliche zu Gefallen thun; aber er sei doch der Meinung, dass 
wenn die Emder die Gefangenen so plotzlich losliessen, dadurch im 
ganzen Lande, vorziiglich in Leer, der peinlichste Eindruck hervor- 



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110 

gerufen werden wurde. Nicht anders wurde man urteilen; als dass 
Emden die ganze Sache verloren gebe und von der Partei abfalle. 
Andree's schtichterner Einwendungen ungeachtet beharrte er bei seiner 
Ansicht ; schliesslich hielt er dem Armen sogar eine moralische Vor- 
lesung und klarte ihn iiber den BegrifT wahrer Ehre auf. „Niemand 
konne selbst durch den Staupenschlag, sondern bloss durch das 
delictum infamiret werden. Es waren so viele Martyrer von Staat 
und Religion auf das schimpflichste tractiret und elendiglich urns 
Leben gebracht, dadurch aber die nachgebliebene mehr beehret als 
beschimpffet worden; die bekannte massacree der Herren de Witt 
ware unter andern davon ein illustres Exempel." 

Unter Thranen verabschiedete sich der Assessor von dem 
gestrengen Herrn Btirgermeister, urn bei dem Emder Syndikus Hesling 
sein Heil zu versuchen. 

Im Jahre 1722, als der Bruch zwischen Fiirst und Standen 
sich anzukiindigen begann, hatte Hesling auf dem Landtage die von 
gewisser Seite beantragte Unterwerfung unter die kaiserlichen Dekrete 
als einen Verrat am Vaterlande bezeichnet und war deshalb vom 
Ftirsten vorgeladen worden. Seiner damaligen Ausserung entsprach 
der Empfang, den jetzt Andree bei ihm fand. Er wiirdigt ihn keines 
Blickes, geht auf die von ihm vorgebrachten Argumente und auf 
die Sache selbst gar nicht ein, sondern stosst wutend nur die Worte 
hervor: „Wir wollen, wir wollen uns dem Fiirsten nicht submittiren, 
lieber Leib und Leben und alles^ was wir haben, dagegen aufsetzen 
und cuique alii uns ubergeben." Jener aber sieht ein, „dass bei 
diesem Menschen keine raison Platz greiffen wollte", und empfiehlt 
sich zeitig, doch nicht „ohne die Sache nochmals recommandiret 
zu haben". 

Sehr entmutigt lenkte er darauf seine Schritte nach der Woh- 
nung des Herrn von Appelle, des Mannes , der auf der Seite der 
Opposition gegen den Fiirsten die hervorragendste Rolle spielte. 
Allein hier wurde er bei der Thiir abgewiesen, auch als er 
zum zweiten Male sich einfand. Zufallig auf der Strasse traf 
er jedoch eine andere einflussreiche Personlichkeit , den Admini- 
strator Coop Ibeling von Rheden. Von diesem ward er freundlich, 
„aber mit einem falschen Gesicht" bewillkommnet und, sobald er 



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Ill 

-seinen Wunsch zu erkennen gegeben, mit gewohnlichen Redensarten 
abgefertigt. 

Inzwischen war es Mittag geworden. Da Andree erfahren hatte, 
dass zum Zwecke der Beratung tiber sein *Anliegen auf zwei Uhr 
eine Sitzung der geheimen Kommission angesetzt worden war, so 
beeilte er sich mit seiner Mahlzeit und machte sich auf, urn in der 
Sitzung, wenn ihm dazu die Erlaubnis erteilt wtirde, selbst fur sich 
das Wort zu ftihren. Ubrigens hatte er schon den Dr. Homfeld 
von seiner Absicht zu erscheinen unterrichtet. 

Er war noch auf dem Wege begriffen, als ihm der Notar 
Oldenhove begegnete und eroffnete, die Versammlung habe ihren 
Beschluss schon gefasst; mit dem Ersuchen, sich nicht ferner zu 
bemiihen, lasse sie ihn griissen und ihm denselben in Abschrift hier- 
mit ergebenst (iberreichen. Beide wanderten nun den Delft entlang 
zur langen Brticke hinaus, und dort an weniger iiberwachter Stelle 
durchflog der Assessor den Inhalt des Extractus Protocolli. Der 
Wortlaut war folgender: „Wurde von wegen der Frau Wittwe 
Andree wegen Verabfolgung ihres seel. Ehemanns ein Hochfiirstliches 
Decretum ad Protocollum iibergeben, und instandigst gebeten, solchem 
Decreto zu Folge , die benothigte Veranstaltung treffen zu lassen ; 
Worauf nach geschehener Deliberation der gedachten Frau Wittwe 
Andree zu Resolution ertheilet, dass bei Sr. Hoch-Fiirstl. Durchlaucht, 
unserm gnadigsten Fiirsten und Herrn, sie demiithigst zu repraesen- 
tiren hatte, dass zu Ihro Hoch-Fiirstl. Durchl. sie das devoteste 
Vertrauen setzete, Sie wiirden nach Dero angebohrener Clementz und 
Furstlicher Grossmuthigkeit an dem entseelten Corper ihres seel. 
Ehemanns, als eines gewesenen Officiers, dem nicht zustehen konnen 
(iber die Justice oder Injustice derer von ihm ausgeftthrten Ordres 
zu urtheilen, nichts ausiiben lassen, welches Sie und die Ihrigen 
betriiben konnte, sondern vielmehr den Corper ausfolgen zu lassen, 
die gnadigste Resolution ertheilen; Wobei Sie jedoch vermelden 
konnte, dass die hieselbst arrestirte Persohnen sogleich sollten 
relaxiret werden, so bald nur Ihro Durchl. Dero gnadigste Verord- 
nung ergehen liessen, dass die zu Aurich und sonsten arrestirte 
Officiers, Soldaten und andere Eingesessene gleichmassig auf freyen 
Fiissen gestellfct v/iirden. Sollte aber wider Vermuthen wider den 



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112 __ 

Corper des abgelebten Capitaine Andree etwas unangenehmes ver- 
hanget werden; So miiste man zu Gott und der Gerechtigkeit 
hoffen, dass dagegen die gehorige Versehung geschehen wurde." 

Im ersten Augenblick nach der Durchsicht des trefflichen Schrift- 
stucks glaubte der Assessor einem Schlaganfalle erliegen zu mussen ; 
dann fasste er sich allmahlich und sagte Oldenhove, er moge den 
Herren versichern, dass er / sich eher auf den Einsturz des Himmels 
als auf eine solche „impertinente Resolution" gefasst gemacht habe. 
Doch sehe er jetzt ein, welche Rucksichten man auf ehrliche Leute 
und deren Dienste nehme. Gott wolle nur geben, dass er selbst 
niemals genotigt werde, etwas von ihnen zu verlangen oder ihnen 
ein gutes Wort zu gonnen. Er wisse aber, was er zu thun habe: 
er werde sich und die Seinigen vollig der Gnade seines grossmiitigen 
und gnadigsten Landesfursten anvertrauen. 

Dass die erwahnten Vorgange Andree den Verkehr mit den 
Emdern fur den Rest des Tages durchaus verleidet hatten, ist 
begreiflich. Er zog sich demnach zu seiner Schwagerin zuriick und 
verbrachte die Zeit vor seiner Abreise mit der Trostung der „hoch- 
betriibten, dabei aber in ihrem Ungluck sich christlich auffuhrenden 
Wittwe". Am Abend gab sich Dr. Homfeld noch Miihe, ihn zu 
beschwichtigen und vor allem in dem Vorsatze, die Gnade des Ftirsten 
anzurufen, wankend zu machen. Indessen erwiderte er mit aller 
Entschiedenheit , dass er sich nicht werde irre machen lassen ; er 
habe auch den Auszug aus dem Protokoll der Kommissions-Sitzung 
bereits durch einen Eilboten an seinen Schwager befordert und die 
Mahnung hinzugefugt, bei Serenissimus auf das eindringlichste fiir 
die Familie sich zu verwenden. 

Zernemann that seine Pflicht. Er verfasste am 30. April eine 
Supplikation , in welcher er die auf die Befreiung der Gefangenen 
gerichteten Anstrengungen zweckmassig beleuchtet und sodann fort- 
fahrt: „Gleich nun, Durchlauchtigster Fiirst, gnadigster Fiirst und 
Herr, Ew. Hpch-Furstl. Durchlaucht aus obigem hochst-erleuchtet 
gnadigst ermessen werden, dass man unserer Seiten alles, was mensch- 
und moglich, ins Werk gerichtet hat, damit Ew. Hoch-Ftirst. Durchl. 
gnadigstem Decreto eine unterthanigste, schuldige Parition geleistet 
werden jnochte, man aber, bei denen nunmehr zur volligen Ver- 



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113 

zweiffelung gerathenen Menschen, aller gethanen krafftigen Beweg- 
Reden unerachtet, darine nicht das geringste, was nach Bedlichkeit 
schmecket, erhalten konnen, hingegen aber mit einer hohnischen 
Apostille schimpfflich abgewiesen worden ; Ew. Hoch-Fiirstl. Durchl. 
weltberuhmtes grossmuthiges und so gar gnadiges Hertz es aber 
unmoglich wird zugeben konnen, dass, wegen dieser von Kaiserl. 
Majestat ihrer entsetzlichen Rebellion halber bereits verdammten 
Leute unverbesserlicher Halsstarrigkeit der Leiche eines zn der Reni- 
tenten Disposition und in ihrer Gewalt gestandenen Menschen, etwas 
widriges widerfahren sollte ; Ew. Hoch-Fiirstl. Durchl. auch gnadigst 
considerii$n werden, dass dem entseelten C6rper dadurch eigentlich 
nichts empfindliches angebracht werden konnte, sondern nur bloss 
die Beschimpffung auf die hochst-betrabte unschuldige Wittibe, unsere 
gantze, obschon geringe, jedoch honnete Famille, und in specie auf 
meine innocente Frau, Kinder und mich, von welchen jedoch Ew. 
Hoch-Fiirstl. Durchl. verhoffentlich versichert seyn werden, dass zu 
DeTO Diensten wir alles, was zeitlich ist, gerne aufopfern werden, 
redundiren wiirde ; So gelanget zu Ew. Hoch-Fiirstl. Durchl., meinem 
gnadigsten Fursten und Herrn, meine unterthanigst-gehorsamste Bitte 
hiemit, Dieselbe gnadigst zu verstatten geruhen, dass die Leiche des 
besagten Djurco Andree der Wittibe zur Beerdigung nacher Emden 
abgefolget werden moge; Worinn ich mich urn so viel mehr einer 
gnadigsten Erhorung getroste, weilen Ew. Hoch-Fiirstl. Durchl. die 
bisherige Emdische Gewalttreiber mit ihren Anhangern durch Gottes 
gerechte Schickung nunmehro genugsam in Dero Macht haben und 
in kurtzen vermittelst fernerer Gottlichen Hiiltfe dergestalt zu paaren 
werden treiben konnen, dass sie Gott dancken werden, die von Ew. 
Hoch-Fiirstl. Durchl. Bedienten, Soldaten und Unterthanen bishero 
zu Emden gewaltsamer Weise detinirte Persohnen ohne einigem 
Accrochement losszugeben; Ich habe zu Ew. Hoch-Fiirstl. Durchl. 
weltberiihmten Clemence und hochst genereuser Gemiiths-Neigung 
das feste unterthanigste Vertrauen, Dieselbe mir hierauf eine gewierige 
gnadigste Apostille zu ertheilen geruhen werden; massen ich dann 
darum hiemit nochmalen in tiefster Unterthanigkeit implorire; im 
iibrigen aber Ew. Hoch-Fiirstl. Durchl., nebst Dero Durchl. Frau 
Gemahlinn, dem Durchlauchtigsten Erb-Printzen und dem gantzen 

8 



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114 

Hoch-Fiirstl. Hause, ztt allem Selbst-erwiin^chten bestandigen hohen 
Vergnfigen, dem krafftigen Schutz Gottes, mich aber und die meinige 
Ew. Hoch-Fiirstl. Durchl. beharrlicher hohen Gnade unterthanigst 
empfehle, und bis in den Tod in tieffster Devotion verbleibe, Durch- 
lauchtigster Ftirst, gnadigster Fiirst und Herr, Ew. Hoch-Fiirstl. 
Durchl. unterthanigst - treu - gehorsamster Unterthan und Knecht 
Johann Zernemann." 

Da Zernemann es vorzog, mit der Absendung seiner muster- 
galtigen Bittschrift bis zur Riickkehr des Assessors, die am Abend 
des 30. April erfolgte, zu warten, so gelangte dieselbe erst am 
1. Mai in die Hande des Fiirsten. Freilich hatte die Verzogerung 
ihr eine die Bitte seines Sch wagers unterstiitzende Nachschrift Andree's 
und ausserdem als Beilage eine Relation iiber dessen Erlebnisse in 
Emden eingetragen. 

Die Hoffhung, welche die Angehorigen des Hauptmajins Andree 
auf die Gnade des Fiirsten setzten, wurde schmahlich getau^cht. 
Georg Albrecht war nicht fahig, zu einer hochsinnigen, echt fQrst- 
lichen Auffassung sich emporzuschwingen. Am 2. Mai erschien die 
Verfiigung: „Eine Hoch-Furstl. Durchlauchtigkeit wollen mit Vor- 
behalt Kaiserl. Patenten und Verordnungen aus bewegend^n Ursachen 
geschehen lassen, dass der Corper des Djurco Andree auf dem Kirch- 
hofe zu Norden gantz in der Stille, ohne Gelaut und Gefolg, bei 
Abend-Zeit begraben werde. Et hoc scribatur zur Nachricht an 
Amts-Verwalter , Biirgermeister und Rath zu Norden und separatim 
an den Kdnigl. Danischen Obrist-Lieutenant von Wangelin, um 
dem Capitaine Kiirszner hievon zu seiiiem Verhalten Nachricht zu 
ertheilen." 

Und dabei hatte es denn seiin Bewenden. 



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Kleinere Mitteilungen. 

i. 
Drei Papsturkunden von Honorius III. und Gregor IX. 

(aus den Monumenta Germaniae). 

Mitgeteilt von Dr. P r i n z in Kornelimunster. 

1. 

Pajpst Honorius III. trdgt den Propsten der Kathedrale und von St. 

Peter, sowie dem Dechanten von der Kirche St. Sahator zu Utrecht 

auf, dem Gesandten des Graf en Wilhelm von Holland den Zwanzigsten 

von den Mrchlichen Einhunften Hollands, Seelands, des ostlichen Fris- 

lands und der sonstigen Besiteungen des Grafen anzuweisen. 

Abgd. M. G. Epp. I 68 S. 49. 

Rom (St. Peter) 1218 Mai 21. 

.... maioris ecclesie .... Sancti Petri prepositis et .... 
decano Sancti Salvatoris Traiectensis. 

Ardorem fidei et dilectionis fervorem, quern dilectus Alius 
nobilis vir W. comes Hollandie circa negotium Terre Sancte in 
affectu exhibet et effectu, sicut convehit attendentes, vicesimam 
ecclesiasticorum proventuum Hollandie, Sellandie, orientalis Frisie 
ac alterius terre sue ad Terre Sancte subsidium ei duximus con- 
ferendam. Quocirca discretioni vestre per apostolica scripta firmiter 
precipiendo mandamus, quatinus vicesimam ipsam, sicut collecta est, 
nuntiis eiusdem comitis, quos ad hoc elegerit, sublato cuiuslibet 
contradictionis et. appellationis obstaculo assignetis. Quodsi pondum 

8* 



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116 

forsitan est collecta, earn cum predictis nuntiis colligentes conferatis 
eisdem, contradictores per censuram ecclesiasticam appellatione post- 
posita compescendo. Qtiodsi non omnes .... duo vestrum etc. 

Datum Rome apud Sanctum Petrum, XII. Kal. Junii pontificatus 
nostri anno secundo. 

NB. Die Urkunde findet hier ihren Platz, weil vom ostlichen Frisland 
uberhaupt die Rede ist, wenn auch nicht daran gedacht wird, dem Grafen von 
Holland irgend welche Rechte diesseits der Ems zu vindizieren. Bei der zweifel- 
haften Abgrenzung der Besitzungen Wilhelms nach Osten hin ist das Diplom 
auch fur nnsere Geschichte von Wichtigkeit. 



2. 

Papst Honorius III. ermahnt die Abte von Norden, Feldwert tyid 

Aduard, den Krieg zwischen den Hmtern und Federgaaern zu 

• schlichten. 

Abgedr. M. G. Epp. I 158 S. 111. 

Bom (Laterem) 1220 Dezbr. 16. 

..... de Nordia et . . de Feldvir *) et . . . de Agavert *) 
abbatibus Monasteriensis diocesis. 

Ad audientiam nostram noveritis pervenisse, quod inter Feder- 
gensem et Hinetensem provincias occasione cuiusdam provincie, quam 
illarum utraque contendit sue subicere ditioni, guerra gravissima 
est exhorta, per quam multitudo crucesignatorum in illis partibus 
existentium a Terre Sancte subsidio retardatur. Ideoque discretioni 
vestre per apostolica scripta mandamus, quatinus partes ad firmam 
pacem vel saltim ad treugas ineundas ex parte Dei et nostra 
moneatis prudenter et efficaciter inducatis, eos ad id, si necesse 
fuerit, per censuram ecclesiasticam appellatione postposita com- 
pellentes. 

Dat. Lateran. XVII. Kal. Januar. pontificatus nostri anno quinto. 



l ) Feldwerte apud ostium Amisiae. 

*) Adoardiam ex septentrione Gruningae sitam puto. 

(Anmerk. des Herausgebers der Epistolae in den Monnmenta.) 



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3. 

Papst Gregor IX. ermahnt den AM van Ifdo und die Archidiakonen 

von Astringen und Hcvrlmgen, unter den Frisen Frieden zu stiften. 

Abgedr. M. G. Epp. I 504 S. 404. 

Anagni 1233 Janr. 19. 

abbati de lie Cisterciensis ordinis et . . . Astringie . . . 

et Herlingie archidiaconis Bremensis diocesis. 

Cogitans pacis consilia Dominus, cuius spiritus non nisi super 
quietum et humilem requiescit, detestatur dissentiones et prelia, que 
pericula pariunt animarum, propter quod gratum Deo prestant obse- 
quium, qui ut discordantes ad concordiam redeant, diligentiam et 
sollicitudinem interponunt. Significantibus sane dilectis filiis . . 
decano et . . . scolastico Bremensi nobis innotuit, quod in archi- 
diaconatibus officiis eorum annexis populi, qui Frisones vulgariter 
appellantur, tanquam odientes requiem continuo adinvicem preliantur, 
ad mutuum exterminium toto conanime molientes, ad quos regione 
turbata accedere aliquis non presumit, qui ad faciendum pacem vel 
treuguam inducat eosdem, nee ipsi etiam pati volunt, ut per alios 
quam per magnos principes vel eorum nuntios ad hoc destinatos ab 
ipsis ad concordiam invitentur, cum ad hoc induci per alios indecens 
reputent et indignuih. Cupientes igitur, cum simus illius vicarii, qui 
est pacis amator et auctor, ut predicti populi ad vinculum redeant 
caritatis, monemus, quatinus ad eos ex parte nostra personaliter 
accedentes, studeatis inter ipsos pacis federa reformare, illos ad hoc 
solliciti8 monitis et exhortationibus inducendo, ita quod per diligen- 
tiam vestram inter ipsos interveniat fedus pacis, et vos possitis ex 
hoc felicitatis eterne gaudia promereri Quod si non omnes etc. 

Dat. Anagnie XIIII. Kal. Februar. anno sexto. 



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118 

n. 

Flinf Urkunden des Papstes Honorius lit 

(Nach den Abschriften im Kflniglichen Archiv zu Kopenhagen.) 

Mitgeteilt von Oberlehrer Dr. Kohlmann in Emden. 

Die hier mitgeteilten funf Urkunden des Papstes Honorius EL 
betreffen einen langwierigen Streit zwischen dem Erzbischofe Ger- 
hard 1L von Bremen und dem Propste Ludolf von Reepsholt raid 
verdienen aus einem doppelten Grande hier einen vollstandigen Ab- 
druck. Einmal ist die altere Geschichte Ostfrieslands ftberhaupt 
an Papsturkunden sehr arm, und dann entschied in diesem Prozesse, 
der seiner Zeit viel Aufsehen gemacht haben muss, der Papst zu 
gunsten des ostfriesischen Propstes gegen den machtigen bremer 
Kirchenfursten. Friedlaender hat sich damit begniigt , in seinem 
Urkundenbuche (I p. 14 Nr. 18 — 22) die Diplome einfach in Regesten- 
form anzufuhren, welche er wortlich dem Bremer Urkundenbuche 
(I p. 679 Nr. 330—332, 334, 336) entnimmt, ohne dabei die Notiz 
mit abzudrucken, welche sich a. a. O. findet, dass Kopieen der Ur- 
kunden im Koniglichen Archiv zu Kopenhagen vorhanden seien. 
Auf ein dorthin gerichtetes Gesuch erhielt die Gesellschaft mit 
der grossten Liberalitat umgehend die gewiinschten beglaubigten 
Abschriften, welche hier unten folgen. 



1. 

Papst Honorius IIL befiehlt dem Erzbischof von Bremen, im Prozesse 

gegen den friihern Propst Ludolf zu Reepsholt und andere Bremer 

Domherrvn wegen Simonie die Anweisungen des Kardinallegaten 

Bischofs von Porto zu befolgen. 

Lateran 1226 November 22. 

Honorius episcopus servus servorum Dei venerabili fratri . . 
Bremen, archiepiscopo salutem et apostolicam benedictionem. 

Ex parte tua fuit expositum coram nobis, quod cum venerabilis 
frater noster Portuen. episcopus tunc apostolicae sedis legatus, inqui- 
sitionem contra L. quondam praepositum de Repesholt, aliosque 
praelatos et canonicos Bremen, super symonia et aliis diversis cri- 



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119 

minibus tibi duxerit committendam , ipsi de inquisitione timentes 
asserunt, quod dicto episcopo legationis suae fines egresso, tua contra 
eos jurisdictio expiravit. Nolentes igitur ex hoc inquisitionis ipsius 
impediri processum, fraternitati tuae per apostolica scripta mandamus, 
quatenus in inquisitione ipsa procedens, alia quae dictus episcopus 
tibi mandavit, fideliter exequaris. Datum Laterani X. kalendas 
Decembris pontificates nostri anno undecimo. 

(Ex Libr. XI. Honorii pp. III. ep. 425.) 



2. 

Papst Honorius III. hefiehlt dem Bremer Domkapitel, den Propst 

Ludolf zu Reepsholt in das Kapitel aufzunehmen und ihm die erste 

erledigte Prabende zu ubertragen. 

Later an 1226 December 1. 

Honorius episcopus servus servorum Dei dilectis filiis capitulo 
Bremensi salutem et apostolicam benedictionem. Ecclesiarum utilitati 
non deperit sed accrescit, cum personae instituuntur in eis, quae 
scientia moribusque nitentes eis possunt esse decori. Attendentes 
ergo laudabile testimonium, quod dilecto filio L. praeposito de Repes- 
holt canonico Lubicen. de vita et scientia perhibetur, et credentes 
quod ejus receptio ecclesiae vestrae futura sit non oneri sed honori, 
universitatem vestram rogandam duximus et monendam, per aposto- 
lica vobis scripta mandantes, quatenus eum suae probitatis intuitu, 
et precum nostram (sic!) obtentu recipiatis in canonicum et in 
fratrem, ei praebendam, si ad praesens in ecclesia vestra vacat, 
alioquin cum primum obtulerit se facultas, liberaliter collaturi, preces 
et mandatum nostrum taliter adimplentes, quod ipse non solum 
gratiae nostrae, sed etiam promptitudini vestrae benignitatis ad- 
scribat, et nos devotionem vestram debeamus in domino commendare, 
alioquin venerabili fratri nostro . . episcopo, et dilectis filiis . . 
decano, et . . scholastico Verden. damus nostris litteris in mandatis, 
ut vos ad id per censuram ecclesiasticam appellatione remota com- 
pescant, dummodo eidem praeposito aliquid rationabile non obsistat. 
Datum Laterani kalendis Decembris pontificatus nostri anno undecimo, 
Ex libro XI. Honorii pp. in. ep. 398. 



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120 

3. 

Papst Honorius III. empfiehlt den Projjst Ludolf zu Reepsholt dem 
Erzbischof von Bremen. 

Lateran 1226 December 23. 

Honorius episcopus servus servorum Dei venerabili fratri . . 
Bremen, archiepiscopo salutem et apostolicam benedictionem. Dilec- 
turn filium Ludolfum praepositum de Repsholt canonicum Lubicen. 
in sua favorabiliter fovere justitia, et gratia volentes prosequi speciali, 
eum tibi duximus propensius commendandum , fraternitati tuae per 
apostolica scripta mandantes, quatenus ipsum potentiae tuae muni- 
mine protegens, eundem super beneficiis suis non patiaris indebite 
molestari. Et si forte in sacra pagina studens, vel peregre proficiscens, 
aut ecclesiae Romanae insistens obsequiis fuerit absens, proventus 
praepositurae suae de Repsholt, et alios redditus sibi vel creditoribus 
suis, quibus eos praecipiendos commiserit, facias integre assignari, 
contradictores per censuram ecclesiasticam appellatione postposita 
compescendo. Datum Laterani X. kalendas Januarii pontificatus 
nostri anno undecimo. 

Ex libr. XI. Honorii pp. III. ep. 452. 



4. 

Papst Honorius III bestdtigt den Propst Ludolf zu Reepsholt in 
seiner Wiirde, obwohl er bisher nicht Mitglied des Bremer Dom- 

kapitels war. 

Lateran 1227 Jcmu>ar 8. 

Honorius episcopus servus servorum Dei dilecto filio L. prae- 
posito de Repesholt salutem et apostolicam benedictionem. 

Annuere consuevit sedes apostolica piis votis, et honestis 
petentium precibus favorem benevolum impertiri. Ex tua sane 
relatione didicimus, quod licet de consttetudine Bremen, ecclesiae 
habeatur, quod praelaturae Bremen, dioecesis normisi canonicis ejus- 
dem ecclesiae conferantur, tamen venerabilis frater noster . . Bremensis 
archiepiscopus habens ad tuae merita probitatis respectum, prae- 
posituram de Repesholt tibi nondum Bremen, canonioo de gratia 



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121 

conttdit liberali. Dnde a nobis humiliter postulasti, ut consuetudine 
hujusmodi non obstante, praeposituram ipsam confirmare tibi de 
benignitate sedis apostolicae dignaremur, praesertim cum ratione 
praepositurae praedictae praebendam in prefata Bremen, ecclesia tibi 
mandavimus assignari. Nos ergo tuis postulationibus benignum 
impertientes assensum praeposituram eandem consuetudine non ob- 
stante praedicta tibi auctoritate apostolica confirmamus, et praesentis 
scripti patrocinio communimus. Nulli ergo omnino hominum liceat 
hanc paginam nostrae confirmationis infringere vel ei ausu temerario 
contraire. Si quis autem hoc attentare praesumpserit, indignationem 
omnipotentis Dei et beatorum Petri et Pauli apostolorum ejus se 
noverit incursurum. Datum Laterani VI. Idus Januarii pontificates 
nostri anno undecimo. 

Ex libr. XI. Honorii pp. III. ep. 458. 



5. 

Papst Honorius III. befiehlt dem Erzbischof von Bremen , die Auf- 

nahme des Propstes Ludolf zu Beepskolt in das Bremer Domkapitel 

auch gegen des letzteren Willen zu bewirken. 

Latercm 1227 Jwnucur 26. 

Honorius episcopus servus servorum Dei venerabiU fratri . . 
archiepiscopo Bremen, salutem et apostolicam benedictionem. 

Si nolumus effectum nostrae gratiae, quam benemeritis exhibe- 
mus cavillosis praepediri diffugiis, expedit, ut impedientium malitiis 
occurramus, eorum temerariis conatibus obviando. Cum igitur fidem 
et devotionem dilecti filii Ludolfi praepositi de ftepesholt, sicut 
convenit, attendentes, dilectis filiis capitulo Bremensi nostris dede- 
rimus litteris in praeceptis, ut ipsum ob reverentialn apostolicae 
sedis et nostram recipientes in canonicum et in fratrem, praebendam, 
siqua vacat, vel quamcito ad id obtulerit se facultas, aibi conferant 
et assignent, venerabili fratre nostro episcopo, et dilectis filiis decano 
et schotystico Vaerden. ei super hoc nihilominus executoribus depu- 
tatis; nos nolentes hujusmodi gratiam retardari, fraternitati tuae 
per apostolica scripta mandamus, quatenus si forte vel capitulum 
se difficile vel executores exhibuerint se remissos, tu non obstante 



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122 

aliqua consuetudine vel statuto, ei stallum in choro et vocem in, 
capitulo sine difficultate qualibet conferas et assignes et praebendam 
niqua vacat vel quantocius ad id se facultas obtulerit vice nostra 
largiaris eidem, contradictores per censuram ecclesiasticam appel- 
latione postposita compescendo, mandatum nostrum taliter impleturus. 
quod mandantis affectum per effectum, cognovisse proberis et nos 
sinceritatem tuam debeamus merito commendare. Datum Laterani 
VII. kalendas Februarii pontificatus nostri anno undecimo. 
Ex libr. XI. Honorii pp. ID. ep. 573. 



m. 

Urkunde vom 21. Februar 1438. 

Mitgeteilt von Johs. Holtmanns, Lehrer in Cronenberg. 

Durch die Freundlichkeit des Herrn Baron Dr. juris von F o c k 
zu Wiesbaden erhielt ich eine legalisierte Abschrift der Urkunde, 
die Friedlaender in seinem Ostfriesischen Urkundenbuch Band I 
pag. 439 sub Nr. 491 nur durch kurze Angabe des Inhalts, des 
Fundortes und der Siegel bekannt giebt, welche aber doch wert sein 
durfte, vollstandig bekannt zu werden. Ich teile sie deshalb hier 
vollstandig und so mit, wie sie von Dr. Otto Bene eke, Stadt- 
archivarius zu Hamburg, d. d. 7. und 9. Juli 1879 beglaubigt worden. 
Die Abschrift selbst aber wird jetzt in der Sammlung der Gesellschaft 
fiir bildende Kunst und vaterlandische Altertiimer zu Emden auf- 
bewahrt. 

„(Stempel: 60 Pfg.) M 864. 

Den 18. Januar 1879. 

Abschrift des Originals im Hamburger Stadtarchiv. 

Witiik unde openbaer sy alien de dessen bref zeen ofte horen 

lesen dat wij Elso fockana unde Johan tor Mude myd vrygem willen 

unde wolberadenem mode hebben gheloved unde sworen, loven unde 

«weren jeghenwardighen in desser scrift myd unssen uthgestreckeden 



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123 

armen unde upgerichtederi lifliken vingheren stareder eede to den 
hillighen deme Erbaren manne her vicken wigershope Radmanne 
to Hamborgh nu tortyd amptmanne to Emeden, sinen nakomelinghen, 
den van Hamborgh den van Emeden unde alle den ghennen de den 
van Hamborgh unde deme hovetmanne to Emeden van rechtes 
wegene boren to vorbiddende, truwe unde hold myd live unde gude 
to wesende, unde nummer teghen se to watere ofte to lande Jenigherlei 
wys datme bewisen moghe doen ofte doen laten wor wy des mechtigh 
sind. Ok en scholen unde willen wy by daghe edder by nachte 
hemeliken edder openbaer jenigherleie wys to Emeden bynnen komen 
ofte wesen id en sy myd willen unde vulbord des hovetmannes to 
Emeden van der van Hamborgh wegene, weret awer des god nicht 
en wille, dat wy ofte unsse Erven edder jemand van unsser wegene 
dyt breke unde so vorscreven is nicht en heelden so bekennen wy 
Elso unde Johan vorbenomed dat wy unde unsse erven denne scholen 
unde willen in alle unssen erven unde guderen women de benomen 
mach vorvallen unde vorbroken wesen, unde wy Junge haye ded- 
dinghes unde Everd sickingh bekennen ok in dessemesulven breve 
vor uns unde unsse Erven dat wy deme vorbenomeden her vicken 
loved unde gudgesecht hebben loven unde gudsegghen in kraft desses 
breves, dat de vorbenomeden Elso unde Johan alle vorscreven lofte 
unde eede alse se de gedaen hebben stede vast unde unvorbroken 
holden scholen, sunder alle arghelist ofte jenigherleie behelpinge unde 
weret dat god afkeren mote dat dyt van den vorbenomeden Elsen 
unde Johanne eren Erven ofte Jemande van erer wegene jenigherleie 
wys datme bewisen mochte gebroken wurde alse vorscreven is, So 
bekenne wy haye unde Everd vorbenomed, dat wy unde unsse Erven 
denne deme erbenomed her vicken edder deme Amptmanne denne 
tortyd to Emeden wo vakene dat gebroken wert in hundert arnemsche 
gulden scholen unde willen vervallen unde vorbroken wesen, To tuch- 
nisse unde groterer witlicheyd desser vorscreven stucke so hebbe wy 
Elso unde Johan sakewolden unde Junge haye unde Everd olle vor- 
benomed, borghen unsse ingesegel vitliken unde myd gudem willen 
vor dessen breff henghed laten Na der bord Christi veerteynhundert 
Jar darna in deme achteundedruttigesten Jare in sunte petri avende 
fid Cathedram f 



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124 

Die Obereinstimmung vorstehender Abschrift mit der im Archive 

der freien und Hansestadt Hamburg befindlichen Original-Urkunde 

auf Pergament, welcher vier Wachssiegel angehangt sind, wird hier- 

durch bescheinigt. 

Hamburg, im Stadtarchiv /T Q \ Dr. Otto Benecke, 

den 7. Juni 1879. \JJ. Ui/ Archivarius." 

(Hier folgt nun die genaue Zeichnung der Siegel, von deren 
Wiedergabe der typographischen Schwierigkeiten wegen abgesehen 
werden muss, und dann folgende Beglaubigung :) 

„Hierdurch bescheinige ich die Obereinstimmung vorstehender 

Abzeiohnungen zweier derjenigen vier Wachssiegel, welche der im 

hiesigen Stadtarchive asservirten Urkunde dd. Petri Abend 1438, deren 

Abschrift am 7. Juni 1879 von mir beglaubigt ist, angehangt sind. 

Hamburg, den 9. Jnni 1879. Dr. Otto Benecke, 

Archivarins." 

Die Siegel hat Friedlaender (1. c.) beschrieben. Das Frage- 
zeichen, das derselbe dem Worte Dken in der Umschrift des ersten 
Siegels beigefugt hat, kann aber nicht wohl sagen sollen, dass dieses 
Wort vielleicht auch anders heissen konne ; denn wie Herr von Fock, 
der das Original selbst in Hamburg kollationierte, mir schrieb und 
auch die genaue Abzeichnung der Siegel (s. o. die Beglaubigung 
des Herrn Dr. Benecke) zeigt, hat das Original ganz deutlich in 
gotischen Minuskeln : $htn. l ) 

Der als Biirge und Mitsiegler auftretende Everd Sickingh ist 
unzweifelhaft Fokko Ukena's Schwiegersohn, der nur als solcher in 
den ostfriesischen Urkunden auftritt, im iibrigen Propst zu Loppersum 
und Hauptling zu Winsum war; vergl. Friedlaender Drkundenbuch 
Nr. 639 S. 557 und Nr. 682 S. 596. Dasselbe Wappen fiihrt noch 
heute die Groninger Adelsfamilie Sickinghe ; vergl. Ostfr. Monatsbl. 
1881, pag. 104, wo leider die Farbenangabe (schwarzer V2 Adler am 
Spalt in Gold und silberner Balken in Rot) versaumt worden. 

Johan van der Mude«(Sohn desElzo?) hat seinen Namen ver- 
mutlich nicht von dem Kloster in Otfriesland, sondern von der 



*) Man vergl. hier Ostfr. Monatsblatt 1881 p. 158 Note 3, wo aber der 
Pnnkt nach dem zweiten „genannt" in Zeile 3 v. u. wegfallen muss. 



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125 

Ortschaft ter Mude in den Ommelanden, bei ten Post belegen. Er 
besass in Ostfriesland auch den Ailt Sinedes-Herdt , wie z. B. in 
Urkunde Nr. 774 (Friedlaender I pag. 671) angegeben ist. Ailt 
Sinets und einen fruheren Ayldone Synadisna betreffend vergl. man 
Ostfr. Monatsbl. 1882 pag. 306 und Urkunde Nr. 106 (Fried- 
laender I pag. 94). 



IV. 
Urkunde aus Pewsum vom Jahre 1466 Ober Landverkauf. 

Mitgeteilt von Dr. H. Deiter in Emden. 

Ik, her dethmar, kercher tho pewezum, doe witlik vnde kundich 
alien ersamen guden luden, de dessen breff zeen edder horen lezen, 
wo vor my ys ghekamen Lemed bolkanna, myn kerspelsman, ende 
lijede ende stunt bekant, wo he hadde myd vryen willen, vul beraden 
mode vorkoft dre grace landes, dat gras vor drutteynde haluen 
arnschen gulden, gheheten longhe eckere, in pewezummer mede by 
de maer weij, dar poppe houetlinck dar zulues zes graze in der 
zuluen fenne hefft, Aylda benynga, houetlinck in grijmerzum, em 
vnde sinen erfnamen ofte holdere desses breues myd sinen willen, 
So dat Ayld vorscreuen dyt vorscreuen lant mach bruken, vorkopen, 
vorwesselen, war he des tho donde hefft. Ende Lemed bekande, 
dat erne de leste pennynk myd den ersten wal tho willen betalet 
were. Hyr an vnde auer hebben ghewezen haya didekana tho 
pewezum, willet osbrandesna tho werdum. Vnde in orkunde der 
warheit zo hebbe ik, her dethmar vorscreuen, myn zeghel ghehan- 
ghen an dessen breff Anno domini duzent verhundert vnde ses vnde 
zestich an zunte gallen dach confessoris. 

Obige Urkunde ist abgesehen von den eingef&gten Lesezeichen 
und aufgelosten Kompendien ein genauer Abdruck des auf Perga- 
ment geschriebenen und dem Archive der Gesellschaft angehtfrenden 
Originals, dessen Siegel verloren gegangen ist. 



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126 

V. 
Wo lag der Hof Wenre? 

Von Amtsgerichtsrat Sudendorf in Nenenhaus. 

In einer Urkunde vom 2. Januar 1282 (richtiger 1283), welche 
von Wilmans in dem Westfalischen Urkundenbuche 3. Bd. 1. Abt. 
3. Heft, Miinster 1868 und von Friedlaender in dem Ostfriesischen 
Urkundenbuche 1. Bd. S. 83 mitgeteilt ist , verkauft das Kloster 
Werden seinen Hof in Wenre mit dem Patronate fiber die Kirche 
daselbst und alien seinen Zubehdrungen in dem Mtosterschen und 
Osnabriickschen Sprengel oder wo sie sonst liegen mogen, sowie 
auch seinen Hof zu Groningen innerhalb und ausserhalb der Mauern, 
ferner seine Giiter in Holtgeist, in Asterreide, Winzum, Gronewarth 
und Federwart mit dem Patronate ihrer Kirchen und mit ihren 
Zubehdrungen und allem beweglichen und unbeweglichen Gut in 
Friesland, ferner alle Gtiter diesseits Koewerden in der Drenthe 
gegen das Friesland des Otrechtschen, Mtosterschen und Osnabriick- 
schen Sprengels belegen — in Friesland und Drenthe an das Hoch- 
stift Miinster. Samtliche darin genannten Orte sind von Wilmans 
und Friedlaender richtig bestimmt mit alleiniger Ausnahme 
des Ortes Wenre, welchen beide in der Urkunde mit einem 
Fragezeichen versehen haben und nach ihrer, der Urkunde gegebenen 
Cberschrift fur die Stadt Werne im Mfinsterlande erklaren. Dieses 
ist aber ein Irrtum. Werne besass der Mtostersche,Bischof schon 
1191, wie die Urkunden in Eindlingers Mtosterschen Beitragen 
3. Bd. 1. Abt. S. 94 ff. ergeben, welche auch sogar in dem 
angeffihrten von Wilmans herausgegebenen Westfalischen Urkunden- 
buche abgedruckt sind. Ausserdem miissen wir nach den klaren 
Worten obiger Verkaufsurkunde dieses Wenre , wenn , uns. auch die 
Wahl unter dem Otrechtschen, Mtosterschen und Osnabriickschen 
Sprengel gelassen ist, nur in der Drenthe oder Friesland suchen, 
wo wir es denn auch in dem zuletzt genannten .. Lande in dem 
heutigen Weener bei Leer finden, welches, anklingend an die Aus- 
sprache des Volkes, bald Weinere, Weinre, Wenere und Wenre 
geschrieben wurde, wie aus dem Ostfriesischen Urkundenbuche selber 



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127 

hervorgeht. Es ist dieselbe Besitzung des Klosters Werden, welche 
im Anhange zu dem Urkundenbuche in den Gfiterverzeichnissen 
der Abtei Werden fftr Ostfriesland aufgef&hrt wird, so weit sie 
nicht im Laufe der Jahrhunderte , wie z. B. Loga mit seinen Zu- 
behorungen und anderes durch Eberhard, durch seine untreuen 
Verwalter geraubt waren (Urkundenbuch 2. Bd. S. 771 und S. 781). 



VI. 

Urkundliche Beitrftge zur Geschichte des Enno-Denkmate in der 
Grossen Kirche zu Emden. 

Mitgeteilt 4urch P. van Rensen. 

Die Nachrichten. uber das von der Grafin Anna zu Ehren ihres 
Gemahls, Grafen Enno II., in der grossen Kirche zu Emden errichtete 
Grabmal sind verhaltnismassig recht dtlrftig. Manchem wird es des- 
halb nicht unwillkommen sein, wenn in Nachstehendem einige Notizen 
verflffentlicht werden, welche zwar keinen besonderen Wert bean- 
spruchen, indes als urkundliche Beitrage zur Geschichte des Mauso- 
leums in Emden nicht ohne einiges Interesse sind. Ich habe sie dem 
im hiesigen Kirchenarchive befindlichen Liber expensarum aedilitiae 
admin istrationis, welches die „Utgauen der Kercken und Gremii tho 
Embden a fiir die Zeit vom April 1572 bis S. Jfirgen 1596 enthalt, 
entnommen und gebe sie wortgetreu in chronologischer Reihenfolge : 
Ao. 1572. It. Johan potter glasemaker de in v. g. H. begreffenisse 

de glase gemakett heft up rekenschttp gegeuen 24 gl. 

It. Marcus Koruemaker geuen van gadderen vorde 

fenster in v. g. heren begreffenisse tho maken 1 gl. 

6 schap. 
Ich bemerke hierbei, dass hrf Jahre 1578 ein Tobias Korff- 
maker vor ein gadder upt Orgell unde vor ein gadder in Mewes' 
schole 1 gl. erhielt. 
Ao. 1573. It. Gerdt van gelder vor 34 Kapragen. Noch vor idtlicke 

Delen gebruekett tho de stellinge, do idt fenster 



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128 

in v. g. heren begreffenisse worde ingesettet, kosten tho- 

8amen 4 gl. 8 sch. 
„ Johan van Kossfeldt vor de stellinge tho maken geuen 

5 sch. 
„ It. Johan potter noch up rekenschup geuen des vensters 

in v. g. heren begreffenisse den 17. Aprill 15 gl. 
„ It Johan potter den glasemaker noch betaledt 6 gulden, 

van idt glasevenster In unser g. Heren begreffenisse, 

darmidt em 61 guld. wo midt erne vordragen, betalett 6 gl. 
„ Noch Johan potter betaledt welker em noch Restede van 

ein glas in Dnse genedigen heren begreffenisse 15 gl. 

Anmerkung. Der Glaser erhalt also im ganzen 60 Gulden, obgleich 
man angeblich for 51 Gulden mit ihm akkordiert hatte. 

Ao. 1578. Tomaa Maler in't Chor gearbeidet 20 weken 3 dagen an 
unser G. H. gestolte de golden schrifft 6 weken 4 dage. 
Noch 6 dage an de phriess vor de groffenisse. 
Noch up de liberey 15 weken. dages 4 schap. Hiran 
bet. 69 gl. 8 sch. resten em noch 18 weken ij (= l 1 /*) dach. 
Beim Beginn des Jahres 1581 wurden in der Stadt Emden 

Zuriistungen gemacht fur eine wfirdige Feier der Hochzeit des jungen 

Grafen Enno mit der Walpurgis von Ritberg. Unser Expensenbuch 

weist mit folgenden Posten darauf hin: 

Ao. 1581. Ein grott diell messhop und vulnisse, by de olde tralie 
an de borchgraft gelegen, Jegen der Herren Hochtidt, 
off de hier geholden soil worden u. dewile idt so na 
under de borch was, unde de stadt kare nicht tho be- 
kome , ylent laten wech uoren mit wagens 50 vor Jeder 
18 (17 1 /*) witte belopt 4 gl. 3 sch. 15 w. 
„ Den upsmiter vor Jeder vor ein siuert facit unde bet. 

1 gl. 2. 10. 
„ Willum van sost murman 2 dage achter de schippers 
stole. De Kerke Jegen de hochtidt gestubbet, etliche 
platzen wittet unser G. H. und Graffen begreffe- 
nisse gestdbbet. Jegen Graff Ennen hochtitt de olde 
Klusedore thogemiirrett, einen nien gebroke imd makett 
18 (12 1 /*) dach kostett 4 gl. 7 sch. 



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129 

Auch erhielt Henrick Timmerman eine Yergutung fur Arbeit 
n an de Vennels in de kercke tho hangen". Wie bekannt, 
fand die Vollziehung der Ehe nicht in Emden, sondern in Esens 
statt. 

Ao. 1583. Tyes Laurentz up datt wyrdratt so (he) vor dat 
grote venster in't osten an unse Genedigen H. groffe 
sail leueren, up hant gedan 9 gl. 7 sch. 10 w. 
Ao. 1584. Tyes Laurens am 19. may veruerdigett de messingen 
wirdratt an unser G. H. Grofihissen an't grote glass 
in't ostenn, dat wirdratt was in de briede unde lengde 
200 voten. Jeder voth 2 schap ein ortken berekentt 
unde betalett 41 gl. 8. 10. 
Ich bemerke hierbei, dass Tyes Laurens vor anderen Fenstern 
des Chors schon friiher Messinggitter angebracht hatte. Er erhielt 
namlich 

Ao. 1581. vor de messken nye wirdratt komen an't Chors 
middelste nie venster, 13 vott langk 8 (l 1 ^) vott 
briett, vor de vott 7 siuers. dewile he auerst nicht konde 
beholden bliuen verbetertt unde bet. 19 guld. 5 sch. — ; 
sodann 
Ao. 1582. Tyes Laurentz so dat nie wirdrath ant Chors venster 

under hand up hant gedan 12 gl. — und 

Ao. 1583. Tyes Laurentz so dat wirdratt angeleuertt tho dat vor- 

hengeuen gedan 7 gl. 5 sch. damit hebbende 19 guld. 

unde 5 schap mit biergeltt gantz betalett. 

Neben dem im Jahre 1578 von einem Korbmacher gelieferten 

und deshalb wahrscheinlich aus Weiden geflochtenen gadder upt 

orgel erhalt in demselben Jahre Tyes Laurentz vor de wirdratt 

an de westgeffell an't orgel's venster 1 gl. 2 schap. Sollte 

hieraus abzuleken sein, dass auch die im Jahre 1572 fur die Fenster 

des Grabchors angeschafften Weidengeflechte einem andern Zwecke 

gedient haben, als die zwolf Jahre spater hergestellten Messing- 

drahte ? Letztere dienten m. E. zur Verstarkung der bleiernen Ein- 

fassung der Fensterscheiben. — Von einer baulichen Veranderung 

des Grabmals, welche noch in jungster Zeit von fachkundiger Seite 

konstatiert wurde, zeugt der folgende Posten: 

9 



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130 

Ao. 1586. Willum murmeister an Mensonis (Menso Alting) und Petrei 
Dacken, dar grote gaten ingeweyett, 2 dagen, unde antt 
siidwester glassvenster in de kercke verdehalff dach. Noch 
an der Herren Groue dat voranste palatz ver- 
hogett, gevlorett und stofferett 5 dage bet. 6 guld. 3 sch. 
„ Berentt dodtgrauer hiran geplegett 4 dagen mit de 

schwarte an't stofferen bet. 2 gl. — . — . 
Am 29. September 1591 starb Graf Johann, und seine Leiche 
ward zu Emden beigesetzt. Des letzteren Faktums erwahnt unser 
Expensenbuch mit folgenden Posten: 

Ao. 1591. Poppe vorman noch 9 voren erde und unflat van't Kerck- 

hoff Jegen Graffen Johan's begreffhiss, to schonigen be- 

talett 1 gl. 5 sch. 15 w. Einen arbeitzman, de unser 

G. H. begreffniss gesttibbet, swartete und gefeegen, 

tho schwarte gedan 9 schap unde den principalen dach 

der bestedinge tho bewarniss der Groffen und 

Kerckene doren, ock der Groffe doren geholpen 

alles gerekent und bet. 1 gl. 3. 10. 

„ in den dren dagen tho vry ber geuen 3 schap. 

„ 8. Octobris gehalede ruckpulueren in der Kercke by 

G. Johans begreffhiss verbrukett unde Tiardt Eck undert 

Raithus de betalett 2 guld. 1 schap. 

„ 23. Octobris mit Berent dotgrauer gerekent, dat he 2 dach- 

hiiren an de Kerckhoffs muren den dreck uptoslaen. Noch 

in sin G. Graffe Johan's groffniss, alles bear- 

beidet und na borgemeister Class Horens beuelich bevlyett. 

Daruor geuen 3 gl. 

Ao. 1592*. Hans Koningslo vor dat he hadde v. G. H. sepul- 

tura stofferet Jegen Graffen Johans begraffhiss, gegeuen 

1 gl. 5 sch. ' 

Graf Johann war der Letzte, der in dieser Graft seine Ruhe- 

statte fand. Mit seiner Bestattung horen die Ausgabeposten fiir 

das Grabmal in unserem Rechnungsbuche auf. Fiir die Beisetzung 

der Leiche der nach Loesing p. 191 am 10. September 1588 ver- 

storbenen und am 14. September bestatteten jungen Grafin Marga- 

rethe von Ostfriesland, der altesten Tochter des Grafen Edzard, sind 



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131 

Ausgaben nicht verzeichnet. Angesichts der sie begleitenden , bei 
Loesing naher erorterten Umstande konnte man sich beinahe ver- 
sucht fuhlen, in dem Mangel beztiglicher Aufwendraigen eine Folge 
jener graflichen Anordnung zu erkennen, dass die Leichenpredigt nicht 
von einem der reformierten Geistlichen gehalten werden solle. 

Schliesslich noch die Bemerkung, dass unser Rechnungsbuch 
seit dem 16. Juli 1575 von dem Kirchvogt und Ratsherrn Hans 
Evers (fiir die vorhergehenden Jahre lasst sich der Buchfuhrer aus 
den Eintragungen nicht mit solcher Bestimmtheit erkennen) gef&hrt 
worden ist; und dass der Ratsherr und spatere Btirgermeister Onno 
Tyabren ihm als Kollege zur Seite stand. 



9* 



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Bericht fiber die Gesellschaft 
vom 1. Oktober 1882 bis 31. Dezember 1883. 

Von Pastor Pleines, derz. Sekretar. 

Ober die Wirksamkeit der Gesellschaft in dem verflossenen Jahr, 
sowie iiber den jetzigen Stand derselben lasst sich nur Gdnstiges 
berichten. 

Die Gesamtzahl ihrer Mitglieder, mit Einschluss der korrespon- 
dierenden und Ehrenmitglieder, ist bis auf 167 herangewachsen und 
hat sich demnach gegen das vorige Jahr um 9 vermehrt. 

Besonders erfreulich waren die stets sich mehrenden Zu- 
sendungen von Kunst- und Altertums-Gegenstanden, Miinzen, vater- 
landischen Schriften und Urkunden, durch welche unsere Sammlungen, 
dank der Bereitwilligkeit unserer Landsleute, in besonders ausgiebiger 
Weise bereichert worden sind. 

Die Bemuhungen der Gesellschaft, durch Publikation einiger 
hervorragender Waffenstiicke im letzten Jahrbuche das Interesse 
weiterer Kreise fur die herrliche Rustkammer urisers Rathauses 
wachzurufen, sind besonders insoweit von Erfolg gewesen, als dadurch 
eine direkte Beziehung zu dem Kustos der K. K. Ambraser Sammlung, 
Herrn Boheim in Wien, hergestellt ist. 

Auch die von der Gesellschaft angeregte Restauration des 
Grabmals des Grafen Enno in der Grossen Kirche, besonders des vor 
demselben befindlichen Portals, ist dadurch der Verwirklichung naher 
gekommen, als der Konservator der Altertiimer, Geh. Regierungsrat 
v. Dehn-Rothfelser, der dasselbe im vergangenen Sommer in 
Augenschein genommen, erklart hat, dahin wirken zu wollen, dass 



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133 

regierungsseitig fur eine wiirdige Restaurierung dieses bedeutenden 
Monuments das Erforderliche geschehe. 

Zur Feststellung aller jetzt noch durch die Uberlieferung 
erhaltenen Ortlichkeiten, Strassennamen etc. der Stadt Emden ist 
eine besondere Kommission eingesetzt, deren Thatigkeit hoffentlich 
von Erfolg begleitet sein wird. , 

Von dem im Auftrage der Gesellschaft von unserm Mitgliede 
Dr. med. Tergast verfassten Werke fiber „die Miinzen von 
Ostfriesland" ist vor kurzem der erste Teil, bis 1466 reichend, 
erschienen. Dieses mit nicht gewohnlicher Sachkenntnis und grossem 
Fleisse geschriebene, prachtig ausgestattete und mit schonen Ulustra- 
tionen versehene Werk, das in unserer vaterlandischen Litteratur 
eine Liicke ausfullt, hat bereits bei ausgezeichneten Miinzkennern 
grosse Anerkennung gefunden und wird zugleich, wie wir tiberzeugt 
sein diirfen, dazu beitragen, tiber die Geschichte unsers engern Vater- 
landes manches Licht zu verbreiten. 

Ein solches Werk mit den dazu notwendigen, aber kostspieligen 
Abbildungen herzustellen, war der Gesellschaft, deren Krafte durch 
vorzunehmende bauliche Abanderungen in den Raumen ihres Hauses, 
sowie durch Instandhaltung und Vermehrung ihrer Sammlungen ohne- 
hin genug in Anspruch genommen waren, geradezu unmoglich. Um 
so mehr ist es anzuerkennen, dass die hohen Behorden mit so 
viel Wohlwollen sich ihrer angenommen haben, indem ihr von dem 
hohen Landes-Direktorium ausser der standigen Beihiilfe von 
500 M eine ausserordentliche Untersttitzung von 500 Jfe, ferner von 
der Ostfriesischen Landschaft eine solche von 300 M zuteil 
wurde und ihr ausserdem von dem hiesigen Magistrat und dem 
Burgervorsteher-Kollegium 150 Jb bewilligt worden sind. Wir fiihlen 
uns gedrungen, fur solche Beihulfen auch an dieser Stelle unsern 
tiefgefuhlten Dank auszusprechen. • 

Die im vernossenen Jahre gehaltenen wissenschaftlichen Vor- 
trage und Referate sind folgende: 

I. Vortrage. 
1) Zur Winckelmannsfeier am 12. Dezember 1882: fiber Preller 
und s^ine Odysseelandschaften im Museum zu Weimar — von 
Oberlehrer Dr. Kohlmann, 



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134 

2) Geschichte der Mennoniten in Ostfriesland (Fortsetzung) — 
von Pastor Dr. Miiller. 

3) Ober den zweiten Band der Ostfriesischen Rechtsgeschichte 
von v. Richthofen — von Dr. Prinz. 

4) Die Grafen von Ravensberg, deren Hoheitsrechte in Ostfries- 
land von 1215 — 1275, auf Grand der Urkunden — von 
demselben. 

5) Rafaels Leben und Wirken — von Regierungs-Baumeister 
Schachert. 

6) Geschichte der Mennoniten in Ostfriesland (Fortsetzung) — 
von Pastor Dr. Miiller. 

7) Ubbo Emmius, der Geschichtschreiber von Ostfriesland — von 
General-Superintendent Bart els. 

8) Zur Winckelmannsfeier am 11. Dezember 1883: Ernst Riet- 
schel und seine Werke, insbesondere das Luther-Denkmal in 
Worms — von Oberlehrer Dr. Kohlmann. 

2. Referate. 

1) Episode aus dem ostfriesischen Biirgerkriege der 
Jahre 1726 und 1727 — von Oberlehrer Hobbing. 

2) Das ftirstliche Mausoleum in Aurich — von Dr. Prinz. 

3) Biographieen der Familie v. Knyphausen — von 
Oberlehrer Hobbing. 

4) Originalbriefe von Ubbo Emmius aus den Jahren 
1599—1613, darin manches Interessante tiber damalige reli- 
giose und politische Wirren in Holland, liber die Sekte der 
Socinianer, sowie tiber ostfriesische Verhaltnisse unter der 
graflichen Regierung — von Kirchenrat Vie tor. 

5) Leben und Werke des Malers und Holzschnittkiinstlers 
Adrian Ludwig Richter in Dresden — von Oberlehrer Dr. Kohl- 
mann. 

6) Bauten und Kunstgegenstande in Berlin — von 
Regierungsbaumeister Schachert. 

7) Die Hygiene-Ausstellung in Berlin — von demselben. 

8) Die Igelsaule bei Trier, das bedeutendste Romerdenkmal 
diesseits der Alpen — von Oberlehrer Dr. Kohlmann. 



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135 

Als neue Mitglieder sind aufgenommen : 
a. Einheimische: 
Partikulier A. Meyer, Buchhandler Schwalbe, Gymnasial- 
Direktor Dr. Grasshof, Grossist Joachim Smidt, Klassenlehrer 
de Vries. 

b. Auswartige: 
Sanitatsrat Dr. Hartmann in Lintorf, Oberlehrer Dr. Bunte 
in Leer, Gutsbesitzer Oh ling in Osterhusen, Pastor Vie tor in 
Greetsiel, Pastor lb e ling in Loga, Gutsbesitzer Paul Kempe in 
Groothusen, Dr. med. Sternberg in Oldersum, Kaufmann Douwes 
in Hamburg, Pastor Drost in Dykhausen. 

Zu den 37 auswartigen Vereinen, mit denen die Gesellschaft 
in litterarischem Verkehr steht, sind hinzugekommen : 
Posen, Konigliches Staatsarchiv. 

Stockholm, Konigliche Akademie der Geschichte und 
Altertumskunde. 



Die Gesellschaft hat im Laufe des letzten Jahres den Verlust 
dreier Mitglieder zu beklagen, sowie zweier Ehrenmitglieder, des 
Geh. Archivrats Dr. Lisch in Schwerin und des Oberbaurats Berg 
in Hannover. Unter den ersteren gedenken wir besonders des Gym- 
nasial-Oberlehrers Hobbing (gestorben am 29. November 1883), 
der sich sowohl friiher als Vorstandsmitglied durch stets bewiesenes 
reges Interesse fiir die Bestrebungen der Gesellschaft, als auch durch 
wissenschaftliche Vortrage und Referate um dieselbe verdient gemacht 
hat. Aus seinem Nachlasse ist der zuletzt von ihm gelieferte Auf- 
satz noch im Jahrbuche zum Abdruck gekommen. Die Gesellschaft 
wird ihm besonders stets ein dankbares und ehrendes Andenken 
bewahren. 



Die Direktion der Gesellschaft besteht zur Zeit aus folgen- 
den Mitgliedern: 

Gymnasialdirektor a. D. Dr. Schweckendieck (Direktor), 
Oberlehrer Dr. Kohlmann (Vicedirektor). 
Pastor Pleines (Sekretar). 



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136 

Kaufmann van Ren sen, Sekretar der Handelskammer 
(Rendant). 
Als Beisitzer resp. Konservatoren der Sammlungen fungieren: 
Gymnasiallehrer Dr. Deiter (Bibliothek). 
Ingenieur Star eke (Gemalde). 
Dr. med. Tergast (Mtinzen und Altertfimer). 
Partikulier Bleeker (Instandhaltung des Hauses). 



Von den Gegenstanden, die zu den Sammlungen teils ange- 
kauft, teils geschenkt und in beiden hiesigen •Zeitungen nebst den 
Namen der Geschenkgeber s. Z. veroffentlicht worden sind, werden 
hier noch besonders folgende erwahnt: 

I. Biicher und Urkunden. 

Ausser den regelmassig eingegangenen Jahresberichten , Jahr- 
buchern und periodischen Schriften auswartiger Gesellschaften sind 

a. angekauft: 
Eilshemius, Ostfrieslands Kleinod (Auslegung des Emder Kate- 
chismus 1612), wertvoll besonders wegen der Vorrede; — Karte 
von Ostfriesland von Coldewey, Nurnberg 1730; — Demmin, die 
Kriegswaffen , mit 2000 Illustrationen ; — Schlussheft des Bremer 
Urkundenbuchs ; — Chronik Emo's und Menko's, Dissertation von 
Gellhorn in Danzig ; — Die flandrisch-hollandischen Verwickelungen 
unter Wilhelm von Holland 1248 bis 1256, Dissertation von Sattler 
in Gottingen; — Hamburgische Chronikeh in Niedersachsischer 
Sprache von Dr. Lappenberg, Hamburg 1861; — Geschichte der 
europaischen Staaten von Heeren und Ukert Bd. I u. II, enthaltend 
die Geschichte der Niederlande; — Blicke in die Reformations- 
geschichte von Ostfriesland von Pastor Frerichs, Emden 1883; — 
von Richthofen, Untersuchungen iiber friesische Rechtsgeschichte 
Tl. n Bd. 1. u. 2; — Die historischen Vereine vor dem Tribunal 
der Wissenschaft von Gustav Bossert, Heilbronn 1883; — Insel 
und Seebad Juist, Reiseerinnerungen und Studien von Brandt; — 
Ein Band Manuskripte von Hooft van Iddekinge ; — Bydragen voor 
de geschiedenis der oudheidskunde der provincie Groningen van 



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137 

Stratingh Feith en Boeles, 10 Bande; — Drkunde von Kaiser 
Rudolf II. vom Jahre 1602 mit der eigenhandigen Unterschrift des 
Kaisers, mit wohlerhaltenem grossen Wachssiegel in einer Holzkapsel. 
Die Urkunde bezieht sich auf ein Privilegium, dem Grafen Enno III. 
verliehen zum Bau einer Festung an der Ems ; — Die Renaissance- 
Decke im Schlosse zu Jever, herausgegeben von Boschen, mit Text 
von Fr. v. Alten. 

b. geschenkt: 
Bremisches Urkundenbuch 1. Bd. 4 Hefte bis 1268; — Hollan- 
dische Abhandlung vom Jahre 1761, sich beziehend auf den Einfall 
der Franzosen in Ostfriesland wahrend des siebenjahrigen Krieges ; — 
Kauf brief vom Jahre 1595 aus dem Moormerlande ; — Worterbuch 
der Ostfriesischen Sprache von ten Doornkaat-Koolman II. Bd. ; — 
Gutachten eines Juristen tiber die Stellung des Coetus in der refor- 
mierten Kirche Ostfrieslands und sein Verhaltnis zum Koniglichen 
Konsistorium in Aurich, Emden 1857; — Des heiligen romischen 
Reichs Bienenkorb von Marnix v. Aldegonde; — Beitrage zur Ge- 
schichte des Mittelalters und Geschichte des Kaiserlichen Kanzlers 
Konrad; — Original-Exemplar des Aufrufs an die Bewohner des 
linken Rheinufers von Blucher vom 1. Januar 1814; — Festschrift 
zur Feier der silbernen Hochzeit des Kronprinzlichen Paares am 
25. Januar 1883 von Dr. Hinzpeter; — Original-Urkunde vom Grafen 
Ulrich, von ihm eigenhandig unterzeichnet von 1631, betr. Bestatigung 
der lutherischen Synode in Norden und der drei errichteten Coetus 
lutherischer Prediger und Schullehrer in Norden, Aurich und Esens ; — 
van Vondel, Sophocles Electra, Treurspel, Amsterdam 1661 ; — Ab- 
handlung uber U. Emmius von Dr. Bunte in Leer ; — Zwei Folianten 
mit vielen Abbildungen belgischer Bischofe und Magnaten ; — Charte 
von Outhof : het verdronken Rheiderland oder der Dollart; — Auk- 
tionsverzeichnis der Mohlmannschen Bibliothek; — Memoriale der 
Stadt Emden an den Konig von Preussen 1745; — Geschichte der 
Auslegung des Salischen Gesetzes von Wiarda ; — Miinzberechnungen, 
Beitrage zur Geschichte der Ostfriesischen Mtinzen von Kammerrat 
Freese in Aurich (Manuskript) ; — Handbuch der kirchlichen Kunst- 
archaologie des deutschen Mittelalters von Otte, 5. Auflage von 



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138 

Wernicke ; — Prachtmappe fur die Allmers'schen Marschenbilder ; — 
Samtliche Schriften und Karten, betr. den Rhein-Ems-Kanal ; — 
Selwerder landregt von Feith, Groningen 1846; — Tafereelen der 
voornaamste bybelsche geschiedenissen van het Oude en Nieuwe 
Testament door de vermaarde kunstenaars Hoet, Houbraaken en 
Picard, 3 Bde. in folio, s'Gravenhaage 1728; -«— Midtelstorf, Genea- 
logische Nachricht von dem Sethe'schen Frauleinstift in Aurich und 
den dabei beteiligten Familien; — Karte von Florianus aus dem 
Kartenwerk von Ortelius, darunter eine Spezialkarte vom Dollart ; — 
Schuldbrief vom Jahre 1604; — Abhandlung tiber die friesische 
„Wede a von Jaekel; — Kalligraphisches Werk des 17. Jahrhunderts, 
darin viele ausserst kunstvoll gearbeitete Vorschriften ; — Pergament- 
urkunde aus Pewsum (Kaufbrief) von 1466 ; — Kaufbrief aus Emden 
von 1622, sich beziehend auf den Verkauf einer „Kamer a an den 
Grafen von Hohenlohe, der zu der Zeit in dem friihern Kettlerschen 
Hause an der Burgstrasse gewohnt hat ; — Lehrbrief eines Apothekers 
auf Pergament vom Jahre 1760 ; — Zeitungs-Nummern und sonstiges 
Material, sich beziehend auf das am 15. Marz 1883 gefeierte 50|jahrige 
DiensfcJubilaum des Gymnasial-Direktors Dr. Schweckendieck und 
die dem Jubilar bei dieser Feier von seinen Kollegen iiberreichte 
Votivtafel in lateinischer Sprache ; — Programm der Emder Schule 
von 1811; — Der National-Verein in seinem Entstehen und seinem 
Fortgange, von einem Ostfriesen, 1860; — A. Comenius, Orbis pictus; — 
Denkmal fur das Ostfriesische Landwehr-Regiment aus den Jahren 
1813, 1814 und 1815 von Roben in Leer; — Auricher Anzeigeblatt 
von 1750, interessant wegen der damaligen Warenpreise; — Refor- 
mierter Kirchenzettel , Emden 1798; — Lutherischer Kirchenzettel, 
Emden 1813 (darauf eine Predigt-Disposition zur Feier des Geburts- 
tages von Napoleon kurz vor der Leipziger Schlacht) ; — Ausfertigung 
eines Vertrages tiber Stellvertretung fur den Heeresdienst (Acte de 
remplacement), verifiziert durch die Unter-Prafektur Emden 1812 ; — 
Pachtbriefe aus Charlottenpolder von 1789 und 1795, interessant 
wegen der friihern Pachtpreise der Bauernplatze ; — Gilda mercatoria, 
Beitrag zur Geschichte der englischen Stadte-Verfassung, Inaugural- 
Dissertation von Charles Gross in Gottingen ; — Zunftprotokolle der 
Juesigen Kupferscbmiede vom Jahre 1592 — 1602. 



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139 

II. Miinzen und Medaillen. 

a. angekauft: 

Emder Thaler ohne Jahreszahl ; — Emder Dukaten von 1674 ; — 
Dukaten der afrikanischen Kompagnie ; — Kleine Vierziger-Medaille 
von Gold ; — Thaler von Christine Charlotte von Wiirttemberg ; — 
Mehrere Miinzen von Edzard und Johann, darunter ein Thaler von 
1584; — Dukaten von 1586; — Thaler von Juliane von Hessen- 
Darmstadt; — Zwei Sesslinge von 1572; — Fiinf Miinzen von 
Enno III. ; — V24 Thaler von Johann von Rietberg ; — Miinzen 
von Christian Eberhard; — Zweistiiberstiick mit der Jahreszahl 1632 
von Dlrich (selten) und Carl Edzard ; — 50 Stuck sog. ostfriesische 
Schuppen (bischoflich miinstersche) ; — Schilling von Enno III. mit 
eigentumlichen Abweichungen im Wappen; — Ortchen von Silber 
von Ulrich II.; — Wittepfennig von Ocko ten Brook; — Miinzen 
von Sibet Papinga, Hauptling von Riistringen ; — Vier Emder Denare, 
geschlagen unter Hermann I. von Ravensberg; — Bronzene Denk- 
miinze auf Reil (aus Rhaude in Ostfriesland gebiirtig, spater Professor 
in Berlin und General- Arzt der preussischen Armee) mit der Jahres- 
zahl 1813, von Lohse; — Doppeldukaten von Emden. 

b. geschenkt: 

Silberner Piaster der asiatischen Kompagnie; — Weinmarke 
von 1588; — Silberne Jubilaumsmedaille auf die Augsburgische 
Konfession 1730; — Ein Ockengroot von Occo ten Brook, dem 
miles oder Ritter; — Flindrich von Edzard und Johann 1583; — 
Thaler von Georg Christian ; — Liineburger Thaler, sog. Wildemann; — 
1 /i Emder Stiiber in Gold ; — Silbermiinze des Hauptlings Wiard von 
Grossfaldern ; — Falscher hollandischer Gulden, aufgefunden in einem 
Brunnen hieselbst an der Osterstrasse, angeblich herriihrend von einer 
Falschmiinzerbande, die friiher dort gehaust ; — l U Stiiber mit der 
Bezeichnung IIII einen Stiiber ; — Franzosische Miinze, gepragt unter 
Louis XIV., gefunden auf dem Kirchhofe zu Oldendorp; — Zwei 
Vierziger Konvokations-Pfennige von 1761 und 1833; — Konvo- 
kations-Pfennig von 1843; — Preis-Medaille der im Sommer 1883 
in Emden abgehaltenen Molkerei-Ausstellung; — Medaille auf die 
landwirtschaftliche Ausstellung in Leer vom Jahre 1883. 



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140 

III. Altertumer. 

a. angekauft: 
Schild der Schmiedezunft vom Jahre 1670; — Bronzetopf, 
aufgegraben in einer Torfschicht bei Remels; — Vier altertumliche 
Kopfbedeckungen fur Frauen, mit reichen Brokatstickereien in Silber 
und Gold auf roter Seide und schwarzem Sammet, wie solche vor 
alters im Saterlande und teilweise auch im Harlingerlande getragen 
wurden. 

b. geschenkt: 
"Holzemes Wappenschild der Cirksena aus der Kirche zu Greet- 
siel; — Stuck einer in Wittmund auf dem Schutzenplatze an der 
S telle der fruheren alten Burg aufgefundenen Feuerwaffe; — Urne, 
Haarkamm und steinerner Ring, aufgegraben bei Loquard; — Ver- 
schiedene alte WafFen, aufgegraben zwischen der Haneburg bei Leer 
und der frtiher dahinter gelegenen Burg Fokko Ukenas, bestehend 
aus einem Bootshaken, einer Kanonenkugel und einer axtartigen 
Waffe ; — Ein Blind Flachsgarn aus dem vorigen Jahrhundert, 
in den Moorkolonieen gesponnen, sehr fein und dabei ungewohn-* 
lich fest und stark; — Biigel eines Geldbeutds, aufgegraben in 
Osteel, mutmasslich herstammend aus der Zeit der Vitalienbriider : 
— Steinerner Netzbeschwerer von ungewohnlicher Form und Spinn- 
wirtel, beide gefunden in einem Warf stidlich von Jarssum ; — 
Kamm von Horn, aufgegraben bei Loppersum; — Sammlung ost- 
friesischer Siegelabdrucke ; — Holztafel von einem Hause hieselbst, 
genannt der „goldne Kopf a mit der verstummelten Inschrift „ERNE 
SIN VAN MI ARMODT VND RIC a , was sich leicht dahin erganzen 
bezw. iibersetzen lasst: „Ferne sei von mir Armut und Reichtum" ; — 
Ein hochst wertvoller silberner Brautschmuck aus Hardanger in Nor- 
wegen, dortige Bauernarbeit ; — Gipsmodell der Igelsaule bei Trier. 

IV. Gemalde, Kupferstiche etc. 

a. angekauft: 
Olgemalde von Coninxloo, darstellend zwei Enten ; — Olgemalde, 
darstellend die Haringsbuisen von Vissers Hoop aui dem Fang, wahr~ 
sqheinlich von Katt gemalt, 



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141 

b. geschenkt: 
Miniatur-Portrat aus der Familie Conring ; — Portrats ostfrie- 
sischer Fiirsten ; — Portrats vom Lariddrosten v. Vangerow, Stadt- 
direktor Rumann in Hannover, Abeken etc. ; — Portrat des Geschenk- 
gebers der Gesellschaft und fruheren Mitgliedes derselben Tjark 
Buisman; — Portrat von Luthers Mutter; — Studienkopf von 
dem Emder Maler Nanninga ; — Photographie von dem in Hannover 
restaurierten altertiimlichen Schrank auf dem Emder Rathause. 



Es ist* schliesslich noch mitzuteilen, dass die vorhin bereits 
erwahnten Originalbriefe von Ubbo Emmius, die uns auf unser 
Ersuchen von dem Archivar in Groningen, Herrn Dr. Feith, aus dem 
dortigen Archiv mit dankenswerter Bereitwilligkeit zugesandt wurden, 
von mehreren Mitgliedern zum Teil fiir unsere Bibliothek abgeschrieben 
worden sind. Einige werden im nachsten Jahrbuche zum Abdruck 
gelangen. 

Ferner hat die Gesellschaft nach dem in ihrem Besitz befind- 

lichen, aus der Familie von Ubbo Emmius herstammenden Olportrat 

' desselben durch den Kunsthandler Diener in Glauchau Lichtabdriicke 

herstellen lassen, die gut gelungen sind und in das nachste Jahrbuch 

aufgenommen werden sollen. 

Fiir die zahlreichen Zusendungen, die uns im letzten Jahre 
fiir unsere Sammlungen gemacht worden sind, fuhlen wir uns ge- 
drungen, den giitigen Geschenkgebern hier noch unsern besondern 
Dank abzustatten, indem wir die Gesellschaft ihrem ferneren Wohl- 
wollen bestens empfehlen. 

Em den, den 31. Dezember 1883. 



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Verzeichnis 

der 

im Dezmber 1883 vorhandenen Mitglieder. 

I. Ehrenmitglieder. 

B artels, General-Superintendent in Aurich. 

Berghuys, Kaufmann in Amsterdam. 

ten Doornkaat-Koolman, Kommerzienrat in Norden. 

Engelhard, Bildhauer in Hannover. 

Friedlaender, Dr., Geh. Staatsarchivar zu Berlin. 

Gerlach, Buchdruckereibesitzer und Stadtrat zu Freiberg in Sachsen. 

Grote, Dr. juris in Hannover. 

Hantelmann, Oberburgermeister a. D. zu Hannover. 

Klopp, Dr., Archivrat in Wien. 

Muljer, Dr., Studienrat in Hannover. 

Rose, Amtssekretar a. D. in Dornum. 

Sudendorf, Amtsgerichtsrat in Neuenhaus. 

V i e t o r , Kirchenrat zu Emden. 

II. Wirkliche Mitglieder. 

a. Einheimische. 
Barth, Grossist. 
Bertram, Partikulier. 
Bleeker, Partikulier. 
de Boer, Kaufmann, Senator a. D. 
Boning, Dr. juris, Rechtsanwalt. 

Brons, Y., Kommerzienrat und englischer Vice-Konsul. 
Brons, B. sen., belgischer Konsul, Senator a. D. 
Brons, B. jun., niederlandischer Konsul und Senator. 
Brons, A., Vice-Konsul. 
Brons, F., Vice-Konsul. 
Brons, Bernhard J. S., Kaufmann. 
Butenberg, 0., Partikulier. 
Calaminus, Redakteur. 



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143 

Dannenberg, Wasserbau-Inspektor. 

Dantziger, Kaufmann, Senator a. D. 

Deiter, Dr., Gymnasiallehrer. 

Dieken, Gutsbesitzer. 

Fiirbringer, Oberbiirgermeister. 

von Fromm, Hauptmann. 

Geelvink, H., Kaufmann. 

Geelvink, P., Kaufmann. 

Graefenhain, Lootsen-Kommandeur. 

Graepel, Senator a. D. 

G r a e s e r , Gymnasiallehrer. 

Grasshoff, Steuerrat. 

Grasshof, Dr., Gymnasial-Direktor. 

Haynel, Buchhandler. 

Herrmann, Apotheker. 

Heyl, Fr., Kaufmann. 

Hilker, Auktionator. 

Hofmeister, Telegraphen-Direktor . 

Holtzenbein, Kaiserl. Bank-Direktor. 

v. Hoorn, Gold- und Silberarbeiter. 

Kappelhoff, Herm., Kommerzienrat, Senator a. D. 

Kappelhoff, A., Kaufmann. 

Klug, Landschaftsrat und. Senator. 

Kohlmann, Dr., Oberlehrer des Gymnasiums. 

Lange, J. G., Partikulier. 

Leers, Dr. med. 

Lohmeyer, Dr. med. 

Lohstoter, Amtsgerichtsrat. 

Ma as, Gymnasiallehrer. 

Mahlmann, Dr., Apotheker. 

Martini, Lehrer an der hoheren Tochterschule. 

Meyer, A., Partikulier. 

Mtiller, Dr., Pastor. 

Mustert, J., Kaufmann und Senator. 

Nor den, Dr. med., Sanitatsrat. 

Pape, Kommerzrat. 

Penning-Dreesmann, T., Kaufmann. 

Pleines, Pastor. 

Reemtsma, Kommerzienrat, Senator a. D. 

v. Reus en, P., Sekretar der Handelskammer. 

Russell, Rechtsanwalt. 

Schnedermann, Kaufmann und Senator. 

Schachert, Regierungs-Baumeister. 

Schiit, Kaufmann. 

Schwalbe, Buchhandler. 

Schweckendieck, Dr., Gymnasial-Direktor a. D. 



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144 

v. Send en, Apotheker. 

Sielmann, Kaufmann. 

Smidt, Joachim, Grossist. 

Starcke, Ingenieur. 

Stohr, Dr., Medizinalrat. 

Tapper, Buchdruckerei-Besitzer. 

Tergast, Dr. med. 

Tronnier, Lehrer an der hoheren Tochterschule. 

Valk, K., Grossist. 

Vocke, Kaufmann. 

de Vries, Klassenlehrer. 

v. Weyhe, Kreishauptmann. 

Wilken, Partikulier. 

Wiistenbeck, Amtsrentmeister. 

Zwitzers, Direktor der hoheren Tochterschule. 



b. Auswartige. 
Becker, Burgermeister in Esens. 
Bonk, John, Rentier in Loquard. 
Borner, Senator in Leer. 
Brandes, Seminarlehrer in Aurich. 
Brands, Pastor in Stapelmoor. 
Brons, Th., Landwirt in Groothusen. 
Brouer, Konsul in Leer. 
Bunte, Dr., Oberlehrer in Leer. 
Carsjens, Pastor in Lengerich bei Lingen. 
Dammeyer, Rentmeister in Petkum. 
Detmers, Amts- Assessor a. D. in Aurich. 
Dieken, Okonom zu Pewsumer Schatthaus. 
D it mar, Ober-Regierungsrat a. D. zu Frankfurt a./M. 
Ditzen, Ober-Postsekretar a. D. zu Leerort. 
Douwes, Kaufmann zu Hamburg. 
Drost, Pastor zu Dykhausen. 
Fegter, Gutsbesitzer in Drennhusen. 
v. Fock, Dr. juris in Wiesbaden. 

Freerksen, Deichrichter und Gutsbesitzer in Larrelt. 
v. Frese, A., Gutsbesitzer in Loppersum. 
v. Frese, V., Landschaftsrat in Hinta. 
Georgs, Gutsbesitzer in Damhusen. 
Hartmann, Sanitatsrat in Lintorf. 
Hesse, Pastor in Larrelt. 
Hesse, Brauereibesitzer in Weener. 
Hobbing, Buchhandler in Leipzig. 
Hofker, Pastor zu Wybelsum. 
Hoffmann, Dr., Sanitatsrat in Leer. 



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145 

Hoogestraat, Betriebs-lnspektor der Konigl. Munitionsfabrik in Danzig. 

van Hove, Gutsbesitzer in Logumer-Vorwerk. 

Houtrouw, Pastor zu Neermoor. 

lb e ling, Pastor in Loga. 

J u z i , Bank-Direktor in Geestemiinde. 

Kempe, Paul, Gutsbesitzer in Groothusen. 

Graf zu Inn- und Knyphausen-Ltitetsburg, Landschaftsrat. 

Koopmann, Gutsbesitzer zu Midlum. 

Langen, Pastor zu Nordhorn. 

Lantzius-Beninga, Oberforster a. D. zu Aurich. 

Metger, Superintendent zu Groothusen. 

Meyer, Pastor zu Pilsum. 

Meyer, Schullehrer in Visquard. 

Ohling, Gutsbesitzer in Osterhusen. 

Omm en, Apotheker zu Norderney. 

Pannenborg, Dr., Oberlehrer des Gymnasiums zu Gottingen. 

Peterssen, Dr. phil., Gutsbesitzer zu Berum. 

Prinz, Dr. phil., Seminarlehrer zu Korneli-Munster bei Aachen. 

Remmers, Pastor zu Engerhafe. 

Richter, Dr. med., Kreis-Physikus in Aurich. 

Rob en, Auktionator in Grossefehn. 

Rosing, Hotelbesitzer auf Wangeroog. 

Rosingh, Pastor zu Norden. 

Rulffes, Auktionator zu Pewsum. 

Sanders, Superintendent zu Westerhusen. 

Sasse, Auktionator zu Hage. 

Schnedermann, Obergerichtsrat a. D. zu Aurich. 

Schrage, Apotheker zu Pewsum. 

Schweckendieck, Regierungsrat zu Berlin. 

Schweckendieck, Hiitten-Direktor in Dortmund. 

Seebens, Pastor in Grimersum. 

Smid, Ortsvorsteher in Groothusen. 

Smid, Gutsbesitzer in Gross-Midlum. 

Sternberg, Dr. med. in Oldersum. 

v. Suckow-Bollinghausen, K. K. Osterreichischer Oberlieutenant a. D. 

zu Bollinghausen 
Taaks, Burgermeister und Landschaftsrat zu Norden. 
Tammena, Gutsbesitzer zu Longeweer. 
T ho lens, Pastor zu Leer. 
Dlferts, Auktionator zu Oldersum. 
Viet or, Landrichter zu Hildesheim. 
Viet or, Bleske, Pastor zu Hinta. 
Viet or, J., Pastor zu Greetsiel. 
Wolckenhaar, Dr., Apotheker in Leer. 
Wronka, Ober-Grenzkontroleur in Limburg a./L. 
Wulff, Kajserl. Bankvorsteher in Stolp. 

10 



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146 

Zopfs, Buchdruckerei-Besitzer in Leer. 
Konigliche Bibliothek in Berlin. 

III. Korregpondiereiide Mitglieder 

Holtmanns, Lehrer zu Cronenberg bei Elberfeld. 
Nanninga Uitterdyk, Archivar der Stadt Campen. 
Rose, Referendar in Oldenburg. 
Sundermann, Lehrer zu Norden. 
Winkler, Joh., Arzt in Haarlem. 



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Verzeichnis 

der 

auswdrtigen Vereine und gelehrten Gesettschaften, mit denen 
die Gesellschaft in Schriftenaustausch steht. 

Amsterdam: Academie royale des sciences. 

As sen: Museum. 

Bamberg: Historischer Verein fiir Oberfranken. 

Berlin: Der deutsche Herold. 

Bremen: Historische Gesellschaft des Kiinstlervereins. 

B r e s 1 a u : Museum schlesischer Altertiimer. 

Chemnitz: Verein fiir Chemnitzer Geschichte. 

Donaueschiifgen: Verein fiir Geschichte und Naturgeschichte. 

Elberfeld: Bergisch-Markischer Geschichtsverein. 

Em den: Naturforschende Gesellschaft. 

Freiberg: Altertumsverein. 

G 6 r 1 i t z : Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften. 

G r a z : Historischer Verein fiir Steiermark. 

Groningen: Societas pro excolendo jure patrio. 

Halle: Thiiringisch-Sachsischer Geschichts- und Altertumsverein. 

Hannover: Historischer Verein fiir Niedersachsen. 

Jena: Verein fiir Thiiringische Geschichte und Altertumskunde. 

Kiel: Gesellschaft fiir Schleswig-Holstein-Lauenburgische Geschichte. 

Konigsberg: Universitat. 

Konigsberg: Physikalisch-Okonomische Gesellschaft. 

Kopenhagen: Konigliche Gesellschaft der Nordischen Altertumskunde. 

Leeu warden: Friesch genootschap. 

Leiden: Maatschappy der Nederlandsche Letterkunde. 

L i n z : Museum Francisco-Carolinum. 

Meissen: Verein fiir Geschichte der Stadt Meissen. 

Munch en: Konigl. Bayrische Akademie der Wissenschaften. 

Miinster: Historischer Verein. 

Niirnberg: Germanisches Museum. 



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148 

Nurnberg: Verein fur Geschichte der Stadt Nurnberg. 

Oldenburg: Landesverein fur Altertumskunde. 

Posen: Konigliches Staatsarchiv. 

Prag: Verein fur Geschichte der Deutschen in Bohmen. 

Romans (Dep. Drome) : Soctete d'histoire ecclSsiastique et d'archeologie reli- 

gieuse du diocese de Valence. 
Schwerin: Verein fur Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde. 
Speier: Historischer Verein der Pfalz in Speier. 
Stockholm: Konigl. Akademie der Geschichte und Altertumskunde. 
Ulm: Verein fur Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben. 
Wernigerode: Der Harzverein fur Geschichte und Altertumskunde. 
Zurich: Gesellschaft fur vaterlandische Altertiimer. 



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